Ein Weihnachtserlebnis

Adolf Strauch

Krakau, Reserve-Lazarett – 24. November bis 28. Dezember 1943

Sein Bett stand gegenüber der Tür. In dem Raum gab es viele Betten, sehen konnte er sie nicht. Verbandsmull bedeckte seine Augen; aber er konnte hören und den Geruch von Fäulnis und verbrannter Haut wahrnehmen. Er hörte Stimmen an der Tür, es waren viele Stimmen, überwiegend die junger Frauen. Die Stimmen kamen näher, jemand musste vor seinem Bett stehen. Worte wurden gewechselt, sie sprachen über ihn. Er hörte nicht hin. Es war eine starke Dosis Morphium gewesen, nun wollte er schlafen. Doch da war noch die empörte Mädchenstimme; Worte über alte Männer und den Krieg. Ich bin doch erst 23, wollte er rufen, gebt mir einen Spiegel; doch der geschwollene Mund blieb geschlossen.

Schmerzen, Betäubung, Schlaf, Schmerzen; Minuten, Stunden, Tage. Glück hatte er gehabt, er konnte sehen. Er sah seine verbrannten Hände; würde er sie wieder gebrauchen können? Er erinnerte sich an die Explosion auf der Fahrt an die Front. Es machte ihm zu schaffen, dass es ein dummer Zufall, ein bedauerlicher Unfall, eine „Verwundung zweiter Klasse“ war, und in diesem Zusammenhang dachte er auch an seine Kameraden und ihren Einsatz.

Nun waren es nur noch wenige Tage, das vierte Licht brannte am Kranz. Er hatte den Blick in den Spiegel und die Schmerzen ertragen, und es gab wieder Hoffnung. „24.12.1943“. In seinen Gedanken war er zu Hause, in seiner Stadt, bei den Eltern, Verwandten, Freunden. Werden die Bomber auch heute fliegen, dachte er. Sie glaubten doch alle an einen Gott, und er wusste keine Antwort; darüber kam er ins Grübeln.

Die Tür vor ihm ging auf. Kräftige Hände erfassten sein Bett, das über Gänge und Flure in einen Saal geschoben wurde. In dem Saal standen schon viele Betten. Es sah aus, als wären sie angetreten und die Vollzähligkeit sollte gemeldet werden. Dann sah er den Baum und die weißen Kerzen. Irgendjemand hielt eine Rede. Die Kerzen wurden angezündet und die Weihnachtsgeschichte vorgelesen.

Der Augenblick, vor dem er sich so gefürchtet hatte, war gekommen. Die Schwestern hatten sich vor den Baum gestellt und sangen das alte Weihnachtslied von der stillen Nacht: „Stille Nacht, heilige Nacht“.

Er sah in die Betten, sah ihre Gesichter, Augen und Lippen. Er war doch ein harter Bursche; hatten sie nicht auf dem Flug nach Kreta 17+4 gespielt? Er kämpfte mit sich und verlor seinen Kampf. Tränen brannten auf seiner Gesichtshaut wie Feuer, doch er konnte nichts dagegen tun.

Es war vorüber, das elektrische Licht brannte. Gleich würden sie wieder abgeholt; noch Zeit, ein paar Worte zu wechseln. Links von seinem Bett sah er in ein noch junges Gesicht. Er sah nur das Gesicht und den Ernst in den Augen. „Wo hat es Dich erwischt?“ fragte er. „Erfrierungen“, sagte der Junge. „Amputationen?“ fragte er. „Ja, die Füße“, sagte der Junge. „Es gibt Prothesen“, sagte er. „Ja“, sagte der Junge, „ich brauche auch welche für meine Hände“. Es wurde still. Dann der Junge: „Ich danke meinem Herrgott, der mir mein Leben erhalten hat.“

Im Wechsel von Zeit und Ereignis sind die Jahre vorübergegangen. Die Worte des Jungen hat er nie vergessen. Nach Jahren des Schweigens hat er diese Erlebnisgeschichte für seine Enkel geschrieben mit dem Zusatz "Wollen + Glauben = Hoffnung".

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