Leserberichte
 
Volksbund Web-Suche:
























Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.
Spendenkonto: 3 222 999 - Bankleitzahl 520 400 21 bei der Commerzbank Kassel
 

„Ein Herrenring mit Herz“

Als ich von der Reise an das Grab meines Vater zurückkehrte, sagte ich zu meinen zwei Kindern: „In meiner Umgebung habe ich immer mit angehört: Mein Vater hat dieses und jenes gesagt, mein Vater war dort, mein Vater hat mich dorthin mitgenommen usw. (...) Jetzt kann ich das erste Mal in meinem Leben auch erzählen, dass ich bei meinem Vater war.“

Im November 1944 war mein Vater das letzte Mal auf Heimaturlaub. Da war ich dreieinhalb Jahre alt. Erinnern kann ich mich an eine Begebenheit. Ich saß auf dem Sofa und wurde von meinem Vater mit einem Löffel Honig gefüttert. Mein Vater hatte einen mausgrauen Pullover an. Allerdings habe ich nur den Arm und die Hand meines Vaters in Erinnerung. Meine Schwester erzählte mir, dass unser Vater seinen Hochzeitsring meiner Mutter zurückließ, damit sie, falls ..., wenigstens dieses Erinnerungsstück bei sich hätte. Doch bei der Befreiung 1945 durch die Amerikaner und Einquartierung in unserem Hause wurde meiner Mutter dann der Ring gestohlen.

Ende des Jahres 1950 bekam unsere Mutter eine Postkarte vom Deutschen Roten Kreuz zugesandt, auf der zu lesen war, dass Hermann Koch, geboren am 5. April 1901 am 27. März 1945 in Ziegenhals, Kreis Freiwaldau, gefallen sei.

Nach dem Tod unserer Mutter im Jahre 1982 begann ich dann eigenständig die Suche nach meinem Vater. Es begegneten mir mehrmals Menschen, die aus der Gegend stammten, in der mein Vater gefallen war. Ein Ehepaar besuchte jedes Jahr dort seine Heimat und ich bat es, dort Nachforschungen anzustellen. Sie sind in dem Ort angekommen und gleich auf die Kirche zugefahren. Vor der Kirchentür stand – zufällig – ein älterer Herr, und auf ihn gingen sie zu. Dieser Herr war der dortige Priester, Herr Stula. Auf Anfrage konnte Herr Stula berichten, dass er im Frühjahr 1945 insgesamt 56 Soldaten – nach schweren Kämpfen – kirchlich bestattet hatte. Er hatte eine Liste – aufgrund der politischen Ereignisse – einem deutschen Ehepaar Handke mitgegeben. Diese Liste wurde dann dem Deutschen Roten Kreuz von dem Ehepaar Handke übergeben. Aufgrund dieser Liste wurden dann die Angehörigen der Gefallenen – so auch meine Mutter – benachrichtigt.

Der Priester, Herr Stula, hat sich um die Gräber der Gefallenen außerordentlich bemüht. Die aufgestellten Kreuze wurden von dem Gräberfeld entfernt und das Gräberfeld wurde laut Aussage umgeackert.

Nachdem ich Obiges dem Volksbund mitgeteilt hatte, bekam ich im Mai 1992 eine Antwort, in der zu lesen war: „Wir werden aber in jedem Fall die vorgenannte Gemeinde unter Hinweis auf den mit der CSFR kürzlich abgeschlossenen Nachbarschaftsvertrag bitten, das deutsche Gräberfeld bis zu einem späteren Einsatz des Volksbundes zu sichern und wenn möglich, provisorisch zu kennzeichnen.“ Nun war ich beruhigt.

So geht die Geschichte weiter: Im August 2001 bekam ich einen Brief von der Deutschen Dienststelle, Berlin (Kriegsgefangenenpost, gebührenfrei), den ich ohne Hilfe gar nicht öffnen konnte. Es wurde mir von dort „ein Herrenring mit Herz – eingeritzt: H.K.“ übersandt. Dieser Ring war im Zuge der Umbettung bei meinem Vater gefunden worden. Gleichzeitig wurde mir mitgeteilt, dass die jetzige Grablage lautet: Deutscher Soldatenfriedhof Brünn (Brno)/Tschechische Republik, Block 79 C, Reihe 4, Grab 228.

Mit folgendem Schreiben habe ich mich bedankt:
(...) Ich war nun gänzlich unvorbereitet, als die Post aus dem Briefkasten genommen wurde. Ich bekam einen Weinkrampf, als ich Ihren Absender las. Mein Mann öffnete den Brief und ich konnte nun diese wertvolle Postsendung verstehen. Ich möchte Ihnen sagen, dass der Brief und der Ring für mich sehr wertvoll sind. Ich kenne meinen Vater nicht, habe aber meinen Vater immer in mein Leben einbezogen. Nun bekomme gerade ich einen Ring geschickt, den er bis zu seinem Tode getragen hat. – Ein wahres Märchen. Aufrichtig danken möchte ich Ihnen und allen anderen, die zu diesem Märchen beigetragen haben (...)

Vom 11. bis 17. Juni 2003 fand nun die Reise des Volksbundes nach Tschechien – Prag – Ölmütz – Brünn – Marienbad – statt. Mein Mann und ich haben an dieser Reise teilnehmen können. In Brünn fand eine Gedenkstunde anlässlich der 10-jährigen Wiederkehr der Einweihung des Soldatenfriedhofes mit Kranzniederlegung und Totengedenken statt. Wir sind sehr dankbar zurückgekehrt. Es ist nicht allen Menschen vergönnt, die Gräber ihrer gefallenen Angehörigen zu besuchen.

Während dieser Reise hat sich nun der Kreis geschlossen. Wir trafen in Brünn Herrn Hipp, der zuständig ist für Bau, Pflege und Umbettung für den Volksbund. In einer Unterhaltung zeigte ich ihm die Liste mit den Namen der 56 Gefallenen, die von Herrn Stula damals gefertigt worden war. Auch diesen Ring kannte er. Herr Hipp und seine Kollegen hatten diesen Ring bei meinem Vater gefunden und gewissenhaft weitergegeben. Jetzt habe ich mit Menschen sprechen können, die meinen Vater umgebettet hatten.

Nun kann ich schon zwei Geschichten von meinem Vater erzählen.

Ilse Gruber

...zurück zur Homepage Direkt Kontakt Impressum Drucken


Neu!
Auf Wiedersehen, mein lieber Mann!
Bericht aus Smolensk von Aleksandra Ilina

 
Spurensuche in Lebedjan/Russland
Hajo Stahl fand den Kriegsgefangenenfriedhof und die Namen der Toten

 
Dauerndes Ruherecht für umgekommene Bundeswehrsoldaten
Volksbund-Präsident Reinhard Führer zur Diskussion über das Gedenken an Todesfälle beim Auslandseinsatz

 
Das alte Paar Handschuhe
Erlebnisbericht von Céline Wieders, 14 Jahre

 
Und keine Taube fliegt herbei ...
Fünf Gedichte von Anneliese Pflücker

 
Von La Cambe nach Brüssel
Vom Handel und vom Frieden in Europa

 
Der kleine französische Soldatenfriedhof
Von Gerhard Friedrich Dose


Gedenken an die Besatzung von U 125
Von Margarethe Collins


Menschlichkeit
im Krieg

Meine Arbeit für die Versöhnung habe ich auch deswegen gern, weil sie oft angenehme Überraschungen mit sich bringt, die ich als Ausdruck der Menschlichkeit im Krieg bezeichne.


Ein Herrenring mit Herz
Von Ilse Gruber


Mein Bruder Werner
Die letzen Briefe eines 16-Jährigen, geschrieben in den letzten Kriegsmonaten des Jahres 1945.


Ein Ort der Trauer und der Freude
eine Dokumentation von Stefanie Kiehl


DER BAYRISCHE MOND
Von Bruno Longanesi


So werden Gräber gefunden
Von Hans Mewes


"Vor Leningrad"
Zur Geschichte des Kriegstagebuches des Unteroffiziers Wolfgang Buff


Einen Hammel für ein paar Handvoll Aprikosen und Weintrauben
Später Ausgleich für einen verzeihlichen Mundraub


"Nicht aufgeben, nur Beharrlichkeit führt zum Ziel"
Von Dr. Wolfgang Bläser


Historische Spurensuche eines 14jährigen Gymnasiasten
Von Sebastian Laux


Endlose Gräber
Von Roland Fogt


Endless Graves

By Roland Fogt


  Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. · Bundesgeschäftsstelle · Werner-Hilpert-Straße 2 · 34112 Kassel