Haltern am See

 

Die Städte Haltern am See und Marl traten am Mittwoch, dem 27. Januar 2010, unabhängig von einander offiziell als 36. und 37. Mitgliedsstadt dem Deutschen Riga-Komitee bei.

Ansprechpartner der Stadt Haltern am See für das Riga-Komitee ist

Pressesprecher Georg Bockey
Stadt Haltern am See
Rathaus
Dr.-Conrads-Straße 1
45721 Haltern am See
Tel.: +49 (0)2364 / 933-402
Fax: +49 (0)2364 / 933-111
Email: Georg.Bockey(at)haltern.de

 

Festakt Beitritt der Stadt Haltern am See zum Riga-Komitee am 27. Januar 2010 im Schulzentrum von Haltern

Rede von Winfried Nachtwei, MdB a. D.

 

Lieber Herr Abrahamsohn,

lieber Alexander Lebenstein,

liebe Kolleginnen und Kollegen aus der Politik mit Bürgermeister Klimpel an der Spitze,

sehr geehrte Gäste,

liebe Schülerinnen und Schüler,

 

im Sommer 1989, vor etwas mehr als 20 Jahren, besuchte ich zum ersten Mal die lettische Hauptstadt Riga, die schöne alte Hansestadt. Das Baltikum - Lettland, Litauen und Estland – standen noch unter sowjetischer Herrschaft. Aber politisch war schon viel in Bewegung: Im Osten viel Neues.

Angestoßen durch eine Buchveröffentlichung (Bernhard Press: Judenmord in Lettland) stieß ich in Riga auf Spuren dunkelster deutsch-lettischer Vergangenheit:

-          ein heruntergekommenes Viertel, „die Moskauer Vorstadt“, nicht weit vom Hauptbahnhof entfernt. Hier befand sich von Dezember 1941 bis November 1943 das „Reichsjudenghetto“, in das binnen zwei Monate ungefähr 20.000 jüdische Menschen aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei „evakuiert“ worden waren.

-          Das große Lager Salaspils einige Kilometer vor der Stadt, errichtet vor allem von jüdischen Häftlingen aus Deutschland.

-          Am Stadtrand der Wald von Bikernieki mit seinen vielen Mulden, den Gevierten aus normalen Bordsteinen darin, Markierungen für die mindestens 55 Massengräber, in denen während der Nazizeit über 40.000 Erschossene verscharrt worden waren.

Ich lernte Margers Vestermanis kennen, der als 16-Jähriger zusammen mit seiner Familie im Oktober 1941 in das Ghetto von Riga gesperrt worden war, er als 19-Jähriger bei den Partisanen gegen die deutschen Besatzer kämpfte.

Diese Vergangenheit war eingesperrt in der Erinnerung der wenigen Überlebenden, verdrängt, vergessen von ihrer Umwelt im Osten wie im Westen.

An den Orten des Terrors: nichts, rein gar nichts wies daraufhin, dass hier vor allem Juden aus dem damaligen Deutschen Reich gequält, ausgebeutet, ermordet worden waren.

 

Am 27. Januar 1942, genau heute vor 68 Jahren verließ ein Zug mit 938 jüdischen Frauen, Männern, Kindern den Dortmunder Hauptbahnhof. Sie kamen aus Dortmund, Bochum, Gelsenkirchen, Recklinghausen, Dorsten, Marl und vielen anderen Orten der Region, unter ihnen fünf aus Haltern:

Der 14-jährige Alexander Lebenstein zusammen mit seinen Eltern Lotte und Nathan Lebenstein (Nathan war Viehhändler und Teilnehmer am 1. Weltkrieg); Jenny Kleeberg und Hermann Cohn.

Angeblich ging es zum „Arbeitseinsatz im Osten“. Kaum jemand ahnte, konnte ahnen, was in Riga kam.

Es war der vierte Zug aus dem Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalen. Die anderen kamen – mit jeweils 1.000 Personen – aus Köln, Düsseldorf, Münster/Bielefeld/Osnabrück.

Der Dortmunder Zug kam am 1. Februar in Riga am Rangierbahnhof Skirotova an. Von dort waren sieben Monate zuvor einige Zehntausend Letten von den Sowjets nach Sibirien deportiert worden. In Riga herrschte tiefster Winter, noch kälter als in diesen Tagen. Die Menschen wurden zum Ghetto getrieben. Dort wurden sie in Wohnungen zusammengepfercht, in denen sie ein wildes Durcheinander vorfanden, gefrorenes Essen auf dem Tisch, Blutspuren.

Bald erfuhren die Neuankömmlinge, was mit den früheren Bewohnern geschehen war:

Zwei Monate vorher, frühmorgens am 30. November, mussten die im Ghetto Riga eingesperrten lettischen Juden raus auf die Straße. Erst wurde gebrüllt, dann geprügelt, schließlich geschossen. In Marschkolonnen zogen sie raus zu einem Wäldchen an der Bahnstation Rumbula. Hier waren große Gruben vorbereitet. Über Rampen mussten die Menschen in die Gruben gehen und sich hinlegen. Ein Kommando von zehn Sicherheitspolizisten erschoss die Liegenden. Um ihnen das Mordhandwerk zu erleichtern, stand eine Kiste Schnaps bereit. Viele Uniformierte sahen zu. Deshalb gibt es auch Augenzeugenberichte von dem Massaker, dem an diesem Tag, dem „Rigaer Blutsonntag“, 15.000 Menschen zum Opfer fielen. Nach einer zweiten Mordaktion am 8. Dezember waren der größte Teil der jüdischem  Bevölkerung Rigas – bis auf wenige tausend „Arbeitsjuden“ – ermordet, war nun „Platz geschaffen“ für die angekündigten Transporte aus dem Reich.

 

Im Ghetto wurden nach den Herkunftsorten zehn Gruppen gebildet, die Dortmunder, Berliner, Kölner …, wurden lettische Straßen umbenannt in Leipziger, Wiener, Düsseldorfer, Bielefelder Straße. Die Menschen lebten dicht gedrängt zusammen. Die Essensrationen waren spärlich,  bestanden immer wieder auch aus Lebensmittelabfällen, zum stinkend und verdorben. Es herrschten strengste Regeln. Verboten war bei Todesstrafe Kontaktaufnahme durch den Zaun, Tauschhandel. Verboten war bei Todesstrafe, Kinder zu gebären.

Arbeitsfähige wurden zur Zwangsarbeit im Hafen, bei der Reichsbahn, Wehrmacht, SS, in Industriebetrieben wie AEG eingeteilt.

Willkür war alltäglich: Bei wem zum Beispiel bei der Rückkehr vom Arbeitskommando Brot gefunden wurde, der wurde schnell von Ghettokommandanten Krause af dem Alten Jüdischen Friedhof erschossen.

 

Am 5. Februar 1942, nur vier Tage nach Ankunft des Dortmunder Transports, fand ein großer Appell statt. In Dünamünde gebe es ein Arbeitskommando in einer Fischkonservenfabrik, geeignet für Ältere und Schwächere. 1.100 jüdische Häftlinge aus Berlin und 400 aus Wien wurden dafür ausgesucht, wurden von Lkw`s weggefahren. Nach einigen Tagen mussten Frauen große Mengen Kleidungsstücke sortieren. Die Hosen, Mäntel, Jacken waren verdreckt, hatten Einschusslöcher, Blutspuren, einige stammten  von Angehörigen. Da war klar, dass es kein Arbeitskommando Dünamünde gab, dass die Menschen vielmehr in den „Hochwald“, den Wald von Bikernieki gebracht und dort erschossen worden waren.  

 

Die Seite der Täter: Die Männer in deutschen und auch lettischen Uniformen, die prügelten, schossen, sie waren oft „ganz normale Männer“, treusorgende Familienväter, Musikliebhaber. Kommandant Krause konnte in einem Moment eine Mutter erschießen, in anderen Momenten Süßigkeiten an Kinder verteilen. Er hieß auch „Onkel Krause“.

Solche Männer wurden zu Mördern, weil alle staatlichen Schranken der Menschlichkeit gefallen waren, weil sie nicht aus ihrer Gruppe ausscheren wollten, weil sie dran gewöhnt wurden (erst erschossen zehn Mann eine Person, dann fünf zwei, schließlich schoss einer mit dem Maschinengewehr), weil sie das Grundgefühl von Mitmenschlichkeit verloren hatten – dass jeder ein Mensch, ein Mitmensch ist.

Aber es gab auch andere Uniformierte: Der alte Mann aus Dülmen, der mir Anfang der 90er Jahre anlässlich meines Riga-Vortrages ein Erlebnis erzählte. Im Krieg war er als Soldat in einem Wehrmachtslazarett in Riga. Auf der Straße traf er auf den jüdischen Metzgermeister Jupp Salomon aus Dülmen, früher ein kräftiger Mann, jetzt stark abgemagert. Der Soldat schmierte im Lazarett Butterbrote – und legte sie neben Jupp Salomon auf den Bürgersteig. Direkter Kontakt war ja verboten. Am nächste Tag dasselbe. Danach sah der Soldat Jupp Salomon nie wieder.

Oder fahnenflüchtige deutsche Soldaten, die nicht mehr mitmachen wollten beim Krieg, die sich im Ghetto versteckten. Zum Beispiel der Schütze Helmut Roggow, der am 27. März 1942 wegen Kontakten ins Ghetto erschossen wurde. Oder ein Hauptmann Vogler, der Hunderten das Leben rettete.

 

Die Seite der Opfer: Vor der Machtergreifung der Nazis waren die Juden oft angesehene, selbstbewusste Deutsche jüdischen Glaubens, nicht wenige Männer Träger militärischer Orden. Jahre der Ausgrenzung, Schikane, Entrechtung, für unmöglich Gehaltenes erleben zu müssen, das konnte Menschen zerbrechen. Viele kämpften trotzdem weiter um`s Überleben. Auf dem Arbeitskommando die Suche nach Tauschmöglichkeiten, nach einem Menschen. Organisiert wurde für Kinder und Jugendliche Schulunterricht. Bei der Gruppe Wien trafen sich Jüngere zum Musizieren, wurden Konzerte veranstaltet, gab es Theateraufführungen, zum Beispiel „Nathan, der Weise“ – kritisch beobachtet von Älteren.

Oder das Beispiel des 22-jährigen Horst Wertheim, Barackenältester in Salaspils: Die Brüder Erich und Herbert Hanau waren geflohen und dann wieder gefangen worden. Der SS-Mann befahl Wertheim, zehn Häftlinge seiner Baracke zur Erschießung auszusuchen. Darauf der Älteste: „Herr Sturmbannführer, nehmen Sie mich als ersten. Die neun anderen wählen Sie aus.“ Der Kommandant war über diese Antwort so konsterniert, dass er die Sache auf sich beruhen ließ.

 

Es gab Nachbarn, die nicht wegsahen, die halfen, es gab sogar Wildfremde, die halfen und retteten. Am bekanntesten Janis und Johanna Lipke, er Hafenarbeiter in Riga. Er konnte, wollte sich nicht damit abfinden, was im Ghetto mit den jüdischen Menschen geschah. Mit Mut, ja Frechheit und Raffinesse gelang es den Lipkes, 55 Ghettohäftlingen das Leben zu retten.

 

Nach dem Krieg: Von den fünf Halterner Juden überlebte nur Alexander Lebenstein, von den 938 Gefangenen des Dortmunder Transports überlebten 121, von den 31.372 ins Baltikum Deportierten 1.147.

Diese Überlebenden blieben über Jahrzehnte allein mit ihrer Erinnerung, die mit zunehmendem Alter immer wacher wurde.

In den Jahrzehnten sowjetischer Herrschaft wurde nur allgemein der Opfer des Faschismus gedacht, wurde aber Erinnerung an die jüdischen Opfer systematisch verhindert. In Westdeutschland gab es vereinzelte Prozesse gegen Beteiligte an den Massenmorden von Riga, manche endeten mit unfassbar milden Urteilen.

Die Erinnerung öffnete sich erst mit dem Zerfall der Sowjetunion, mit der Unabhängigkeit Lettlands 45 Jahre danach Anfang der 90er Jahre.

Seitdem habe ich Dutzende von Überlebenden von Ghetto und KZ aus Riga getroffen. Obwohl ihnen von Deutschen Fürchterliches angetan worden war, hörte ich nie einen Vorwurf gegen  d i e   Deutschen, gar die Nachkriegsgenerationen. Im Gegenteil. Als ich als einziger nichtjüdischer Deutscher am Ersten Welttreffen der lettischen Juden 1993 in Riga teilnahm, da wurde ich als erstes nach Leutnant Schmidt gefragt. Der hatte sich anständig verhalten.

 

Wir in Deutschland heute können das alles nicht wiedergutmachen, gar rückgängig machen.

Aber wir können anderes tun:

-          Die Erinnerung wach halten. Dazu verhalf der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge mit der Errichtung der Gedenkstätte Bikernieki in Riga. 5.000 Granitsteine zwischen 20 Zentimeter und 1,50 Meter Höhe, dicht gedrängt, symbolisieren die kleinen und großen jüdischen Menschen, die hier ermordet, verscharrt, schließlich verbrannt worden sind. 2001 wurde die Gedenkstätte eingeweiht. Dank an die Stadt Haltern, dass sie sich durch Beitritt zum Riga-Komitee die Pflege der Gedenkstätte unterstützt. Dank an den Volksbund, dass Sie mit den Workcamps Jugendlichen aus Deutschland, Lettland und anderen europäischen Ländern die Möglichkeit geben, diese Erinnerungen wachzuhalten und auszutauschen.

-          Verbindung halten zu den immer weniger Überlebenden. Die Realschule und die Stadt Haltern tun das beispielhaft mit Alexander Lebenstein. Kontakt und Unterstützung auch in Richtung Holocaust-Überlebende im Baltikum, die seit 1998 eine kleine Rente aus Deutschland bekommen. Ist es nicht toll, dass vor ca. zehn Jahren ein junger Mann seinen Lottogewinn von mehreren Millionen in die Unterstützung der Holocaust-Überlebenden im Baltikum steckte? 

 

Lieber Alexander Lebenstein!

Wir blicken zurück – und wollen heute  h i n s e h e n, nicht mehr wegsehen, wenn Menschen ausgegrenzt, schikaniert, gequält werden.

Wir wollen Mut und Courage zeigen.        

Das ist nicht nur ein Versprechen. An dieser Schule ist das Programm und Wirklichkeit.

Danke!

 

 

 

Anmerkungen

 

Rolf Abrahamsohn (* 1925 in Marl), Überlebender des Rigaer Ghettos

 

Alexander Lebenstein (* 1927 in Haltern am See), Überlebender des Rigaer Ghettos, wohnhaft in Richmond/Virginia in den USA, seit 2008 Ehrenbürger der Stadt Haltern und Namensgeber der Realschule. Wegen Erkrankung konnte er nicht wie beabsichtigt an dem Festakt teilnehmen. Bürgermeister Klimpel verlas sein Grußwort. Nach Auskunft seiner Familie lag er am 27. Januar auf der Intensivstation und ließ alle Freunde lieb grüßen. Er fühle sich durch viele mails und Wünsche sehr, sehr geborgen. Am Morgen des 28. Januar starb Alexander Lebenstein in Richmond.  

Die Erinnerungen von Alexander Lebenstein, erzählt von Don Levin, erschienen unter dem Titel „The Gazebo“ in Bloomington/USA 2008. (www.thegazebook.com)

 

Die Alexander-Lebenstein-Realschule erhielt 2003 die Auszeichnung „Schule gegen Rassismus – Schule mit Courage“. 

 

Das Riga-Komitee wurde im Mai 2000 in Berlin von 13 Städten in Anwesenheit des damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau gegründet. Es ist ein beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge angesiedelter Zusammenschluss von Herkunftsorten der Riga-Deportationen mit dem Zweck, die Pflege der Gedenkstätte in Riga zu unterstützen und die Erinnerung an die Deportieten wachzuhalten. Am 27. Januar traten Haltern und Marl als 36. und 37. Stadt dem Komitee bei. Am 8.-10. Juli 2010 soll in Riga das zehnjährige Bestehen des Riga-Komitees begangen werden.

 

Weitere Mitwirkende des Festakts, an dem die Jahrgangsstufen 9 und 10 teilnahmen:

Als Redner Bürgermeister Bodo Klimpel, Integrationsbeauftragter Thomas Kufen in Vertretung von Landesminister Armin Laschet, Landesgeschäftsführer des VDK, Peter Bülter;  Britta Strege (Gesang), Astrid Strege (Flügel), Jürgen Saalmann (Gitarre).  

Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.

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