Erläuterungen am Alten Jüdischen Friedhof und ehemaligen „Reichsjudenghetto"

(Ecke Tejas/Virsaisu iela in der Moskauer Vorstadt)

Der Alte Jüdische Friedhof war das erste Stück Boden, das von Juden in Riga erworben werden konnte. Seit 1725 wurden hier Tote begraben.

Der Eingang befand sich an der Südspitze zur Ebreju iela Richtung Makavas (Moskauer) iela mit einigen Holzgebäuden für das Bet- und Totenhaus und für die Friedhofsbeschäftigten. 1903 entstand ein schönes Gebäude für die Trauerfeierlichkeiten. Architekt war Paul Mandelstamm. In den 20er Jahren entstand ein neuer jüdischer Friedhof in Smerlis.

Am 4. Juli 1941 wütete die vom Kommandeur der Einsatzgruppe A, Walter Stahlecker, geplante Aktion auch auf dem Alten Jüdischen Friedhof. Alle seine Gebäude wurden niedergebrannt, in ihnen die Friedhofsangestellten mit ihren Familien sowie in der Umgebung ergriffene Juden, insgesamt etwa 50 Menschen. Die Synagogenvernichtung vom 4. Juli sollte Auftaktsignal zu Pogromen und zur Ermordung der Juden in ganz Lettland sein.

Am 13. August 1941 ordnete Reichskommissar Lohse an: „Das flache Land ist von Juden zu säubern!" Wo bisher in der ärmlichen Moskauer Vorstadt 10.000 Menschen gewohnt hatten, wurden jetzt 30.000 Rigaer Juden zusammengepfercht. Am 25. Oktober wurde das Ghetto geschlossen. An dem Tag erschien in der „Deutschen Zeitung im Ostland" ein Artikel zum Ghetto, in dem sich zynisch über die Ghettoinsassen ausgelassen wurde. Drumherum Artikel einer ganz normalen deutschen Zeitungsseite: „Gehwegränder erneuern", „Spielplan der Rigaer Oper" etc.

Am 10. November 1941 bekam Riga einen neuen „Höheren SS- und Polizeiführer Ostland und Russland Nord" (HSSPF). Es war der SS-Obergruppenführer Friedrich Jeckeln, vormals HSSPF West in Düsseldorf, ab Sommer 1941 HSSPF Russland Süd (Ukraine), verantwortlicher Planer und Organisator der Massaker von Kamenez-Podolsk (23.600 Opfer), Berditschew (18.000 Opfer), Dnjepropetrowsk (11.000) und Babi Jar bei Kiew Ende September (mehr als 33.000 Opfer). Von Himmler bekam er den Befehl, für die schon seit Oktober geplanten Deportationszüge aus dem Reich „Platz zu schaffen". Am 30. November frühmorgens rückten deutsche und lettische Kräfte ins Ghetto von Westen ein. Menschen mussten raus auf die Straße, erst wurde gebrüllt, dann geprügelt, schließlich geschossen. Marschkolonnen von jeweils 1.000 Menschen setzten sich in Bewegung über die Moskauer Straße nach Rumbula. (nächste Station) Der 16-jährige Margers Vestermanis war mitsamt seiner Familie im Ghetto. Er bekam den Befehl, zusammen mit einem Kameraden, Kinderleichen aufzusammeln und auf einem Schlitten hierher zum Alten Jüdischen Friedhof zu bringen.

Im Oktober 1941 hatten die Leitungen der Ordnungspolizei im Reich einen Schnellbrief des Chefs der Ordnungspolizei erhalten betreffs „Evakuierung" von Juden „zum Arbeitseinsatz im Osten". Nach Minsk und Riga sollten insgesamt 50.000 Juden „evakuiert" werden, in Zügen mit jeweils 1.000 Personen u. a. aus den Räumen Berlin, Leipzig/Dresden, Hamburg, Hannover, Münster/Osnabrück/Bielefeld, Dortmund, Düsseldorf, Köln, Kassel, Stuttgart, Nürnberg, Theresienstadt und Wien.

Erhalten ist die Niederschrift einer Besprechung in Münster zwischen den Spitzen von Partei, Gestapo, Polizei, Stadt und Oberpräsidium. Es ging einzig und allein darum, die „Evakuierungen" ordnungsgemäß abzuwickeln, die Übernahme des zurückbleibenden Eigentums, der Wohnungen.

Erste Züge aus Berlin, München, Frankfurt/Main, Wien und Breslau waren für Riga in der zweiten Novemberhälfte „zu früh". Sie wurden umgelenkt nach Kaunas in Litauen, wo die Deportierten sofort im Fort IX erschossen wurden.

Die Insassen der nächsten vier Züge aus Nürnberg, Stuttgart, Hamburg und Wien kamen in das provisorische Auffanglager „Jungfernhof" an der Daugava. Der 5. Zug, der am 27. November Berlin verlassen hatte, kam am Morgen des 30. November am Rangierbahnhof Skirotava an. Seine Insassen wurden noch vor den Rigaer Juden in Rumbula erschossen. Der Kölner Zug (Abfahrt 7. Dezember) war dann der erste, dessen Insassen das entvölkerte und verwüstete Ghetto betraten. Es folgten im dichten Takt die Transporte aus Kassel, Düsseldorf, Münster/Osnabrück/Bielefeld, dann je vier Züge aus Wien und Berlin bis Ende Januar 1942 und ein Zug aus Dortmund. Insgesamt wurden etwa 28.000 jüdische Menschen aus dem „Großdeutschen Reich" nach Riga verschleppt.

Über fast zwei Jahre, bis zum 2. November 1943, bestand in dem Viertel nördlich von uns das „Kleine Ghetto" mit wenigen Tausend noch arbeitsfähigen lettischen Juden jenseits der Ludzas iela sowie das „Reichsjudenghetto" mit der Bielefelder und Düsseldorfer Straße, die von hier aus anschließt, die Kölner, Prager, Berliner/Wiener und Leipziger Straße (Ludzas iela).

Die täglichen Essensrationen waren erbärmlich, oft stinkend und verdorben. Ein Arbeitskommando zu haben, konnte da eine Überlebenschance sein. Manche waren hart, auf anderen begegnete einem Gefangenen vielleicht ein Mensch, gab es etwas mehr in der Suppe, Möglichkeit zum Tauschen. Aber wehe, bei jemandem wurde bei Rückkehr ins Ghetto Tauschgut gefunden. Dann wurden solche Menschen hierher zum Rand des Alten Jüdischen Friedhofs gebracht und sofort von Ghetto-Kommandant Krause erschossen. Das war einer, der im nächsten Moment dem Kind der gerade erschossenen Mutter Schokolade schenkte.

Ca. 200 Meter von hier, die Düsseldorfer Straße herunter, befand sich damals der Blechplatz, wo die Appelle stattfanden, der Galgen stand. Hier begannen am 5. Februar und 15. März die „Dünamünde-Aktionen": In der Fischkonservenfabrik in Dünamünde sei ein leichteres Arbeitskommando eingerichtet worden. Mehrere tausend Menschen wurden bei großen Appellen aussortiert und auf Lkws verfrachtet. In einem kleinen Betriebsgebäude neben dem Blechplatz hatten Häftlingsfrauen immer wieder die Aufgabe, eintreffende große Menschen an Kleidungs- und Gepäckstücken zu sortieren. Wenige Tage nach dem Appell wurden Befürchtungen zur Gewissheit: Die Frauen entdeckten Kleidungstücke von Verwandten, verdreckt, mit Blutspuren. Es gab kein Arbeitskommando in Dünamünde! Die Menschen waren in den „Hochwald" gebracht und dort erschossen worden.

Dünamünde war für die reichsdeutschen Juden eine Zäsur. Damit begann auch für sie die Massenvernichtung.

Am 2. November 1943 ein letzter Appell im Ghetto: Die einen Häftlinge kamen auf Lkws, die zum neu errichteten KZ Kaiserwald im nördlichen Riga fuhren, die anderen auf Lkws Richtung Skirotava. Dort warteten Züge nach Auschwitz.

Nach dem Krieg wurde der Friedhof eingeebnet und „Park der kommunistischen Brigaden" genannt. Seit 1990 heißt der Park wieder „Alter Jüdischer Friedhof". Am 12. Juli 1994 konnte an der Südseite ein Gedenkstein (Feldblock mit Davidsstern) eingeweiht werden. Ermöglicht wurde das durch unsere Spendensammlung in Deutschland.

(Kurz später führt der Künstler Dr. Horst Hoheisel aus Kassel zusammen mit Zigrida Murowska vom Goethe-Institut einen Workshop mit den deutschen und lettischen Jugendlichen des Volksbund-Workcamps durch. Hierbei sollen Ideen zu einer würdigeren Gestaltung des ehemaligen Friedhofs entwickelt werden.

Am 2. Februar 2010 unterzeichneten Rabbi Menachem Barkahan von der Jüdischen Religiösen Gemeinde Shamir und Initiator des „March for Life" am 4. Juli und Vizebürgermeister Ainars Slesers eine Absichtserklärung zur Errichtung eines Ghetto-Museums in einem Gebäude der Roten Speicher an der Moskauer Straße unweit der Markthallen und in einiger Entfernung zum ehemaligen Ghetto. Das Projekt wird bisher unabhängig vom Museum „Juden in Lettland" in der Skolas iela verfolgt, das Margers Vestermanis in zwei Jahrzehnten zu einem hoch angesehenen Zentrum der jüdischen Erinnerungskultur in Lettland entwickelt hat.

Die schon traditionell besonders ärmliche Moskauer Vorstadt ist immer mehr ein Viertel des Verfalls. Etliche Gebäude sind völlig runtergekommen, eine ganze Reihe von Holzhäusern (z.B. in der „Düsseldorfer Str") sind verschwunden. Nur ganz vereinzelt ist Neues entstanden: das DODO-Hotel an der Daugavpils/Jersikas iela, der kleine Marktplatz an der Maskavas/Maza Kalna iela und das Geschäft Kaupeni am ehemaligen Blechplatz. Vereinzelt sind Wegweiser zu Sehenswürdigkeiten aufgestellt: zum orthodoxen Friedhof, zum Moskauer Park südlich der Makavas iela Richtung Daugava. Zur Ghetto-Vergangenheit kein einziges Wort. Der enorme Sanierungsbedarf ist offenkundig. Inzwischen gab es drei internationale Architekten-Workshops zu diesem Viertel, der dritte unter der Überschrift „The future development visions of the Moscow suburb". Die ehrgeizigen Modernisierungspläne setzten auf EU-Unterstützungen. Die scheinen gegenwärtig wenig realistisch zu sein.)

Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.

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