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Endlose Gräber - Die zehn Jahre lange Suche nach dem Grab meines Großvaters endet in Halbe

Von Roland Fogt

Der Brief vom Suchdienst München des Deutschen Roten Kreuzes aus dem Jahre 1960 ist inzwischen abgenutzt und verblasst. Die Worte "durch Granatsplitter in Ringenwalde bei Berlin gefallen" aber verfolgten mich. Was wurde aus den sterblichen Überresten meines Großvaters und wo hat er seine letzte Ruhestätte gefunden?

Die Suche nach meinem Großvater wurde durch mein Interesse an Ahnenforschung geweckt. Ich hatte einige Aufzeichnungen über meine Vorfahren mit vielen Details aus ihrem Leben zusammengetragen, aber die Akte meines Großvaters enthielt eine störende Lücke. Alle besonderen Ereignisse in seinem Leben waren verzeichnet, sein Geburtstag, die Konfirmation, Heirat, Repatriierung - außer einem. Immer wieder sah ich mir diese alten, mit den Jahren gelb gewordenen Dokumente an und suchte die Antwort. Manchmal, wenn ich mir die Kopie seines Einberufungsbefehls ansah, geriet ich in Rage, weil ich mir diesen 57 Jahre alten Mann vorstellte, der seine Frau verlassen musste, um in einen schon verlorenen Krieg zu ziehen. Ich verwandelte meinen Ärger in Überzeugung und beschloss, die Frage nach seinem Tod zum Abschluss zu bringen.

Ich wandte mich an meinen Cousin Karl Hoeffgen in Deutschland, der selbst Kriegsteilnehmer war und dem Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge (VdK) angehörte. Er veröffentlichte in den "VdK Nachrichten" eine Suchanzeige und fragte nach Informationen über das "Volkssturm Bataillon Martin 36/169". Ich hatte wenig Hoffnung, da ich wusste, dass diese Einheiten hauptsächlich aus älteren Männern bestanden hatten. Jahre vergingen ohne Ergebnis, doch ich schickte eine weitere Anfrage an das Deutsche Rote Kreuz. Alles, was ich zurückbekam, war eine kurze Nachricht: „Keine Änderungen seit 1960.“ Der Tod meines Vaters 1992 schränkte meine Nachforschungen etwas ein, hatte ich doch mit wichtigeren und unaufschiebbaren Dingen zu Hause zu tun.

Mein Vater, ebenfalls ein ehemaliger Wehrmachtsangehöriger, hatte alles in seinem Leben sorgfältig aufbewahrt. Als ich in den Jahren nach seinem Tod seine Papiere sortierte, stieß ich immer wieder auf den Namen meines Großvaters - als sollte er mich an mein früheres Vorhaben erinnern. So reiste ich 1996 nach Europa, um selbst weiter zu forschen. Ich begann in dem kleinen Dorf "Kolonie Jozefin", seinem Geburtsort im heutigen Polen. Danach folgten Berlin und Ringenwalde nordöstlich von Berlin. Den Angaben des Deutschen Roten Kreuzes zufolge war dies die Gegend, in der er zu Tode kam. Welche Ironie, denn mein Großvater lebte 1926 in Ringenwalde, wo er für die Herzogin von Saldern-Ahlim arbeitete. Ich war jetzt in der Lage, auch diese Lebensphase zurückzuverfolgen und gleichzeitig nach seinem Grab zu suchen.

Kaum hatte ich mich in dem kleinen Gasthaus eingemietet, wurde ich von einem älteren deutschen Ehepaar, das hier Urlaub machte, "adoptiert". Es fragte mich, ob ich sie zu dem Seelower Höhen Kriegerdenkmal begleiten wollte - was ich gerne tat. Auf den Seelower Höhen an der Oder hatte in den letzten Kriegsmonaten tobte eine schreckliche Schlacht zwischen Deutschen und Russen.

Kriegerdenkmal und Museum brachten mich in meiner Suche nicht weiter. Am selben Tag noch ging ich auf den Friedhof von Ringenwalde und fand einige Gräber "unbekannter deutscher Soldaten". Ich hatte keine Ahnung, wie viele solche unbekannte Gräber es auf den Friedhöfen fast aller deutschen Städte gab. War mein Großvater in einem davon begraben? Abends im Gasthaus stellte mich das freundliche Ehepaar einem Einwohner von Ringenwalde vor, einem Amateur-Historiker. Er sah sich den Brief des Deutschen Roten Kreuzes an, seine Karten sowie persönlichen Erinnerungen und schloss mit "dieser Brief stimmt nicht".

Ich fragte ihn, wie dies möglich sei und er erklärte, dass - basierend auf dem im Brief angegebenen Todestag und dem Standort der einmarschierenden russischen Armee - in Ringenwalde schon seit Tagen Waffenruhe geherrscht habe. Dann zeigte er mir auf der Landkarte ein anderes Ringenwalde, südöstlich von Berlin, in einer Gegend, in der sich in den letzten Kriegstagen die in die Falle gelockte 9. Armee von General Busse befand.
Ich war enttäuscht, denn mein Urlaub neigte sich dem Ende; allerdings hatte ich jetzt auch Mut für einen zweiten Besuch. Die Freundlichkeit so vieler Fremder, die wenige Jahre zuvor während des Kalten Krieges noch unsere Feinde waren, ist ein Zeugnis für Menschlichkeit. Noch im selben Jahr, während eines Aufenthaltes am Goethe Institut in St. Louis, gab mir eine hilfsbereite junge Deutsche Ihre Adresse und riet mir, an Sie zu schreiben. Ich tat dies im Dezember 1996. Ungefähr einen Monat später erhielt ich eine Antwort mit folgendem (auszugsweisem) Wortlaut: Sehr geehrter Herr Fogt, ... nach Durchsicht unserer Akten können wir Ihnen mitteilen, dass Ihr Großvater auf dem Friedhof von Muckendorf (Kreis Zossen) beerdigt wurde.

Ich war überwältigt. Hätte ich Ihre Organisation doch schon neun Jahre früher gekannt! Ich konnte nicht wissen, dass der Suchantrag noch lange nicht zum Abschluss gekommen war. Ich sandte eine Kopie des (Volksbund-) Schreibens an meinen Cousin Dr. Helmut Fogt, der gerade dabei war nach Berlin umzuziehen. Von nun an nahm er alles in die Hand. Er fuhr nach Muckendorf - und fand lediglich einen kleinen Friedhof mit noch mehr Gräbern unbekannter deutscher Soldaten - keinerlei Hinweis auf die Grabstelle meines Großvaters. Vom Bürgermeister sowie einem Bauern erfuhr er, dass bereits vor Jahrzehnten die sterblichen Überreste der in den Massengräbern beigesetzten Soldaten nach Halbe umgebettet wurden.

Dr. Fogt fuhr nach Halbe zum dortigen Waldfriedhof, dem größten deutschen Soldatenfriedhof mit über 22.000 Gefallenen. Es gab dort kein Namenbuch und mehr als die Hälfte der Gräber waren "unbekannt", viele davon mit 30, 50,100 und 150 unbekannten Soldaten. Bei Schnee und Regen suchten mein Cousin und seine Familie auf den zahllosen Grabsteinen nach dem Namen meinen Großvaters, jedoch ohne Erfolg. Ein paar Tage später besuchte er das Standesamt in Teupitz, die letzte Chance bei dieser Odyssee. Ein Computercheck war ergebnislos; aber eine sehr hilfsbereite Angestellte suchte in alten Dokumenten und fand ein zerfleddertes gelbes Dokument mit 14 Namen, der drittletzte lautete "12) Fogt, Jakob geb. 19.8.1887 Lublin, Wehrpass: ev. verh. Gärtner, W.B.K. Lissa/Wartheland".

Endlich war meines Großvaters Beisetzung auf dem Waldfriedhof Halbe offiziell und dokumentiert. Ein wenig enttäuscht war ich schon, dass ich die genaue Grablage meines Großvaters nicht kannte, aber wenn ich an all die namenlosen Toten denke, die ihn umgeben, danke ich Gott, dass ich weiß wo er ist. Das Jahr darauf reiste ich nach Halbe, von Berlin aus leicht erreichbar mit dem Auto oder der Bahn. Diese Stätte mit so vielen unbekannten Gräbern kann sehr verwirrend sein und ich wurde sehr nachdenklich beim Gang durch die Gräberreihen. Ich dachte an die schrecklichen Umstände, die zu dieser letzten Ruhestätte meines Großvaters geführt hatten und wünschte mir, dass mein Vater noch am Leben wäre und mich bei diesem Besuch begleiten könnte. Ich bemerkte das Fehlen von Blumen und Anerkennung, wie sie die meisten Soldatenfriedhöfe schmücken. Ich stellte eine rote Geranie vor das Mahnmal und fasste in Gedanken die letzten zehn Jahre zusammen. Ein Gefühl von "Schluss und Frieden" erreichte mich.

Wenn Sie diese Geschichte lesen, schließen Sie bitte diese vergessenen unbekannten Soldaten in Ihre Gedanken und Gebete ein. Ihr Gedenken schreit geradezu das Sinnlose und den Schrecken von Krieg hinaus.

Roland Fogt

"Endless Graves", eingesandt von Roland Fogt, St. Charles, Missouri, 6. November 2001

 

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