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„Ein Herrenring mit Herz“
Als
ich von der Reise an das Grab meines Vater zurückkehrte, sagte ich zu
meinen zwei Kindern: „In meiner Umgebung habe ich immer mit angehört: Mein
Vater hat dieses und jenes gesagt, mein Vater war dort, mein Vater hat
mich dorthin mitgenommen usw. (...) Jetzt kann ich das erste Mal in meinem
Leben auch erzählen, dass ich bei meinem Vater war.“
Im November 1944 war mein Vater das letzte Mal auf Heimaturlaub. Da war
ich dreieinhalb Jahre alt. Erinnern kann ich mich an eine Begebenheit. Ich
saß auf dem Sofa und wurde von meinem Vater mit einem Löffel Honig
gefüttert. Mein Vater hatte einen mausgrauen Pullover an. Allerdings habe
ich nur den Arm und die Hand meines Vaters in Erinnerung. Meine Schwester
erzählte mir, dass unser Vater seinen Hochzeitsring meiner Mutter
zurückließ, damit sie, falls ..., wenigstens dieses Erinnerungsstück bei
sich hätte. Doch bei der Befreiung 1945 durch die Amerikaner und
Einquartierung in unserem Hause wurde meiner Mutter dann der Ring
gestohlen.
Ende des Jahres 1950 bekam unsere Mutter eine Postkarte vom Deutschen
Roten Kreuz zugesandt, auf der zu lesen war, dass Hermann Koch, geboren am
5. April 1901 am 27. März 1945 in Ziegenhals, Kreis Freiwaldau, gefallen
sei.
Nach dem Tod unserer Mutter im Jahre 1982 begann ich dann eigenständig die
Suche nach meinem Vater. Es begegneten mir mehrmals Menschen, die aus der
Gegend stammten, in der mein Vater gefallen war. Ein Ehepaar besuchte
jedes Jahr dort seine Heimat und ich bat es, dort Nachforschungen
anzustellen. Sie sind in dem Ort angekommen und gleich auf die Kirche
zugefahren. Vor der Kirchentür stand – zufällig – ein älterer Herr, und
auf ihn gingen sie zu. Dieser Herr war der dortige Priester, Herr Stula.
Auf Anfrage konnte Herr Stula berichten, dass er im Frühjahr 1945
insgesamt 56 Soldaten – nach schweren Kämpfen – kirchlich bestattet hatte.
Er hatte eine Liste – aufgrund der politischen Ereignisse – einem
deutschen Ehepaar Handke mitgegeben. Diese Liste wurde dann dem Deutschen
Roten Kreuz von dem Ehepaar Handke übergeben. Aufgrund dieser Liste wurden
dann die Angehörigen der Gefallenen – so auch meine Mutter –
benachrichtigt.
Der Priester, Herr Stula, hat sich um die Gräber der Gefallenen
außerordentlich bemüht. Die aufgestellten Kreuze wurden von dem Gräberfeld
entfernt und das Gräberfeld wurde laut Aussage umgeackert.
Nachdem ich Obiges dem Volksbund mitgeteilt hatte, bekam ich im Mai 1992
eine Antwort, in der zu lesen war: „Wir werden aber in jedem Fall die
vorgenannte Gemeinde unter Hinweis auf den mit der CSFR kürzlich
abgeschlossenen Nachbarschaftsvertrag bitten, das deutsche Gräberfeld bis
zu einem späteren Einsatz des Volksbundes zu sichern und wenn möglich,
provisorisch zu kennzeichnen.“ Nun war ich beruhigt.
So
geht die Geschichte weiter: Im August 2001 bekam ich einen Brief von der
Deutschen Dienststelle, Berlin (Kriegsgefangenenpost, gebührenfrei), den
ich ohne Hilfe gar nicht öffnen konnte. Es wurde mir von dort „ein
Herrenring mit Herz – eingeritzt: H.K.“ übersandt. Dieser Ring war im Zuge
der Umbettung bei meinem Vater gefunden worden. Gleichzeitig wurde mir
mitgeteilt, dass die jetzige Grablage lautet: Deutscher Soldatenfriedhof
Brünn (Brno)/Tschechische Republik, Block 79 C, Reihe 4, Grab 228.
Mit folgendem Schreiben habe ich mich bedankt:
(...) Ich war nun gänzlich unvorbereitet, als die Post aus dem
Briefkasten genommen wurde. Ich bekam einen Weinkrampf, als ich Ihren
Absender las. Mein Mann öffnete den Brief und ich konnte nun diese
wertvolle Postsendung verstehen. Ich möchte Ihnen sagen, dass der Brief
und der Ring für mich sehr wertvoll sind. Ich kenne meinen Vater nicht,
habe aber meinen Vater immer in mein Leben einbezogen. Nun bekomme gerade
ich einen Ring geschickt, den er bis zu seinem Tode getragen hat. – Ein
wahres Märchen. Aufrichtig danken möchte ich Ihnen und allen anderen, die
zu diesem Märchen beigetragen haben (...)
Vom 11. bis 17. Juni 2003 fand nun die Reise des Volksbundes nach
Tschechien – Prag – Ölmütz – Brünn – Marienbad – statt. Mein Mann und ich
haben an dieser Reise teilnehmen können. In Brünn fand eine Gedenkstunde
anlässlich der 10-jährigen Wiederkehr der Einweihung des
Soldatenfriedhofes mit Kranzniederlegung und Totengedenken statt. Wir sind
sehr dankbar zurückgekehrt. Es ist nicht allen Menschen vergönnt, die
Gräber ihrer gefallenen Angehörigen zu besuchen.
Während dieser Reise hat sich nun der Kreis geschlossen. Wir trafen in
Brünn Herrn Hipp, der zuständig ist für Bau, Pflege und Umbettung für den
Volksbund. In einer Unterhaltung zeigte ich ihm die Liste mit den Namen
der 56 Gefallenen, die von Herrn Stula damals gefertigt worden war. Auch
diesen Ring kannte er. Herr Hipp und seine Kollegen hatten diesen Ring bei
meinem Vater gefunden und gewissenhaft weitergegeben. Jetzt habe ich mit
Menschen sprechen können, die meinen Vater umgebettet hatten.
Nun kann ich schon zwei Geschichten von meinem Vater erzählen.
Ilse Gruber
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