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Menschlichkeit im Krieg

Meine Arbeit für die Versöhnung habe ich auch deswegen gern, weil sie oft angenehme Überraschungen mit sich bringt, die ich als Ausdruck der Menschlichkeit im Krieg bezeichne. Vielleicht deswegen enden letzten Endes die Kriege, weil Menschen sogar unter härtesten Bedingungen Menschen bleiben. Ich erhalte diese Geschichten in Form mündlicher Erzählungen und Briefe von ehemaligen Soldaten beider Seiten, Familienangehörigen von Gefallenen, von der Bevölkerung, die damals auf dem belagerten Territorium lebte.

Am Vorabend der Einweihung der Versöhnungskirche in Sologubowka hatte mich besonders der Brief vom Heinz Jaenecke aus Harrislee in Schleswig Holstein gefreut, wo er die Geburt und Taufe eines kleinen russischen Mädchens im Keller der Kirche Uritzk vor Leningrad beschrieben hatte. Für ihn blieb das ewig in Erinnerung, weil es mit seinem eigenen Schicksal verbunden ist. Er ist selbst in Dithmarschen im holsteinischen Wesselburen 1920 in einer Kirche mit russischem Zwiebelturm getauft und konfirmiert worden.

Mitte September 1941 ging der Vormarsch deutscher Truppen auf Leningrad zu Ende. Am 16. September wurde in einer Kirche in Uritzk am süd-westlichen Rand vor Leningrad der Gefechtsstand des Regiments 220 von der 58. Infanterie-Division eingerichtet, wo Heinz Jaenecke als Funker diente.

Nach harten Kämpfen ist es endlich zur Ruhe gekommen. Reste der russischen Bevölkerung versuchten, in Erdlöchern ihr Leben zu fristen. Eines Tages meldete der Fahrer des Regimentskommandeurs Oberst von Dewitz, dass in einem Gartenloch eine junge Frau in der Nacht ganz allein ein Kind zur Welt gebracht hatte. Der Oberst bewies zweifelsohne Humor, denn seine erste Reaktion klang so: "Acht Tage vor Leningrad und schon das erste Soldatenkind." Dann aber veranlasste er sofort, dass im Kirchenkeller eine Ecke mit Zeltplanen für Wöchnerin und Baby abgeteilt wurde, damit die ganze Angelegenheit unter ärztliche Kontrolle kam.

Vorher hatte ein in der Sache wohl noch nicht sehr bewanderte Mensch festgestellt, dass das Baby ein Knabe war. So ordnete der Oberst den Heerespfarrer Thiel an, den außerplanmäßigen "Zugang" zu taufen. Da Oberst von Dewitz auf den Namen Stanislaw getauft war und selbst als Pate fungieren wollte, sollte der Knabe Stanislaus heißen.

Daraus konnte aber nichts werden. In der Zwischenzeit hatte man festgestellt, dass der Knabe einwandfrei ein Mädchen war. Und so wurde im Keller der Kirche in der ersten Oktoberwoche des Jahres 1941 ein kleines russisches Mädchen christlich in der Obhut deutscher Soldaten auf den Namen Stanislawa getauft. Die junge Mutter war so glücklich, dass sie immer weinend versuchte, dem Pfarrer Thiel die Hände zu küssen. Das alles hatte der Funker Heinz Jaenecke aus seiner Ecke im Keller am Funkgerät miterlebt.

Die Wöchnerin wurde nach einiger Zeit mit dem Baby nach Krasnoje Selo gebracht und der alte Oberst von Dewitz hat sich bis zu seiner Beförderung zum Generalmajor und Versetzung in den Raum Ungarn regelmäßig informieren lassen, wie es um seinen Nachwuchs bestellt war.

Die Kleine müsste heute ja wohl 62 Jahre sein. Der General durfte nur 56 Jahre alt werden. Er ist im Lager Workuta im tiefen Russland verstorben. So endete die Geschichte, aber sie kann auch eine Fortsetzung haben, wenn es gelingt, Stanislawa ausfindig zu machen. Wollen wir es hoffen!

Am Ende seines Briefes hat Heinz Jaenecke geschrieben: "Das Gros meines Jahrganges aus Norddeutschland musste in den Wäldern und Sumpfgebieten Ihrer nordwestlichen Heimat einen hohen Blutzoll zahlen und hat, soweit möglich, dort ein Ruherecht von Ihren Landsleuten eingeräumt bekommen. Dafür bedanke ich mich bei Ihnen und allen Ihren Landsleuten sehr. Ich kann nur ahnen, wie schwer das bisher erreichte zu realisieren war."

Und ich möchte mich im Namen von meinen Landsleuten beim Herrn Heinz Jaenecke uns seinen Kameraden bedanken, dass sie in härtesten Bedingungen des Krieges ihre Menschlichkeit geäußert hatten und das neugeborene russische Kind gerettet hatten. Es scheint mir, es wäre nicht schlecht, wenn wir uns daran bei der Einweihung der Versöhnungskirche in Sologubowka am 20. September 2003 erinnern werden.

Jurij Lebedev,
Leiter des Zentrums "Versöhnung",
St. Petersburg

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