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Einen Hammel für ein paar Handvoll Aprikosen und Weintrauben
Später Ausgleich für einen verzeihlichen Mundraub
Im
Jahre 1945 geriet Hans H., damals 21 Jahre alt, bei Breslau in russische
Kriegsgefangenschaft und kam nach wochenlangem Bahntransport über
Brest-Litowsk und Saratew nach Begowat, heute als Bekabad bekannt, etwa
140 Kilometer südlich von Taschkent. Mit einer Gruppe von etwa 400 Mann
wurde er beim Bau eines Wasserkraftwerks am Syrdarya eingesetzt. Ihre
Arbeit war es, die Schachtarbeiten voranzutreiben.
Der Boden war hart und musste erst mit Brechstangen aufgebrochen werden.
Dann wurde die Erde auf Tragen geschaufelt die von zwei Mann aus der Grube
getragen und in einiger Entfernung von der Grube abgekippt wurde. Bei der
Schachtarbeit standen sie bis oberhalb der Waden im eiskalten Grundwasser,
während von oben die Sonne auf sie herunter brannte. Nach drei Wochen war
er erschöpft und krank, so dass er für fünf Tage im Lager bleiben durfte,
dann musste er wieder an die Arbeit. Nach weiteren drei Wochen brach er
vor Schwäche zusammen. Er wurde von der russischen Lagerärztin krank
geschrieben und aus dem Kriegsgefangenenlager Bekabad in das von den
Kriegsgefangenen als “Erholungslager" bezeichnete Lager 26 in Tschuama im
Fergana Tal, nördlich von Andischan, überstellt.
Dort war gerade Erntezeit und er wurde auf der lagereigenen Kolchose
eingesetzt. Zuerst beim Dreschen, dann beim Reinigen der
Bewässerungsgräben. Auf dem Weg zur Arbeit kamen sie immer an einem
Weingarten vorbei, in dem auch Aprikosenbäume standen und auf Schnüren
Tabakblätter getrocknet wurden. Jedes Feld wurde von einem Posten mit
Karabiner bewacht, dieser Weingarten sogar von zwei Wächtern. Wie sollte
man da an die Früchte kommen? Einer der Gefangenen verstrickte die Wächter
in ein Gespräch und Hans H. holte aus dem Weingarten, was so zu holen war.
In der Wohnbaracke war unter den Betten schon ein Loch ausgebuddelt
worden, in dem die Beute versteckt wurde.
Im Jahre 2002, an einem sonnigen Maitag, trafen sie sich zufällig wieder,
Hans H. und einer der Wächter vom Weingarten. Hans H. hatte im Frühjahr
2001 bei der Deutschen Botschaft in Taschkent angefragt, ob man ihm bei
der Suche nach früheren Kriegsgefangenenlagern helfen könne, weil er noch
einmal nach Usbekistan kommen wolle, um die Stätten seines unfreiwilligen
Aufenthaltes zu besuchen und um vielleicht auch Menschen zu treffen, mit
denen er damals zusammengearbeitet hatte, die sich möglicherweise noch an
den “pleny Gans" erinnern könnten.
Als
Hans H. am besagten sonnigen Maitag in Begleitung des Zweiten Sekretärs
der Botschaft nach Tschuama kam, um an dem Hochkreuz mit der Gedenktafel
für die dort verstorbenen Kriegsgefangenen ein Blumengebinde
niederzulegen, war der Bürgermeister des Ortes und mehrere Honoratioren am
Friedhofseingang versammelt, unter ihnen zwei alte Männer mit weißen
Bärten in traditioneller landesüblicher Kleidung. Der kleinere erzählte,
dass er während des Krieges als Wächter im Weingarten eingesetzt war. Hans
H. getraute sich nicht, dem Wächter seinen damaligen Mundraub zu beichten,
aber er spendierte den Dorfbewohnern einen Hammel, damit man ein Fest
feiern und im Opfergebet auch der auf dem Friedhof zur letzten Ruhe
gebetteten Kriegsgefangenen gedenken möge.
Bei der kurzen Gedenkstunde am Hochkreuz für die deutschen
Kriegsgefangenen, sprach der Zweite Sekretär der Botschaft ein Gedicht,
das sein Bruder als deutscher Kriegsgefangener im Alter von 17 Jahren im
Sommer 1945 im Lager Neuhammer an der Queiß geschrieben hatte:
Müde sind wir. Zu Tode gehetzt!
Hoch ist der Zaun. Mit Stacheln besetzt.
Wir liegen dahinter, geschlagen, verletzt.
Stumm trägt ein jeder des Hungers Pein,
Der Sonne glühenden, lähmenden Schein
Und das Verlangen, daheim zu sein.
Plötzlich durchdringt die Stille ein Schrei
Das unendliche ewige Einerlei:
Wann werden wir endlich wieder frei?
Wann und wie soll das hier enden?
Wird das Schicksal für uns sich wenden?
Einmal? Bald? –
Hier wird der Jüngste zum Greisen alt:
Hunger, Hiebe und rohe Gewalt!
Herrgott, wir flehen mit erhobenen Händen,
Laß uns doch hier nicht so elend verenden.
Er endete mit den Worten, die in der Marmortafel eingraviert sind: “Hier
ruhen Kriegsgefangene, Opfer des Zweiten Weltkrieges".
Nach einer kurzen Pause fügte er an: “Herr, lasse sie ruhen in Frieden".
Hatten nicht auch die usbekischen Teilnehmer an der Gedenkstunde Tränen in
den Augen, auch wenn sie die deutschen Worte nicht verstanden?
Fotos: Johann Hensellek/Franz Seewald
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