Opfer im Gedächtnis behalten

„Bikernieki – Wald der Toten“

10. Oktober 2013

Eröffneten in Paderborn die Ausstellung "Bikernieki - Wald der Toten": (v.l.) Thomas Rey vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge Kassel, Monika Schrader-Bewermeier, Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Bürgermeister Heinz Paus, Landrat Manfred Müller, Kreisvorsitzender des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, und Winfried Nachtwei.

Einen Tag bevor Joachim Gauck als erster Bundespräsident seinen historischen Besuch in Oradour/Frankreich machte, wurde sein neues Geleitwort für die Ausstellung „Bikernieki – Wald der Toten“ erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Als Schirmherr des Volksbundes hatte er es im Juli 2013 selbst verfasst.

Im „Bilderbogen“ im Stadthaus in Paderborn wurde die überarbeitete, aktualisierte Ausstellung des Volksbundes gezeigt. Auf insgesamt 16 Schautafeln wird dabei an das Schicksal von über 25.000 deutschen Juden erinnert, die 1941/42 ins lettische Riga deportiert und dort in überwiegender Zahl ermordet wurden. Beschrieben werden dabei nicht nur das historische Geschehen und das Gedenken daran. Es wird auch die vom Volksbund gemeinsam mit lettischen Partnern und weiteren Unterstützern errichtete Gräber- und Gedenkstätte vorgestellt. Auch die Arbeit des – heute 43 Städte umfassenden - Riga-Komitees, zu dem seit 2002 auch Paderborn gehört, wird gezeigt.

Die Ausstellung stellt sich auch der Frage, wie man Gedenken bewahren kann und zugleich junge Menschen zur Auseinandersetzung mit Geschichte ermuntern kann. Diese Fragestellung ist ein wesentliches Element der Bildungsarbeit des Volksbundes. Das betonte Thomas Rey vom Volksbund. Es gehe nie nur um Rückschau, sondern gleichzeitig auch immer darum, Rückschlüsse für das eigene Handeln im hier und jetzt zu gewinnen. So gesehen seien Gedenkstätten, Erinnerungsorte - darunter auch Kriegsgräberstätten -multifunktionale Lernorte. Und dies nicht nur für Demokratieerziehung, Menschenrechtsbildung und Extremismusprävention!

"Lassen wir es nie wieder soweit kommen", appellierte Landrat Manfred Müller bei der Ausstellungseröffnung an die Anwesenden. Jeder Mensch habe das Recht auf Wertschätzung, betonte der Kreisvorsitzende des Volksbundes und sprach sich klar gegen eine Kultur der Ausgrenzung aus. "Wir wollen mit der Ausstellung einen Beitrag dazu leisten, dass die Opfer dieses grausamen Geschehens einen dauerhaften Platz im städtischen Gedächtnis behalten" betonte Bürgermeister Heinz Paus. Er dankte auch dem ehemaligen Münsteraner Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei, der Anfang der 90ziger Jahre mit die Initiative ergriffen hat, an das Geschehen in und um Riga zu erinnern.

Die Wanderausstellung ist in Paderborn noch bis zum 30. September zu sehen und wird anschließend in vielen weiteren Städten – vornehmlich in Nordrhein-Westfalen gezeigt.



Geleitwort Bundespräsident:


Die Bilder dieser Ausstellung führen uns zurück in eine Zeit, von der wir wünschen, es hätte sie nie gegeben. Auf einigen Fotos sehen wir Menschen, die sich wohl gefragt haben, ob sie jemals wiederkehren würden. „Nach unbekannt“ notierten die Einwohnermeldeämter damals, wenn jüdische Familien  zwangsdeportiert waren. Eines jener Ziele hieß Riga, im besetzten Lettland
begann 1941 die menschenverachtende „Endlösung“. Mehr als 25 000 Männer, Frauen und Kinder wurden aus deutschen Städten dorthin verschleppt, gequält
und ermordet. Wer nicht schon auf dem Transport verdurstet, erstickt oder vor Erschöpfung zusammengebrochen war, landete im Ghetto von Riga, im  Jungfernhof oder im Konzentrationslager Kaiserwald. Die Toten wurden zu Zehn tausenden namenlos in den Wäldern von Rumbula und Bikernieki verscharrt.

Fast wäre die Erinnerung an diese Schicksale für immer erloschen. Bis 1990 wussten nur wenige Überlebende und Angehörige von den Geschehnissen. Und noch weniger sprachen öffentlich darüber.

Umso dankbarer bin ich, dass es dem Riga-Komitee, seinen Unterstützern in Lettland und vielen anderen Ländern nach Ende des Kalten Krieges gelungen ist, die verbliebenen Spuren und Zeugnisse wie ein Mosaik zusammenzutragen
und den Verstorbenen ein ehrenvolles Andenken zu widmen. Fanatische Täter haben die Opfer einst systematisch hingemordet und ihrer Würde beraubt.
Europäische Partner tun heute alles dafür Mögliche, ihnen Würde  wiederzugeben. Sieben Jahrzehnte nach dem Holocaust finden sich in und um Riga eindrucksvolle Orte des Erinnerns und Grabanlagen, die von Schülern in ihren Ferien gepflegt werden. Es gibt Historiker, die viel Zeit dafür aufbringen, Namenslisten zu schreiben, auch wenn sie wohl niemals vollständig sein werden. Und es gibt Engagierte – dabei denke ich besonders an den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge –, die mit Ausstellungen wie dieser immer wieder neuen Anlass, Raum und Zukunft für die Erinnerung schaffen.

Ihnen allen, die sich gegen das Vergessen stark machen, danke ich und ich hoffe, dass die Betrachter der Bilder von Riga nicht passive Zuschauer bleiben, sondern dass sie mit Sensibilität und Entschlossenheit für Menschen eintreten, deren Würde oder Leben bedroht ist, ja dass sie die Menschlichkeit überall dort bewahren oder verteidigen, wo sie nicht beachtet oder gar missachtet wird.


Bundespräsident Joachim Gauck
Schirmherr des Volksbundes
Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.

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