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Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.
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65. Jahrestag des Kriegsendes

Leseprobe: „Krieg ist nicht an einem Tag vorbei!“
 
Bild vergrößern - Mutter und Sohn: Dieses Foto von Günter Kirsch und seiner Mutter entstand im Jahre 1944.
Vor 65 Jahren endete die größte Katastrophe der Menschheitsgeschichte. Sie kostete nach Schätzungen weit über 55 Millionen Menschen das Leben und verursachte unendlich viel Schuld und Leid. Auch das Ende des Zweiten Weltkrieges am 8. und 9. Mai bedeutete für viele Menschen zugleich weitere Jahre der Entbehrung und der Not: Hunger, Kriegsgefangenschaft, Vertreibung. Daran wird in zahlreichen Veranstaltungen sowie Gedenkstunden und Kranzniederlegungen erinnert.

Manche Angehörige haben die Suche nach ihren Lieben bis heute nicht aufgegeben. Ihnen stehen der Volksbund und seine Förderer bei der Suche nach Kriegstorten und der Pflege ihrer Gräber zur Seite. Zudem betreibt der Volksbund eine intensive Jugendarbeit, welche die Kriegsgräber als eindringliche Mahnung für Frieden und Freiheit auf der ganzen Welt versteht. Teil dieser Friedensarbeit sind auch die Zeitzeugenprojekte, deren Ergebnisse der Volksbund in den vergangenen Jahren in Buchform publizierte. Eines dieser Gemeinschaftswerke der Förderer trägt den Titel, „Krieg ist nicht an einem Tag vorbei!“. Sie können dieses Buch und weitere Werke der Reihe unter der Telefonnummer 0561-7009-0 kostenlos bestellen. Über eine kleine Spende würden wir uns natürlich dennoch freuen. Eine Hörprobe zweier ausgewählter Autoren aus diesem Buch finden Sie hier.



Im Folgenden lesen sie einen Auszug aus diesem Buch, das bereits zum 60. Jahrestag des Kriegsendes erschienen ist. Es ist die Geschichte von Günter Kirsch, der das Kriegsende als Zwölfjähriger in der nordböhmischen Stadt Reichenberg erlebt:


Schrecken schoss empor

Bild vergrößern -
Im Mai des Jahres 1945, als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, fehlten mir noch zwei Monate bis zur Vollendung meines dreizehnten Lebensjahres. Ich lebte damals in Reichenberg, Nordböhmen. Mein Vater war ein Jahr vorher als Soldat in Norwegen bei einem Unfall tödlich verunglückt. Ich wohnte mit meiner Mutter allein im Ortsteil Neupaulsdorf in der oberen Etage eines von einem Garten umgebenen einstöckigen Hauses. An das Kriegsende und meine Erlebnisse dabei erinnere ich mich noch gut, vor allem an die Angst, die ich dabei durchlebte.

In den ersten Tagen des Monats zog deutsches Militär durch Reichenberg in Richtung Westen. Es waren keine regulären Truppen, sondern versprengte Teile von Einheiten, die in Kraftfahrzeugen, auf Fahrrädern oder zu Fuß unterwegs waren und den nachrückenden russischen Truppen zu entkommen suchten. Die militärische Führung hatte sich aufgelöst, doch die Kriegsmaschinerie funktionierte noch: Die Feldgendarmerie war bis zur letzten Stunde des Krieges aktiv, griff Soldaten ohne Marschbefehl auf und stellte sie als Deserteure vor Standgerichte. Soldaten der Wehrmacht klingelten an Haustüren und bettelten um Zivilkleidung, meistens vergeblich, weil die Bewohner Angst hatten, Deserteuren zu helfen. In den Straßengräben, auf den Wiesen lagen weggeworfene Gewehre, Pistolen, Panzerfäuste, Stahlhelme, Gasmasken und Munition.
Es war außergewöhnlich heiß für die Jahreszeit. Am 7. Mai war der Himmel wolkenlos und die Sonne brannte herab. Angst lag in der Luft. Niemand wusste, was der nächste Tag bringen würde. Am Vormittag standen meine Mutter und ich am Fenster unseres Wohnzimmers und blickten zur Silhouette des Jeschken-Gebirges hinüber. Unser Haus stand auf einer Anhöhe; man sah weit über einen Teil der Stadt bis zum Gebirgskamm. Von der Görlitzer Straße her klang das Motorengeräusch von Fahrzeugkolonnen. Wir wussten nicht, ob es deutsches Militär oder bereits die Russen waren, deren Einmarsch stündlich erwartet wurde. Am Himmel kreisten Flugzeuge, Propellermaschinen eines Typs, den ich noch nie gesehen hatte und deren Motoren ein ganz anderes Geräusch von sich gaben, als ich es bisher gewohnt war.
Unser Volksempfänger hatte vor wenigen Tagen seinen Geist aufgegeben. Wir konnten keine Nachrichten mehr hören. Vielleicht gab es auch gar keine mehr. Bis vor kurzem waren noch Meldungen über Siege der deutschen Wehrmacht durchgegeben worden, an die kein Mensch mehr glaubte. Jeder sehnte das Ende des Krieges herbei, und dass dieses Ende eintreten sollte, bevor die Russen bei uns einmarschierten. Seit Monaten war in Presse und Radio von Gräueltaten der Roten Armee an der deutschen Zivilbevölkerung berichtet worden, von der Ermordung von Kindern und alten Leuten, von der Vergewaltigung von Frauen und Mädchen, von der Ausrottung ganzer Familien. Ich hatte Angst.
Nun standen also meine Mutter und ich am Fenster und blickten auf das vertraute Bild vor uns, jedoch mit ganz anderen Gefühlen als sonst. Die am Himmel kreisenden Flugzeuge schossen ab und zu Salven aus ihren Maschinengewehren. Weit entfernt in der Nähe des Reichenberger Flugplatzes stieg zwischen den Häusern schwarzer Rauch auf. Und dann löste sich von einem der Flugzeuge eine Reihe schwarzer Pünktchen, die zur Erde fielen. Schwarze Rauchpilze schossen empor und eine Sekunde später drang der Explosionsknall zu uns herauf. Zu Tode erschrocken fuhren wir vom Fenster zurück. Das waren wirklich Bomben gewesen. Jetzt noch wurden Bomben abgeworfen, wo doch der Krieg fast aus war! Es war das erste Mal, dass ich Bomben fallen sah, jetzt am letzten Tag. Mein Herz klopfte bis zum Hals.
Die Stunden vergingen. Am Nachmittag klingelte es an der Wohnungstür. Mein Schulfreund Gustav kam mich besuchen. Sein sonniges Wesen brachte Helligkeit in meine trübe Stimmung. Die unsichere Lage und die Flugzeuge schienen Gustav nichts auszumachen. Zu zweit standen wir wieder am Fenster und sahen hinaus. In der Ferne flammten Brände und die Flugzeuge waren noch da. Aber es gab kein Schießen mehr. Einer der Brände schien gar nicht weit von uns entfernt zu sein. Und plötzlich kamen wir auf die Idee, uns das Feuer aus der Nähe anzusehen. Ich fragte meine Mutter, ob wir ein wenig fortgehen durften. Sie gab uns die Erlaubnis. „Aber geht nicht zu weit fort“, ermahnte sie uns. Ich begreife heute noch nicht, dass sie uns an diesem Tag so einfach gehen ließ.

Gustav und ich machten uns auf den Weg. Wir liefen die Südzeile hinunter bis zur Görlitzer Straße, überquerten sie und rutschten jenseits davon den Abhang zur Neiße hinunter. Wir kletterten über das Wehr und liefen weiter in Richtung des Feuers. Dieses war doch weiter entfernt als wir gedacht hatten, zudem verdeckten uns jetzt hohe Häuser den Blick.
Eine halbe Stunde waren wir schon unterwegs, dann sahen wir endlich unser Ziel vor uns: ein lichterloh brennendes Fabrikgebäude. Noch nie hatte ich ein so großes Feuer gesehen. Und niemand war da, um es zu löschen, keine Feuerwehr, keine Helfer. Eine Gruppe von Männern und Frauen stand auf einem Hügel. Sie sahen zu, wie die Flammen aus den Fenstern schlugen und der weißgelbe Qualm sich ausbreitete. Zwei Männer standen in unserer Nähe. Der eine sagte: „Da drinnen verbrennen Tausende von nagelneuen Wehrmachtsuniformen. Sie haben die Fabrik in Brand gesteckt, damit sie nicht den Russen in die Hände fällt.“
Mehr Menschen kamen hinzu, schauten auf das Feuer, auf die immer schwärzer werdenden Mauern, auf denen das Blechdach ruhte. Doch dann knatterten urplötzlich Schusssalven auf und jemand brüllte: „Tiefflieger!“ Der Menschenhaufen stob auseinander, alle liefen und suchten Schutz bei den Häusern. Dann hörte ich eine Stimme: „Das sind die Russen, die Russen sind da!“ Die Leute waren im Nu verschwunden.
Auch Gustav und ich hatten nur einen Gedanken: Nichts wie heim! So schnell wir konnten liefen wir den Weg zurück. Glücklich fanden wir das Wehr und kletterten darüber hinweg. Aber – o Schreck! Als wir gerade mit dem Fuß außen am Geländer hingen, kam über uns ein Flugzeug herangebraust, im Tiefflug, ganz niedrig. Wir machten, dass wir festes Land erreichten, rutschten die Uferböschung hinunter und warfen uns ins Gras. Einige Wehrmachtssoldaten, die Fahrräder schiebend des Weges kamen, taten das gleiche. Das Flugzeug flog über uns hinweg und verschwand, ohne einen Schuss abzugeben.
Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich endlich vor unserem Wohnhaus angekommen war. Auf mein Läuten öffnete niemand. Meine Mutter war nicht da. Da ich keinen Schlüssel mitgenommen hatte, ging ich um die Hausecke herum und legte mich in der Wiese ins Gras. Alles war still. Eine ganze Weile lag ich da.
Dann, mitten in meinen Gedanken, hörte ich aus dem Inneren des Hauses die Hausklingel. Jemand stand am Gartentor und forderte Einlass. Mechanisch erhob ich mich und sauste im Laufschritt zum Gartentor, doch machte ich gleich wieder kehrt und lief davon, so schnell die Beine trugen. Vor dem Gartentor standen Russen, vier oder fünf mussten es sein. Sie trugen abgeschabte, graue Uniformen und Mützen auf dem Kopf, aber keine Waffen. Ich wusste ja nicht, dass es Kriegsgefangene waren, die zuvor in einem ehemaligen Gutshof an der Friedländer Straße untergebracht waren. Jetzt, nachdem sich alle militärischen Dienststellen und Einrichtungen aufgelöst hatten, waren sie plötzlich sich selbst überlassen und konnten hingehen, wo sie wollten. Sie hatten Hunger. Deshalb klingelten sie an den Haustüren und bettelten um etwas Essbares.
Ich hielt sie für Soldaten der kämpfenden Armee, die mich sofort massakrieren würden, wenn sie meiner habhaft würden und raste wie ein Besessener davon, um mich im Holundergebüsch in der Gartenecke zu verstecken. Dort lag ich eine Weile. Als mir niemand folgte, wagte ich mich wieder heraus. Vorsichtig schlich ich mich zum Haus zurück und äugte um die Ecke: Niemand mehr da!
Dann kam meine Mutter zurück. Natürlich glaubte sie mir nicht, als ich sagte: „Die Russen waren da.“ Sie hielt es für eine Ausgeburt meiner Fantasie. Die im Parterre des Hauses wohnende Frau Anders jedoch, bei der die Russen ebenfalls geklingelt hatten, bestätigte meine Beobachtung.

Am nächsten Tag, dem 8. Mai 1945, glühte wiederum die Sonne vom Himmel. Das Jeschken-Gebirge flimmerte in der Ferne. Der Strom der deutschen Soldaten war versiegt. Niemand in der Nachbarschaft wusste, dass an diesem Tag der Krieg zu Ende ging. Wir wussten lediglich, dass die russischen Streitkräfte in Kürze einmarschieren würden.
In Ermangelung weißer Fahnen hingen an vielen Häusern Bettlaken aus den Fenstern. Gelegentlich sah man auch rote Tücher zum Zeichen, dass in diesem Haus Kommunisten und Gegner des Hitlerreichs wohnten, die nun hofften, von Plünderungen und Misshandlungen verschont zu werden. Dass es sich bei den meisten dieser roten Fahnen um ehemalige Hakenkreuzfahnen handelte, war an dem runden Fleck in ihrer Mitte zu erkennen, wo der Stoff ein dunkleres Rot hatte als die übrige Fläche. Aus vielen Kaminen stieg gelblichschwarzer Rauch auf; Wolken verglühender Papierfetzen zogen einher und ließen sich in den Gärten nieder. Nationalsozialistische Literatur wie Hitlers „Mein Kampf“, Rosenbergs „Mythos des 20. Jahrhunderts“ und ähnliche Schriften gingen tausendfach in Flammen auf. Hitlerbilder wurden eilends in Gärten vergraben oder einfach irgendwo auf die Straße geworfen.
In unserem Wohnzimmer lag noch in einer Schublade die ungeladene Armeepistole meines Vaters aus dem Ersten Weltkrieg. Ich hatte diese Waffe oft heimlich herausgenommen und damit herumgespielt. Im Schlafzimmerschrank hing noch meine Uniform der Hitlerjugend: Braunhemd, Hose, Halstuch, dazu mein Fahrtenmesser und verschiedene Gegenstände aus der Nazizeit, wie es sie damals in den meisten Haushalten gab. Wir vergruben sie im Garten.

Gegen Mittag zogen die russischen Truppen ein. Vorher wurden noch ein paar Bomben abgeworfen. Am späten Vormittag läutete es an der Haustür. Frau Schindler aus dem Nachbarhaus stand draußen, informierte uns über die Lage und lud uns ein, in ihren Keller zu kommen, wo schon die ganze Nachbarschaft versammelt sei. Wir gingen mit. Das Haus von Frau Schindler hatte einen tieferen Keller als unser Haus, ein Steingewölbe mit spärlicher Beleuchtung, in das feuchte Steinstufen hinabführten. Die Wände bestanden aus Natursteinen wie in einem Burgverlies. Hier saß dicht gedrängt eine Schar von Frauen mit kleinen Kindern. Kein einziger Mann war darunter. Angst stand im Raum. Es wurde nicht gesprochen, sogar die Kinder waren still.
Dann hämmerte jemand oben an die Haustür. Schrecken schoss empor: die Russen! Frau Schindler stieg mit leichenblassem Gesicht die Kellertreppe hinauf. Oben tönten Stimmen auf, jammernde Frauenstimmen, dazwischen Kindergeschrei. Eine junge Frau mit verweintem Gesicht und zerzauster Frisur, ein Baby auf dem Arm, kam die Treppe herab, dahinter Frau Schindler. Stimmengewirr brandete auf, alle anwesenden Frauen schrieen durcheinander.
Zunächst verstand ich nichts, dann allmählich reimte ich mir zusammen, was los war. Die Russen waren da, marschierten ein, schon seit Stunden, und ein gewisser Bullei oder Pullei war von ihnen erschlagen worden. Der lag nun mit eingeschlagenem Schädel auf dem Trottoir vor dem Laden des Köhlerbäckers an der Görlitzer Straße und niemand durfte die Leiche anrühren, sonst werde er erschossen. Die weinende Frau mit dem Baby war seine Frau, die Tochter des Bäckers und außerdem die Schwester von Frau Schindler. Sie war den Russen durch die Hintertür entkommen und hierher zu ihrer Schwester geflohen.
Ich hatte genug von dem finsteren Keller, in dem ich mich fühlte wie die Maus in der Falle. Ich wollte hinaus. Ich glaubte, die Russen verfolgten die Frau und würden gleich hier sein und uns alle umbringen. Ich stieß Mutter an: „Lass uns von hier verschwinden, bitte! Ich will nicht hier bleiben, ich will nicht sterben.“ Meine Mutter schien nur darauf gewartet zu haben. Wir verabschiedeten uns hastig und gingen nach oben. Ich war glücklich, wieder den hellen Sonnenschein zu sehen. Doch der Tag verging, ohne dass etwas passierte. Allmählich legte sich meine Angst.

Am folgenden Tag ging ich mit meiner Mutter wieder den Weg die Südzeile hinunter, den ich vor zwei Tagen mit Gustav gelaufen war, bis zur Görlitzer Straße. Dort rollten russische Truppen in einem endlosen Zug in Richtung Innenstadt. Auf Schützenpanzern, Panzern und Fahrzeugen gezogener Artillerie saßen Trauben fremdartiger Gestalten in lehmgrauen Uniformen mit umgehängten Sturmgewehren, ein Marschlied grölend. Es war immer dasselbe Lied, vielleicht das einzige, das sie kannten. Auch an den folgenden Tagen hörte ich es immer wieder; eine einfache Melodie, die sich stets wiederholte, dazu die brennende Sonne. Es roch nach Auspuffgasen, Benzin und Öl. Vor dem Eingang des Bäckerladens lag noch immer die Leiche in der prallen Sonne auf dem Bauch. Jemand hatte ein Tuch über ihren Kopf gebreitet. An der Wand waren schreckliche Blutflecken zu sehen. Sie blieben an der Wand, in meinem Gedächtnis – auch, als der Krieg schon lange vorbei war.
 

 
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