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Die Steppe als Ausgangspunkt der Gestaltung

Die Kriegsgräberstätte in Rossoschka ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert

Seit Mai 1992 suchen Mitarbeiter des Umbettungsdienstes im Raum Wolgograd nach Gräbern deutscher Soldaten. An mehr als einhundert Orten haben sie mittlerweile Gebeine geborgen. Zunächst beabsichtigte der Volksbund, mehrere Friedhöfe zu errichten. Nach langen Verhandlungen aber fiel schließlich die Entscheidung auf einen einzigen Standort: bei Rossoschka, einem kleinen Dorf in der Nähe des Flugplatzes Gumrak, wo bereits während des Krieges ein Friedhof mit etwa 600 Gräbern angelegt worden war. Hier hat der Volksbund den zentralen Friedhof für alle Gefallenen zwischen Don und Wolga gebaut.

Rossoschka liegt etwa 30 Kilometer westlich der Stadt. Hier enden allmählich die bewässerten Feldkulturen, und die weitläufige, fast ebene Steppenlandschaft beginnt. Die unmittelbare Umgebung des Soldatenfriedhofes wird als freies Weideland genutzt. Der Boden ist spärlich mit Gräsern und grauen Stauden bedeckt. Am Ufer eines schmalen Baches wächst meterhohes Schilf.

Zwei Grabfelder

Diese landschaftliche Situation wollte Jürgen H. von Reuß, Professor für Architektur an der Gesamthochschule Kassel, mit seiner Konzeption des Friedhofsbaus möglichst wenig stören. Für ihn war die Steppe Ausgangspunkt der Gestaltung. Zugleich aber sollte die Ungeheuerlichkeit des historischen Geschehens in Stalingrad architektonisch gewürdigt werden.

Das vorhandene Grabfeld mit seinem trapezförmigen Grundriss fasste er mit einer Granitmauer ein. Die Zubettungsfläche ist kreisförmig, misst 150 Meter im Durchmesser und wird ebenfalls von einer Granitmauer gefasst, die zur Straßenseite 1,25 Meter hoch ist. Zum Bach hin fällt das Gelände ab. Hier erhebt sich der Mauerring bis zu 3,50 Meter über den Boden. Beide Grabflächen können nicht betreten werden.

Durch den Bau des Friedhofes soll der Eingriff in die Natur, wie von Reuß in seiner Projektbeschreibung erläutert, "so zurückhaltend eingeordnet werden, dass nur eine minimale Abweichung vom vorgegebenen Bild der Kulturlandschaft entsteht. Die Pflege der Flächen, die nicht direkt Bestattungsflächen sind, soll weiterhin wie bisher mit Beweidung durch Rinderherden aus dem benachbarten Dorf erfolgen. Bewusst sollen die Eigenarten dieser Landschaft vermittelt werden: Der scharfe Wind im Winter, die unerbittliche Hitze im Sommer, die fast unendliche Weite und die Stille. Der Besucher wird der Fremdartigkeit einer ungewohnten Landschaft ausgesetzt."

Die Ungeheuerlichkeit des menschlichen Leids in Stalingrad teilt sich dem Betrachter mit, wenn er die 470 Meter lange Ringmauer entlanggeht. An der Wand sollen dereinst die Namen der Gefallenen und der Vermißten angebracht werden, auch die Namen derjenigen, deren Grab nicht mehr zu finden war: Ein Relief von Einzelschicksalen ohne Anfang und Ende.

Beide Grabfelder verbindet ein in das Gelände eingeschnittener Weg, der bis zum Ufer des Baches führt.

"Am Beginn dieser langen Achse befindet sich ein Gedenkplatz, der mit einem Hochkreuz gekennzeichnet ist. Dieser Platz wird nach Westen durch eine 2,20 Meter hohe Mauer begrenzt, die Windschutz bietet und zugleich Informationen in deutscher und russischer Sprache vermittelt. An dieser Stelle befand sich das während des Krieges zerstörte Dorf Rossoschka, an das wir durch Bäume erinnern wollen, die wir in die noch erkennbaren Kellergruben gepflanzt haben“, erklärt von Reuß.

Am anderen Ende der Achse, am Schilf bewachsenen Ufer, ist ein kleiner Platz der individuellen Zurückgezogenheit geschaffen. Im Schatten der neu angepflanzten Weiden mag sich der Besucher zum persönlichen Gedenken anregen lassen.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hat die Rayonverwaltung 1997 einen russischen Soldatenfriedhof errichtet. Er verkörpert eine völlig andere architektonische Auffassung. Doch durch den gemeinsamen Parkplatz, durch die Verknüpfung der Wegenetze, aber auch dank der vereinigenden Kraft der Natur werden beide Friedhöfe zu einem gemeinsamen Mahnmal gegen den Krieg zusammenwachsen.
 

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