Tagungsbericht über das gemeinsame Seminar der Friedrich-Ebert-Stiftung und des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge „Zur Konkurrenz der Erinnerungskulturen in Deutschland, Frankreich und Polen“ (März 2012)

Die Tagung „Zur Konkurrenz der Erinnerungskulturen in Deutschland, Frankreich und Polen“ vom 11.-15. März 2012 umfasste ein ehrgeiziges Programm, das aus Besuchen in und an verschiedenen Gedenkstätten in und um Berlin und Vorträgen hochkarätiger Referenten aus Deutschland, Frankreich und Polen bestand, die das Thema mit unterschiedlichen Schwerpunkten beleuchteten. Sie richtete sich an WissenschaftlerInnen, Studierende und Interessierte aus den drei Ländern.

Nach der Begrüßung durch Thomas Rey (VDK) und Prof. Boll (FES) und einer kurzen Einführung in das Thema der Tagung, erhielt Prof. Faulenbach das Wort. In seinem Impulsreferat machte er deutlich, wie stark die Erinnerung sich nach der Gegenwart richtet und damit ständiger Veränderung unterliegt. So erklärt sich auch, warum mit zunehmendem zeitlichem Abstand zum Geschehen Gesichtspunkte in den Fokus rücken, die zuvor verschwiegen wurden. So war kurz nach dem zweiten Weltkrieg ein Erinnern an Widerstandskämpfer in Westdeutschland schwierig, da Widerstand den Meisten noch als Verrat galt. Eine Differenzierung der Opfergruppen war nicht ausgeprägt, denn das Trauma der Kriegserfahrung war noch zu gegenwärtig.

Seit dem zweiten Weltkrieg ist aber dank der langen Friedenszeit und dem Fall des Eisernen Vorhangs einiges in Bewegung gekommen. Sowohl die Besuche als auch die Vorträge und Diskussionen vergegenwärtigten den TeilnehmerInnen den ständigen Wandel von Inhalten der Erinnerung und der Art des Gedenkens. Diese sind von verschiedenen Faktoren abhängig, wie dem zeitlichen Abstand zum Geschehen (Prof. Faulenbach/ Prof. Aleida Assmann), der gegenwärtigen Situation (Prof. Boll), dem  „Willen der Gesellschaft“ (Prof. Morsch), der politischen Konstellation und dem politischen Interesse (Prof. Boll), dem Grad der Mythologisierung bestimmter Sichtweisen (Dr. habil. Camarade) und der politischen Verwendbarkeit (Prof. Francois), aber auch der medialen, juristischen und wissenschaftlichen Aufarbeitung und Repräsentation eines Themenkomplexes oder einzelner Aspekte. Interessant ist, dass in Frankreich und Deutschland Filme und Fernsehserien wie „Holocaust“ und „Shoah“, zu einer Veränderung in der Rezeption der eigenen Geschichte geführt haben.


Die Rolle der Getöteten

Die Toten spielen in der Erinnerungskultur eine wichtige Rolle, sie sind die Akteure, Täter und / oder Opfer des Erinnerten. Der Umgang mit ihnen, die Art, wie ihrer gedacht wird, wie sie benannt, kategorisiert, viktimisiert oder heroisiert werden, welcher Platz ihnen in der Geschichte zugewiesen wird, ob und was für eine Grabstätte ihnen gegeben wird, hängt wesentlich von gegenwärtigen Diskursen und Interessen ab. Der Grad der Differenzierung, den der aktuelle Diskurs zulässt, lässt ihre Sichtbarkeit variieren, lässt sie erscheinen oder verschwinden.

Ihre Bedeutung wird auf erschreckende Weise klar, wenn man bedenkt, dass ihre „Entsorgung“ durch Verbrennung ein fester Bestandteil der Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten war. Ihnen in Form eines Grabes einen Raum zu geben, bedrohte die Logik der Vernichtung, denn dieser Ort bedeutete zugleich eine Materialisierung und Bezeugung des Verbrechens. Diese sollte verhindert werden, wie Überlebende der KZs bezeugen: Es sollte auch sie nie geben.

Neben den verschwundenen Toten, gibt es auch die anderen, Opfer und Täter, die in Massen- oder Einzelgräbern bestattet sind. Ihre geografische Verteilung erinnert die Heutigen an den europäischen Kontext dieser Geschichte, der inzwischen als notwendig für eine Aufarbeitung derselben angesehen wird. Er ist geeignet, um die Funktion von Erinnerungskulturen und Mythen für das Selbstverständnis und die Identität einzelner Nationen und Gruppen zu durchschauen und die eigene Rolle, ggf. die eigene Schuld klarer zu sehen. Das birgt die Möglichkeit eines umfassenderen Verständnisses und einer tiefer gehenden Versöhnung.

Die unterschiedlichen Erinnerungskulturen spiegeln sich auch in der Gestaltung der Erinnerungsstätten und Gedenkorte wider. Welche Ehrung wird den Toten (dadurch) zuteil? Welche Berechtigung hat diese Ehrung für wen?

Eine rege Diskussion löste auch der Besuch der Kriegsgräberstätte „In den Kisseln“ aus. Stephan Hadraschek (M.A.) gab den TeilnehmerInnen eine Einführung in die Geschichte und Entwicklung des Ortes. So wurden die Gräber von ZwangsarbeiterInnen, die zunächst unwürdig am Rande des Friedhofs lagen, erst später umgebettet. Während anfangs unterschiedliche Grabsteine Verwendung fanden, die eine Differenzierung zuließen, wurde 1951 die heute noch vorhandene Topographie verwirklicht, die mit einheitlichen Grabsteinen zu einer Gleichmacherei führte. Dadurch werden Fakten verschwiegen, so die Kritik, und zu wenig differenziert.

Außerdem ist die Benennung „Ehrenfelder“ irreführend, ebenso die Tatsache, dass ZwangsarbeiterInnen, Kriegsopfern und Soldaten gleichermaßen das Recht auf ewige „Grabpflege“ zukommt, was angesichts der regulären 30-Jahre-Frist einer Würdigung gleichkommt, die zumindest bei „Tätern“ unangemessen und fragwürdig erscheint. Dem hielten manche entgegen, dass im Tod alle gleich seien und es dem christlichen Menschenbild entspreche, die Totenruhe eines Jeden, unabhängig von seiner Lebensführung, zu gewährleisten.

An dieser Stelle lässt sich erahnen, dass es im Rahmen von Erinnerungskulturen, gerade im Umgang mit Kriegs- und anderen Toten (z.B. Maueropfer) auch zu religiösen Konkurrenzen kommt. Zumal die Opfer nicht alle der christlichen Religion angehörten (neben Juden gab es auch Atheisten und zu einem geringen Teil Muslime), die Gedenkkultur sich aber stark am christlichen Menschenbild und an christlichen Traditionen orientiert und sich auf diese beruft. Sicher stellt eine Erinnerungskultur, die die Getöteten nach Religionszugehörigkeit erinnert keine Alternative dar, geht es doch um das Verbrechen, das zu ihrem Tod führte. Dennoch wäre eine interreligiöse Auseinandersetzung sinnvoll, deren Ergebnis auf die Gemeinsamkeiten aufbaut und somit die (vermeintliche) Vereinnahmung der Toten durch eine Religion, der sie nicht angehörten, vermieden wird.


Sichtbarkeit und Verschwinden: Orte und Wege

Während heute die Orte des Verbrechens und der Vernichtung sichtbar sind und als Erinnerungs- und Gedenkräume genutzt werden, waren sie zur Zeit des akuten Verbrechens jenseits der Lebensräume ihrer Opfer und ihres sozialen Umfeldes. Menschen wurden hunderte oder gar tausende Kilometer „transportiert“, manchmal „nur“, um sie am Zielort zu ermorden. Ihr Transport(weg), zumindest aber ihre „Abholung“ war (für ihr Umfeld) sichtbar, während sie an ihrem Bestimmungsort verschwanden.

Diese Umkehrung von Sichtbarkeit und Verschwinden ist interessant, da heute die Wege, die Teil der Erniedrigung und der Qualen, aber auch Vorboten des Schreckens und des Todes waren, unsichtbar sind. Dennoch waren sie offensichtlich ein fester Bestandteil der Logik des Verbrechens und verdienen daher Aufmerksamkeit.

Unter „ökonomischen“ Aspekten ließen sich die langen Wege wohl kaum rechtfertigen. Aber in der Gesamtstruktur des Verbrechens bedeuteten sie eine Durchtrennung und Verunmöglichung sozialer Bindungen. Gleichzeitig ermöglichten sie die Schaffung eines „rechtlosen“ Raumes, ein Raum, in dem die Schreie und Stimmen der Opfer nicht mehr hörbar sind, Klagen nicht mehr möglich, sodass sie selbst verstummten, angesichts der Unmöglichkeit, gehört zu werden. Die Transporte bedeuteten aber auch eine Hierarchie des Schreckens, eine ständige Bedrohung, dass es noch schlimmer kommen könnte, oder den Anlass für grausam enttäuschte Hoffnungen.


Der Tod als Paradigma

Die Statistiken der Kriege und der Katastrophen des 20. Jahrhunderts setzen unmissverständlich neue Maßstäbe: Die Zahl der Toten übersteigt das Vorstellungsvermögen der sich Erinnernden. Der Tod wird zum Paradigma einer Zeit der grenzüberschreitenden, schnellen, gleichzeitigen und technischen Bedrohung auf hohem Niveau. Das Erinnern und Gedenken dreht sich häufig um die Frage nach den Opfern und ihren Schicksalen. Es kann immer nur eine Ahnung vom Ausmaß des Verbrechens, ein Wissen um das Nicht Wissen vermitteln. Die Getöteten stellen stumme Fragen und fordern die Lebenden heraus. Was machen sie aus ihren Toten, Gefallenen, Opfern oder Helden? Wofür dienen sie einer Gesellschaft, die sich aus der Katastrophe heraus definiert? Sie können die Möglichkeit zum „absoluten Willen zur Ehrlichkeit dessen, was passiert ist“ (Prof. Wernstedt) bieten. Das Geschehene zu verstehen verlangt „einen Dialog zu führen“ und dafür „muss man sehr viel und genau um die Erinnerungskultur des jeweiligen Landes wissen“ (Prof. Wernstedt). Nicht selten war das jeweilige Land ein Feindliches zu jener Zeit. Nun braucht es den ehemaligen Feind, auf dessen Territorium die eigenen Toten liegen, um das Ganze zu verstehen und der Wahrheit näher zu kommen. Die Gegenwart der Toten ist eine besondere Chance, die Ehrlichkeit, Bescheidenheit und Demut der Lebenden entscheidet darüber, ob es zu einem Missbrauch kommt oder nicht.

Prof. Jan Piskorski wies dabei zu Recht auf die Diskrepanz zwischen politischer und gesellschaftlicher Meinung hin und mahnte die Notwendigkeit an, öffentliche Debatten „klug, frei und verantwortlich“ zu führen, um Missbrauch zu vermeiden.


Konkurrenzen

Aufgrund des Ausmaßes der Gewalt und der Verbrechen des 20. Jahrhunderts hat die daraus resultierende Heterogenität der Opfergruppen eine Konkurrenz der Erinnerungskulturen zur Folge (Prof. Thiemeyer). Das Bemühen um eine Sinngebung, aber auch die Rechtfertigung Europas aus der Katastrophe heraus und der Versuch eine neue Identität zu definieren, mündet in immer neue Erinnerungskonjunkturen. Die im Laufe der Tagung in den verschiedenen Beiträgen explizierten Konkurrenzen fasste Prof. Dr. Guido Thiemeyer in seinem Beitrag zusammen:

Individuelle Konkurrenzen entstehen aufgrund der Vielzahl der Betroffenen (Gruppen), ihrer Schicksale und ihrem Bedürfnis, gehört zu werden. Daneben gibt es eine ideologische Konkurrenz, wie etwa in Sachsenhausen, wo die unterschiedliche „Nutzung“ des Ortes verschiedene Täter und Opfergruppen hervorbringt, sodass ein Erinnern und Gedenken nur gelingen kann, wenn man es schafft, allen gerecht zu werden. Zudem schafft die Politik Konkurrenzen, da sie interessengeleitet ist und versucht in die Erinnerungs- und Gedenkkultur einzugreifen. Die Akzeptanz eines solchen Einflusses hängt dabei wesentlich vom Selbstbild der Nation und dem Staats- und Politikverständnis insgesamt ab. Daran anknüpfend kommt es zu einer ökonomischen Konkurrenz: Der „Erfolg“ einer Gedenkstätte ist für ihre Finanzierung ausschlaggebend. Er wird in der Regel an der Besucherzahl festgemacht. So war es zwar merkwürdig, aber nicht überraschend, bei einer Führung zum Abschluss den Satz „Vielen Dank, dass Sie sich für uns entscheiden haben“ zu hören. Aus den unterschiedlichen Erfahrungen der verschiedenen Länder und der Rezeption der Ereignisse ergibt sich auch eine nationale Konkurrenz (etwa BRD-DDR; BRD-FR). Nicht zuletzt gibt es eine religiöse Konkurrenz, die damit zusammenhängt, wer das Gedenken übernimmt, an welcher religiösen Tradition man sich orientiert und welche Religionszugehörigkeit diejenigen hatten, derer gedacht werden soll.


Erinnerungsräume

Erinnerungsräume sind vielfältig und existieren nebeneinander. Persönliche, familiäre, lokale, regionale, nationale und transnationale Erinnerungsräume beeinflussen sich gegenseitig und unterliegen - abhängig von äußeren und inneren Faktoren - einem ständigen Wandel. Gleichzeitig konkurrieren sie, wie bereits dargelegt, auf unterschiedlichen Ebenen miteinander.

Ihre bewusste und ehrliche Verknüpfung ist daher vielversprechend. Der auf diese Weise entstehende, erweiterte und gemeinsame Erinnerungsraum ermöglicht ein umfassenderes Verständnis der Vergangenheit, der Verirrungen, Mythenbildungen und Verzerrungen entgegengesteuert und eine neuartige Identität ermöglicht. Ganz im Sinne des dialogischen Erinnerns (Prof. Assmann) ergänzt die Kenntnis des Erinnerungsraums des „Anderen“ die eigene Sicht und das eigene Wissen und erschließt bis dahin unbekannte Perspektiven (auch auf andere Zusammenhänge), sodass die eigene Rolle, gegebenenfalls die eigene Schuld, klarer wird. Der Einfluss der Ereignisse der Vergangenheit - vor allem aber ihrer Rezeption – auf gegenwärtige Identitäten, Befindlichkeiten und Konflikte kann enttarnt und auf konstruktive Weise umgelenkt werden.

Für die Zukunft wird es relevant sein, inwiefern es gelingt, neue gesellschaftliche Gruppen (z.B. Zugewanderte und Flüchtlinge) in die Erinnerung und das Gedenken mit einzubeziehen. Angesichts der identitätsstiftenden Rolle des Erinnerns birgt ein Gelingen in diesem Bereich großes Potential. Weiter wird es wichtig sein, den begonnen Prozess dialogischen Erinnerns zwischen verschiedenen Gruppen und Nationen erfolgreich fortzusetzen, wobei eine Institutionalisierung der Erinnerung etwa auf europäischer Ebene kontraproduktiv zu sein scheint, da sie zu sehr dem politischen Willen und Interesse ausgesetzt ist. Außerdem wird durch eine Institutionalisierung immer auch die Vielfalt der Inhalte reduziert, sodass die Zwischentöne verschwinden, doch gerade diese scheinen für eine gesellschaftlich verankerte Erinnerung unverzichtbar zu sein.

Insgesamt zeigt sich in der Einbeziehung neuer Gruppen die Bereitschaft, den eigenen Erinnerungsraum zu öffnen, in diesen einzuladen und „gastfreundlich“ zu sein. Eine solche Einladung trägt zweifelsohne zu einer Verankerung des Diskurses in der Gesellschaft bei. Die Bereitschaft einzuladen oder Einladungen zu folgen scheint auch von der Bereitschaft zum Wandel abhängig zu sein. Es könnten neue, überraschende Perspektiven entstehen, die das Selbstbild verändern und neu ordnen.

Kawthar El-Qasem


Zur Autorin:
Kawthar El-Qasem, Seminarteilnehmerin, geb. 1975 in Wuppertal, Studium der Architektur (Diplom) an der FH Düsseldorf, Aufbau-Studium Baukunst an der Kunstakademie Düsseldorf, derzeit Promotion zur „Rolle der mündlichen Überlieferung im Kontext der Dekulturation" an der Bauhaus-Universität Weimar, Stipendiatin der FES, Mitbegründerin der Initiative Düsseldorfer Muslime IDM und des Wuppertaler Institut für Bildung und Integration WIBI, Referententätigkeit, Durchführung von Lebendigen Bibliotheken und Seminaren für pädagogische Fachkräfte.

Konferenzübersicht:
Friedhelm Boll (Bonn) / Thomas Rey (Kassel): Begrüßung und Einführung
Bernd Faulenbach (Bochum): Konkurrenz der Erinnerungskulturen
Hélène Camarade (Bordeaux): Konflikte um die Erinnerung an den deutschen Widerstand
Etienne François (Berlin): Die Erinnerung an den Holocaust in Frankreich und die Opferkonkurrenz
Jan M. Piskorski (Szczecin) Die Erinnerung an den Holocaust in Polen und die Opferkonkurrenz
Aleida Assmann (Konstanz): Das gespaltene Gedächtnis Europas und das Konzept des dialogischen Erinnerns
Rolf Wernstedt (Hannover): Deutsche Erinnerungskulturen seit 1945

Besuchte Gedenkstätten:
Denkmal für die ermordeten Juden Europas / Ort der Information
Kriegsgräberstätte 'In den Kisseln'
Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen
Kapelle der Versöhnung und Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße
Gedenkstätte deutscher Widerstand im Bendlerblock
Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz



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