Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.
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Es war im Winter 1943 an der Ostfront. Wir lagen im Mittelabschnitt irgendwo zwischen Witebsk und Smolensk. Durch den ständigen Stellungswechsel wussten wir Landser manchmal schon gar nicht mehr so genau, wo wir lagen, denn das Land versank unter einer hohen Schneedecke wie unter einem großen Leichentuch. Unser Bataillon hatte durch die russische Winteroffensive ziemliche Verluste hinnehmen müssen.
Am 23. Dezember kam der Befehl zum erneuten Stellungswechsel. Wir alle freuten uns, bei dieser eisigen Kälte Weihnachten nicht vorne in unseren Panzerdeckungslöchern verbringen zu müssen. Vielleicht hatten wir Glück, das Weihnachtsfest hinten bei unserem Tross verbringen zu dürfen. Sich wieder einmal aufwärmen können, etwas Warmes zu essen und zu trinken bekommen, sich wieder einmal nach Wochen waschen zu dürfen... Es waren herrliche Gedanken.
In der Nacht vom 23. zum 24. Dezember zog unser Bataillon durch das tiefverschneite Land. Stundenlang stapften wir durch den tiefen Schnee. Oft versanken wir bis zur Hüfte in zugewehten Löchern. Wir waren alle total erschöpft. Nach einem – „Bataillon halt“ – ließen wir uns einfach in den Schnee fallen, und es bedurfte großer Anstrengung, den ganzen Haufen wieder auf die Beine zu bringen. Lautlos zogen wir weiter durch die Nacht. Nur ab und zu hörte man das Klappern der Gerätschaften, die wir auf unseren Akias, unseren Schneebooten, hinter uns herzogen.
Es war noch tiefe Nacht, aber bereits der 24. Dezember, als der Befehl kam „Bataillon halt – alles eingraben“. Unser Weihnachtstraum war wie eine Seifenblase geplatzt. Die Enttäuschung war groß. Wir mussten uns oben auf einem leicht ansteigenden Hang eingraben. Die Arbeit war schnell geschafft, denn der Schnee lag sehr hoch, da es tagelang zuvor geschneit hatte. In kurzer Zeit hatten sich die Kompanien wie Maulwürfe in ihre ausgehobenen Schneelöchern verkrochen. Nur ab und zu kam der Mond hinter den Wolken hervor. Es war bitter kalt. An ein bisschen Schlaf war nicht zu denken, nur manchmal nickte man vor Übermüdung ein, um gleich darauf vor Kälte wieder aufzuwachen. Außer den was wir auf dem Körper trugen, hatten wir in unserem Sturmgepäck nur noch eine dünne „Barrasdecke“, in die man sich einwickeln konnte. Wir froren wir wie die jungen Hunde, Hände und Füße waren wie Eisklumpen.
Es war immer noch finster. Russische Stellungen konnten wir nicht ausmachen. Es fiel von keiner Seite ein Schuss. Alles war ruhig und friedlich, beinahe schon zu friedlich – keine Leuchtkugel, nichts – Totenstille.
Ich war seinerzeit 19 Jahre alt, aber noch naiv genug zu glauben, dass der Iwan uns wenigstens zu Weihnachten eine Ruhepause gönnen würde. Mir kam auch der Gedanke, dass wir ein Stück hinter der Front liegen – in Auffangstellung, falls der Russe vorne durchbrechen sollte.
Es machte sich auch der Magen bemerkbar, aber was sollte man essen? Das Kommissbrot war steinhart gefroren, man musste es immer erst mit dem Seitengewehr in Stücke schlagen, um es dann im Mund zu lutschen. Der Tee in der Feldflasche war ein Klumpen Eis.
Totenstill war es nur, solange es finster war. Als es hell wurde, ging der Zauber los. Der „Iwan“ legte ein Trommelfeuer auf unsere Stellungen, dass uns Hören und Sehen verging. Vom Himmel hoch, da komm ich her ... aber diesmal waren es tausende von Granaten. Er trommelte Stunde um Stunde auf unsere Stellungen, die ja nur tiefe Schneelöcher waren. Pausenlos lagen wir im Hagel der Granaten, wie ich es so massiv noch nie bei einem Trommelfeuer erlebt hatte.
Gegen Mittag hörte der Russe ganz plötzlich auf. Mittagspause? Großes Aufatmen. Hat der Iwan sein Pulver verschossen, will er vielleicht selbst Weihnachten feiern? Weit gefehlt! Nach einer knappen Stunde ging es wieder los. Stunde um Stunde, den ganzen Nachmittag, schwerstes Feuer aus allen Rohren, aller Kaliber. Hinter uns lag keine Artillerie, keine schweren Waffen, die den Russen unter Druck hätten setzen können. Nichts, rein gar nichts für unsere Unterstützung. Wir lagen da vorne verlassen, auf verlorenem Posten.
Meine Angst in diesem Inferno schlug in Gleichgültigkeit um. Aus einer solchen Hölle gab es kein Entrinnen. An Weihnachten dachte ich nicht mehr, auch nicht an ein Überleben.
Plötzlich kroch ein junger Leutnant von Loch zu Loch. Befehl: Sofortiger Rückzug! In einem solchen Granathagel ein Wahnsinnsbefehl. Ich konnte mir nur vorstellen, dass der Offizier die Nerven verloren hatte. Ich habe ihn auch nie mehr gesehen. Der Rückzug begann – durch diese Feuerwalze. Volltreffer auf Volltreffer. Was sich da abspielte, möchte ich hier lieber nicht schildern. Wir, die Überlebenden, die diesen Feuergürtel überwunden hatten, standen plötzlich vor einem Hauptmann, der uns mit der Waffe drohte, davon Gebrauch zu machen, wenn wir nicht sofort unsere verlassenen Stellungen wieder besetzen würden.
Wir waren bereits so apathisch, so ausgebrannt, so gleichgültig, dass wir erneut in diesen Feuergürtel wieder hineinliefen und unsere Löcher besetzten.
Als es dunkel wurde, brach das Feuer plötzlich ab. Befehl von Loch zu Loch: „Bataillon hinter dem Kamm sammeln“. Da gab es nicht mehr viel zu sammeln. Nur eine Handvoll Landser kamen aus ihren Löchern gekrochen. Von unserem Bataillon haben nur 35 Männer überlebt.
Bei Nacht und Nebel kamen wir nach einem längeren Marsch durch tiefverschneite Wälder in der Nacht zum ersten Weihnachtsfeiertag bei unserem Tross an. Und hier wurden wir reichlich zu Weihnachten beschenkt: Wir durften uns nach Wochen wieder einmal aufwärmen, mit warmem Wasser waschen, etwas Warmes essen und trinken und in einem warmen Raum schlafen. Und so ging unser Wunsch, Weihnachten in Ruhe hinten bei unserem Tross verbringen zu können, doch noch in Erfüllung … für uns Überlebende.

Schenken Sie ein Licht der Ewigkeit zum Weihnachtsfest!
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