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Gerhard Schröder: "Fast schon ein Wunder!"

10 Jahre Kriegsgräberstätte Sologubowka
 
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Wie mag wohl ein alter Schuhriemen schmecken oder der Kleister der Tapete? Es klingt nahezu unvorstellbar, doch einige St. Petersburger, die im Zweiten Weltkrieg 871 Tage eingekesselt waren und dies überlebten, können heute darüber Auskunft geben. Im Gedenkraum für die hauptsächlich zivilen Opfer auf dem Piskarjowskoje-Gedenkfriedhof füllen diese Bilder des Elends die dunkel gehaltenen Wände. Die Geschichten des Hungers und der Not sollen der Nachwelt als Mahnung erhalten bleiben. „Die Belagerung der Stadt war ein Todesurteil. Sie hatte nur ein Ziel: Die Vernichtung der Stadt und ihrer Menschen. Das Leid war unermesslich“, sagt Altbundeskanzler Gerhard Schröder nach dem Besuch der St. Petersburger Gedenkstätte: „Und so ist es fast schon ein Wunder, dass heute Deutsche und Russen gemeinsam an die Toten des Weltkrieges erinnern und Seite an Seite für den Frieden eintreten!“
Bild vergrößern - Die Jugendlichen des Volksbund-Workcamps aus Hamburg verteilen am Eingangsportal der Kriegsgräberstätte Sologubowka Blumen an die Gäste der Gedenkveranstaltung anlässlich des zehnjährigen Bestehens. (Fotos: Maurice Bonkat)


Mit diesen Worten wendet sich Gerhard Schröder, der wie alle Redner des Volksbundes unentgeltlich auftritt, Anfang August an etwa 250 Menschen. Sie sind Gäste der Gedenkveranstaltung anlässlich des zehnjährigen Bestehens der deutschen Kriegsgräberstätte in Sologubowka nahe St. Petersburg. Für viele Angehörige ist Schröder einer von Ihnen – und das abseits jeglicher politischer Couleur. Denn auch er ist ein Betroffener, ein Kriegskind, das den Vater verloren hat, ihn nie kennenlernen durfte. Vor, während und nach der Veranstaltung des Volksbundes steht Gerhard Schröder im Blickpunkt. Die Menschen umringen ihn, wollen mit ihm sprechen, die Hand drücken, wenigstens einen Blick erhaschen. Das Schicksal verbindet sie.

Doch während Schröders Vater auf einer Kriegsgräberstätte in Rumänien ruht, trauern die Angehörigen hier um ihre Lieben, die im Gebiet St. Petersburg gefallen sind. Manch einer verlor sogar in unmittelbarer Nähe der vor zehn Jahren eingeweihten Kriegsgräberstätte das Leben: in Sologubowka. In dem Lazarett, das die Wehrmacht hier eingerichtet hatte, starben weit über 2 000 Soldaten. Einer von ihnen war Johannes Hartmann (27. Dezember 1910 – 5. Februar 1943). Heute ist sein Sohn Ernst Hartmann aus Düsseldorf hier, kniet mit einem Blumenstrauß irgendwo auf dem gemähten Rasen, weit ab von den Kreuzgruppen und den Namenstelen, von denen die neuesten erst am Vortag in die Erde eingelassen wurden. Die Stelle ist mit Bedacht gewählt. Denn zuvor hatte Volksbund-Mitarbeiter Johann Jescht mit Lageplan und Bandmaß die exakte Grabstelle ausgemessen. Hier nun also liegt er für immer. Und sein Sohn ist zum ersten Mal hier. „Vielleicht ist es auch das letzte Mal. Wer weiß das schon?“, sagt der inzwischen 70-Jährige. Und dann fügt er noch an, wie dankbar er dem Volksbund für seine Arbeit ist, für alles, was er für die Menschen tut.

Dies sind die Worte, die auch Gerhard Schröder dutzenden Journalisten auf dem Friedhof für die getöteten St. Petersburger und auf der deutschen Kriegsgräberstätte in die Feder diktiert, in die Mikrophone und Kameras spricht. Jeder merkt – das ist ihm wichtig! „Als ich Gerhard Schröder vor einigen Monaten gefragt habe, ob er hier vor den Angehörigen sprechen könnte, hat er sofort zugesagt“, sagt Volksbund-Präsident Reinhard Führer, der in diesen Tagen häufig an der Seite Schröders zu sehen ist. Gemeinsam begrüßen sie die Angehörigen, Ehrengäste, deutsche und russische Soldaten sowie die Teilnehmer der Volksbund-Workcamps aus Hamburg und Sachsen, die schon am Eingang Blumen an die Gäste verteilen. Die Jugendlichen aus Sachsen, deren Landesvorsitzende Friederike de Haas ebenfalls nach Sologubowka gereist ist, sind übrigens in einer Schule untergekommen. Dort wohnen sie kostenlos, helfen dafür aber bei der Renovierung und bereiten den Bau eines Spielplatzes vor. Und nebenher hatten die Jugendlichen aus Deutschland und Russland sogar noch Zeit für eine ganz besondere Idee: Auf weiße Fähnchen schreiben sie die Namen der deutschen Kriegstoten, deren Angehörige heute an den Gräbern von Sologubowka beten. Diese Friedensfähnchen stecken sie später in den Tumulus, auf dem das Hochkreuz steht.
Bild vergrößern - Auf dem Piskarjowskoje-Gedenkfriedhof in St. Petersburg legen Altbundeskanzler Gerhard Schröder, Generalkonsul Dr. Peter Schaller und Volksbund-Präsident Reinhard Führer (von links) Blumen und Kränze in Gedenken an die hauptsächlich zivilen Opfer der Leningrader Belagerung nieder.


Auch der Name von Inge Kuhlmanns Vater Walter Kuhlmann ist unter ihnen. Und das, obwohl er zu den wenigen zählt, die inzwischen in die Heimat überführt wurden. „Dennoch bin ich hier, weil dies auch für mich ein wichtiger Ort ist,“ sagt die Angehörige. Gleiches gilt für die Angehörigen der verstorbenen Kriegsgefangenen, denen der Volksbund vor kurzem einen eigenen Gedenkplatz samt Namenstelen der einzelnen Lager auf der Kriegsgräberstätte eingerichtet hat. Zudem möchte Inge Kuhlmann der Volksbund-Umbetterin Lisa Lemke noch einmal herzlich Danke sagen. Denn Lisa Lemke hat gemeinsam mit ihrem Ehemann und zahlreichen Mitarbeitern vor Ort ihren Vater und viele tausend weitere Gefallene mit großem persönlichem Engagement gesucht und schließlich gefunden. Heute sind sie alle hier vereint.

Und wer das Grab seines Angehörigen auf dem schönen, aber weitläufigen Gelände mit Friedenspark nicht sofort finden kann, wendet sich an Robert Zaka. Der Volksbund-Mitarbeiter vom Gräbernachweis hat viele Informationen, nimmt sich Zeit für lange Gespräche, bietet Trost und Hilfe. So wachsen die Menschen an diesem Tag in Sologubowka zusammen: Gerhard Schröder und die Angehörigen, Politiker wie der Bundestagsabgeordnete Dr. Joachim Pfeiffer, Jung und Alt, haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter des Volksbundes, Deutsche und Russen. Sie alle vereinen die hier gesammelten Eindrücke sowie das Schlusswort des Altbundeskanzlers: „Diese Aussöhnung erscheint mir nach dem Leid des Zweiten Weltkrieges fast wie ein Wunder. Aus erbitterten Feinden sind Freunde und Partner geworden. Das ist ein hohes Gut, das wir wahren und pflegen müssen.“

Maurice Bonkat


 

 
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