Auf den Spuren der Nachbarn von nebenan

Bericht von Winfried Nachtwei über die Delegationsreise des Riga-Komitees (verfasst am 21. Juli 2010)

Münster, Osnabrück und Bielefeld gehörten neben Berlin, Dortmund, Düsseldorf, Hamburg, Hannover, Kassel, Köln, Leipzig, Nürnberg (u. a. mit Würzburg) und Stuttgart im Jahr 2000 zu den 13 kommunalen Gründungsmitgliedern des Deutschen Riga-Komitees. Anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Komitees besuchten Repräsentanten von 24 Städten die lettische Hauptstadt. Zu der 70-köpfigen Delegation gehörten Präsidenten von Landesparlamenten, ein Staatsekretär, viele (Ober)Bürgermeister, Stadträte und Beigeordnete, der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, der Künstler Dr. Horst Hoheisel, führende Vertreter des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, aus Münster Stadtrat Dr. Wolf Heinrichs und der ehemalige Bundestagsabgeordnete Winfried Nachtwei. Leiter der Delegation war der Vizepräsident des Volksbundes, Prof. Volker Hannemann, erster Organisator Thomas Rey, Leiter der Abteilung Gedenkkultur und Bildungsarbeit beim Volksbund.

Zielsetzung des Riga-Komitees: In ihm wirken inzwischen 38 deutsche Städte und die Stadt Wien, aus denen 1941/1942 jüdische Menschen nach Riga deportiert worden waren, sowie der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge zusammen. Aus Westfalen, von wo in zwei Transporten aus Münster/Osnabrück/Bielefeld und Dortmund etwa 2 000 Menschen verschleppt wurden,  sind neben den o. g. Städten inzwischen auch Steinfurt, Warendorf, Paderborn, Billerbeck, Vreden, Coesfeld, Recklinghausen, Gütersloh, Haltern und Marl Mitglieder des Komitees.

Aufgabe des Zusammenschlusses ist es, die über Jahrzehnte verschüttete Erinnerung an die etwa 25.000 nach Riga Verschleppten wach zu halten, von denen die allermeisten in Riga ermordet wurden - durch die Haftbedingungen, durch Massenerschießungen im Wald von Bikernieki.

Der Gedenktag: Zusammen mit den 25 deutschen und lettischen Jugendlichen des Volksbund-Workcamps suchte die Delegation am 9. Juli 2010 zentrale Orte der nazistischen Judenverfolgung auf: die ehemalige Große Choral Synagoge an der Gogolstraße; den Alten Jüdischen Friedhof in der Moskauer Vorstadt an der Ecke, wo im früheren „Reichsjudenghetto" die Bielefelder und Düsseldorfer Straße zusammentrafen; das Wäldchen von Rumbula, wo am 30. November und 8. Dezember NS-Einheiten mehr als 28.000 Rigaer Juden ermordeten, um „Platz zu schaffen" für die angekündigten Transporte aus dem Reich. Als jemand, der 1989 erstmalig in Riga auf die Spuren der Verschleppten gestoßen war, schilderte Nachtwei den Delegationsmitgliedern die Geschichte dieser Orte. (Redebeiträge unter www.nachtwei.de)

Im Wald von Bikernieki traf die Delegation zu einer Gedenkstunde mit Vertretern der Jüdischen Gemeinde, des lettischen Staates, der Stadt Riga und mit letzten Ghetto-Überlebenden zusammen. Hier erschossen von 1941 bis 1944 deutsche Sicherheitspolizisten und ihre einheimischen Helfer mehr als 35.000 Menschen: zum größeren Teil jüdische Frauen und Männer, Kinder und Greise, aber auch politische Häftlinge, geistig Behinderte, sowjetische Kriegsgefangene. Seit 2001 befindet sich hier eine würdige Gedenkstätte, die mit Hilfe des Volksbundes, des Auswärtigen Amtes und der Städte des Riga-Komitees errichtet werden konnte und die seit 2002 von deutschen und lettischen Jugendlichen der Workcamps des Volksbund-Landesverbandes Bremen mitgepflegt wird. Die Jugendlichen verlasen die Namen  der Deportierten aus den deutschen Städten, die zuletzt  dem Riga-Komitee beitraten. Für die Delegation hielt W. Nachtwei die Gedenkansprache. Auf den Tag genau 21 Jahre zuvor hatte er erstmalig diese Mordstätte betreten - und das Gräberfeld  als beschämend vergessenen und verlorenen Ort  erfahren. Kränze werden niedergelegt, ein christliches Gebet und das Kaddisch  gesprochen.

Zwiespältige Erinnerungen: Die Delegation hatte den Tag begonnen mit einer Kranzniederlegung am Freiheitsdenkmal in der Innenstadt. Nach der Gedenkstunde in Bikernieki fuhr sie am Nachmittag an den Stadtrand von Riga zum deutschen Soldatenfriedhof in Riga-Beberbeki. Im Jahr 2007 wurde der „Sammelfriedhof" eingeweiht. Bis 2015 sollen noch die sterblichen Überreste von 5.-6.000 deutschen Soldaten hierhin umgebettet werden.

Nach den Orten der Judenvernichtung auch einen deutschen Soldatenfriedhof zu besuchen, fiel etlichen schwer, einige betraten ihn nicht. Wehrmachtssoldaten waren nicht nur Opfer, gefallene Söhne, Väter, Brüder. Sie waren auch - gezwungen bis begeistert - Mitmarschierer, Teil einer Wehrmacht, die Wegbereiter des Holocaust war.

Auf der Rasenfläche stehen Steinkreuze mit drei bis sechs Namen (Dienstgrad, Name, Geburts- und Sterbedatum), in der Mitte breite Stelen jeweils mit Dutzenden von Namen. Kranzniederlegung am zentralen Kreuz. Die sonnige Lichtung, das weite Grün, ein tief friedlich anmutender Ort. Doch es kriecht heran, das massenhafte Krepieren, Zerfetzen, Töten hinter den Namen der oft so jungen Männer.

Die Jugendlichen haben am Eingang Zeichnungen mit Friedensmotiven ausgelegt und auf dem Gelände Zitate wie „Die Soldatengräber sind die größten Prediger des Friedens" (Albert Schweitzer) oder „Wer an Europa verzweifelt, ... der sollte Soldatengräber besuchen." (Jean-Claude Juncker). Die Jugendlichen nehmen teilweise zum wiederholten Mal in ihren Ferien an einem zweiwöchigen Workcamp teil. Über Bekannte und aus dem Internet haben sie von dieser Möglichkeit erfahren. Bis Ende 2009 nahmen 359 Jugendliche an Workcamps in Riga teil.

Perspektiven: Die Repräsentanten der Städte sind von den Eindrücken dieses Tages tief bewegt. Sie wollen sie nicht auf sich beruhen lassen. Zugleich ist ausgesprochen ermutigend zu erleben, wie Jugendliche eigenständig und phantasievoll die Erinnerungsarbeit übernehmen. Mit der Gründung des Deutschen Riga-Komitees vor zehn Jahren, der Errichtung der Gedenkstätte Bikernieki gingen Erinnerungskulturen aufeinander zu, die bis dahin weitgehend losgelöst voneinander, teilweise gegeneinander agiert hatten. (Ich erinnere an auch meine Proteste Anfang der 90er Jahre bei Kundgebungen zum Volkstrauertag, wo nur der „eigenen" Kriegstoten gedacht wurde, aber nicht der verschleppten, ermordeten Nachbarn von nebenan.)

Der heutige Tag war ein weiterer Schritt hin zu einer demokratischen und offenen Erinnerungskultur.

Die Delegation kommt überein, die Zusammenarbeit im Rahmen des Riga-Komitees zu vertiefen. Die Vertreter von Würzburg und Sachsen-Anhalt bieten an, hierzu initiativ zu werden.

Das ist schon deshalb sehr zu begrüßen, weil sich ab November nächsten Jahres die Deportationen nach Riga zum 70. Mal jähren. Wem ist hierzulande schon bekannt, dass mit den Riga-Deportationen die Massenvernichtung der jüdischen Menschen aus Deutschland begann?

Nachbemerkung: Am 1. Juli wollte eine Gruppe um einen Uldis Freimanis den Tag des Einmarsches der deutschen Wehrmacht vor 69 Jahren am Freiheitsdenkmal begehen. Die deutsche Okkupation sei besser als die sowjetische gewesen. Das von der Stadt Riga ausgesprochene Demonstrationsverbot wurde vom Verwaltungsgericht aufgehoben. Die Polizei verwickelte dann aber den Demo-Verantwortlichen so lange in Gespräche, so dass der Umzug nicht zustande kam. Die Spitzen der lettischen Politik verurteilten einhellig dieses in Europa wohl einmalige Unterfangen.

In den Tagen nach der Gedenkveranstaltung erleben wir auch wieder das herrliche Riga. Tags drauf der große Umzug der Kinder und Jugendlichen anlässlich des 10. Lettischen Jugend Song and Dance Festival mit 1.300 Tanz- und Gesangsgruppen und 31.000 Teilnehmern. Alle in Trachten und farbenfrohen Kleidern, mit Blumenkränzen auf dem Kopf, mit Blumen wedelnd, singend, tanzend Eine Demonstration natürlicher, bunter, sonniger Lebendfreude.

Oder die Partymeile für Jung und Älter auf den Plätzen der Altstadt, überall mit Live-Musik, die letzten Spiele der Weltmeisterschaft vor internationalem Publikum auf dem Domplatz.

Hier bekommen die vielen Touristen nichts davon mit, dass Lettland zu den europäischen Ländern gehört, die am massivsten von der Finanzkrise getroffen sind. Die Reduzierung des Militäretats um 50% steht exemplarisch dafür.

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