Leserberichte
 
Volksbund Web-Suche:
























Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.
Spendenkonto: 3 222 999 - Bankleitzahl 520 400 21 bei der Commerzbank Kassel
 

Einen Hammel für ein paar Handvoll Aprikosen und Weintrauben

Später Ausgleich für einen verzeihlichen Mundraub

Im Jahre 1945 geriet Hans H., damals 21 Jahre alt, bei Breslau in russische Kriegsgefangenschaft und kam nach wochenlangem Bahntransport über Brest-Litowsk und Saratew nach Begowat, heute als Bekabad bekannt, etwa 140 Kilometer südlich von Taschkent. Mit einer Gruppe von etwa 400 Mann wurde er beim Bau eines Wasserkraftwerks am Syrdarya eingesetzt. Ihre Arbeit war es, die Schachtarbeiten voranzutreiben.

Der Boden war hart und musste erst mit Brechstangen aufgebrochen werden. Dann wurde die Erde auf Tragen geschaufelt die von zwei Mann aus der Grube getragen und in einiger Entfernung von der Grube abgekippt wurde. Bei der Schachtarbeit standen sie bis oberhalb der Waden im eiskalten Grundwasser, während von oben die Sonne auf sie herunter brannte. Nach drei Wochen war er erschöpft und krank, so dass er für fünf Tage im Lager bleiben durfte, dann musste er wieder an die Arbeit. Nach weiteren drei Wochen brach er vor Schwäche zusammen. Er wurde von der russischen Lagerärztin krank geschrieben und aus dem Kriegsgefangenenlager Bekabad in das von den Kriegsgefangenen als “Erholungslager" bezeichnete Lager 26 in Tschuama im Fergana Tal, nördlich von Andischan, überstellt.

Dort war gerade Erntezeit und er wurde auf der lagereigenen Kolchose eingesetzt. Zuerst beim Dreschen, dann beim Reinigen der Bewässerungsgräben. Auf dem Weg zur Arbeit kamen sie immer an einem Weingarten vorbei, in dem auch Aprikosenbäume standen und auf Schnüren Tabakblätter getrocknet wurden. Jedes Feld wurde von einem Posten mit Karabiner bewacht, dieser Weingarten sogar von zwei Wächtern. Wie sollte man da an die Früchte kommen? Einer der Gefangenen verstrickte die Wächter in ein Gespräch und Hans H. holte aus dem Weingarten, was so zu holen war. In der Wohnbaracke war unter den Betten schon ein Loch ausgebuddelt worden, in dem die Beute versteckt wurde.

Im Jahre 2002, an einem sonnigen Maitag, trafen sie sich zufällig wieder, Hans H. und einer der Wächter vom Weingarten. Hans H. hatte im Frühjahr 2001 bei der Deutschen Botschaft in Taschkent angefragt, ob man ihm bei der Suche nach früheren Kriegsgefangenenlagern helfen könne, weil er noch einmal nach Usbekistan kommen wolle, um die Stätten seines unfreiwilligen Aufenthaltes zu besuchen und um vielleicht auch Menschen zu treffen, mit denen er damals zusammengearbeitet hatte, die sich möglicherweise noch an den “pleny Gans" erinnern könnten.

Als Hans H. am besagten sonnigen Maitag in Begleitung des Zweiten Sekretärs der Botschaft nach Tschuama kam, um an dem Hochkreuz mit der Gedenktafel für die dort verstorbenen Kriegsgefangenen ein Blumengebinde niederzulegen, war der Bürgermeister des Ortes und mehrere Honoratioren am Friedhofseingang versammelt, unter ihnen zwei alte Männer mit weißen Bärten in traditioneller landesüblicher Kleidung. Der kleinere erzählte, dass er während des Krieges als Wächter im Weingarten eingesetzt war. Hans H. getraute sich nicht, dem Wächter seinen damaligen Mundraub zu beichten, aber er spendierte den Dorfbewohnern einen Hammel, damit man ein Fest feiern und im Opfergebet auch der auf dem Friedhof zur letzten Ruhe gebetteten Kriegsgefangenen gedenken möge.

Bei der kurzen Gedenkstunde am Hochkreuz für die deutschen Kriegsgefangenen, sprach der Zweite Sekretär der Botschaft ein Gedicht, das sein Bruder als deutscher Kriegsgefangener im Alter von 17 Jahren im Sommer 1945 im Lager Neuhammer an der Queiß geschrieben hatte:

Müde sind wir. Zu Tode gehetzt!
Hoch ist der Zaun. Mit Stacheln besetzt.
Wir liegen dahinter, geschlagen, verletzt.
Stumm trägt ein jeder des Hungers Pein,
Der Sonne glühenden, lähmenden Schein
Und das Verlangen, daheim zu sein.
Plötzlich durchdringt die Stille ein Schrei
Das unendliche ewige Einerlei:
Wann werden wir endlich wieder frei?
Wann und wie soll das hier enden?
Wird das Schicksal für uns sich wenden?
Einmal? Bald? –
Hier wird der Jüngste zum Greisen alt:
Hunger, Hiebe und rohe Gewalt!
Herrgott, wir flehen mit erhobenen Händen,
Laß uns doch hier nicht so elend verenden.


Er endete mit den Worten, die in der Marmortafel eingraviert sind: “Hier ruhen Kriegsgefangene, Opfer des Zweiten Weltkrieges".

Nach einer kurzen Pause fügte er an: “Herr, lasse sie ruhen in Frieden".

Hatten nicht auch die usbekischen Teilnehmer an der Gedenkstunde Tränen in den Augen, auch wenn sie die deutschen Worte nicht verstanden?

Fotos: Johann Hensellek/Franz Seewald
 

...zurück zur Homepage Direkt Kontakt Impressum Drucken


Neu!
Auf Wiedersehen, mein lieber Mann!
Bericht aus Smolensk von Aleksandra Ilina

 
Spurensuche in Lebedjan/Russland
Hajo Stahl fand den Kriegsgefangenenfriedhof und die Namen der Toten

 
Dauerndes Ruherecht für umgekommene Bundeswehrsoldaten
Volksbund-Präsident Reinhard Führer zur Diskussion über das Gedenken an Todesfälle beim Auslandseinsatz

 
Das alte Paar Handschuhe
Erlebnisbericht von Céline Wieders, 14 Jahre

 
Und keine Taube fliegt herbei ...
Fünf Gedichte von Anneliese Pflücker

 
Von La Cambe nach Brüssel
Vom Handel und vom Frieden in Europa

 
Der kleine französische Soldatenfriedhof
Von Gerhard Friedrich Dose


Gedenken an die Besatzung von U 125
Von Margarethe Collins


Menschlichkeit
im Krieg

Meine Arbeit für die Versöhnung habe ich auch deswegen gern, weil sie oft angenehme Überraschungen mit sich bringt, die ich als Ausdruck der Menschlichkeit im Krieg bezeichne.


Ein Herrenring mit Herz
Von Ilse Gruber


Mein Bruder Werner
Die letzen Briefe eines 16-Jährigen, geschrieben in den letzten Kriegsmonaten des Jahres 1945.


Ein Ort der Trauer und der Freude
eine Dokumentation von Stefanie Kiehl


DER BAYRISCHE MOND
Von Bruno Longanesi


So werden Gräber gefunden
Von Hans Mewes


"Vor Leningrad"
Zur Geschichte des Kriegstagebuches des Unteroffiziers Wolfgang Buff


Einen Hammel für ein paar Handvoll Aprikosen und Weintrauben
Später Ausgleich für einen verzeihlichen Mundraub


"Nicht aufgeben, nur Beharrlichkeit führt zum Ziel"
Von Dr. Wolfgang Bläser


Historische Spurensuche eines 14jährigen Gymnasiasten
Von Sebastian Laux


Endlose Gräber
Von Roland Fogt


Endless Graves

By Roland Fogt


  Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. · Bundesgeschäftsstelle · Werner-Hilpert-Straße 2 · 34112 Kassel