Gedenkrede von Landesbischof Jochen Bohl
zum Volkstrauertag, 18. November 2012, im Sächsischen Landtag

 Meine Damen und Herren,

es gibt Orte, die nicht sind wie andere. Man verlässt sie nicht ohne innere Bewegung, und sie verändern die Sicht auf den Menschen. Solche Orte sind die Soldatenfriedhöfe der europäischen Kriege. Einige Bilder begleiten mich seit Jahrzehnten.

Orte im Elsaß, in seiner lieblichen und so außerordentlich gesegneten Landschaft die Grabreihen der Gefallenen aus dem Krieg von 1870/71; sie künden von der Zeit, als man wie selbstverständlich meinte, es könne im Leben der Völker so etwas wie Erbfeindschaft geben.

Das Beinhaus am Fort Douaumont, bei Verdun gelegen, sprechendes Zeugnis der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, Erinnerung an das Sterben in den Gräben des 1. Weltkrieges und die besinnungslose Raserei einer erstarrten Tötungsmaschinerie. Vor Augen steht mir das weite und stumme Feld von Auschwitz-Birkenau, und die windschiefen Baracken darauf, Klageort des Mords an den europäischen Juden.
Die Gedenkstätten ungeheurer Verbrechen: Kalavrita auf dem Peloponnes, Oradour im französichen Zentralmassiv und Lidice, nicht weit von uns in Mittelböhmen gelegen. Überall auf dem Kontinent die Kriegsgräber, darunter die vielen nach der Zeitenwende von 1990 angelegten Friedhöfe in Osteuropa. Ich sehe mich an einem Frühlingstag in einem verschwiegenen Hain am Ufer des Dnjepr stehen.

Besondere Orte, sie sprechen von unserer Geschichte, woher wir kommen, wer wir sind. So viele Menschen, unverwechselbar begabt und um der Person willen geliebt, gewaltsam zu Tode gebracht, zu früh und unbarmherzig; wie schrecklich kurz die Lebensspanne, die auf den Kreuzen vermerkt ist. Wer wollte das Unheil ermessen, deren Opfer sie wurden, wie sollte man je verstehen oder auch nur einordnen können das Maß der Schuld, die Dimensionen von Leid und Hass, die Last der Trauer über versagtes Lebensglück.

Die Kriege des 20. Jahrhunderts brachten Leiden in nie gekanntem Maß über die Menschheit. Allein im 2. Weltkrieg haben mehr als 50 Millionen Menschen ihr Leben verloren, unverhältnismäßig viele in den letzten Monaten des Krieges, als die militärischen Entscheidungen längst gefallen waren. Sehen wir auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zurück, so erkennen wir einen Abschnitt der Geschichte, der von heilloser Verwirrung des Denkens und Handelns und entgrenzter Hingabe an die Mächte des Bösen gekennzeichnet war. Am Ende waren ganze Landstriche verwüstet, Städte lagen in Trümmern, Vertriebene zogen elend in eine ungewisse Zukunft.

Wir gedenken heute aller Toten der Kriege und der Gewaltherrschaften. Wir verneigen uns vor der Trauer derer, die ihr Leben ohne ihre Toten weiterführen mussten. Wir schließen in unser Gebet alle Opfer ein, ungeachtet ihrer Nation, Herkunft oder Rasse. Was nicht geschehen darf: dass der Mantel des Vergessens über all das gebreitet wird. Die Soldatenfriedhöfe und Gedenkstätten Europas, wo auch immer sie angelegt wurden, sind Orte der Erinnerung und wir wissen, dass es ohne die Vergegenwärtigung des Vergangenen keine Möglichkeit des Neuanfangs, der Versöhnung gibt. Jedem einzelnen, der sich für den Erhalt der Friedhöfe einsetzt, an welchem Ort und in welcher Form auch immer, sind wir zu Dank verpflichtet.

Seit nunmehr 67 Jahren leben wir im Frieden; es hat in der deutschen Geschichte keine längere Periode ohne Krieg gegeben, welch ein Glück liegt darin. In einem strengen Sinne waren die Kriege erst 1989 zu Ende, als es gelang, die Spaltung Europas und unseres Landes friedlich zu überwinden, die eine Folge des Krieges war und neues, wiederum ideologisch begründetes Unheil gebracht hatte. Noch 1985 hat Landesbischof Dr. Hempel in der Dresdner Kreuzkirche gesagt: “Es lastet, es blutet, dass zwei deutsche Staaten entstanden sind mit ihrer schweren Grenze...Es lasten die Waffen.“

Inzwischen sind wiederum 23 Jahre vergangen, seitdem die sozialistischen Staaten zusammenbrachen und eine Periode der Abrüstung begann; und wir sehen dankbar auf die gelebte Versöhnung, die unter den Völkern Europas möglich wurde. Über den Gräbern des Krieges und aus den Ruinen der beiden totalitären Ideologien entstand ein neues Europa, dessen Völker gemeinsam an einer guten Zukunft bauen. Wie sehr hat sich die Zeit gewandelt und unser Leben in ihr. Wir hoffen, dass uns das Geschenk des Zusammenlebens in Frieden erhalten bleiben möge und wollen uns mit unseren Möglichkeiten und Kräften dafür einsetzen.

Die Erinnerung an die Kriege, an das Übermaß des Leidens, die Not einer finsteren Zeit wie auch die Vergegenwärtigung des Friedens werden uns aber auch zu einer Mahnung. Den ersten Krieg hatten die Menschen überwiegend freudig begrüßt, den Beginn des zweiten eher als ein Verhängnis erlebt, das über sie hereinbrach. Aber der eine wie der andere hatte Ursachen gehabt, es hatte Voraussetzungen gebraucht, die in heilloser Weise erfüllt sein mussten, damit die Gewalttaten beginnen konnten. Inzwischen ist sehr vieles erforscht, es sind hellsichtige Werke von bleibender Bedeutung erschienen. Wir können wissen, wie es gewesen ist und warum die Kriege geführt wurden. Warum die einen zu Tätern, die anderen zu Opfern wurden.

Das bedeutet aber nicht, dass die unseligen Zeiten abgeschlossen und vergangen wären in dem Sinne, dass wir – oder die, die nach uns kommen – uns nicht mehr damit beschäftigen und auseinandersetzen müssten. Die Geschichte, und zumal diese, ist niemals abgeschlossen; vielmehr ragt sie in der einen oder anderen Form in jede Gegenwart hinein und darum dürfen und werden wir sie nicht hinter uns lassen.

Was wir über die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts wissen, führt zu einer irritierenden Erkenntnis: Wir können uns nicht sicher sein, dass solches sich nicht wiederholen kann. Vollkommen verschiedene Kräfte hatten an vielen Orten und über lange Jahre und Jahrzehnte hinweg unheilvoll zusammengewirkt und begründeten am Ende einen Exzess der Gewalt, dessen Ausmaße niemand hatte kommen sehen oder auch nur hätte erahnen können. Es bleibt ein Rest von Unerklärbarem. Joachim Fest, der Biograf Hitlers, hat ein Buch geschrieben, das in gewissem Sinne die Summe seiner lebenslangen Beschäftigung mit dem Kulturbruch der Nazizeit darstellt: „Die unbeantwortbaren Fragen“.
Dass es sie gibt, und wer wollte daran zweifeln, begründet eine fortwirkende Beunruhigung. Sie wird verstärkt, wenn wir auf uns selbst sehen. Dann werden wir ja erkennen, dass wir keine besseren Menschen sind als diejenigen es waren, die uns vorausgegangen sind. Eine moralische Vollkommenheit, die uns gewissermaßen imprägnieren würde, gibt es heute so wenig wie damals, in der Vorkriegs- und Kriegszeit. Wir sind fehlbar, irrtumsverhaftet; ob wir vor den Aufgaben bestehen, die uns in unserer Zeit gestellt sind, ist nicht ausgemacht.

Ich gestehe, dass es in der gegenwärtigen Finanz- und Schuldenkrise Aspekte gibt, die mich irritieren. Es kann nicht so weitergehen, dass die Gegenwart leichtfertig im Vorgriff auf die Zukunft finanziert wird; schon das zu ändern, wird nicht leicht. Beunruhigend wirkt die Beobachtung, dass im Verlauf der Krise bestimmte stereotype Zuschreibungen wieder aufgetaucht sind, die in der Vergangenheit erhebliche Sprengkraft entfaltet und das Zusammenleben der Völker sehr erschwert haben, um das mindeste zu sagen. Bei uns kann man hören, die Südländer seien verantwortungslos, wollten nur an unser Geld. Andernorts: wiederum wollten die Deutschen ihren Willen Europa aufzwingen, nun durch die Währung. Man glaubte solches Geschwätz überwunden.

Es ist die erste tiefe Krise des Einigungsprozesses; und in ihr haben sich leider allzu viele Bürgerinnen und Bürger von der faszinierenden Idee des europäischen Gedankens verabschiedet. Tagtäglich wird deutlicher, welche Herausforderung darin liegt, die Zukunft gemeinsam zu gestalten. Manche der eingeschlagenen Wege haben sich als nicht tragfähig erwiesen, ein „weiter so“ kann es nicht geben. Aber es bleibt die Aufgabe, dass die Völker Europas zusammenwirken in einem Raum des Friedens, der Freiheit und der Gerechtigkeit. Die Fliehkräfte jedenfalls haben in den letzten Jahren zugenommen. Dem müssen wir uns entgegenstellen – nicht zuletzt, weil wir Gefährdete sind, wie es die Menschen zu allen Zeiten waren. Diesem Landtag gehören Volksvertreter an, die die Untaten der Vergangenheit verherrlichen. Das mag uns Warnung genug sein.

Meine Damen und Herren,

dem Volkstrauertag folgt der Buß- und Bettag; ihm geht die Friedensdekade voraus, deren Zeichen die Umschmiedung der Schwerter zu Pflugscharen ist. Es ist der Tag, an dem wir Christen auf uns selbst sehen, auf unser Mensch-Sein und dessen Gefährdungen. Im Licht der biblischen Botschaft erkennen wir, wie schwer es ist, das Böse zu meiden; wir sehen auf unser Ungenügen und unsere Schuld und wie schwer sie lastet. Vor Gott sehen wir zugleich, dass Schuld vergeben werden kann und so erst Versöhnung möglich wird. Wie es für jeden Einzelnen von uns ist, so ist es auch für die Gemeinschaften, in die unser Leben eingebunden ist und für die Völker in ihrer Unterschiedenheit. Die Gefährdung des Friedens unter ihnen bildet die Gefahren des menschlichen Lebens ab. Sie ist real, zu allen Zeiten. Die Botschaft der Kirche ist, dass Krieg nach Gottes Willen nicht sein soll. Wir hoffen und beten, dass die Welt diesen Ruf hören möge und unser eigenes Leben und Handeln dem entspricht. Wir wissen, dass der Erhalt des Friedens eben keine Selbstverständlichkeit ist, die aus sich selbst heraus wirksam würde. Frieden ist eine ständige Aufgabe, sie verlangt nach einer besonderen Haltung – der Friedfertigkeit.

Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.

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