Gedenkrede bei der Gedenkstunde im Wald von Bikernieki

(Auf dem Zugangsweg zur Gedenkstätte informiert der lettische Architekt Sergejs Rizhs über die lange Geschichte dieser Mord- und Gedenkstätte. Sergejs Svilpes, einziger Überlebender von oppositionellen Jugendlichen, habe die Kenntnis über diesen Ort und die verschiedenen Opfergruppen erheblich erweitert. In den 90er Jahren war ich mit Sergejs Svilpes mehrfach in Bikernieki. Er zeigte uns Spuren der Mordaktionen, den Stein für die Häftlinge aus dem Zentralgefängnis. 1993 waren einige Steine mit Hakenkreuzen beschmiert.

Jugendliche des Workcamps in ihren roten Friedens-T-Shirts bilden mit Leuchten ein Spalier zum Mittelpunkt der Gedenkstätte mit ihren 5.000 individuellen Granitsteinen, wo Kleine, Mittlere und Größere wie Familien dicht gedrängt nebeneinander stehen.

Anwesend sind auch einige alte Menschen. Es sind ehemalige Ghetto- und KZ-Häftlinge.

Es sprechen der Leiter der Rigaer Stadtverwaltung, eine Vertreterin des lettischen Außenministeriums, der stellvertretende Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Banjamin Kaem. Hand in Hand kommen die Jugendlichen in die Mitte, tragen Texte vor, ein Lied. Nach meiner Gedenkrede Kranzniederlegungen u. a. durch die deutsche Geschäftsträgern, Margit Häberle, und die österreicherische Botschafterin, Hermine Popeller, der Vizepräsident des Volksbundes, Prof. Volker Hannemann; Enthüllung der Gedenksteine Gütersloh, Marl, Haltern, Viersen und Verlesung der Namen der aus diesen Städten Deportierten; Ansprache und Gebet von Pastor Martin Grahl und Kaddisch durch Kantor Haim Ischakis (Griechenland).

Anschließend individuelles Gedenken der Delegationsmitglieder und Projekt „Steine für Bikenieki".)

Exzellenzen, meine Damen und Herren, liebe Freunde und Freundinnen vom Verein der ehemaligen jüdischen Ghetto- und KZ-Häftlinge Lettlands mit Dr. Alexander Bergmann an der Spitze!

Die deutsche Delegation war heute an der Freiheitsstatue, an der ehemaligen Großen Choral Synagoge an der Gogolstraße, im früheren Ghetto in der Moskauervorstadt, in Rumbula. Jetzt sind wir im Wald von Bikernieki.

Sommer in Riga kann so herrlich sein: die langen Sommernächte, das viele Singen, die blumenverliebten Menschen. Der Sommer 1941 war einer von tiefster Dunkelheit.

Am 14. Juni deportierte die Sowjetmacht 15.000 Letten vom Rangierbahnhof Skirotava aus nach Sibirien, ungefähr ein Drittel davon Juden. Kaum jemand kehrte nach vielen Jahren in die Heimat zurück. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni ermordete die sowjetische Geheimpolizei in den Gefängnissen Lettlands mehrere hundert politische Häftlinge. Und als am 1. Juli die Wehrmacht in Riga einmarschierte, begann vor allem das lettische „Kommando Arajs" sofort mit Verhaftungen, Misshandlungen, Erschießungen von Juden und mutmaßlichen Kommunisten. Den sog. „Sommerexekutionen" fielen allein in Riga 6.378 Menschen zum Opfer, landesweit über 30.000.

Ab November 1941 rollten die Deportationszüge mit deutschen, österreicherischen und tschechischen Juden nach Riga.

1942 fanden am 5. Februar und 15. März im „Reichsjudenghetto" und am 26. März im Lager „Jungfernhof" große Appelle statt. Statt in das angebliche Arbeitskommando in der Fischkonservenfabrik Dünamünde wurden etliche tausend Menschen hierher in den „Hochwald", den Wald von Bikernieki, gefahren und erschossen. Ein Foto existiert noch von den Massenerschießungen hier: Menschen hocken dicht gedrängt, hören die Schüsse, warten auf ihre Ermordung. 1977 sprach das Hamburger Landgericht sein Urteil über Gerhard Maywald, Initiator und Hauptselektierer der Dünamünde-Aktion, Erbauer der Lager Salaspils bei Riga und Trostenez bei Minsk: Es sei nicht feststellbar gewesen, ob Dünamünde „kraft tatbezogener Merkmale als Mord zu werten ist. (...) Es ist nicht bewiesen, dass die von Maywald selektierten Opfer heimtückisch getötet worden sind, weil nicht aufgeklärt werden konnte, ob eine möglicherweise versuchte Täuschung über ihr Schicksal erfolgreich war. Entsprechendes gilt für die Frage, ob die Opfer grausam getötet wurden, da Einzelheiten über den Vorgang der Tötung nicht bekannt geworden sind." Maywald wurde zu vier Jahren Haft verurteilt. Das Absitzen der Reststrafe wurde ihm erlassen, weil ihm durch 15-jähriger Ermittlungen schon genug Unbill widerfahren sei.

Der Hochwald von Bikernieki wurde der größte Mordplatz im deutsch besetzten Lettland. Die größte Opfergruppe waren jüdische Männer und Frauen, Greise und Kinder. Erschossen wurden hier aber auch tausende von politischen Aktivisten und Gefangenen und fast 10.000 sowjetische Kriegsgefangene. Mindestens 35.000 Menschen wurden in 55 Massengräbern verscharrt. Als 1944 die Rote Armee näher rückte, mussten Gefangene die Massengräber öffnen, und die Leichen verbrennen. Noch heute begegnen einem an umstehenden Bäumen noch Brandspuren von damals.

Genau heute vor 21 Jahren, am 9. Juli 1989, war ich zum ersten Mal hier: Es war ein verlorener und vergessener Ort! Der Gedenkstein ohne ein Wort für die jüdischen Opfer, häufig umgekippt.

Die massenhaften Mordtaten hier sind unfassbar. Umso mehr muss wenigstens an die Opfer erinnert werden, die spurlos ausgelöscht werden sollten.

Erst mit Perestroika und nationaler Unabhängigkeit öffnete sich die Erinnerung. Dank an Architekt Sergejs Rizhs, der im Auftrag des Rigenser Stadtrates 1987 einen ersten Entwurf für eine würdige Gedenkstätte vorlegte. Dank an Erich Herzl, der ab 1993 mit der „Initiative Riga" und dem Schwarzen Kreuz in Wien auf eine Gedenkstätte in Riga drängte. Dank dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, der zusammen mit den Städten des Riga-Komitees die Einweihung der Gedenkstätte Bikernieki am 30. November 2001 ermöglichte.

Die früheren Nachbarn von nebenan, die namenlos Ermordeten, Verbrannten, Verscharrten, die aus dem öffentlichen Bewusstsein in Deutschland Verdrängten - sie werden mit dieser Gedenkstätte zurückgeholt aus dem Vergessen, aus diesem zweiten Tod. Mit den 5.000 Granitsteinen um uns herum erhalten sie auch etwas Individualität zurück.

Was damals geschah, lässt sich nicht wiedergutmachen. Aber aus diesem beispiellosen „Zusammenbruch der Mitmenschlichkeit" ergibt sich aber eine besondere Verantwortung:

  • die Erinnerung weiterzutragen über die Generationen. Das geschieht vorbildlich mit den Workcamps des Volksbundes.
  • Unterstützung für die immer weniger, aber oft notleidenden Überlebenden von Ghetto und KZ. Wir dürfen über die Toten nicht die Überlebenden vergessen.
  • Heute HINSEHEN, WAS TUN, wenn Menschen ausgegrenzt, schikaniert, gequält werden. Verantwortung zur Mitmenschlichkeit, zum Schutz! Jeder an seinem Platz! Man braucht kein Held zu sein, um sich mitmenschlicher zu verhalten.

Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.

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