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"Nicht aufgeben, nur Beharrlichkeit führt zum Ziel"
Dr. Wolfgang Bläser
Während der Existenz der Sowjetunion bestand keine reale Chance, nach dem
Grab des beim Vormarsch 1941 in der Ukraine gefallenen Vaters meiner Frau
zu suchen. Das änderte sich mit dem Zusammenbruch der UdSSR. Jetzt begann
ich die noch vorhandenen Unterlagen intensiv zu studieren, um mir einen
Überblick über das zu verschaffen, was eventuell zu unternehmen sein
könnte. Neben einigen 1941 angefertigten Fotos des angelegten kleinen
Soldatenfriedhofes bei Tschepowitschi besaß ich eine Skizze des deutschen
Wehrmachtspfarrers über die genaue Lage der Grabstelle. Diese Skizze war
so gut, dass man seinerzeit geglaubt hatte, mit ihrer Hilfe den kleinen
Friedhof und damit das Grab jederzeit leicht finden zu können.
Die erste Kontaktaufnahme zum Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge
erfolgte 1990. Die Antwort besagte, dass die Arbeit im Gebiet der früheren
Sowjetunion zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht möglich sei, da es
speziell in meinem Fall noch an dem erforderlichen Kriegsgräberabkommen
mit der Ukraine fehle. Die in den Jahren 1991 bis 1995 erfolgenden
regelmäßigen Anfragen brachten kein neues Ergebnis.
Ende des Jahre 1995 erhielten wir vom Volksbund auf Anfrage die Anschrift
eines Ukrainers, der sich um die Gräber gefallender deutscher Soldaten und
deren Eruierung bemühte. Dieser Mann erklärte sich bereit, mir im Rahmen
seiner Möglichkeiten bei der Suche nach dem Grab des gefallenen Vaters
meiner Frau behilflich zu sein. Dabei handelt es sich um den Großraum
Korosten im Rayon Shitomir, in dem schon beim Vormarsch im Juli/August
1941 schwere und verlustreiche Kämpfe herrschten.
Ehe diese private Suchaktion starten konnte, teilte mir der Volksbund im
Frühjahr 1996 mit, dass das für die Suche seitens des Volksbundes
erforderliche Abkommen mit der Ukraine im Mai 1996 abgeschlossen worden
sei. Danach war es klar, dass der Volksbund vor einer riesigen Aufgabe
stand und mit seiner Arbeit nicht überall gleichzeitig würde beginnen
können.
Widersprüchliche Angaben
Von dem Ukrainer erhielten wir in den folgenden Jahren eine große Zahl
umfangreicher Briefe und Kartenskizzen nebst einer Flut teils
widersprüchlicher Angaben. Da alle Nachrichten russisch abgefasst waren,
mussten wir die gesamte Korrespondenz von einem Dolmetscher übersetzen
lassen. Im Ergebnis entstanden erhebliche Unkosten, ohne dass wir dem Ziel
nähergekommen, geschweige denn es erreicht hätten. Schon die jahrelangen
Bemühungen haben deutlich gezeigt, welche Schwierigkeiten eine solche
Suche nach mehr als 50 Jahren mit sich bringt.
Der Ort Tschepowitschi, wo der Gefallene im Jahre 1941 beerdigt worden
ist, besteht nicht mehr. An der Peripherie sind mehrere neue Orte
entstanden, in denen zum größten Teil andere Menschen wohnen, die erst
nach 1945 dorthin gezogen sind. Straßen und Teile der Bahnlinie sind neu
trassiert worden, die Bebauung des gesamten Geländes ist nach anderen
Gesichtspunkten erfolgt.
Die Zeugenbefragung stößt wegen der natürlichen Altersentwicklung auf
immer größere Schwierigkeiten. Soweit unmittelbare Zeitzeugen überhaupt
noch leben, sind ihre Angaben oft äußerst widersprüchlich. Jüngere
Einwohner unterliegen in vielen Fällen Selbsttäuschungen. All diese
Erkenntnisse haben mich veranlasst, im Sommer 1996 intensive Gespräche mit
dem zuständigen Herren der Bundesgeschäftsstelle des Volksbundes in Kassel
zu führen, Erfahrungen auszutauschen und nach neuen Wegen für das weitere
Procedere zu suchen.
Die Jahre 1997 und 1998 brachten keinerlei Fortschritte oder neue
Erkenntnisse. Im Herbst 1998 erreichte mich jedoch ein Brief aus Kiew, in
dem der Verfasser (ein Ukrainer) mitteilte, dass sich das von mir gesuchte
Grab im Garten seiner Mutter im Raum Tschepowitschi befinde. Dem Schreiben
beigefügt waren einige (schlechte) Fotokopien von Bildern, auf denen das
Grundstück mit geöffneten Gräbern zu sehen war. Doch außer Erdhügeln und
einige nicht zu identifizierende Personen war auf den Fotokopien nichts zu
erkennen. Der Brief schloss mit der Anfrage, wann mein Besuch in der
Ukraine erfolge, um die „Fundstelle“ anzusehen. Der Volksbund wurde sofort
von diesem Schreiben informiert und angefragt, ob der Vorgang dort bekannt
sei.
In zwei Schreiben vom Frühjahr 1999 wurde der Verfasser des Briefes von
uns um Mitteilung gebeten, wieso er annehme, dass es sich bei den
tatsächlich gefundenen Überresten gefallener Soldaten um die Gebeine des
im August 1941 bei Tschepowitschi gefallenen Vaters meiner Frau handele.
Im Frühjahr 2000 erreichte mich ein neues Schreiben aus Kiew, das neben
nichtssagenden Angaben nur die Aufforderung enthielt, für die durch die
Suchaktion dem Verfasser des Briefes entstandenen Unkosten einen Betrag
auf das Konto einer Bank in Kiew zu überweisen. Die Forderung wurde
selbstverständlich abgelehnt. Das Beispiel zeigt deutlich, wie von
gewissenlosen Menschen versucht wird, Angehörige gefallener deutscher
Soldaten zu erpressen.
Bei einem weiteren Besuch beim Volksbund in Kassel im Frühsommer 1999
wurden alle bisher bekannten Fakten noch einmal eingehend diskutiert.
Dabei habe ich den Wunsch geäußert, im Mai 2000 selbst in die Ukraine zu
fliegen und im Raum Tschepowitschi zu prüfen, welche der als möglich
genannten Stellen für eine Sondierung in Frage kommen könnten. Soweit
möglich und erforderlich, sollte dieses Vorhaben von den Vertretern des
Volksbundes in Kiew unterstützt werden. Mit meinem Vorschlag war der
Volksbund einverstanden.
Bis zu der vorgesehenen Reise des Volksbundes in die Ukraine im Mai 2000
wurde die Suche des eingangs erwähnten Ukrainers auf privater Basis ohne
nennenswerte Fortschritte fortgesetzt. Leider hat uns auch der persönliche
Besuch in Tschepowitschi im Mai 2000 trotz aller Bemühungen nicht
weitergebracht. Im Rahmen einer Besichtigung des in Frage kommenden
Geländes wurden einige Stellen festgelegt, an denen sich nach den
vorhandenen Unterlagen der Friedhof bzw. seine Überreste hätten befinden
können. Später durchgeführte Probesondierungen an vier verschiedenen
Stellen erwiesen sich als erfolglos.
Besonders erwähnen möchte ich in diesem Zusammenhang die hervorragende
Unterstützung der gesamten Aktion durch den Volksbund in Kassel und seine
Vertreter in Kiew. Hierfür ganz ganz herzlichen Dank!! Im übrigen war der
Besuch im Raum Tschepowitschi in vieler Beziehung ein Erlebnis besonderer
Art, das unvergessen bleiben wird.
Nach der Rückkehr aus der Ukraine habe ich noch einmal neue konkrete
Vorschläge zur Intensivierung der Sucharbeit im Raum Tschepowitschi
unterbreitet, die aus den eigenen in Tschepowitschi gewonnenen
Erkenntnissen resultierten. Der Volksbund hat dankenswerterweise diese
neue Initiative aufgegriffen und im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten
eine umfassende Befragung aller in Frage kommender Bewohner, die die
Kriegszeit 1941 in Tschepowitschi erlebt haben, durchgeführt.
Erste Erfolge
Am 10.10.2000 erreichte uns ein Anruf aus Kiew von dem dortigen
Volksbund-Beauftragten. Nach der Aussage eines bisher nicht befragten
alten Mannes befand sich im früheren südöstlichen Ortsausgang von
Tschepowitschi an der Straße nach Malin seit 1941 ein kleiner Friedhof,
auf dem im Sommer 1941 gefallene deutsche Soldaten beigesetzt worden sind.
Danach vorgenommene Sondierungen haben ergeben, dass auf dem angegebenen
Gelände die Überreste von insgesamt 24 deutschen Soldaten liegen. Bei den
anschließend vorgenommenen Exhumierungsarbeiten wurden neben den Skeletten
eine Anzahl von Erkennungsmarken gefunden. Die Auswertung aller Funde
ergibt, dass die zwölf aufgrund der Erkennungsmarken eindeutig zu
identifizierenden Überreste zu den Gefallenen gehören, die im Spätsommer
1941 auf dem kleinen deutschen Soldatenfriedhof im damaligen
Tschepowitschi beigesetzt worden sind. Dabei handelt es sich um den
Friedhof, von dem uns Ende 1941 von der Einheit des gefallenen Vaters
meiner Frau Fotos zugeschickt worden sind.
Im Mai 2001 erfolgte ein nochmaliger Besuch in Tschepowitschi, um bei
dieser Gelegenheit den nunmehrigen Fundort in Augenschein zu nehmen.
Anschließend wurde der Deutsche Soldatenfriedhof in Kiew aufgesucht, wo
die gefundenen sterblichen Überreste inzwischen beigesetzt worden sind.
Es war ein ergreifender Moment, als wir an der Stelle standen, an der die
Gebeine nach mehr als 60 Jahren ihre endgültige Ruhe gefunden haben. Für
die noch lebenden Angehörigen ist es ein großer Trost zu wissen, wo die
Überreste beigesetzt worden sind. Damit ist gleichzeitig ein besonderer
Beziehungspunkt für das Andenken an den Gefallenen geschaffen.
Abschließend möchten meine Frau und ich nochmals allen Beteiligten für die
jahrelange überwältigende Unterstützung bei der Suche nach dem Grab danken
und dabei besonderen die Hilfe „vor Ort“ erwähnen.
Das Sprichwort hat sich auch hier bewahrheitet:
„Nicht aufgeben, nur Beharrlichkeit führt zum Ziel“.
„Nicht aufgeben, sich durch Rückschläge nicht entmutigen lassen“, von Dr.
Wolfgang Bläser, Stuttgart, 14. Februar 2002
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