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Auf Wiedersehen, mein lieber Mann!
Bericht aus Smolensk von Aleksandra Ilina
Erinnerungen haben verschiedene Gesichter. Manchmal sind sie angenehm, manchmal möchte man sie schnell wieder vergessen. Manchmal kommen sie unerwartet in den Kopf, regen verschiedene Gefühle und Gedanken an und verschwinden genauso schnell in den Niederungen des Vergessens, bis ein weiteres Ereignis sie aus irgendeinem Versteck wieder ans Licht holt. Doch einige Erinnerungen haben eine besondere Art: sie brauchen sich nicht zu verstecken, sie sind immer da, sie sind zu einem Teil des Menschen geworden.
„Russisches Dorf aus der Umgebung von Smolensk. Die kleinen Blockhäuser aus runden Stämmen gezimmert sind schwarz verwittert. Alle haben eine einheitliche Strohdeckung…“ – schreibt Wilhelm Hofmann in seinem Buch „Russland Skizzenbuch 1943-1949“. In diesem Buch sind Briefe aus Russland an seinen kleinen Sohn Hans Günter abgedruckt, die er während des Krieges geschrieben hat. Präzise und mit viel Liebe schreibt er dem Jungen, was er als Soldat im weiten Russland in der Kriegszeit erlebt hat. Seine Skizzen und Bilder dokumentieren das Leben in russischen Dörfern, in denen deutsche Soldaten im Winter 1943/44 einquartiert waren.
„Im Februar 1944 bezogen wir im Dorf mit Namen Ssolonoje am Dnjepr unser Winterquartier. Nur wenige Menschen waren in ihren Häusern geblieben. So die Besitzerin unseres Quartiers mit ihrer 13-jährigen Tochter Nuschja. Beide bekamen von uns Verpflegung, dafür hielten sie das Haus in Ordnung und pflegten unsere Wäsche.“ Zu diesen Beschreibungen vermittelt eine Skizze der Inneneinrichtung ein Bild vom beengten Leben in der Kate - russische Häuser, dörfliche Landschaften, die Smolensker Kathedrale, viele Portraits und … Erinnerungen…
Jetzt, nach vielen Jahren, erinnert er sich immer noch an das Geschehen und die russischen Familien, die er damals kennen gelernt hat. „Wir wohnen jetzt ganz schön und warm in einem kleinen Russenhaus. Das Haus hat nur einen Vorraum, da steht Gerät und Futter für die Pferde. Dahinter kommt die Stube mit dem großen Ofen. Darin stehen sechs Bettgestelle, je zwei übereinander“, schreibt er in einem Brief vom 30. Januar 1944. So sehen fast alle Häuser in russischen Dörfern nahe Smolensk aus. „Bei uns wohnt in dem klitzekleinen Räumchen hinter den Schränken und dem Ofen eine ganze Russenfamilie mit Oma, Mama und drei kleinen Kindern, die den ganzen Tag ängstlich wie die Mäuschen um die Schrankecke uns zugucken.“
In einem weiteren russischen Dorf, nur 60 Kilometer von Smolensk entfernt, guckte ein 14-jähriges Mädchen genauso ängstlich den deutschen Soldaten, die in ihrem Elternhaus wohnten „wie ein Mäuschen“ zu. Sie, Katja, hat auch ihre Erinnerungen.
„Oma Katja“ nennen heute alle Verwandten und Bekannten.. Doch als sie zum ersten Mal Deutsche gesehen hat, war sie ein 14-jähriges Mädchen: Der Krieg war im vollem Gange. Die Deutschen hatten sich in ihrem Dorf Belik im Hause ihrer Eltern einquartiert.
Die Geschichten von damals erzählt die 82-jährige so lebendig, als wären sie gestern erlebt worden. Sie hat kein Buch geschrieben, doch über ihre Erinnerungen spricht sie im Kreis ihrer Familie immer wieder.
Im Dorf Belik hat Katja fast ihr ganzes Leben verbracht. Heute wohnt sie bei der Familie ihrer Tochter. Alleine konnte sie ihren Haushalt im Dorf nicht mehr führen und deshalb musste sie in die „große Stadt“ - Smolensk ziehen.
„Das war eine Chance!“
Als die Deutschen in ihr Dorf einzogen, hatten damals alle Einwohner Angst. Deshalb wollten Katja und ihre Familie die unerwarteten „Gäste“ auf keinen Fall verärgern.
Lächelnd erzählt Katja die erste Geschichte. Ein Deutscher wollte, dass ihre Mutter seinen Socken stopft, was sie auch unverzüglich erledigte. Doch der Mann war höchstwahrscheinlich mit dem Ergebnis unzufrieden und hat ihrer Mutter später beigebracht, wie man Socken richtig stopft. Er hatte dafür einen hölzernen Kartoffelstampfer mitgebracht, den er in den Socken steckte, um diesen zu stopfen. „Diesen Stampfer müssen wir nachher unbedingt abwaschen“, dachte die junge Katja bei sich, sagte aber nichts, denn sie wollte den Soldaten nicht kritisieren.
Später hat der junge Deutsche Katja gebeten, sein Taschentuch, das er von seiner Mutter bekommen hatte, zu bügeln. Katjas Mutter war gerade nicht zu Hause. „Das war eine Chance!“, erinnert sich Oma Katja und lächelt dabei ihre große Familie an. Diese Begebenheiten haben sie wohl alle mehrmals gehört, doch es bereitet Oma Katja viel Spaß, die Erinnerungen immer wieder in die Gegenwart zurück zu holen. Sie wollte alles perfekt machen und legte das Seidentuch auf den Tisch. Das Bügeleisen hatte sie stark mit Kohlen erhitzt. „Damit alles richtig perfekt glatt aussieht“, sagt sie und zeigt mit der Hand, wie sie die Hitze des Eisens prüfte. Doch das verdammte Tuch, statt glatt und schön zu werden, wurde fest und gelb. Auch nach mehr als 60 Jahren kann sich Katja erinnern, welche Worte der junge Mann wählte, weil sie das Geschenk seiner Mutter so ungeschickt verdorben hatte. Böse ist sie bis heute nicht, sie kann seinen Ärger gut verstehen. Es war schließlich ein Tuch von seiner Mutter! Sie wollte nur ihr Bestes geben. Seitdem hat Katja den jungen Mann nie wiedergesehen. Selbst seinen Namen weiß sie nicht sicher. „Franz vielleicht?“ Die Frage bleibt unbeantwortet.
„Ein Deutscher hat uns immer Brot gegeben“, sagt Oma Katja unvermittelt. „Ich war für die gerechte Verteilung verantwortlich“, fügt sie stolz zu.
Jetzt wünscht sich Oma Katja nur noch Urenkel. Auch ihnen kann sie eventuell die Geschichte über das verdorbene Tuch noch erzählen.
Ihr Enkel Andrey ist frisch verheiratet. Seine Frau hat Oma Katja, die nach alten Russischen Sitten Karten legen kann und damit die Zukunft deuten, ihm prophezeit. Und er hat sie gefunden!
Eins können die alten Karten von Oma Katja nicht sagen: „Ich weiß nicht, ob dieser Franz noch am Leben ist, die schlimmsten Kriegswirren überlebt hat oder doch im Krieg gefallen ist.“ Sie bedauert, sein Tuch verdorben zu haben…
„Viele Grüße nach Deutschland!“ schickt Oma Katja und lächelt. Einen viel sagenden Satz kann sie noch auf Deutsch: „Auf Wiedersehen, mein lieber Mann…“
Nur noch wenigen lebenden Deutschen und Russen sind Erinnerungen an den zweiten Weltkrieg geblieben, seien sie gut oder nicht, lebendig oder vage: Die Zeit hat viel verwischt und verborgen. Viele Schicksale bleiben für immer ungeklärt. Doch die Gefühle bleiben.
Aleksandra Ilina
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