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Die Christnacht von Kromy

Alle Jahre, wenn es Weihnachten wird, wenn ich ein paar Tage Zeit für mich selbst habe, blättere ich in einem Stoß vergilbter Schulhefte, meinen Tagebuchaufzeichnungen aus dem Zweiten Weltkrieg. Immer wieder erlebe ich dann jene seltsame Christnacht, die erfüllt war vom geheimnisvollen Zauber des Weihnachtsevangeliums.

Ich war damals Nachrichtenoffizier einer Panzerabteilung, die nach wochenlangen, verlustreichen Kämpfen von der Übermacht der Kälte gewohnten sibirischen Truppen vor den Toren Moskaus aufgerieben wurde. Nur etwa 100 Mann unserer Einheit hatten diesen erbarmungslosen Winterkrieg lebend und gesund überstanden. Wir, die Übriggebliebenen, hatten Auftrag, uns zu unserer Ausgangsstellung zurück zu kämpfen und uns in Kromy, einem Städtchen südwestlich von Orel, zu sammeln.

Hier erwartete uns die Feldpost. Die Päckchen und die Briefe von zu Hause, die uns die Wochen vorher nicht erreicht hatten, wurden verteilt. Hier wollten wir unser erstes Weihnachten in Russland feiern. Der Divisionspfarrer war bei uns, um das Fest der Geburt des Herrn mit uns zu gestalten.

Abseits des tief verschneiten Städtchens stand auf einem flachen Hügel eine halb verfallene russische Kirche, ein orientalisch anmutender Bau, mit fünf seltsam gewundenen Zwiebeltürmen. Die Kommunisten hatten 1917 bei der Oktoberrevolution das Gewölbe gesprengt. Später wurde das Gotteshaus als Getreidespeicher verwendet. Der Schnee lag kniehoch im Innenraum, Eiszapfen hingen aus den leeren Fensterhöhlen und Raureif bedeckte die zerschundenen Wände.

Wir stellten in dem verschneiten Kirchenrund, direkt unter dem grauen Schneehimmel von Russland, zwei Fichten auf und schmückten sie mit Kerzen und Lametta aus unseren Weihnachtspäckchen von unseren Lieben. Aus rohen Brettern zimmerten begeisterte junge Soldaten einen klobigen Altar und eine primitive Kommunionbank. Während wir hämmerten und sägten, kam ein aufgeregter Melder und händigte mir einen „dringenden Funkspruch“ aus: „Kosakenregimenter im Anmarsch auf Kromy – rege Partisanentätigkeit in der Stadt – laut Agentenmeldung bereiten reguläre russische Truppen, in Zivil verkleidet, Angriff vor und leiten ihn von hier aus.“

Hart und doch irgendwie feierlich hallten die dumpfen Hammerschläge durch das zum Himmel hin geöffnete Kirchenschiff – sollten alle diese Vorbereitungen umsonst gewesen sein? Wenn ich den Funkspruch jetzt an meinen Kommandeur weitergab, dann mussten wir unverzüglich die Stellungen vor der Stadt besetzen, um den angekündigten Angriff in der Heiligen Nacht abzuwehren. Nein, ich wollte, ich konnte nicht glauben, dass die Russen gerade in den nächsten zwei Stunden kommen sollten. Das durfte ich meinen Kameraden, die sich mit mir so sehr auf diese eine besinnliche Stunde freuten, nicht antun. So drängte ich alle Bedenken zurück und steckte wortlos den Funkspruch ein. Mein ehemaliger Kommandeur möge mir heute verzeihen.

Früh kam die Nacht. Wir stellten Posten rund um die Kirche, um vor Überraschungen sicher zu sein. Die übrig gebliebenen 80 Mann verloren sich in dem weiten Rund der russischen Kirche. Andächtig und alles vergessend lauschten wir der Heiligen Messe. Es bot sich uns ein eigenartiges Bild. Gespensterhaft angestrahlt von den flackernden Kerzen der beiden Christbäume stand unser Feldgeistlicher am schmucklosen Altar. Lautlos schwebten die Schneeflocken durch das zerrissene Kirchengewölbe und legten sich behutsam auf die Schultern der feldgrauen Ministranten, auf das Messgewand des Priesters und auf die Zweige der geschmückten Fichten.

Als ich mich einmal umdrehte, um in die Gesichter der wenigen Soldaten zu schauen, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen. Kopf an Kopf standen die Einwohner von Kromy hinter uns, bärtige Männer mit Rindensandalen an den mit Lumpen umwickelten Beinen, Frauen in abgeschabten Schafpelzen und dunklen Kopftüchern. Aber noch nie in meinem Leben habe ich so schöne, so gläubig verklärte Gesichter gesehen. Wie lange mochte es schon her sein, dass diese gequälten Menschen an einem Gottesdienst teilnehmen konnten.

Diese Männer und Frauen von Kromy, die die Worte des Weihnachtsevangeliums wohl kaum verstanden, das mit fester Stimme ein Kamerad las, sie hörten die frohe Botschaft doch heraus. Tränen rannen durch ihre zersorgten, von Hunger und Krieg gezeichneten Gesichter. Das „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden“ leuchtete aus ihren Augen.

Mein Blick glitt von Gesicht zu Gesicht. Da entdeckte ich plötzlich in einer dunklen Ecke eine Gruppe von jungen russischen Männern, trotzig die Pelzmützen auf dem Kopf, ohne Teilnahme an der heiligen Handlung an der Wand lehnend. Ich sah in Augen voll unheimlichen Hasses, Augen, wie man sie nie mehr vergisst. Ich bemerkte eine hohe, schlanke Gestalt mit scharf geschnittenem Gesicht und intelligentem Blick. Wie ein Blitz fuhr es mir durch den Kopf – der Funkspruch. Glühend heiß rann es mir den Rücken hinunter. Unentwegt musste ich den auffallenden Mann inmitten der Gruppe, die nicht in diesen Kreis zu dieser Stunde passte, ansehen. Er musste der Führer dieser Leute sein.

Ein Mütterlein mit schneeweißem Haar, den Rücken von der Last der Jahre gebeugt, kniete bei der Wandlung aufschluchzend im Schnee und schlug mit zittriger Hand das Kreuzzeichen. Die jungen Russen standen immer noch im Halbdunkel, aber mir schien es fast, als blickten die Gesichter nicht mehr so teilnahmslos. Als wir dann paarweise von der Kommunionbank zurück schritten, sah ich auch das spöttische Lächeln nicht mehr.

Dann geschah etwas Seltsames. Der Feldgeistliche erteilte den Segen. Er schlug das Kreuz des Erlösers mit klammen Händen über die im Schnee kniende Schar, über Russen und Deutsche, über Freunde und Feinde. Da nahm der auffallende Mann in der Mitte der Gruppe – ich konnte jetzt sehen, da alles kniete, dass er gut geschnittene Offiziersstiefel unter dem unförmigen Pelzmantel trug – umständlich die Pelzmütze ab und senkte den stolzen Kopf, und alle die jungen Männer folgten seinem Beispiel, zögernd zwar, doch ohne Ausnahme.

Zwei Mundharmonikas stimmten das Weihnachtslied an. „Stille Nacht, heilige Nacht“ hallte es wider von den schneeglitzernden Wänden, und der Wind trug die innige Melodie durch das offene Kirchengewölbe hinaus zu den Kameraden, die dort auf Wache standen. Eine Wolke weißen Atems stand über der festlichen Menge und verlor sich im dunklen Gewölbe.

Langsam leerte sich das Gotteshaus. Ich verließ es als letzter. Draußen trat mir der Mann mit den Offiziersstiefeln entgegen. Er war allein. Er sah mir lange schweigend in die Augen. In seinem Blick war ein eigenartiger Glanz. Dann sprach er in holprigem Deutsch, mehr zu sich selbst, als zu mir, feierlich und bedächtig wie man einen Eid spricht: „Christ ist geboren!“ Dann küsste er mich, wie es im alten Russland Weihnachtsbrauch war, auf beide Wangen. Wir drückten uns fest und lange die Hand, und ich verstand ihn, obwohl er kein Wort mehr sprach. Dann ging er mit sicherem Schritt hinaus in die Nacht, nicht den ausgetretenen Pfad zum Ort, nein, mitten durch den knietiefen Schnee. Er bahnte sich einen eigenen Weg. Schritt für Schritt stampfte er geradeaus, ohne sich umzuschauen, hinein in das Dunkle, einem Licht entgegen.
 

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Christnacht von Kromy
Alle Jahre, wenn es Weihnachten wird, wenn ich ein paar Tage Zeit...


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Gut 200 unserer Freunde und Förderer folgten im vergangenen Jahr...


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