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(...) Bruno Longanesi sprach am 11.10.2002 im Generalkonsulat Mailand vor, um seine Erzählung zu übergeben. Es ist eine versöhnliche, mitfühlende, menschliche Geste. Bruno Longanesi erfüllt damit quasi eine moralische Verpflichtung gegenüber dem jungen Mann, den er im Februar 1945 sterben sah.
Die italienische Fassung der Erzählung hat in Italien an zahlreichen Literaturwettbewerben teilgenommen und insgesamt 61 Auszeichnungen erhalten.
Der bayrische Mond gehört nach Italien und nach Deutschland. (...)
Generalkonsulat
der Bundesrepublik Deutschland
Mailand
DER BAYRISCHE MOND
„... ich schaute in sein Gesicht und sah mich selbst!...“
(In Erinnerung an Raimund)
Es hatte bis zum Vortag geschneit. Der Winter hatte früh begonnen, es war
der 1. Februar 1945. Ich hatte eine Vorahnung: Ich wollte nicht raus in
die Nacht, irgend etwas in mir hielt mich vom üblichen Ausgang ab. Es war
nicht das erste Mal, dass ich dieses eigenartige Gefühl hatte. Wie immer
entschloss ich mich, bald doch zu gehen.
Also bereitete ich mich auch an jenem Abend vor, um in die finstere Nacht
hinaus zu gehen. Ich musste! Das Spiel des Schicksals hatte den Krieg, der
schon 1939 in fernen Ländern begonnen hatte, langsam nach Italien geführt.
Seit drei Monaten hatte er aus undurchsichtigen militärischen und
strategischen Gründen genau hier, in meinem Heimatort Bagnacavallo, Halt
gemacht.
Er war zu einem nervenzerreißenden Stellungskrieg geworden und hatte den
zwei kriegsführenden Heeren ein „Niemandsland“ zwischen dem Bahnhof von
Bagnacavallo und dem Fluss Serio aufgezwungen. Wenige Kilometer, in denen
die zwei Gegner um eine total unwesentliche Überlegenheit kämpften.
Dieser Umstand hatte die Bevölkerung in schwere Not gebracht. Wir lebten
wie Vieh, zusammengepfercht in engen improvisierten Zufluchtsstätten, ohne
Licht, ohne Wasser, ohne Heizung, ohne ein Lager zum Schlafen, keine
Toiletten. Nichts! Nahrungsmittel und Medikamente waren Mangelware, man
musste sich
notgedrungen etwas einfallen lassen.
Dies war der Grund für meine nächtlichen Ausgange: Zwischen den Ruinen
oder bei den toten Soldaten irgendetwas Essbares zu finden. Denn alle
Soldaten waren mit einem Erste Hilfe Paket und einer Lebensmittelration
ausgerüstet. Eine begehrenswerte Beute, die man ihnen ja wegnehmen konnte,
da sie sie nicht mehr brauchten.
Ich musste also auch in jener Nacht raus. Ich hatte keinen
„Schlafschicht“: Im Keller, wo wir Zuflucht gefunden hatten, standen lange
Bänke. Zum Schlafen legten wir uns der Reihe nach unter die Bänke, auf
einem Lager aus Stroh, das schon monatelang nicht gewechselt wurde. Wer
nicht gerade schlief, saß auf den Bänken und hielt Wache. Die Beine der
Wachenden begrenzten das Lager der Schlafenden!
Es hatte zu Schneien aufgehört, es war eine wunderschöne Nacht eine
Vollmondnacht. Die Wolken verwandelten das milchige Mondlicht in
plötzliche Dunkelheit. Eine ideale Nacht, um auf die „Jagd“ zu gehen, denn
in Vollmondnächten wurden die Streifen der zwei gegnerischen Heere aufs
Minimum reduziert. Es war zwar kalt, aber die Kälte war der
ungefährlichste aller Feinde. Im Gegenteil, sie konnte sogar eine
Verbündete sein, da die Temperaturen, die immer unter Null lagen, meine
Arbeit... hygienischer machten. Der Mond und das Schimmern des Schnees,
gaben dem gequälten Niemandsland ein geisterhaftes Aussehen. Alles war
zerstört. Es sah aus wie eine total verlassene Landschaft, eine weiße
Wüste. Und dennoch waren Tausende Männer in Schützengräben, Löchern,
Laufgräben und Schluchten versammelt. Mit wachsamen Auge, bereit, sich
jederzeit in brutalen Gefechten zu schlagen, auch im Nahkampf.
Dies schien jedoch eine ruhige Nacht zu werden. Eine Nacht, in der nur
gelegentliches Hinderungs und Sperrfeuer die Patrouillen oder den Schlaf
der Gegner störte. Ich war ruhig, als ich unsere Zufluchtsstätte verließ.
Das Ganze war fast zu einem aufregenden Spiel geworden. Eine fiktive Jagd
mit sportlichen Einsatz. War es ein gefährliches Spiel? Mit Sicherheit!
Aber die Anpassungsfähigkeit des Menschen ist erstaunlich.
Die langen Monate an der „Front“, in vorderster Linie, hatten jegliche
Angst und moralische Bedenken betäubt. Und außerdem hatten die
Unbesonnenheit, der Leichtsinn und die Verantwortungslosigkeit meines
Alters die Vormacht über die Vernunft.
Auf allen Vieren kroch ich also die Strecke der Eisenbahnlinie
Bagnacavallo Lugo entlang. Es war nicht mehr viel davon übriggeblieben,
die Gleise und die Schwellen waren entfernt worden, um die Schutzstellen
zu stärken. Ich bewegte mich vorsichtig in einer irrealen Stille. Man
konnte ihr nicht trauen. In der Ferne hörte ich eine Schießerei: leichte
Schusswaffen, Maschinengewehre, andere Waffen, mit denen die Soldaten
ausgerüstet waren. Kleine Auseinandersetzungen in der Nähe des Flusses
Serio.
Es waren keine zehn Minuten vergangen, als ich es plötzlich drei mal laut
Krachen Hörte. Artillerieschüsse. Der Bruchteil einer Sekunde später kam
das typische Zischen. Ich wußte, sie kamen, waren schon da! Ich suchte
Schutz, kauerte mich zusammen, drückte mich gegen den Boden, als wollte
ich in ihn eindringen. Ich schützte mit meinem Körper und mit den Händen
die lebenswichtigen Organe und wartete einen Augenblick. Drei Blitze
zerrissen die Finsternis, drei gewaltige Explosionen folgten. Ich blieb
noch einige Sekunden bewegungslos liegen, bis sich der Fächer von Splitter
und anderem Material gelegt hatte. Sicherheitshalber wartete ich noch
einige Minuten bewegungslos auf der Stelle. Absolute Stille.
Es waren sicher Hinderungsschüsse gewesen und ich wußte, nun würde es für
einige Zeit ruhig bleiben. Ich ging weiter und sah mich immer wieder um.
Da war nicht viel zum Jagen. Vielleicht war es eine fruchtlose Nacht, ein
Ausgang umsonst. Ich musste jedoch weitersuchen, weitergehen.
Meine geübten Ohren hörten ein leises Geräusch. Eine Wolke versteckte den
Mond, es wurde ziemlich dunkel! Der Boden ringsrum ließ die Sicht frei.
Ich konnte jedoch nichts mehr hören und sah auch nichts, das meine
Beunruhigung erklären konnte.
Plötzlich hörte ich hinter mir etwas, das die Stille durchbrach. Es war
ein nicht enden wollendes Brummen und ich konnte mir nicht erklären, was
es war. Ich hielt den Atem an und verharrte bewegungslos. Zum Glück war
die Wolke noch vor dem Mond! Plötzlich war da ein Hund, mager, erschöpft,
er kam im Schnee schwer voran. Vielleicht konnte er mich nicht sehen,
vielleicht konnte er mich nicht riechen. Der Hunger musste ihm den Geruchs
und den Orientierungssinn genommen haben.
„Armes Tier“, dachte ich und in dem Augenblick war mir gar nicht bewusst,
dass wir aus dem selben Grund dort waren. Wir ignorierten uns gegenseitig.
Diese paradoxe Situation löste Heiterkeit und Aufregung in mir aus. Warum
etwa? Gefühle, die man nach so langer Zeit und in dieser Situation schwer
erklären kann. Ich dachte wieder an den Hund und wie im Spiel schoss es
mir in den Kopf: „Wer von uns wird etwas mehr Glück haben?“
Signalraketen holten mich in die Wirklichkeit zurück. Was sollten sie
bedeuten? Eine Warnung vor den Patrouillen? Ein Signal für eine Attacke?
Ich konnte nichts tun! Ich ging ziellos weiter. Plötzlich sah ich rechts
von mir eine dunkle Gestalt, die sich vom Weiß des Schnees abhob. „Hier
ist erst kürzlich eine Granate explodiert“, dachte ich, „und hat Erde und
Steine unter dem Schnee hervorgegraben.“
Ich näherte mich vorsichtig, denn oft versteckten sich die Soldaten in den
Gräben, die durch Granaten entstanden, um den Gegner zu überraschen. Oft
aber auch nur um darin zu schlafen. Ich hatte mich nicht geirrt. Es war
wirklich ein Granatgraben, an dessen Rand sich etwas leicht bewegte. Ich
hatte sogar den Eindruck, ein leises Rufen zu hören! Ich hielt an und war
mir nicht sicher, was ich tun sollte. In einer solchen Situation überkommt
einen ein Wirbel von gegensätzlichen Impulsen. Vorsichtig näherte ich mich
dem Graben. In diesem Augenblick schien der Mond wieder vom Himmel, keine
Wolke warf ihren Schatten auf die Erde, und ich erblickte etwas im Schnee.
Es war eine Art von...nein nein...es war eine menschliche Gestalt!
Bewegungslos, aber er sah aus wie zusammengekauert. „Ein Toter“, dachte
ich „wieder Beute!“ So weit war ich gekommen! Er hatte den weißen
Tarnanzug an, mit dem die deutschen Patrouillen ausgerüstet waren. Ich
stellte fest, dass er nicht tot war. Man konnte beobachten, wie sich der
Anzug rhythmisch hob und senkte. Er atmete! Er lag auf dem Bauch. Ich
drehte ihn langsam um. „O Gott! Es ist ein Kind!“ sagte ich zu mir selbst.
Ich sah das Gesicht eines Jugendlichen, bleich, blass, erdfahl. Er atmete
schwer, klagte aber nicht. Er starrte mich an. Er war bei Bewusstsein. In
seinen Augen konnte ich Angst lesen, nicht Schmerz. Ich verstand sofort,
er hatte gesehen, dass ich ein Ziviler war! Die Deutschen fürchteten die
Zivilbevölkerung, besonders hier an der Front.
Ihre Vorgesetzten hatten sie unterrichtet, sie sollten immer vor den
Zivilen auf der Hut sein, da sie alle Patrioten seien, die den Deutschen
gegenüber feindselig
eingestellt sind. „Rebellen“, nannten sie uns, oder sogar „Banditen“.
Deshalb hatte er solche Angst. Ich beruhigte ihn sofort und sagte: „Ich
bin ein Freund“. Er sah mich überrascht an. Er riss die Augen auf, konnte
jedoch nicht lächeln. „Ja, ich bin ein Freund“, wiederholte ich.
Ich erkannte, dass er schwer verletzt war. Er hatte den Helm noch auf, und
der
Tarnanzug war noch mit dem Gürtel geschlossen. Wo war er verletzt? Am
Oberkörper konnte ich nirgends Blut sehen. Aber als ich die Beine in den
Krater
hängen sah, ahnte ich, was passiert war. Ein großer Splitter hatte ihn am
Becken und am Oberschenkel getroffen. Mit Sicherheit hatte er eine
abgeschnittene Arterie. Rund um die Verletzung war großer Blutfleck, der
den Schnee rot färbte. Er drohte zu Verbluten, er war schon fast am Ende.
Ich wußte nicht, was tun. Ich nahm ihm den Helm ab. Es kam ein blonder
Kopf zum Vorschein, mit zerzaustem Haar. Er sah nicht aus wie der Prototyp
des deutschen Soldaten, mit fast rasierten Haaren. Vielleicht wurden diese
preußischen Regeln an der Front oberflächlicher gehandhabt. Er hatte blaue
Augen, ein mageres Gesicht, hager, abgezehrt, mit regelmäßigen Zügen. Ich
weiß nicht warum, aber ich konnte eine gewisse Ähnlichkeit zwischen uns
erkennen.
Ich öffnete seinen Gürtel. „GOTT MIT UNS“ stand auf der Schnalle, wie auf
allen Gürteln der deutschen Soldaten. „Ja, in diesem Augenblick brauchst
du Gott wirklich“, dachte ich kurz. An der Stirn hatte er eine kleine
Narbe, eine frische Narbe. Mir war klar, dass sie nicht von einer
Kriegsverletzung herrührte. Vielleicht hatte er sich früher diese
Verletzung beim Spiel mit seinen gleichaltrigen Freunden zugezogen.
Deshalb, ohne es zu wollen, war meine erste Frage banal, dumm,
unangebracht in jener Situation: „Wie alt sind Sie?“, fragte ich. Ganz
leise antwortete er: „Ich bin siebzehn Jahre alt“. O Gott! Genauso alt wie
ich: siebzehn!
Wie tragisch war doch das Schicksal in dem Moment. Ich stellte mir vor,
wie die Rollen vertauscht sein könnten! „Wie geht es Ihnen“, fragte ich,
während ich ihm mit einer Hand den Kopf hochhielt. Er zögerte, dann
antwortete er: „Nicht besonders gut“, und gab mir damit zu verstehen, dass
er wußte, wie schwer er verletzt war. Ich versuchte ihn zu überzeugen,
dass es nicht schlimm war, im Gegenteil!
Ich fragte ihn, wie er hieß. „Raimund“. Er erzählte, dass er in Bayern
geboren war, in Augsburg. Einen Augenblick lang herrschte Stille, dann
stammelte er einige Male das Wort „Wasser“. Es war als ob er sich schäme.
Er war durstig. Ich hatte kein Wasser bei mir. Also nahm ich etwas Schnee
und rieb ihn über seinen Mund, um seinen Durst zu lindern. Er dankte mir
mit einem fahlen Lächeln.
Der Mond erleuchtete das Bild. Er schien noch heller, noch leuchtender.
Ich bemerkte, dass er den Mond anschaute. Auch ich sah ihn an. ,,Mond”,
sagte er, und gleich darauf „luna“, um mir zu zeigen, dass er einige Worte
Italienisch beherrschte. Vielleicht litt er schon nicht mehr. Das
Verbluten wirkt schmerzlindernd, aber es war auch sonst schon das Ende. Er
atmete immer schwächer. Ich erkannte, dass er noch etwas sage wollte, aber
er konnte nicht mehr richtig sprechen.
Einige Worte konnte ich verstehen: „Mutter“, „Isolde“, „Mond“, „Bayern“.
Ich ahnte, dass er etwas erzählen wollte, aber er war dazu nicht mehr
imstande.
Er starrte zum Mond empor - beharrlich! Der „Mond“, „lsolde“, „Augsburg“,
„Bayern“ wiederholte er immer wieder mit seiner leisen Stimme.
Ich versuchte, die Worte zusammenzustellen. Der „Mond“„,lsolde“,
Isolde...wer
konnte das sein, wenn nicht seine Freundin? „Augsburg'“...seine
Heimatstadt in
Bayern. Woran dachte er in diesen schrecklichen Sekunden? Die Erklärung
schien logisch. Als er den Mond erblickte, hatte er wahrscheinlich daran
gedacht, wie oft er ihn daheim, in Augsburg, mit seiner Isolde angeschaut
hatte, vielleicht in einer zärtlichen Umarmung. Es war derselbe Mond, der
nun das Haus erleuchtete, in dem Isolde nichtsahnend schlief. Vielleicht
dachte sie an ihn, vielleicht träumte sie von ihm im Schlaf! Der Mond, der
im selben Augenblick Bayern erleuchtete! Ein italienischer Mond, aber auch
ein bayrischer Mond! Ich weiß nicht, was geschah. Ich wurde von Verwirrung
überfallen, oder vielleicht war es Angst, Bestürzung, Panik, oder Rührung.
Seitdem sind viele Jahre vergangen und die Erinnerung ist nicht mehr klar.
Aber ich wußte, ich will ihn nicht sterben sehen! Ich fürchtete mich vor
dem Tod in dem Augenblick, in dem er stattfand. Es war das erste Mal, dass
ich ihn so deutlich sah und ich war noch keine siebzehn Jahre alt! Doch
auch er war siebzehn, auch wenn er ganz andere Erfahrungen hinter sich
hatte.
Ich machte eine entschlossene Bewegung, fast automatisch, um wieder zur
harten Wirklichkeit zurückzukehren...zu jener harten Wirklichkeit! Ich
wollte die Knöpfe seiner Jacke öffnen, um ihm die Erkennungsmarke, die
jeder Soldat immer bei sich hat, abzunehmen. Ich wollte seinen ganzen
Namen wissen, seine Matrikelnummer, um eines Tages seine Daten zu
erfahren, seine Adresse, um vielleicht nach dem Krieg mit seiner Familie
in Verbindung zu treten.
Die Knöpfe waren bereits offen: die Erkennungsmarke war weg. Was sollte
ich tun? Diese Frage beschäftigt mich heute noch. Nichts konnte ich tun.
Ich weiß was ich tat. Ich rief seinen Namen: „Raimund!“ Er starrte mich
an. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte, was konnte ich in so einer
Situation sagen!
Ich erzählte ihm eine erbärmliche Lüge. Ich würde seine Kameraden suchen,
ich
würde sie finden und herbringen, mit einem Arzt. Ich erklärte ihm, dass es
nicht
schlimm sei und dass er seine Isolde wiedersehen würde, mit Sicherheit. Er
würde sie wiedersehen. Er würde heim nach Bayern zurückkehren! So viele
Lügen! Er hörte mir zu, und es schien, als ob er mich verstehen konnte.
Ja, er verstand mich, denn bevor ich wegging, flüsterte er mit einem
fahlen Lächeln: „Danke, vielen Dank, mein Freund!“
Ich war bestürzt, betroffen, erschüttert, verwirrt. Ich nahm seine Hand,
drückte sie fest und spürte seine Reaktion, auch er drückte meine. Dann,
bevor ich mich
entfernte, knüpfte ich seine Jacke wieder zu, als ob er sich vor der Kälte
schützen sollte. Er versuchte nochmals zu lächeln. Jenes letzte Lächeln
habe ich mein ganzes Leben lang vor Augen gehabt, ein Lächeln des Dankes,
das mein schlechtes Gewissen, ihn verlassen zu haben, linderte. Doch warum
tat ich es? Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht!
Wohin ging ich? Wie weit entfernte ich mich? Ich habe es vergessen. Ich
erinnere mich, dass ich bei einem zweiten Granatkrater anhielt. Dort war
ich in Sicherheit. Unzählige Gedanken wirbelten durch meinen Kopf. Ich
weiß nicht mehr welche, aber für einen Siebzehnjährigen waren sie
schrecklich! Plötzlich fiel mir ein, warum ich mich dort befand: Ich war
doch auf der „Jagd“ nach Medikamenten und Nahrung. Raimund hatte
Medikamente und Nahrung bei sich, aber... ach Gott!... diese Bedürfnisse
waren für ihn nun so fern!
Ich musste zurück, heim, aber ich konnte nicht, ich musste zu ihm zurück!
Ich sah den Mond an. Und Raimund? Konnte er ihn noch sehen, oder... Ich
war
wie am Krater festgenagelt: Ich konnte nicht raus! Warum entschloss ich
mich plötzlich?
Vielleicht vermischt sich die Erinnerung mit der Phantasie, aber ich
könnte schwören, dass plötzlich eine große Wolke den Mond verdunkelte,
gänzlich! Einen kurzen Augenblick, und dann leuchtete er mehr als zuvor.
Hatte ich darauf gewartet? Ich weiß nicht, vielleicht! Ich wußte, dass
etwas geschehen war! Gedankenverloren kehrte ich zurück.
Von der Ferne erkannte ich die Stelle, an der ich Raimund liegen lassen
hatte und ich erkannte seine Umrisse! Ich näherte mich. Eigenartig, ich
war total ruhig. Ich wußte, dass ich ihn so finden würde: Seine blauen
Augen waren dem Himmel entgegengestreckt und für immer unbeweglich. Sie
sahen den Mond an, und sein Blick war unbeschwert!
Aus Barmherzigkeit hätte ich sie schließen sollen. Aus Zärtlichkeit ließ
ich sie offen. Ich ließ ihn den Mond ansehen, „seinen“ bayrischen Mond!
Bruno Longanesi
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