Coesfeld

 

Die Stadt Coesfeld trat am Donnerstag, dem 9. November 2006, offiziell als 30. Mitgliedsstadt dem Deutschen Riga-Komitee bei.

Ansprechpartner der Stadt Coesfeld für das Riga-Komitee ist

Herr Norbert Damberg M.A.
Stadtarchiv
Walkenbrückenstraße 25
48653 Coesfeld
Tel.: +49 (0)2541 / 939-3010
Email: norbert.damberg(at)coesfeld.de

 

Die Stadt Coesfeld war bei der Erinnerungsreise anlässlich des 10-jährigen Bestehens des Deutschen Riga-Komitees und bei der Gedenkveranstaltung am 9. Juli 2010 in Riga-Bikernieki mit einer eigenen Delegation vertreten.

 

 

 9. Dezember 2011

Vor 70 Jahren: Deportation der jüdischen Coesfelder

Liebe Anwesende, lieber Herr Bürgermeister Öhmann,

Ihrer Bitte, die einführenden Worte zur Ausstellungseröffnung der Einzelportraits der jüdischen Coesfelder zu sprechen, komme ich gerne nach. Meine Schülerinnen und Schüler der Klasse 10c der Theodor-Heuss-Realschule und ich betrachten es als eine ehrenvolle Aufgabe, an der Gestaltung dieser Gedenkstunde mitwirken zu dürfen.

Von der sechsten bis jetzt zur 10.Klasse haben diese Jugendlichen durch vielfältige Unterrichtsprojekte Einblicke in die Geschichte und Problematik des Holocaust bekommen:

  • im Deutschunterricht Kl. 6 durch Lesen eines Jugendbuches über die Rettung untergetauchter jüdischer Kinder,
  •  durch Projekte in Winterswijk (Synagoge und jüdisches Schulhaus mit Mikwe und Friedhof) und Aalten, wo sie auf den Spuren eben dieser Kinder liefen,
  • Begegnungen im Stadtmuseum mit den Bildern des Winterswijker jüdischen Malers Max van Dam,
  •  Im Stadtmuseum begegneten sie auch dem Niederländer Joop Levi,  der in seiner  Ausstellung „Kein Kinderspiel“ das Spielzeug untergetauchter jüdischer Kinder, auch sein eigenes Flugzeug, präsentierte.
  •  In  Klasse 7 durften sie mit mir den Holocaustgedenktag auf dem jüdischen Friedhof gestalten
  •  und Herrn Öhmann in Klasse 8 bei der Vorbereitung seiner Reise nach Riga vor eineinhalb Jahr helfen. Sie sammelten Steine an Orten jüdischen Lebens, die er an der Gedenkstätte in Riga niederlegte. In dem Zusammenhang sind auch die fiktiven Briefe entstanden, von denen Sie heute einige kennenlernen werden und von denen einige in einer neuen Broschüre des Volksbundes gerade deutschlandweit veröffentlicht wurden.

 

Aber zunächst führe ich Sie 678 Jahre zurück!

 

1323 stellte der Bischof Ludwig von Münster erstmals einem Juden, Jakob von Wipperfürth und seinem Gesinde, einen Geleitbrief nach Coesfeld aus und bat  die Stadt, zwei jüdische Familien für 8 Jahre aufzunehmen. Da Juden damals bevorzugt in entwicklungsfähigen Orten angesiedelt wurden, spricht es für Coesfelds wirtschaftliche Bedeutung, dass die Coesfelder jüdischen Zuwanderer von allen Städten des Münsterlandes am frühesten und am häufigsten genannt wurden. Grundlage des jüdischen Reichtums, von dem auch der Bischof sehr profitierte, waren Geldgeschäfte. Wir wissen, dass es kirchentreuen Christen verboten war, Zinsen zu nehmen. Der Bischof aber hatte infolge seiner kriegerischen Politik enorme Schulden, die die wohlhabenden  Juden mit immens hohen Steuerlasten abtragen halfen. Aber auch die Stadt Coesfeld profitierte davon: Die guten Steuereinnahmen erhöhten deshalb die Aufnahmebereitschaft erheblich. Allerdings gab es einen Einschnitt, als 1350 den Juden die Schuld an der großen Pestwelle zugeschoben wurde, sie fielen  Pogromen zum Opfer  und auch die kleine Coesfelder Gemeinde (evtl. 10 Personen) wurde vernichtet.

 

Erst im 17. Jhd. konnte sich wieder dauerhaft eine jüdische Gemeinde  unter Fürstbischof Bernhard von Galen ansiedeln. 1678 gab es einen ersten Begräbnisplatz in der Nähe der heutigen Volksbank, 1750 erbauten sie unter großen persönlichen Opfern die kleine Synagoge in der Weberstraße, die am 9. Nov. 1938 aufgrund bestimmter Umstände nicht abgebrannt, sondern nur verwüstet wurde. Die meisten Coesfelder Juden waren in der Regel kleine Händler, Viehhändler und nicht wohlhabend.

1933 – Machtübernahme der Nazis - lebten ca. 40 Juden in Coesfeld  . Ab da erlebten sie schrittweise die  Ausschaltung demokratischer Einrichtungen und  bittere soziale, wirtschaftliche und politische Ausgrenzungen.

 Besonders hart wirkte sich z.B. das „Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden“ vom 30.April 1939 aus, denn damit begann ihre Gettoisierung. Sie wurden in den Städten umgesiedelt und in bestimmten Gebieten zusammengepfercht, auch um wohnungssuchenden Christen billigen Wohnraum zu verschaffen. Für die Coesfelder Juden bedeutete das, dass sie ihre Wohnungen aufgeben und alle in die Kupferstraße 10, etwa gegenüber der heutigen Post, umsiedeln mussten, wo Salomon Eichenwald sein Geschäft hatte. Dort lebten sie mit über 20 Personen auf engstem Raum; fortan  wurde das als „Judenhaus“  bezeichnet.

Ein halbes Jahr vorher, am 9. November 1938 in der  Reichspogromnacht wurden auch in Coesfeld die Anordnungen des Gestapochefs Müller mit brutalster Genauigkeit durchgeführt:

 Beim Händler Salomon Eichenwald, Kupferstraße 10, wurden alle zum Verkauf bestimmten Möbel auf die Straße geworfen und zerstört. Am nächsten Morgen lag ein riesiger Trümmerhaufen vor dem Haus. Beim Pferdemetzger Hirsch in der Hinterstraße wurde die gesamte marmorne Ladeneinrichtung  zertrümmert, jüdische Wohnungen, zu denen sich Schlägertrupps Zugang verschafften, wurden verwüstet. Der erste Ehemann der Überlebenden Wilhelmine Süßkind, Gustav Cohen, wurde vor ihren Augen brutal zusammengeschlagen und die Treppe hinuntergestürzt. Eine Lüdinghausener Jüdin, Hilde Strauß, war im Walkenbrückentor in einer Arrestzelle gefangen gehalten und nahm sich nach wenigen Tagen das Leben.

Viele Coesfelder Juden ergriffen die Flucht, manchen gelang die Auswanderung, z.B. in die USA oder nach Südafrika, aber z.B. eine Auswanderung nach Holland, England  oder Belgien bedeutete oft nur einen Aufschub der Verfolgung und Ermordung.

 

Nun komme ich zu dem Ereignis, dessen  wir heute hier gedenken: Die Deportation der Coesfelder Juden lief, wie überall, nach einem genauen planmäßigen Verfahren ab. Durch ein Schreiben der Gestapo vom 18. Nov. 1941 wurde der Landrat über die Organisation der bevorstehenden  Deportation aufgeklärt.

Am Morgen des 9. Dezember – also genau heute vor 70 Jahren -  erfuhren 19 jüdische Coesfelder von ihrer in den nächsten Stunden bevorstehenden Deportation.

Mitnehmen mussten sie: Zahlungsmittel bis 50 Reichsmark, das Geld wurde ihnen in Münster bereits wieder abgenommen (faktisch bezahlten sie selbst die Reise in den Tod), einen Koffer mit Ausrüstungsgegenständen ( kein sperrendes Gut), vollständige Kleidung mit ordentlichem Schuhwerk, Bettzeug mit Decke, Verpflegung für drei Wochen (Brot, Mehl, Graupen, Bohnen), Essgeschirr (Teller oder Topf mit Löffel).

 Ganz wichtig ist noch, was sie nicht mitnehmen durften:

Messer, Gabel und Rasierzeug, Wertpapiere, Devisen, Sparkassenbücher, Schmuck und Wertsachen jeder Art(Gold, Silber, Platin) mit Ausnahme des Eherings!!!!

In den frühen Morgenstunden des 10. Dezember wurden die 19 jüdischen Coesfelder von der Gestapo aus dem „Judenhaus“ abgeholt und zum Schlossplatz an der Kuchenstraße, heute Liebfrauenpark, gebracht. Dieser Platz war damals von außen schwer einzusehen und deshalb für eine solche Nacht- und Nebelaktion geeignet. Der Coesfelder Fotograf Anton Walterbusch hat im Auftrag der örtlichen Parteileitung Fotografien gemacht, zwei davon heimlich aufbewahrt, so wird erzählt. Die eine ist das uns erhaltene Gruppenfoto, aus dem heraus jetzt zum ersten Mal die Einzelportraits gemacht wurden. Wilhelmine Süßkind identifizierte im März 1968 die Personen namentlich.

Vier weitere über 70jährige Juden blieben aber noch im „Judenhaus“ an der Kupferstraße: Das waren Karoline Isaak, Samuel Isaak, Levy Stern und Hedwig Stern. Ihre Namen dürfen wir auch nicht vergessen. Vermutlich wurden drei von ihnen ab dem 27.Juli 1942 mit einem sogenannten Altentransport nach Theresienstadt deportiert, von dort aus wahrscheinlich  nach Auschwitz. Hedwig Stern war zuvor nach Bochum gezogen und von dort deportiert worden.

Danach war in Coesfeld das Ziel nationalsozialistischer Judenpolitik erreicht:

Coesfeld war „judenrein“.

 

Vom Liebfrauenpark aus wurden die 19 Coesfelder mit anderen Juden aus umliegenden Orten mit einem LKW zur Sammelstelle Gertrudenhof, Warendorfer Straße in Münster gebracht.

 Von den zehn Stadtlohner Juden gibt es noch eine erschütternde Geschichte zu erzählen, darunter war die vierzehnjährige Herta Lebenstein, nach der vor einigen Jahren die Realschule benannt wurde.

„Die Schulkinder erhielten für die Deportation durch ihre Lehrer schulfrei. In der Schule übten sie eigens für den Transport noch einmal das Schmählied ‚Hängt sie auf, die alte Judenbande’. Beim Abtransport – am selben Tag wie die Coesfelder -  wurde den Juden unter Aufsicht der Lehrer ins Gesicht gespuckt. Der Bürgermeister und der Ortsgruppenleiter beobachteten von der Freitreppe aus das Geschehen.“ Sie saßen im selben Zug wie die jüdischen Coesfelder.

 Am 13. Dezember 1941 beginnt für

 sie alle die Todesfahrt mit der Reichsbahn über Bielefeld, Osnabrück in das Getto Riga, wo sie nach 3 Tagen Zugfahrt ohne Wasser und ohne Möglichkeit auszusteigen ankommen, noch die ganze Nacht im Zug warten müssen , aus dem sie mit Gummiknüppeln  geprügelt wurden  und dann bei eisiger Kälte – ca. minus 10 Grad -  und Schnee zwei Stunden ins Lager laufen müssen. Die damals 14 jährige Irmgard Ohl aus Osnabrück, die oft bei ihren Großeltern in Laer zu Besuch war, überlebte und berichtete. Auch sie war im selben Transport wie die Coesfelder. Von 1009 Menschen aus diesem Transport überlebten nur 15, unter anderem die Coesfelderin Wilhelmine Süßkind. Sie kam in den 60er Jahren mit ihrem zweiten Mann Benno  Süßkind zurück in ihre Heimatstadt, wo sie 1995 starb.

Irmgard Ohl erzählt, wie sie damals im Getto die ihnen zugewiesenen Wohnungen, in denen vorher lettische Juden gelebt hatten, vorfanden:

 Die Wohnungen  waren verwüstet, Gegenstände aus Schränken, Schubladen herausgeworfen, alles lag durcheinander, auf dem Herd standen Kochtöpfe mit Speisen, auf dem Tisch Teller mit Essen, das gefroren war, Blutspritzer an der Wand. Ängstlich und bedrückt begannen sie  aufzuräumen, sich notdürftig einzurichten, ahnend, dass kurz vorher schreckliche Dinge passiert waren. Tatsächlich lebten hier vorher 30000 lettische Juden, von denen schon viele verhungert waren,  nun aber brauchte man Platz für die ständigen Transporte aus dem Reich. Deshalb hatte man die Letten aus den Wohnungen geprügelt und in den nahen Rigaer Wald von Bikernieki getrieben, wo kurz vorher Massengräber ausgehoben worden waren, in die die Erschossenen fielen.

Eine andere Augenzeugin, Inge Friedemann, berichtete, dass man nur überleben konnte, wenn man im Getto illegale Tauschgeschäfte machte. So hatte ihr Vater in der Wohnung einen Stoff gefunden, gegen Lebensmittel getauscht und war erwischt worden. Als Abschreckung wurde er mit anderen gehängt und etliche Tage am Galgen gelassen, an dem  alle vorbeilaufen mussten.

Von Riga aus gingen ständig Transporte in andere Vernichtungslager, z.B. Auschwitz.

Inge Friedemann berichtet, dass sie am 2. November 1943 von der Arbeit ins Getto zurückkam, es weitgehend leer vorfand und erfuhr, dass faktisch alle Lagerinsassen abtransportiert worden waren. Nachdem bereits alle ihre Verwandten dort ermordet waren, hoffte sie, ihre Mutter noch zu finden. Die hatte sich tatsächlich mit einer anderen Frau unter dem Bett versteckt. Aber am 28.Juli 1944 mussten plötzlich alle Lagerinsassen heraustreten und sich völlig entkleiden. Sie  wurden in zwei Gruppen eingeteilt. Ihre Mutter gehörte zu der anderen Gruppe, die abtransportiert wurde. Sie hat sie nie wiedergesehen und nie erfahren, wo sie ermordet wurde.

Wegen des Herannahens der Roten Armee wurden die überlebenden Juden im Februar 1945 per Schiff nach Hamburg gebracht, dort ins Gefängnis Fuhlsbüttel, später unter SS-Bewachung zu Fuß ( !! ) Richtung Kiel in Marsch gesetzt, was für die erschöpften Menschen eine unvorstellbare Strapaze gewesen sein muss. Dort wurden sie Ende April 1945 von Autos des schwedischen Roten Kreuzes abgeholt und waren gerettet. Wilhelmine Süßkind erzählte, dass sie im KZ Stutthof vom schwedischen Roten Kreuz ausgesucht und nach Schweden in ein Erholungsheim gebracht wurde.

 

Es ist erschütternd und spannend, die Tafeltexte zu den einzelnen Menschen zu lesen und etwas über ihr Leben zu erfahren. Die meisten Personen auf dem Foto waren eng miteinander verwandt.

Die Schülerinnen und Schüler  möchten jetzt stellvertretend für alle  - damit sie nie vergessen werden – einige der fiktiven Briefe an die jüdischen Coesfelder vorlesen:

an Martha Freund,

Karl-Heinz Freund,

Richard Freund,

Salomon Eichenwald

 

 

 

Claudia Haßkamp

 

Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.

Spendentelefon: 0561 700 90

Spendenkonto

IBAN:
DE23520400210322299900

BIC: COBADEFFXXX

Commerzbank Kassel