Erläuterungen an der ehemaligen Großen Choral Synagoge an der Gogolstraße

1989, noch zur sowjetischen Zeit, begann meine Spurensuche in Riga. Vor diesem Hintergrund ist meine Aufgabe, Ihnen einige Erläuterungen zu drei Orten des Naziterrors in Riga zu geben.

Die Große Choral Synagoge, von der wir hier noch Mauerreste sehen, wurde 1871 errichtet und am 4. Juli 1941 niedergebrannt. Sie steht beispielhaft für den sozialen Aufstieg und die rechtliche Gleichstellung der Juden in Lettland wie für das extreme Gegenteil.

Wirtschaftliche Beziehungen von Juden mit Riga sind seit dem 16. Jahrhundert dokumentiert. Allerdings war lange Zeit der Aufenthalt jüdischer Kaufleute und Handwerker in Riga massiv eingeschränkt. Übernachten durften sie nur in einem Jüdischen Gasthof. Lockerungen wurden unter Zarin Katharina II. gewährt. Wirkliche Besserstellungen ergaben sich erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Von da spielten jüdische Menschen in Riga eine zunehmend bedeutende Rolle. Beispiele: Der jüdische Bevölkerungsanteil in Riga wuchs von 605 in 1850 über 22.000 (8,4%) in 1897 auf 44.000 (11,3%) in 1935 zu. Der Rigaer Stadtkern ist geprägt von Gebäuden, die der jüdische Architekt Paul Mandelstamm geplant hatte. In der „Gesellschaft der jüdischen Befreier Lettlands" waren die jüdischen Veteranen versammelt, die 1918-1920 gegen die vereinigten deutsch-russisch-monarchistischen Truppen wie die Rote Armee gekämpft hatten. Oder das 1914 eröffnete Jüdische Theater in der Skolas iela. Hier baute der Ghetto-Überlebende Margers Vestermanis ab 1990 das Jüdische Museum auf. Für diejenigen, die länger in Riga weilen, ist sein Besuch dringend zu empfehlen.

Die Große Choral Synagoge war unter den sieben Synagogen (und 27 Bethäusern) Rigas die größte und bekannteste, berühmt durch ihre Kantore und den Chor.

Als am 1. Juli 1941 die Wehrmacht in Riga einmarschierte, waren die Reaktionen gemischt: Teile der Bevölkerung begrüßten sie als Befreier. Andere befürchteten Schlimmes. Das Reichssicherheitshauptamt hatte angeordnet, in den besetzten Gebieten „Pogrome" zu ermutigen, zu initiieren. Willige Vollstecker waren lettische Selbstschutzverbände, militant antisemitische und antikommunistische „Donnerkreuzler". Der 31-jährige Ex-Polizeioffizier und Jura-Student Viktor Arajs stellte umgehend ein Kommando aus Nationalisten, Studenten und Schülern zusammen, das sich ganz besonders bei der losbrechenden Menschenjagd hervortat.

Am 4. Juli marschierten 15 Mann des Kommando Arajs zur Synagoge an der Gogolstraße. In ihren Keller hatten sich ca. 300 litauische Juden geflüchtet. Weitere Juden wurden in der Umgebung gepackt und in die Synagoge getrieben. Die Betpulte wurden übereinander getürmt, mit Benzin übergossen und angezündet, die Türen und Fenster vernagelt. Mehrere hundert Menschen verbrannten hier bei lebendigem Leib. Niedergebrannt wurden an diesem Tag auch die anderen Synagogen der Stadt. Feuerwehr achtete nur darauf, dass das Feuer nicht auf Nachbargebäude übersprang. Das konnte in der engen Altstadt nicht garantiert werden. Deshalb blieb nur die dortige Peitav Schul von den Brandstiftern verschont.

Nach dem Krieg wurden die Trümmer der Choral Synagoge zugeschüttet und von einer Grünanlage überdeckt. Eine Tafel für die „Helden der Arbeit" wurde angebracht.

1992 konnten wir hier bei einer ersten Erinnerungsreise aus Deutschland erstmalig Kränze für die nach Riga Verschleppten niederlegen. Zeitgleich mit dem 1. Welttreffen der Lettischen Juden wurde an den restaurierten Grundmauern der Synagoge die erste Holocaust-Gedenkstätte Lettlands eingeweiht. Am Abend ehrte der lettische Staat im Jüdischen Theater etliche „Judenretter". An sie erinnert seit 4. Juli 2007 schräg gegenüber ein zweites Denkmal: die Namen von 270 MENSCHEN, denen über 400 jüdische Menschen ihr Überleben verdanken. An ihrer Spitze der Hafenarbeiter Janis Lipke, der zusammen mit anderen Helfern über 50 Menschen das Leben rettete.

Mir ist nicht bekannt, dass der deutsche Staat bisher in einer solchen Weise die Judenretter, die Menschenretter in Deutschland geehrt hätte.

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