Dortmund

 

Die Stadt Dortmund ist eine von 13 Mitgliedsstädten, die am Dienstag, dem 23. Mai 2000, im Beisein von Bundespräsident Johannes Rau in Berlin offiziell das Deutsche Riga-Komitee gründeten.

Ansprechpartner der Stadt Dortmund für das Riga-Komitee ist

 
Herr Dr. Stefan Mühlhofer
Stadtarchiv Dortmund
Leiter der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache
Märkische Straße 14
44122 Dortmund
Tel.: + 49 (0)231 / 50-25210
Fax: + 49 (0)231 / 50-26011
Email: smuehlhofer(at)stadtdo.de

 

Die Stadt Dortmund war bei der Erinnerungsreise anlässlich des 10-jährigen Bestehens des Deutschen Riga-Komitees und bei der Gedenkveranstaltung am 9. Juli 2010 in Riga-Bikernieki mit einer eigenen Delegation vertreten.

Erinnerungsorte und gemeinsame Gedenkorte in Dortmund und Riga
Die Deportation Dortmunder Juden vom 27.01.1942 nach Riga
von Günther Högl

 

An die Deportationen und Ermordung der Dortmunder Juden in den Jahren 1942

bis 1945 erinnern in der Stadt Dortmund vier Gedenktafeln vor Ort, wobei das

Stadtarchiv in Kooperation mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit für die Tafeltexte verantwortlich zeichnete. Auf jeder der vier Tafeln ist der Spruch: Erde bedecke nimmer mein Blut (Hiob 16,18) zu lesen. Gemäß einer vorläufigen Gedenktafelkonzeption von 1986, die im Auftrag des Dortmunder Oberbürgermeisters Günter Samtlebe in enger Abstimmung des Stadtarchivs mit dem Kuratorium Widerstand und Verfolgung in Dortmund 1933-1945 entstanden war, sollte für einen Gedenk- und Erinnerungsort in Dortmund jeweils ein sogenannter authentischer Ort ausfindig gemacht werden, an dem dann in der Regel eine klassisch gehaltene Bronzetafel mit einem einschlägigen Text an die Verbrechen der NS-Zeit erinnern sollte.

Eine dieser insgesamt vier Gedenktafeln auf Dortmunder Stadtgebiet betreffend

die Deportationen von jüdischen Bürgern dieser Stadt wurde am 10. November 1991

am Haupteingang zur heutigen Musikschule (Straßenseite des Gebäudes) an der

Steinstraße 35 – vis à vis des alten Gebäudes der Steinwache (heute Auslandsgesellschaft) mit dem authentischen Bezugspunkt einer lokalen Sammelstelle für Deportationen von jüdischen Bürgern – dem Saal der Gaststätte „Zur Börse“ in der Nähe des alten Viehmarktes – mit folgendem Text eingeweiht:

An dieser Stelle befand sich die Gaststätte „Zur Börse“. Von dieser Sammelstelle aus

wurden in der Zeit von 1942 bis 1944 in drei Transporten jüdische Männer, Frauen und Kinder aus dem Regierungsbezirk Arnsberg in Ghettos und Vernichtungslager in

Osteuropa deportiert. Nahezu alle fielen dem brutalen Rassenwahn der Nationalsozialisten zum Opfer.

Seit der Anbringung dieser Gedenktafel ist im Zuge der Verstetigung der ständigen

Ausstellung Widerstand und Verfolgung in Dortmund 1933-1945 im Jahr 1992 und

der damit verbundenen Umwidmung des ehemaligen Polizeigefängnisses zu einer

Mahn- und Gedenkstätte und einem zentralen authentischen Erinnerungs- und

Gedächtnisort, hat das Stadtarchiv viel unternommen, um bisher verlöschte Spuren

der von den Nationalsozialisten ermordeten jüdischen Bürger wieder aufzudecken

und viele dieser bislang anonymen Menschen wieder in das kollektive Gedächtnis

der Stadt zurückzuholen. So wurde unter dem Gesichtspunkt Ort und Erinnerung

versucht, den Spuren der am 27. Januar 1942 deportierten und zum größten

Teil ermordeten jüdischen Frauen, Kinder und Männer aus Dortmund zu folgen.

Dabei kam es darauf an, die Erinnerungs- und Gedächtnisorte sowie das Gedenken

an die NS-Verbrechen ebenfalls – soweit möglich – an den authentischen Plätzen des Geschehens zu verorten und in den historischen Zusammenhang der

NS-Geschichte in Dortmund, aber auch – wenn möglich – in Osteuropa und damit

in Riga zu stellen.

 

Deportationsziel Riga und erste Massenmorde Ende 1941

 

Am 21. Juli 1941 hatte das deutsche Wirtschaftskommando Riga beschlossen, jüdische Arbeitskräfte in einem Ghetto zu konzentrieren. Das mit Stacheldraht umzäunte Ghetto entstand in der sogenannten Moskauer Vorstadt Rigas. Dort lebten

im Oktober 1941 30.000 Juden auf engem Raum. Vom November 1941 bis zum Oktober 1942 wurden in 32 Deportationen bzw. Transporten durch die Deutsche

Reichsbahn weitere 30.000 Juden – Männer, Frauen und Kinder – aus dem Gebiet

des damaligen Großdeutschen Reiches, das heißt aus dem sogenannten Altreich, aus der Ostmark (Österreich) und aus dem Protektorat Böhmen und Mähren (Teile der besetzten Tschechoslowakei) in die von deutschen Truppen besetzten baltischen

Staaten verschleppt. Der größte Teil von ihnen wurde in das Rigaer Ghetto verbracht.

Bereits am 30. November 1941, dem Rigaer Blutsonntag und am 8./9. Dezember

1941 wurden 26.500 lettische und über 1.000 deutsche Juden in dem Riga nahegelegenen Wald von Rumbala von SS- und Polizeiangehörigen sowie lettischen

Hilfswilligen ermordet. Unter den Mordopfern des 30. November 1941 befanden sich somit die ersten nach Riga deportierten Juden aus dem Deutschen Reich – über 1.000 Berliner Juden waren an diesem Tag auf der Bahnstation Skirotava in Riga eingetroffen und noch am selben ermordet worden. Das Ghetto sollte zu diesem Zeitpunkt für weitere Deportationen von Juden aus dem Reich freigemacht werden. Der letzte Deportationszug vom 27. Januar von Dortmund ausgehend erreichte Riga am 29. Januar 1942.

 

Die „Rigaliste“ des Stadtarchivs vom November 1941 für die vorgesehene „Evakuierung“ der Juden aus Dortmund nach Riga

 

Gemäß eines überlieferten Verzeichnisses der Mitglieder der jüdischen Kultusvereinigung 1941 waren am 1. Juni 1941 noch 1.222 Juden (1933: 4.108) in Dortmund registriert, die meisten von ihnen bereits in sogenannten Judenhäusern untergebracht. Zuständig für die Durchführung der Deportationen der jüdischen Bevölkerung aus dem Regierungsbezirk Arnsberg war die Gestapostelle in Dortmund Hörde, Benninghoferstraße 16.

Am 24. Oktober 1941 war ein Erlass des Chefs der nationalsozialistischen Ordnungspolizei Daluege betreffend die Abschiebung von ca. 50.000 Juden aus dem Altreich, Österreich und dem Protektorat Böhmen-Mähren nach Riga, Kowno und Minsk erfolgt. Unter Punkt 1 dieses Erlasses ist auch Dortmund als Ort für die Zusammenstellung eines Transportzuges genannt. Demzufolge übersandte am 19.

November 1941 die Gestapo Dortmund, Referat IV B 4, unter dem Betreff Evakuierung von Juden und unter Bezugnahme auf eine mündliche Unterredung dem Ernährungsamt Dortmund ein Verzeichnis mit 498 jüdischen Bürgern aus Dortmund und zwei jüdischen Bürgern aus Hamm. Diese sogenannte Riga-Liste mit der Originalbezeichnung Verzeichnis der Juden aus Dortmund, die für eine Evakuierung infrage kommen, versehen mit den Namen und Adressen der zu Deportierenden, ist als einzige Auflistung potentieller späterer ermordeter Dortmunder Juden im Stadtarchiv überliefert. Dabei ist jedoch festzustellen, dass dieses Verzeichnis der zu deportierenden Personen keineswegs mit der späteren Realisierung der Deportation identisch ist. Zudem wurden wenigstens 120 der in der ursprünglichen Liste aufgeführten Personen nicht nach Riga, sondern nach Zamosc, Theresienstadt oder Auschwitz deportiert. Es fällt auf, dass vor allem Jüngere aus der ursprünglichen Liste vom November 1941 gestrichen und dafür Ältere eingesetzt wurden – wohl ein Indiz dafür, dass man jüngere Juden um die Jahreswende 1941/42 noch für den Zwangsarbeitseinsatz in kriegswichtigen Betrieben

rekrutierte.

Aus bisher nicht bekannten Gründen war der Transport von Dortmund nach Riga, ursprünglich vorgesehen für den 12. Dezember 1941, auf den 27. Januar 1942 verschoben worden. Um die zu deportierenden Juden – auch aus umliegenden

Städten und Orten des Regierungsbezirks Arnsberg – in Dortmund zusammenziehen

zu können, hatte die Gestapo ein zentrales Sammellager – den großen Saal der

Börse an der Steinstraße eingerichtet. Fest steht, dass die Deutsche Reichsbahn die

Dortmunder Deportation mit dem am selben Tage stattfindenden Transport von

jüdischen Bürgern aus Gelsenkirchen und anderen Orten verknüpft hat.

Nach wie vor ist unter Einbeziehung bisher nicht ermittelbarer Personaldaten von NS-Opfern davon auszugehen, dass am 27. Januar 1942 knapp 1.000 Personen,

jüdische Familien, Ehepaare und Einzelpersonen, darunter etwa 500 Menschen

aus Dortmund, nach Riga deportiert worden sind. Einige Personen, deren Namen

auf der Rigaliste (vom November 1941) des Stadtarchivs auftauchen, konnten sich

dem Zugriff der Dortmunder Gestapo für die Deportation vom 27. Januar 1942 entziehen oder sind – aus welchen Gründen auch immer – von der Liste gestrichen

worden, wozu auch Marga Spiegel und deren Familie zählten.

Über das Schicksal der Familie Spiegel gibt seit 2008 das eindrucksvoll verfilmte

historische Drama Unter Bauern – Retter in der Nacht Auskunft. Der Film basiert

auf den Erinnerungen der heute in Münster lebenden Marga Spiegel (geb. 1912 in

Oberaula), die 1969 erstmals als Buch unter dem Titel Retter in der Nacht erschienen

sind. Sie schildert darin, wie couragierte Bauern im Münsterland (in der Gegend von Nordkirchen und Capelle) von 1943 bis 1945 ihren Mann versteckt und sie selbst mit ihrer Tochter unter falschem Namen bei sich aufgenommen haben. Die gesamte Familie Spiegel wurde dadurch zwei Jahre lang geschützt und vor der Deportation bewahrt. Weniger Glück als die Familie Spiegel hatte Jeanette Wolff, die mit ihrem Mann, dem Textilfirmeninhaber Hermann Wolff aus Dortmund und zwei ihrer Töchter am 27. Januar 1942 von Dortmund aus nach Riga deportiert worden ist.

Auch die Namen der Familienmitglieder Wolff tauchen auf der Rigaliste des

Stadtarchivs auf. Jeanette Wolff (1888-1976), von 1919 bis 1932 Stadtverordnete

der SPD in Bocholt, war seit 1933 von den Nationalsozialisten politisch und später

rassistisch verfolgt worden. Die Familie Wolff siedelte 1936 nach Dortmund über

und wohnte zuerst in der Münsterstraße im Dortmunder Norden, wo Jeanette einen

Mittags- und Abendtisch für die jüdische Bevölkerung unterhielt. Während des

Novemberpogroms 1938 demolierten SA-Leute ihre Wohnung. Bis zu ihrer Deportation nach Riga lebte die Familie Wolff in Dortmund-Mengede in einem sogenannten Judenhaus. Jeanette Wolff, von 1952 bis 1961 Abgeordnete im Deutschen Bundestags und von 1965 bis 1975 stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat in ihrem Buch Sadismus oder Wahnsinn (1946) die Deportation nach Riga wie folgt beschrieben:

Im Börsensaale lagen wir etwa 1 300 Menschen auf unseren Gepäckstücken auf der

Erde, fünf Tage und vier Nächte schikaniert von der Gestapo und ihren Helfern.(...) Am Morgen des 27. Januar 1942 trat ein langer trauriger Zug unter Bewachung der Gestapo den Weg zum Bahnhof an. Nicht etwa, dass man uns auf den Bahnsteig brachte, wir wurden weit außerhalb der Station in vollkommen verschmutzte, ungeheizte Waggons verladen.(...) Wohin wir kamen, wussten wir nicht. Erst als wir im Zuge waren, sickerte langsam durch, dass unser Weg nach Riga in Lettland ging.

Dieser Bericht fand auch in der Erinnerung der Tochter von J. Wolff, Edith Marx

(1916-2003), seine Bestätigung, mit welcher der Verfasser dieses Beitrages 1992

über die Rigadeportation sprechen konnte. Frau Edith Marx (geb. Wolff) schilderte

die Ankunft der Familie am 1. Februar 1942 in Riga (wahrscheinlich am  Rangierbahnhof Skirotava) und die grauenhafte Situation im Ghetto:

In Riga sind einige auf dem Bahndamm gleich erschossen worden, während wir ausstiegen.(...) Wir wurden in Häuser eingewiesen, aus denen die Bewohner vertrieben worden waren und die beinahe völlig zertrümmert dastanden. Viele ehemalige Bewohner, lettische Juden, waren von SS-Leuten ermordet worden. Überlebende waren, durch Stacheldraht von uns getrennt, auch im Ghetto

untergebracht. Es waren vorwiegend Männer, die Frauen hatte man fast alle umgebracht.(...) Durch ständige neue Transporte füllte sich das Ghetto mehr und mehr.(...) Noch vor Auflösung des Ghettos wurden wir in das Konzentrationslager Kaiserwald bei Riga geschickt.

Von der Familie Wolff überlebten nur Jeanette und Edith die Konzentrationslager

der Nationalsozialisten. Die anderen Familienmitglieder, Hermann und Juliane, die jüngere Schwester von Edith, die zunächst auch von Dortmund aus in das Rigaer

Ghetto deportiert worden waren, sind später ermordet worden.

Zu den wenigen Überlebenden des Rigaer Ghettos zählten auch Hugo Edelstein

(1920 – 1997), damals 21 Jahre alt, aus Dortmund Husen und dessen Schwester. Sein schriftlich vorliegender Bericht (abgefasst in der Zeit von 1946 bis 1993) über die Deportation und Ankunft in Riga liegt dem Verfasser vor. Darin heißt es:

Eines Tages bekamen wir von der Gestapo Bescheid, dass wir uns in der Börse (Gasthaus) Steinstraße zu melden hatten. In diesem Schreiben war genau festgelegt, was jeder an Gepäck mitnehmen konnte. An Geld waren 10 RM gestattet, alles andere mußte zur Verfügung der Gestapo bleiben. Ich muß vorausschicken,

dass man vorher schon die meisten Juden aus ihren Wohnungen verwiesen

und in ein feuchtes Barackenlager am Kanal gebracht hatte.(...)Im Saal der Börse lagen wir zu etwa 1.300 Menschen auf unseren Gepäckstücken.(...)Am Morgen des 25. Januar 1942 (Forschungsstand 27. Januar 1942, G.H.) trat ein langer, trauriger Zug von Menschen unter Bewachung der Gestapo den Weg zum Bahnhof an.(...) Endlich nach langer Qual, kamen wir hungrig und steif gefroren am Rigaer Bahnhof Shirotawa an. Deutsche und lettische SS empfing uns hier mit Stock- und Kolbenschlägen.(...) Dann kam der Weg ins Ghetto. Manche, die schlecht gehen

konnten, ältere Leute und Kinder transportierte man auf Schlitten fort auf Nimmerwiedersehen. Drahtzäune, hohe und niedrige Häuser, zertrümmerte Möbel und Gerümpel aller Art, das war unsere erste Station auf dem Kreuzweg, den wir fast vier Jahre gehen mussten.

Hugo Edelstein war einer der wenigen Dortmunder, der das Rigaer Ghetto überlebt

hat und nach dem Krieg wieder in seine Heimatstadt zurückgekehrt ist. Es gibt jedoch noch zahlreiche unaufgeklärte Schicksale von Dortmunder Juden im Zusammenhang mit der Deportation vom Januar 1942. Im Verlauf der letzten Jahre

konnte vom Stadtarchiv im Rahmen eines Gedenkdateiprojektes betr. individuelle Daten von NS-Verfolgten ermittelt werden, dass von den 500 nach Riga deportierten

Dortmundern nur etwa 20 Personen die Vernichtungslager der Nationalsozialisten

überlebt haben dürften.

 

Erinnerungs- und Gedenkkultur in Riga – das Deutsche Riga-Komitee

 

Die Stadt Dortmund zählte am 23. Mai 2000 neben Berlin, Düsseldorf, Hamburg,

Hannover, Kassel, Köln, Leipzig, Nürnberg, Stuttgart, Münster, Osnabrück

und Bielefeld zu den 13 kommunalen Gründungsmitgliedern des Deutschen Riga-

Komitees. Zu diesem Städtebündnis gehörte von Anfang an auch die Stadt Wien und

die von ihr initiierte Initiative Riga in Österreich. Ziel dieses Bündnisses war es, in

Riga und in der Umgebung von Riga – an den authentischen Orten des Holocausts –

der ermordeten Juden zu gedenken. Aus Westfalen, von wo in zwei Deportationen

aus Münster/Osnabrück/Bielefeld und Gelsenkirchen/Dortmund insgesamt etwa

2.000 Menschen nach Riga verschleppt wurden, sind neben den genannten Städten

inzwischen auch Bochum, Gelsenkirchen, Billerbeck, Bocholt, Haltern am See, Marl,

Paderborn, Recklinghausen, Steinfurt, Vreden und Warendorf Mitglieder des Komitees. So konnte genau 60 Jahre, nachdem am 30. November 1941 der erste Zug mit deutschen Juden aus Berlin Riga erreicht hatte, am 30. November 2001eine würdige Gedenkstätte im Wald von Bikernieki, wenige Kilometer von Riga entfernt, eingeweiht werden. In diesem Wald wurden die meisten der deutschen deportierten Juden ermordet. Diese Gedenkstätte – auch für die in und um Riga ermordeten Dortmunder Juden – war mit dem Willen errichtet worden, den Ermordeten ihre Namen zurückzugeben, ihnen ein ewiges Ruherecht und mit Namen und Grab ein dauerhaftes Gedenken zu sichern.

Anlässlich des zehnjährigen Bestehens dieses Komitees besuchten in der Zeit

vom 8. bis 10. Juli 2010 Repräsentanten von 24 Städten, darunter auch einige Historiker sowie Leiter von Stadtarchiven als Vertreter der Komitee-Städte die Hauptstadt Lettlands. Aufgabe des Zusammenschlusses der Städte im Riga-Komitee war und ist es, die über Jahrzehnte verschüttete Erinnerung an die insgesamt etwa 31.000 nach Riga verschleppten Juden wach zu halten, von denen die allermeisten in und um Riga ermordet worden sind – infolge der Haftbedingungen oder durch Massenerschießungen im Wald von Bikernieki. Die Riga-Deportationen waren die eigentliche Vorstufe des Massenmordes an den deutschen Juden. Viele Spuren der

nach Riga verschleppten und dort ermordeten (Dortmunder) Juden lassen sich

mangels schriftlicher Aufzeichnungen nicht mehr verfolgen, so dass es in der Regel

schwierig ist, die genauen Todesorte der Deportierten in Riga und Umgebung – Bikernieki, Rumbala, Straflager Salaspils, Lager Jungfernhof, KZ Kaiserwald – genau zu bestimmen.

Ähnliche Schwierigkeiten zeigten sich auch bei der durch das Riga-Komitee angeregten zweibändigen Veröffentlichung Buch der Erinnerung. Die ins Baltikum deportierten deutschen, österreichischen und tschechoslowakischen Juden, die 2003 als Gedenkbuch 31.000 Namen der nach Riga deportierten deutschen, österreichischen und tschechoslowakischen Juden enthält. Das aufgrund der nur fragmentarisch vorliegenden Deportationslisten, die zudem oft geändert wurden, äußerst diffizile Forschungsprojekt unter der Leitung des Berliner Historikers Wolfgang Scheffler und der Historikerin Diana Schulle, institutionell vertreten durch den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, der Stiftung „Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum“ und der Gedenkstätte „Haus der Wannsee-Konferenz“, wurde vom Stadtarchiv Dortmund nachhaltig unterstützt. Das Buch der Erinnerung sollte die Namen aller Juden verzeichnen, die in der Zeit vom November 1941 bis Ende Oktober 1942 nach Riga bzw. ins Baltikum deportiert und größtenteils ermordet worden sind.

 

Stationen der Erinnerungs- und Gedenkfahrt in Riga und Umgebung

 

Gemeinsam mit 25 deutschen und lettischen Jugendlichen suchten die Delegierten

des Riga-Komitees am 9. Juli 2010 die zentralen Orte der nationalsozialistischen

Judenverfolgung in Riga und Umgebung auf. Der ehemalige Bundestagsabgeordnete Winfried Nachtwei, der 1989 erstmals auf die Spuren der verschleppten Juden in Riga gestoßen war, schilderte als Moderator der Gedenkfahrt die historisch nicht unkomplizierte Geschichte der jeweiligen rassistischen und nationalistischen Verbrechen, an denen die Nationalsozialisten, aber auch nationalistische lettische Verbände und paramilitärische Organisationen

antisemitischer Ausprägung beteiligt waren. Die Gedenk- und Erinnerungsorte

selbst finden erst allmählich Eingang in die bisher vernachlässigte Erinnerungs- und

Gedächtniskultur Lettlands. Immerhin gibt es seit 1990 in Riga ein kleines Jüdisches Museum, in dem – wenn auch sehr kleinteilig – auf den Holocaust eingegangen

wird. Seit 1991, der Wiederherstellung der Unabhängigkeit der Republik Lettland, widmet sich ein Lettisches Okkupationsmuseum 1941 – 1991 (!) der Besatzungszeit

zwischen 1941 und 1991, als Lettland unter deutscher und ab 1944 unter sowjetischer Besatzung stand. Eine akribisch und gut präsentierte ständige Ausstellung klärt darüber auf, dass die beiden totalitären Diktaturen, verkörpert durch

Hitler und Stalin, für das ursprünglich unabhängige Lettland, verheerende Spuren

hinterlassen haben. Die Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen vor Ort bzw.

die Darstellung der Kollaboration lettischer Personen und Organisationen mit dem NS und deren Beteiligung am Holocaust kommt dabei noch zu kurz.

 

Stationen der Erinnerungs- und Gedenkorte auf der Busfahrt durch Riga

und Umgebung waren:

 

Die ehemalige Große Choral Synagoge an der Gogolstraße

Die Große Choral Synagoge, von der noch Mauerreste vorhanden sind, war 1871 errichtet und am 4. Juli 1941 niedergebrannt worden. Als am 1. Juli 1941 die Wehrmacht in Riga einmarschiert war, fand sie für die bevorstehenden Pogrome schnell willige Helfer unter den militant nationalistisch und antisemitisch ausgerichteten lettischen Selbstschutzverbänden und antikommunistischen

Donnerkreuzlern. Ein Kommando dieses faschistoiden Verbandes

marschierte am 4. Juli 1941 zur Synagoge in der Gogolstraße, in die sich 300

lettische Juden geflüchtet hatten. Mehrere Juden wurden zusätzlich in die Synagoge

getrieben, die dann verschlossen und angezündet wurde. Keiner überlebte. Nach

dem Krieg wurden die Spuren dieses lettischen Massakers verwischt, die Trümmer

der Choral Synagoge zugeschüttet und von einer Grünanlage überdeckt.1992 konnten hier anlässlich einer ersten Erinnerungsreise aus Deutschland Kränze für

die nach Riga verschleppten Juden niedergelegt werden. Später wurde an den restaurierten Grundmauern der Synagoge die erste Holocaust-Gedenkstätte Lettlands eingeweiht. An etliche Retter von Juden erinnert seit dem 4. Juli 2007 (66 Jahre nach dem Massaker) gegenüber den Synagogenresten ein zweites Denkmal an die Menschen, welchen über 400 Juden ihr Leben zu verdanken haben.

 

Der ehemalige Bereich des Rigaer Ghettos

Von dem alten Jüdischen Friedhof in der sogenannten Moskauer Vorstadt in Riga innerhalb des ehemaligen Reichsjudenghettos, auf dem viele Juden – sowohl lettische als auch deutsche – ab 1941/42 erschossen worden sind, ist kein Grabstein mehr erhalten geblieben. Nur ein kaum bemerkbarer Gedenkstein aus der sowjetischen Okkupationszeit erinnert an die Opfer des Faschismus. In dem damaligen Ghetto waren in den entsprechenden Straßen und Judenhäusern Menschen aus den jeweiligen Deportationsstädten interniert (z.B. Bielefelder -,

Dortmunder -, Düsseldorfer Straße). Das Haus Bielefeld im ehemaligen Ghetto existiert heute als normales Wohnhaus. Am 2. November 1943 fand in diesem

Ghetto ein letzter Appell statt. Ein Teil der Häftlinge, darunter auch Dortmunder

Juden, wurden in das nahe gelegene KZ Kaiserwald verbracht, andere in

Richtung Güterbahnhof Skirotava. Dort warteten Züge, die ins Vernichtungslager

Auschwitz fuhren.

 

Das Wäldchen von Rumbula

Hier ermordeten am 30. November und 8. Dezember 1941 NS-Einheiten und lettische Nationalisten mehr als 28.000 Rigaer Juden, um für die deportierten Juden aus dem Deutschen Reich Platz zu schaffen. Es ist anzunehmen, dass dort später auch Dortmunder Juden ermordet worden sind. Seit den 1960er Jahren hatten überlebende Juden aus Riga damit begonnen – gegen die Widerstände der damaligen sowjetischen Bürokratie – die Gräberstätten in Rumbula würdig zu gestalten. Sie konnten immerhin einen Gedenkstein durchsetzen, auf dem Den Opfern des Faschismus auch in Jiddisch geschrieben war.

 

Erinnerungs- und Gedenkort – die Gedenkstätte im Wald von Bikernieki

Der Riga nahegelegene Hochwald von Bikernieki wurde im Verlauf der Deportationen

deutscher Juden nach Riga zum größten Mordplatz im deutsch besetzten Lettland. Die größte Opfergruppe waren jüdische Männer und Frauen, Greise und Kinder. Erschossen wurden hier aber auch Tausende von politischen Aktivisten und nahezu 10.000 sowjetische Kriegsgefangene. Insgesamt über 35.000 Menschen sollen im Bereich Bikernieki in 55 Massengräbern verscharrt worden sein.

Am 30. November 2001 – 60 Jahre nachdem der erste Deportationszug mit deutschen Juden Riga erreicht hatte – hat hier der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge im Auftrag der deutschen Bundesregierung gemeinsam mit dem Riga-Komitee, unterstützt von der Initiative Riga Wien eine würdige Gedenkstätte eingeweiht. Vom zentralen Gedenkplatz, auf dem in Form von aufgestellten Steinen den jeweiligen Opfern aus den Städten des Riga-Komitees gedacht wird, führt ein Waldweg – der Weg des Todes – die Besucher der Gedenkstätte zu den einzelnen Grabfeldern. Sie sind mit Kantsteinen eingefasst und durch Naturstein-Stelen gekennzeichnet. Entlang des Weges stehen Betonstelen mit dem Davidstern, einem Kreuz oder Dornenkranz. Denn außer den jüdischen Opfern des Ghettos wurden hier auch lettisch Verfolgte – für sie steht das Kreuz – und

Kriegsgefangene unterschiedlichen Glaubens ermordet.

 

9. Juli 2010: Gedenktag in Bikernieki

Auf dem Zugangsweg zur Gedenkstätte Bikernieki informierte der lettische Architekt

Sergejs Rizh die Delegierten des Riga-Komitees über die lange Geschichte dieser Mord- und Gedenkstätte. An der Gedenkstätte selbst sprachen der Leiter der Stadtverwaltung von Riga, eine Vertreterin des lettischen Außenministeriums

sowie der stellvertretende Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Rigas, Banjamin

Kaem; Ansprache und Gebet von Pastor Martin Grahl und Kaddisch durch Kantor

Haim Ischakis. Winfried Nachtwei hielt die Gedenkansprache für die Delegation

des Riga-Komitees, indem er noch einmal auf die zeitlichen Abläufe der Massenverbrechen hinwies:

Ab November 1941 rollten die Deportationszüge mit deutschen, österreichischen und

tschechischen Juden nach Riga. 1942 fanden am 5. Februar und 15. März im „Reichsjudenghetto“ (Riga) und am 26. März im Lager „Jungfernhof“ (nahe Riga) große Appelle statt. Statt in das angebliche Arbeitskommando in der Fischkonservenfabrik Dünamünde wurden etliche tausend Menschen hierher in den „Hochwald“, den Wald von Bikernieki, gefahren und erschossen.(...).

Unter den Mordopfern von Bikernieki befanden sich auch viele Juden aus Dortmund

und Westfalen. Damit steht die Gedenkstätte Bikernieki auch für einen externen

Gedenk- und Erinnerungsort für Dortmunder und westfälische Holocaust-

Opfer sowie für eine (noch immer andauernde) Spurensuche nach der Identität der

Opfer, in welche die Städte des Riga-Komitees eingebunden sind.

Im Rahmen der Erinnerungsfahrt war es nicht mehr möglich, die monumentale

Gedenkarchitektur für das Konzentrations- und Straflager Salaspils in der Nähe

von Riga zu besuchen. In diesem Konzentrationslager wurde – wie erst jüngste Recherchen ergeben haben – der Dortmunder Jude Salomon Berger ermordet, dessen Ehefrau Regina wahrscheinlich auch in Riga umgekommen ist.

Für eine unabhängige und objektive historische Aufarbeitung und darauf fußende

Erinnerungs- und Gedächtnisarbeit über die mehrdimensionalen Verbrechen von

Deutschen, Russen und Letten gegenüber der jüdischen Bevölkerung, aber auch gegenüber politischen Gefangenen und Kriegsgefangenen war in der Sozialistischen

Republik Lettland von 1945 bis 1991 kaum Platz. Gab es vor 1991 überhaupt Erinnerungs- und Gedenkorte betreffend die Zeit von 1940 bis 1945, so wurden deren Tote meist als Opfer des Faschismus pauschaliert. Auch heute noch ist es aufgrund nationaler und antisowjetischer Ressentiments für Lettland nicht einfach, gemeinsam mit Deutschland eine europäisch ausgerichtete Erinnerungs- und

Gedenkstättenarbeit im Umfeld der authentischen Täterorte wie Bikernieki und Rumbula zu etablieren. Die wichtigste Voraussetzung dafür war das Kriegsgräberabkommen von 1999, in dem sich die Deutsche Bundesregierung verpflichtet hatte, auch den deutschen Opfern der Deportationen in Lettland eine würdige Gedenkstätte zu schaffen. Am Abend nach der Gedenkfahrt anlässlich eines Abschlussempfanges gab die Stadt Riga bekannt, noch in diesem Jahr ein Ghetto-

Museum einzurichten zu wollen. Ein Exponat dieses Museums könnte dann auch

das Revier- oder Ordnungstagebuch der Dortmunder Gruppe im Rigaer Ghetto

sein, das damals wohl im Haus Westfalen II/Dortmund (Lager) geführt worden und

als einziges erhaltenes Protokoll- bzw. Lagerbuch des Rigaer Ghettos erhalten ist.

Es befindet sich gegenwärtig im Historischen Staatsarchiv Lettlands in Riga.

 

Quellen und Literatur:

Stadtarchiv Dortmund, Bestand 182, Nr. 8, Verzeichnis der Juden aus Dortmund, die für die Evakuierung in Frage kommen (Rigaliste vom November 1941)

Historisches Staatsarchiv Lettlands (Riga), Revier- oder Ordnungsbuch der „Dortmunder Gruppe“ im Rigaer Ghetto (Signatur P 132-28-18)

Edelstein, Hugo (Dortmund), Mein Tagebuch. Die Vernichtung der Familie Edelstein in den Jahren 1939-19465 (Manuskript), Dortmund o. J.

Buch der Erinnerung. Die ins Baltikum deportierten deutschen, österreichischen und tschechoslowakischen Juden, bearbeitet von Wolfgang Scheffler und Diana Schulle, 2 Bde., München 2003

Angrick, Andrej/Klein, Peter, Die „Endlösung“ in Riga: Ausbeutung und Vernichtung 1941-1944, Darmstadt 2006.

Knipping, Ulrich, Die Geschichte der Juden in Dortmund während der Zeit des Dritten Reiches, Dortmund 1977

Nachtwei, Winfried, 10 Jahre Deutsches Riga-Komitee, in: Gegen Vergessen Für Demokratie 66/November 2010, S. 16 ff.

Schneider, Gertrude, Reise in den Tod. Deutsche Juden in Riga 1941-1944, Berlin 2006

Wolff, Jeanette, Sadismus oder Wahnsinn, Erlebnisse in den deutschen Konzentrationslagern im Osten, Dresden (1946)

 

 

aus der Zeitschrift „Heimat Dortmund 1/2011“, S. 36 – 45 (hier ohne Fotos veröffentlicht)

Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.

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