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Gedenken an die Besatzung von U 125
(Kommandant: Ulrich Folkers)
– Auf See / Juli 2003 –
Vor Antritt einer für den letzten Sommer gebuchten Kreuzfahrt von New York nach Hamburg machte ich mich mit den Einzelheiten der Reiseroute vertraut. Ich stellte fest, dass das Schiff auf seinem Weg von Neufundland – vorbei an Cape Farewell, der Südspitze Grönlands – nach Island in die Nähe des Seegebiets kommen würde, in dem am 6. Mai 1943 das Boot U 125, auf dem mein damals 19-jähriger Bruder Friedrich Harms als Seekadett fuhr, untergegangen war,.
Näheres war mir nicht bekannt. Die offizielle Todesnachricht des Flottillenchefs der Dienststelle M 25522 vom 16. Februar 1944 lautete lediglich „... Es muss angenommen werden, dass das Boot in dem Seegebiet nordöstlich Neufundland durch feindliche Überwasserstreitkräfte getroffen und die Besatzung ein schneller Soldatentod ereilt hat ...“
Weitere Angaben wurden dazu seinerzeit – wohl mit Rücksicht auf das Kriegsgeschehen – nicht gemacht. So wusste ich nur: Die Unglücksstelle lag irgendwo in der Weite des Nordatlantiks nordöstlich von Neufundland. Es kam in mir der Wunsch auf, für einen Moment innezuhalten und meines Bruders und seiner mit ihm auf dem Grund des Meeres ruhenden Kameraden zu gedenken, wenn das Schiff in diesem Seegebiet unterwegs und ich nahe dem Ort des damaligen tragischen Geschehens sein würde.
Mit dem Herannahen des Reisetermins kam bei mir – neben diesen ernsten Gedanken – immer mehr Vorfreude auf, Vorfreude auf die vielen Annehmlichkeiten, die eine Schiffsreise bietet. So ging ich am 4. Juli, dem „Independence Day“ (Unabhängigkeitstag) in New York erwartungsvoll an Bord des Kreuzschiffes. Die Fahrt ging entlang der nordamerikanischen Ostküste zunächst nach Bosten. Der nächste Anlaufhafen war Halifax/Nova Scotia, wo wir Gelegenheit zu einer herrlichen Landschaftsfahrt hatten.
Auf der Weiterfahrt von Halifax nach St. John´s/Neufundland begab ich mich – auf Grund meiner vor Reisebeginn getroffenen Überlegungen – etwas zaghaft mit meinem eher ungewöhnlichen Anliegen auf die Brücke. Ich wandte mich an einen dort Dienst tuenden Offizier, erklärte ihm meinen Wunsch und bat ihn, den voraussichtlichen Zeitpunkt zu berechnen, zu dem das Schiff in die Nähe der Untergangsstelle von U 125 kommen würde – irgendwo zwischen 50° und 60° nördlicher Breite und 40° und 50° westlicher Länge. (Diese Positionsangabe hatte mir kurz zuvor ein Freund – auch ein U-Boot-Fahrer des Zweiten Weltkrieges – mitgeteilt.)
Der Offizier erläuterte mir, dass man schon die genaue Position der damaligen Unglücksstelle wissen müsse, um den Zeitpunkt des Erreichens dieser Stelle vorausberechnen zu können. In diesem Moment schalte sich ein ebenfalls auf der Brücke anwesender Mitreisender in das Gespräch ein und meinte: „Wenn Sie wissen, um welches U-Boot es sich handelt, kann ich von einem Freund, der ein privates Seefahrtsarchiv besitzt, alle Einzelheiten des damaligen Geschehens erfahren, insbesondere die genaue Position, wo das Boot seinerzeit verloren ging. Ich werde ihm eine E-Mail schicken und ihn um Übermittlung der ihm zur Verfügung stehenden Daten bitten.“
Und tatsächlich, der besagte Freund „mailte“ einige Stunden später folgende Angaben: Am 6. Mai 1943, um 04.52 Uhr (GMT) am Konvoi ONS.5 durch Rammstoß und Artillerie des britischen Zerstörers „Oribi“ schwer beschädigt, von der britischen Korvette „Snowflake“ unter Artilleriefeuer von der Besatzung selbst versenkt auf Position 52°30´N/45°20´W.
Versehen mit diesen Angaben, war es für den Navigations-Offizier kein Problem (für mich hingegen ein Wunder) genau zu bestimmen, wann diese Position erreicht sein würde: Es war der folgende Tag, der 12. Juli 2003, um 16.30 Uhr.
An diesem 12. Juli zur vorausberechneten Zeit trafen wir, der hilfsbereite Passagier, seine Frau und ich uns auf der Veranda ihrer Kabine. Dazugekommen war der Bordgeistliche des Schiffes, der hier im Anblick der weiten, bis zum Horizont reichenden See Worte des Gedenkens fand und anschließend ein Gebet für die Toten sprach. Danach übergab ich in Erinnerung an meinen Bruder und an alle, die dort zusammen mit ihm in 4 000 Metern Tiefe ihr junges Leben lassen mussten, der See einen Blumengruß. Ein bewegender Augenblick – 60 Jahre nach diesem unheilvollen Geschehen. Anschließend, noch ganz unter dem Eindruck des Erlebten stehend, ließen wir diese Stunde mit einem guten, mir wohltuenden Gespräch ausklingen.
Für mich folgten weitere angenehme und interessante Stunden und Tage an Bord. Es war mir vergönnt, schöne Landschaften zu erleben, bis diese wundervolle Reise dann am 21. Juli 2003 in Hamburg endete. Dankbar für alles Erlebte trat ich den Heimweg an.
Mir unvergesslich werden für immer jene bewegende Augenblicke in der Weite des Nordatlantiks, wo vier Menschen zusammengekommen waren, um in andächtiger Stille einer tapferen U-Boot-Besatzung des Zweiten Weltkrieges zu gedenken.
Margarethe Collins,
Oldenburg |