Es gilt das gesprochene Wort

Ansprache zum Volkstrauertag 2011
bei der Gedenkfeier des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. im Sächsischen Landtag

Sehr geehrter Herr Präsident,
sehr geehrte Damen und Herren Abgeordneten des Landtages,
Damen und Herren,

als Sie, sehr geehrter Herr Prof. Dr. Landgraf-Dietz und Sie, sehr geehrter Herr Dr. Müller, mich darum baten, die Gedenkrede bei der diesjährigen Zentralen Feierstunde am Volkstrauertag zu halten, empfand ich dies spontan als große Ehre. Ich habe Sie auf meinen Jahrgang hingewiesen. Ich gehöre einer Generation an, die von der furchtbaren Wirklichkeit der beiden großen Kriege des vergangenen Jahrhunderts nur eine Ahnung haben kann.Ich bin Angehöriger einer Generation, die vielleicht besser schweigend und hörend zu verstehen suchen sollte, was diese Kriege für die Erlebnisgeneration bedeuteten und noch heute bedeuten, als das Wort zu erheben, ein Wort, das - ohne von eigenen Erfahrungen gesättigt zu sein -, immer irgendwie zu kurz greifen muss.

Sie haben an Ihrer Bitte festgehalten.Sie haben mich u. a. angesprochen auf meine Tätigkeit als Moderator der Arbeitsgruppe 13. Februar. Diese Arbeitsgruppe wurde von Frau Oberbürgermeisterin Helma Orosz ins Leben gerufen wurde und beschäftigt sich mit der würdigen und angemessenen Gestaltung des 13. Februar in Dresden. In der Funktion des Moderators erlebe ich, wie stark die Erinnerung an den 13. Februar 1945 die Menschen bis heute bewegt, und welch große Herausforderung sie darstellt, eine Herausforderung, die geeignet ist, die gesellschaftliche Gegenwart kritisch und radikal zu befragen und aus den Antworten konstruktive Handlungsableitungen zu formulieren.

Ich habe Ihnen zugesagt, auch, um ein wenig von den Erfahrungen einfließen zu lassen, die ich als Moderator dieser Arbeitsgruppe gesammelt habe.

Vor allem aber habe ich zugesagt, um die Möglichkeit nicht verstreichen zu lassen, Ihnen und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Kriegsgräberfürsorge meinen Respekt zu zollen. Den brauchen Sie nicht. Trotzdem möchte ich sagen: Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge leistet einen unverzichtbaren Dienst für unsere Gesellschaft. Wer sich der Gräber der Toten annimmt und damit den Hinterbliebenen einen Dienst erweist, steht nicht im Rampenlicht gesellschaftlicher Würdigung. Jedenfalls nicht in Deutschland. Und wahrscheinlich wird dies auf absehbare Zeit so bleiben.

Unsere Zeit ist eine Zeit, in der sich viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens der Logik einer relativ kurzfristig rechnenden Ökonomie zu unterwerfen neigen.

Dass sich Kriegsgräberfürsorge – wie jede Gräberfürsorge – eines Tages nicht mehr religiös oder humanistisch oder sozial, sondern allein zweckorientiert und ökonomisch begründen könnte, kann und mag ich mir nicht vorstellen. Ich glaube, dass es zum Kern der menschlichen Existenz gehört, sich um Gräber, Tote und Hinterbliebene primär aus Gründen menschlicher Solidarität zu kümmern.

Charles de Gaulle, hatte Recht, als er sagte: „Die Kultur eines Volkes erkennt man daran, wie es mit seinen Toten umgeht." Die Toten sind die, die ihre Würde nicht mehr zu verteidigen vermögen. Der Tod konnte ihre Würde nicht zerstören. Er hat sie uns überlassen. Sie liegt in unseren Händen.

Missachten wir die Würde der Toten, die einst unter uns lebten als unsere Geschwister, als Angehörige der einen Menschheitsfamilie, so, als hätte es sie gar nicht gegeben, schaden wir uns selbst. Geben wir den Toten die Ehre, wir – die man auch als die unverdient und glücklich Übriggebliebenen bezeichnen könnte – leisten wir einen Akt menschlicher Anständigkeit und Solidarität. Wir geben uns selbst die Ehre, die uns kein anderer geben oder nehmen könnte. Wir realisieren den ersten Satz des ersten Artikels unseres Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Diese Würde zu realisieren, vollzieht sich nicht von selbst. Sie für sich und für andere zu realisieren (und es gelingt ja nur, wenn man sie zugleich für sich und für andere realisiert) – denn sie ist unteilbar – ist ein Akt wissentlich und willentlich vollzogener Menschlichkeit.

An dieser Stelle ein kleines Gedicht von Erich Fried;

Ein Hund

der stirbt

und der weiß

dass er stirbt

und der sagen kann

dass er weiß

dass er stirbt

wie ein Hund

ist ein Mensch

Das Gedicht mag auf den ersten Blick als ein Text der Anklage oder als ein zynischer Text erscheinen. Bei längerem Nachdenken bringt es zum Ausdruck, dass der Mensch auch im Letzten und im Furchtbarsten – auch im Tod – Einzigartigkeit und Würde beansprucht.

Ich glaube, dass jeder Mensch im Innersten ein Gefühl dafür hat, sich vor Gräbern verbeugen zu müssen. Es ist gut, dass es Menschen gibt, die Gräber errichten und pflegen. Sie könnten nichts Besseres tun.

Sie gestatten mir (als christlichen Theologen) den Hinweis darauf, dass es nach den Texten des Neuen Testaments am Morgen nach dem Pessach Frauen waren, denen auf dem Weg zum Grab die Osterbotschaft, die Botschaft vom Leben verkündet wurde. Am Anfang der christlichen Botschaft, die zusammen mit der Tradition des Judentums unsere Kultur bis heute prägt, stand ein Akt der Gräberfürsorge.

Sehr geehrte Damen und Herren, wer sich einfindet beim Gedenken an die Opfer von Krieg und Gewalt, sollte daran denken, dass die Bewusstmachung des tausendfach sinnlos zu Ende gegangenen Lebens verbunden ist mit der unbedingten Wertschätzung des menschlichen Lebens insgesamt genauso wie mit der Verbeugung vor dem Lebensgeheimnis all derer, die damals zu Tode kamen, und, dass diese Bewusstmachung weder moralisch noch politisch folgenlos bleiben kann.

Wer gedenkt, der ehrt und ist geehrt.

Wer gedenkt, würdigt und ist gewürdigt.

Wer gedenkt, leistet eine Pflicht und rückt damit das Recht aller Menschen auf Leben in den Mittelpunkt, genau dort hin, wo es hingehört.

Den Tag heute in diesem Geist zu realisieren, bedeutet, sich verändern zu lassen und sich verändern zu müssen. Gegenwart ist das, was Menschen vergegenwärtigen.Wenn wir Vergangenes vergegenwärtigen, gleich wie weit es - rein chronologisch gesehen - zurück liegen mag, machen wir, dass das scheinbar Vergangene zu unserer Gegenwart wird und damit mächtig.

Wenn wir hier und heute zu vergegenwärtigen suchen, was Krieg und Gewalt für Deutschland, für Europa und die Völker dieser Erde insgesamt bedeuten, dann wird dies mächtige menschliche, moralische und politische Gegenwart.

Wenn Sie so wollen: man kann unserem Gedenken Instrumentalisierung nachsagen:

Instrumentalisierung für die Menschlichkeit,

Instrumentalisierung für die Versöhnung,

Instrumentalisierung für den Frieden.

Ich hätte kein Problem damit. Die Gegner der Menschlichkeit, des Friedens und der Versöhnung wissen dies genau. Sie haben kein Problem, ihr perfides Gedenken zu instrumentalisieren.

Ich habe ein Problem mit all denen,

- die deren Spiel nicht durchschauen,

- ein Problem mit denen, die ihnen Beachtung verschaffen,

- ein Problem mit denen, die abseits stehen, wenn es darum geht, das Spiel mit dem Feuer abzubrechen.

Unsere Gesellschaft bekommt ein Problem, wenn sie nachlässt, dem Gedenken an die Toten der Kriege eine würdige Form zu verleihen. Meiner Erfahrung nach sind die Vergangenheitsvergessenen zugleich die Gegenwarts- und Zukunftsvergessenen. Dass wir heute gemeinsam hier sind, ist ein äußerlich stiller und innerlich lauter Schrei nach Leben, ein äußerlich stiller und innerlich lauter Protest gegen alle, die das Leben und die Menschlichkeit mit Füßen treten – in welcher Form auch immer.

Sehr geehrte Damen und Herren, wir begehen den Volkstrauertag. Vielleicht leuchtet es nicht jedem spontan ein, warum wir uns am Volkstrauertag zu einer „Zentralen Feierstunde" versammelt haben.

Trauern und Feiern – wie passt das zusammen? Es passt und gehört zusammen, weil das Trauern um die Toten unserer Liebe zum Leben entspringt.

Das Leben ist größer und tiefer und vielfältiger, als wir es uns vorzustellen in der Lage sind.

Weil wir unsere lieben Verstorbenen, weil wir die ungezählten Opfer der Kriege, weil wir das Leben in der Fülle und Vielfalt, die sie darstellten, lieber bei uns als verloren hätten, weil wir ihnen anhängen, weil wir ohne sie weniger sind – und ärmer – trauern wir und bekennen uns damit zum Reichtum und zur Vielfalt des Lebens. Wir können nicht gegen jemanden trauern. Wir können nur um jemanden trauern. Wer allerdings aufgehört hat, das Leben zu lieben, das Leben in seiner Fülle, Entfaltung und Vielfalt, einer Vielfalt, die sich naturgemäß auch als unübersichtlich, sperrig und fremdartig darstellt,

wer versucht – aus welchen Gründen auch immer - das Leben zu beherrschen, es sich zu unterwerfen, es zu zwingen in das Korsett der eigenen, möglicherweise sehr kleinen Vorstellungswelt, wer sich selbst zum Maßstab ernennt, wird zur Gefahr für sich selbst und für andere.

Er kann nicht wirklich trauern. Und wenn er trauert, dann um sich und seine eigene Beschränktheit. (ärmlich und bedauernswert)

Sicher, den Gegnern unserer freiheitlich–demokratischen Grundordnung muss Widerstand geleistet werden.

DESHALB aber auch: All denen, die nicht Trauern können, all denen, die das ehrliche Trauern anderer nicht ertragen können und es für ihre Interessen (für das, was sie für ihre Interessen halten) missbrauchen, müsste jemand begegnen, der ihnen die Liebe zum Leben wieder gibt – bzw. überhaupt erst eröffnet.

DESHALB: Allen, denen an einem offenen, versöhnlichen, traurigen und lebendigen – und insofern natürlich auch vielfältigen Gedenken an die Opfer von Krieg und Gewalt gelegen ist, sollte es gelingen, am 13. und auch am 18. Februar zusammen zu finden und es ungeachtet aller politischen Unterschiede miteinander auszuhalten.

Allen, die dies – aus welchen Gründen auch immer – nicht zuwege bringen, die sich selbst oder andere exkommunizieren, sollte zunächst unser Verständnis gelten – denn auch sie haben ihre Gründe; auch unsere Nachsicht und unser Mitgefühl sollte ihnen gelten, wenn und insofern sie an ihre Grenzen stoßen (Wer von uns hat keine Grenzen?). Im gegebenen Fall gilt ihnen aber auch unser Widerspruch, nämlich dann, wenn sie geleitet werden von partikulären Interessen, wenn sie die Gemeinsamkeit verweigern, die ihnen möglich wäre und für das Gemeinwohl notwendig.

Gestatten Sie mir zum Abschluss ein persönliches Wort: Vor einigen Jahren besuchte ich gemeinsam mit meinem Vater einen vom Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge betreuten und gepflegten Soldatenfriedhof in den Niederlanden. Auf diesem Friedhof waren über 10 000 Soldaten der beiden großen Kriege des 20. Jahrhunderts beigesetzt. Entsprechend viele Kreuze waren aufgestellt. Wir gingen auch an einer Reihe von Davidsternen vorüber.

Nach ca. einer viertel Stunde hatten wir ein Kreuz gefunden, auf dem der Name meines Großvaters stand. Dieser war gegen Ende des II. Weltkrieges in die Ardennenoffensive geschickt worden, aus der er nicht mehr zurückkehrte. Meinem Vater war es erst nach der deutschen Wiedervereinigung und dank der Mithilfe des Volksbundes gelungen, die letzte Ruhestätte seines Vaters ausfindig zu machen, die Ruhestätte des Mannes, den er nur als Kind und insgesamt nur zweimal, nämlich während der wenigen Tage des Fronturlaubs, hatte sehen können.

Während der Zeit des kalten Krieges – in der real existierenden Diktatur der DDR – war es ihm nicht erlaubt worden, in die Niederlande zu fahren, um das Grab seines Vaters zu suchen. Es war ihm nicht einmal möglich gewesen, dessen genauen Standort ausfindig zu machen. Mein Vater hatte mir den Namen seines Vaters als Zweitnamen gegeben.

So stand ich nun in der Fremde vor einem Kreuz, auf dem mein zweiter Vorname und mein Nachname eingemeißelt waren. Ich stand gemeinsam mit meinem Vater. Niemals vorher und niemals nachher haben wir beide so lange und so tief miteinander geschwiegen. Weil ich in diesem Moment begriffen habe, wie wichtig es ist, einen gemeinsamen ORT der Trauer zu haben kann ich die Bemühungen um einen würdigen Ort des Gedenkens und Trauerns in der Innenstadt Dresdens nur von Herzen unterstützen.

Sehr geehrte Damen und Herren, erst als wir das riesige Friedhofsgelände verließen, nahm ich eine große Anzahl von Masten wahr, an denen viele Fahnen europäischer und auch anderer Staaten hingen, darunter auch die Fahne des nun wiedervereinigten Deutschlands. Ich verstand ganz neu, der Angehörige eines Volkes zu sein, das unendlich viel Elend über andere Völker gebracht hat, und in einer Zeit leben zu dürfen, in der das deutsche Volk zurückgekehrt ist in die Familie der Völker und von dieser aufgenommen wurde.

Sehr geehrte Damen und Herren, unser Gedenken am Volkstrauertag ruft Trauer, Scham und Erschrecken vor dem wach, was Menschen anzurichten in der Lage sind. Es sollte uns mit genau derselben Dringlichkeit daran erinnern, dass Versöhnung möglich ist und dass wir Deutschen auf den Wegen der Versöhnung im Inneren und nach Außen unbeirrbar weitergehen müssen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Frank Richter

(Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung)

Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.

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