Mainbernheimer Bürger fuhren nach Riga-Bikernieki

Reise ins Baltikum Ende Mai / Anfang Juni 2012

3. August 2012

Gedenkstätte im Wald von Bikernieki

Bei der Aufstellung der Gedenktafel am Kriegerdenkmal in Mainbernheim am 17.10.2010 wurde auch über das Schicksal der jüdischen Mainbernheimer Familie Hausmann berichtet. Frieda Hausmann und ihre beiden Kinder Heinz und Rosi waren am 26. März 1942 im Wald von Bikernieki bei Riga einer Massenerschießung zum Opfer gefallen, an dem Platz, wo die überwiegende Mehrheit der 25.000 in den Jahren 1941/42 nach Riga deportierten deutschen Juden ermordet wurde.

Anlass und Kernpunkt der von der Stadt Mainbernheim organisierten Reise waren die Erinnerung und das Gedenken an die Familie Hausmann; die Reise diente aber gleichermaßen dem Zweck, das Baltikum mit seinen Naturschönheiten und städtebaulichen Sehenswürdigkeiten kennen zu lernen.

An der Reise nahmen überwiegend Mainbernheimer Bürgerinnen und Bürger, aber auch weitere Interessierte, teil. Es war beabsichtigt, an der 2001 vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. zusammen mit dem Deutschen Riga-Komité errichteten Gedenkstätte der ermordeten Familie Hausmann zu gedenken.

Früh morgens am 29. Mai 2012 begann unsere 10-tägige Reise. Auf der langen Busfahrt zum Fährhafen in Kiel bot sich den Teilnehmern die erste Gelegenheit zu näherem Kennenlernen. Schon bald stellte sich im Bus die harmonische Stimmung ein, die die ganze Reise über anhalten sollte. Nach der Einschiffung und der ersten Nacht an Bord der Fähre erreichten wir am nächsten Tag Klaipeda in Litauen.

Die Einfahrt mit dem Schiff durch die schmale Zufahrt zum Kurischen Haff und das Anlegen im größten Hafen Litauens machten bereits die Ankunft zu einem unvergesslichen Erlebnis. In Klaipeda stieß unsere litauische Reiseführerin Wanda zur Gruppe; sie führte uns nicht nur kundig durch Litauen und Lettland, sie gewährte uns auch einen Blick in die tief religiöse litauische Seele. Mit einer kleinen Fähre setzten wir auf die Kurische Nehrung über, die uns mit ihrer fast mystischen Ausstrahlung empfing. So mag es auch Thomas Mann ergangen sein, dessen Ferienhaus wir besichtigten. Die erste Nacht an Land verbrachten wir in einem direkt am Kurischen Haff gelegenen Hotel.

Der nächste Morgen begann mit einer Andacht und einem Ständchen für die Geburtstagskinder der ersten Reisetage bevor wir Kleipeda, das frühere „Memel“, besichtigten. Der frühere Name lässt schon ahnen, dass hier noch immer deutsche Spuren zu finden sind.

Danach folgte die Fahrt durch die litauische Landschaft nach Vilnius, der Hauptstadt Litauens. Wanda, unsere Reiseleiterin, die aus Vilnius stammt, führte uns durch die Altstadt, die in geschichtlicher Zeit die größte in Osteuropa gewesen ist. Ihre Schilderungen vermittelten einen lebendigen Eindruck des alten Vilnius, in dem die größte jüdische Gemeinde Osteuropas gelebt hatte. Diesem Umstand verdankte Vilnius damals den Beinamen „Jerusalem des Nordens“. Die litauischen Juden fielen fast alle dem Holocaust zum Opfer, woran die Mahnmale auf dem Weg nach Vilnius erinnern. Heute erinnert nur noch eine kleine jüdische Gemeinde an die einst stolze Tradition.

Berg der Kreuze

Der nächste Tag führte uns zum Berg der Kreuze, dem größten Wallfahrtsort Litauens. In der Kapelle des Franziskanerklosters versammelten wir uns zur Andacht. Die Glaswand hinter dem Altar gibt den Blick auf die unzähligen Kreuze frei, so dass Assoziationen an eine Pilgerfahrt aufkamen. Vom Berg der Kreuze führte uns die Reise weiter nach Riga, der baltischen Metropole, in der wir zwei Tage verbrachten. Am ersten Tag ließ uns die Reiseleiterin Wanda die schönsten Plätze, die Kirchen und Jugendstilvillen der Stadt bewundern. Der folgende Morgen wurde mit einem Gottesdienst im Dom begangen. Danach fuhren wir zur Gedenkstätte in den Wald von Bikernieki, der in einem Außenbezirk von Riga liegt. Auf unserer Straße wurden 70 Jahre zuvor auch Frieda Hausmann und ihre Kinder Heinz und Rosi, die als „nicht arbeitsfähig selektiert“ worden waren, zum Erschießungsplatz gebracht. Die Familie hatte 1939 Mainbernheim verlassen und war nach Nürnberg umgezogen, weil sie hoffte, durch den Ortswechsel dem Terror zu entgehen, den die Nazis gegen sie ausübten. Die Hausmanns vermochten ihrem Schicksal aber nicht zu entfliehen.


Am 29. November 1941 wurden sie mit dem ersten fränkischen Transport von Nürnberg nach Riga in das KZ Jungfernhof deportiert, wo ihre Arbeitskraft unter menschenunwürdigen Bedingungen ausgebeutet wurde. Im Rahmen der großen Selektion vom 26. März 1942 transportierte die SS Frieda Hausmann und ihre Kinder Heinz und Rosi mit Lastwagen in den Wald von Bikernieki, wo sie zusammen mit Tausenden von jüdischen Menschen erschossen wurden. Siegmund Hausmann, der als „arbeitsfähig“ eingestufte Ehemann und Vater, entging damals noch dem Tod, musste aber ohne seine Familie weiter leben. Ende 1944, als die Rote Armee sich den baltischen Staaten näherte, wurden alle Gefangenen über die Ostsee in das KZ Stutthof bei Danzig evakuiert. Dort ist Siegmund Hausmann verschollen. In Bikernieki erinnern 5000 Stelen verschiedener Größe, Farbe und Form in ihrer Unterschiedlichkeit symbolisch an die Individualitäten der ermordeten Männer, Frauen und Kinder. Beim Anblick der Steine glaubt man die Schüsse in der Stille hören zu können. Uns blieb das Gedenken, das Beten, die Bitte um Vergebung und die Bitte um Überwindung der Gräben, die diese Taten hinterlassen haben.

Gruppenbild an der Gedenkstätte

Am Opferschrein, in dem die Transportlisten der aus Deutschland nach Riga führenden Transporte eingemauert sind, stellten wir die Blumenschale ab, die wir aus Mainbernheim mitgebracht hatten. Der restliche Nachmittag stand in der Metropole Riga zur freien Gestaltung zur Verfügung.

Am nächsten Tag fuhren wir weiter in die estnische Hauptstadt Tallinn. Wanda winkte zum Abschied minutenlang, bis sie den Blicken entschwand. Karin, unsere Reiseführerin in Estland, begleitete uns die letzten beiden Tage im Baltikum. Nachdem wir Tallinn besichtigt hatten, brachte uns die Fähre am nächsten Morgen in die finnische Hauptstadt Helsinki. Dort begegneten uns zum Abschluss unserer Fahrt in der Felsenkirche wieder Kreuze, diesmal als Schatten, die sich an der Felswand abzeichneten. Nach dem Besuch des am Hafen gelegenen Marktes fuhren wir mit dem Bus zum großen Fährhafen. Die Finnstar brachte uns dann bei ruhiger See und Sonnenschein nach einem Zwischenstopp in Gdingen in Polen nach Rostock. Wir verließen früh das Schiff und erreichten am Abend Mainbernheim.

Wir hatten eine überaus eindrucksvolle Reise hinter uns, deren Bilder, Begegnungen und Erfahrungen sich tief eingeprägt haben. Wir machten, wenn teilweise auch nur kurz, Beobachtungen in fünf europäischen Staaten: in Litauen, Lettland, Estland, zum Schluss in Finnland und Polen. Wir erlebten die Schönheiten der baltischen Natur und sahen die verschiedenartigsten Zeugnisse vergangener und gegenwärtiger Kultur. Wir kamen aber auch mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte in Berührung. In der Erinnerung verbinden sich lebensfrohe Bilder und Nachdenklichkeit. In unseren Gedanken brachten wir auch die Hausmanns wieder mit nach Hause.

Bericht aus dem Mainbernheimer Mitteilungsblatt vom 29.06.2012 Nr. 07/2012

Autor: Thomas Pfeiffer

Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.

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