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Weihnachten 1942 in Stalingrad.
Letzte Briefe.
Vorbemerkung
Mein Vater und meine Mutter hatten während des Krieges einen
engen und
regelmäßigen Briefwechsel per Feldpost. Ich erinnere mich noch
sehr gut
daran, dass meine Mutter öfter sagte: "So, jetzt wollen wir an
den Papi
schreiben". Und dann führte sie mir die Hand und der 4-Jährige
war
unendlich stolz darauf, dass er schon schreiben konnte.
Durch mehrfache Umzüge und insbesondere durch den Umzug
nach Westdeutschland waren uns aber leider nur vier Briefe
meines
Vaters erhalten geblieben. Erst nach der Wende bekam ich
von meinem Onkel Otto aus Oschersleben und von meiner Cousine
Anneliese aus Wernigerode noch weitere Briefe meines Vaters,
die er an seine Eltern und Geschwister geschrieben hatte.
Alle diese Briefe sind aus dem Zeitraum November und Dezember
1942.
Im August 1993 habe ich an einer Reise des Volksbundes
Deutsche Kriegsgräberfürsorge nach Wolgograd, dem früheren
Stalingrad, teilgenommen und konnte mir endlich einen
persönlichen
Eindruck von den Plätzen und den Umständen des seinerzeitigen
Geschehens
verschaffen. Wir sind auf dem Flugplatz Wolgograd gelandet, der
seinerzeit
der Flugplatz Gumrak war. Ich war an der Zariza, die längst kein
Wasser
mehr führt, an den Bahnhöfen Stalingrad-Mitte und
Stalingrad-Süd, auf dem
Mamajew-Hügel, am Theater-Platz, am Getreitreide-Silo und in
Rossoschka,
als gerade die Ausbettungen begonnen hatten. Ich habe auch die
Stelle
gefunden, an der der letzte Regiments-Gefechtsstand war. Unser
Hotel
"Intourist" lag am Roten Platz unmittelbar neben dem früheren
Kaufhaus
"Univermag", in dem sich das letzte Hauptquartier der 6. Armee
und auch
das der 71. Infanterie-Division befanden und an dem heute die
Tafel mit
dem Hinweis auf die Kapitulation der 6. Armee angebracht ist.
Aber ich
habe auch russische Zeitzeugen getroffen. Und alles Gesehene,
Gehörte und
Erfahrene hat mich damals überwältigt und tief beeindruckt.
Personensuche
Als ich in den Briefen meines Vaters den Hinweis auf den
früheren Spieß
aus Quedlinburg fand, erinnerte ich mich an den Namen Schmelz.
Und durch
einen glücklichen Zufall fand ich Frau Irmgard Schmelz in
Quedlinburg und
erfuhr, dass Sie noch alle Feldpostbriefe ihres Mannes
aufbewahrt hatte.
Diese waren eine außerordentlich wertvolle Ergänzung der Briefe
meines
Vaters und ich bin ihr sehr dankbar dafür. Frau Schmelz konnte
glücklicherweise auch noch eine Namensliste des Musikkorps vom
27. 6. 1940
von Herrn Horst Schieck, dem Sohn von Richard Schieck, besorgen.
Diese war
die Grundlage der Recherche bei der Deutschen Dienststelle in
Berlin.
Ich konnte auch den Bruder des erwähnten Zahlmeisters Herbert
Kaufhold
ausfindig machen. Es ist Herr Rudolf Kaufhold und er wohnt in
Oschersleben. Durch die Hilfe von Frau Schmelz konnte ich auch
die Tochter
von Dr. Josef Rox finden. Es ist Frau Dr. Gabriele Rox in Gronau.
Von Frau Grete Strangfeld wusste ich, dass sie in Westerhausen
Kreis
Quedlinburg wohnt, wir hatten vorher schon Kontakt gehabt. Die
Anschrift
von Herrn Heinrich Pröpper jun. habe ich Dank der Hilfe von Frau
Schmelz
und Herrn Hans Herzberg erhalten. Herzberg war Angehöriger des
Musikkorps,
war aber vor Stalingrad kommandiert worden und ist aus dem Krieg
zurückgekehrt. Durch einen außerordentlichen Zufall kam ich auch
in
Kontakt mit Frau Ingrid Hartmetz, der Tochter von Christian
Pfannkuchen.
Alle übrigen Auskünfte habe ich von der
Deutschen Dienststelle (WASt)
in
Berlin erhalten.
Das Musikkorps
Bei den meisten der genannten Soldaten
handelt sich also um Angehörige des
Musikkorps des Infanterie-Regiments 211 der
71. Infanterie-Division. Die Feldpostnummer von
Stab/Infanterie-Regiments 211 war 25 546.
Hauptmann Fritz Schmelz war Kommandeur des II. Battaillon dieses
Regiments
und Herbert Kaufhold war sein Zahlmeister. Zu seinem Stab
gehörten auch
sein Adjutant Leutnant Richard Krey und der Oberarzt Dr. Josef
Rox.
Bis zum August 1939 gehörte das II. Bataillon zum
Infanterie-Regiment 12
der 31. Infanterie-Division und war in Quedlinburg stationiert.
Es kam
dann Ende August 1939 im Zuge von Heeresvermehrungen zum
Infanterie-Regiment 211 der neu aufgestellten 71.
Infanterie-Division. Sie
galt als eine Niedersächsische Division und wurde später "Die
glückhafte
Division" genannt, weil sie im Frankreich-Feldzug die Festung
Verdun
eingenommen hatte. Ihr taktisches Zeichen war das vierblättrige
Kleeblatt
mit den gekreuzten Pferdeköpfen.
Die 71. Infanterie-Division hatte als einzige der 6. Armee in
der gesamten
Divisionsbreite bereits Ende September 1942 die Wolga im Süden
von
Stalingrad erreicht. Das Infanterie-Regiment 211 war an der
rechten Flanke
der Div. zwischen den Flüssen bzw. Bächen Zariza und Minina
eingesetzt.
Die Einheiten befanden sich darum in gut ausgebauten und
sicheren
Stellungen.
Die Angehörigen des Musikkorps taten im allgemeinen Stabsdienst,
insbesondere im Nachrichtenwesen, verrichteten Sonderaufträge
und wurden
hauptsächlich, als ausgebildete Sanitäter, zur Bergung von
Verwundeten und
zum Transport von Verwundeten, Kranken und Kommandierten zu den
Flugplätzen Pitomnik und Gumrak innerhalb des Kessels
eingesetzt. Um die
Jahreswende 1942/43 kamen sie dann vermutlich zur kämpfenden
Truppe.
Alle in Stalingrad eingesetzten Angehörigen des Musikkorps sind
vermisst
oder sicherlich später in Gefangenschaft geraten und darin
verstorben. Von
keinem ist bekannt, dass er während der Kampfhandlungen gefallen
ist und
es ist auch kein Fall bekannt, dass einer von ihnen aus dem
Kessel
ausgeflogen wurde oder aus der Gefangenschaft zurückkehrte.
Die Briefe
Walter Mewes
Im Osten, den 28. 7. 42
Lieber Otto!
... Wir sind jetzt ungefähr 600 Kilometer von Charkow
marschiert, im
Augenblick befinden wir uns in der Steppe, und es wird wohl
nicht mehr
lange dauern und wir stehen am Ufer der Wolga. Hier hat der
Russe schon
wieder gewaltige Schläge
bekommen, hoffentlich hat er bald für immer genug. ... Christian
Pfannkuchen 14. 8. 42
... Man munkelt aber auch davon dass wir
im Winter hier bleiben würden. Ich kann Dir
sagen liebe Ruth, für mich wäre das furchtbar,
einfach nicht auszudenken. Verdient hätte es
unsere Division nicht. Wie stark bei uns eine
Kompanie ist, trotzdem wir schon öfter Ersatz
bekommen haben, möchte ich Euch nicht mitteilen. ...
Walter Mewes
Russland den 23. 8. 42
Lieber Otto!
... Wir liegen noch im großen Donbogen, unsere Aufgabe ist im
Augenblick sehr ruhig, aber das haben unsere Kompanien auch
verdient. Die Kompanien sind bei 50 °Celsius Hitze bis zu 50
Kilometer am Tage
marschiert und dazu kämpfend. Hier an dieser Stelle ereignet
sich jetzt
was, es wird auch sicher bald von hier etwas bekannt gegeben.
Wir von der
Musik sind in diesem Jahr nicht als Krankenträger eingesetzt,
sondern als
Trossbewachung. ...
Christian Pfannkuchen
Sonntag, den 23. 8. 42
Meine liebe Ruth und liebes Mäusel!
... Wie Du schreibst wird in Königsbrück erzählt, dass wir
rausgezogen
werden. Wenn es nach den Verlusten ginge, hätte man uns schon
Ende Mai
rausgezogen. Wir haben aber schon öfter Ersatz bekommen. Aber
trotzdem
wollen wir hoffen das wir bald rausgezogen werden, denn wir
haben wirklich
die Schnauze voll von diesem Russland. Wenn man auch oft gar
nichts
auszustehen hat, dann macht einen das Wetter so fertig, dass
einem jeder
Schritt zu viel wird. ...
Christian Pfannkuchen
Dienstag, den 1. 9. 42
Meine liebe Ruth und liebes Mäusel!
... Ernst (Anmerkung: Bruder von Christian Pf.; beide waren in
der
gleichen Einheit.) ist heute früh auf einen
Luftwaffenverbandsplatz zu
einem Arzt, er hat die Gelbsucht. Was mit ihm nun werden soll
wird der
Arzt dort feststellen. Am wichtigsten wäre es wenn er ins
Lazarett kommt.
Wie es dazu gekommen ist, kann ich mir nicht denken, denn zu
Fett gelebt
haben wir bestimmt nicht. ... Wenn man hier nicht auf dem Damm
ist, ist es
eine Qual hier umher zu laufen. In unserer Einheit befindet sich
kein Arzt
kein Sanitäter, man ist auf sich selbst angewiesen. ...
Walter Mewes
Russland den 6. 10. 42
Lieber Otto!
... Wenn wir erst einmal alle nicht mehr schreiben brauchen und
diese
Jahre vergessen haben, dann sieht es anders aus und wir sind
bedeutend
glücklicher. Aber jetzt wollen wir eisern sein, und alles
ertragen. Wir liegen vor Stalingrad und unser Rgt. liegt schon
lange drin, bis auf
einen Vorort ist Stalin-grad in unserer Hand.
Sewastopol war eine starke Naturfestung und war schwer
einnehmbar, aber
wie Stalingrad ausgebaut ist macht sich niemand ein Bild. Fast
in jedem
Haus stehen ein oder mehrere Geschütze, und darum muss jedes
Haus durch
Volltreffer vernichtet werden, und dazu muss man bedenken, dass
die Stadt
30 Kilometer lang ist.
Für den Winter richten wir uns auch schon langsam ein, Bunker
bauen, Holz
heranschaffen usw.
Hier in der Steppe wird es nicht viel Schnee geben, aber dafür
ist der
Wind desto eisiger. ...
Christian Pfannkuchen
Freitag, 10. 10. 42
...
... Der Sohn von meiner Cousine, Hermann Landau, ist gefallen
wie mir von
zu Haus mitgeteilt wurde. Über diese Nachricht war ich tief
erschüttert.
Er ist auch jung verheiratet und hat auch eine kleine Tochter,
wohnt in
Wasserleben. Hermann schrieb an seine Frau er sei verwundet,
aber nicht
gefährlich, nur Fleischwunde am Bein. Einige Tage später wurde
ihm das
Bein abgenommen, paar Tage darauf starb er u. wurde in Lemberg
beerdigt.
...
Walter Mewes
Russland den 1. Nov. 42
Lieber Otto!
... Bin in den letzten drei Tagen in Stalingrad gewesen um Holz
zu holen
für den Bau von Bunkern. In St. sieht es doll aus, in der Mitte
wo ich
war, steht kaum noch ein ganzes Haus. Ich bin mit elf Fahrzeugen
dort
gewesen, eine Fahrt dauert fast den ganzen Tag, einen Tag zur
Hinfahrt
einen Tag Holz abgemacht (von zerschossenen Häusern) und einen
Tag zur
Rückfahrt, es sind über 50 Kilometer (Anmerkung: Der Tross lag
zu der Zeit
im Raum Gumrak und wurde später in die Nähe des
Regiments-Gefechtsstandes
nach Stalingrad verlegt). Auf der Rückfahrt hatte ich noch Pech,
da ist
mir ein Vorderrad über den Fuß gefahren, ich habe noch Glück
gehabt, nur
eine kleine Schwellung, in zwei Tagen ist alles wieder in
Ordnung. Unsere Flugzeuge sind den ganzen Tag über Stalingrad,
ich habe z.B. ganz
deutlich Stuka-Angriffe gesehen. Der Stuka-Flugplatz ist hier
ganz in der
Nähe, wir sehen sie jedesmal landen und wieder starten.
Um Stalingrad wird sehr hart gekämpft, aber früher oder später
kriegen wir
es doch, der Russe ist ja gezwungen, es bis zum letzten Mann zu
verteidigen. ...
Fritz Schmelz
Im Osten, 9. 11. 42
...
Sonst geht es mir gut. Draußen ist herrliches Wetter
aber sehr kalt. ... So vergeht nun ein Tag wie
der andere. Morgens wird schon um 6 Uhr,
spätestens aber um 6 Uhr aufgestanden. Vorher heizen unsere
Burschen schön an, dann Frühstück mit Morgenmusik
bis 7 manchmal 8 Uhr. Anschließend schriftliche
Arbeiten bis 9 oder 10 Uhr. Bis 12, 1 Uhr einen
Rundgang in die etwas rückwärtigen Teile, wo man
vom Russen nicht zu sehen ist. Nach dem Mittagessen
mit Radiomusik ein Lesestündchen bis zu den Nachrichten
um 14 Uhr, anschl. nochmals Unterschriften bis 16, 17 Uhr.
Abends dann 1 bis 2 Stunden in die Stellung und nach
Rückkehr langsam ins Körbchen. So gestaltet sich
ungefähr ein Tagesprogramm. Die Hauptsache ist, der Russe lässt
uns einigermaßen in Ruhe, und es wird nicht so furchtbar kalt.
Letzteres befürchte ich allerdings, denn in dieser Ecke soll
weniger
Schnee fallen, dafür aber scharfe Ostwinde mit strenger Kälte.
...
Walter Mewes
Russland, den 10. November 42
Liebe Eltern und Geschwister!
... Ein eisiger Ostwind fegt über die Steppe, für diesen
scharfen Wind
gibt es kein Hindernis, der geht bis auf die Haut durch. Wer
nicht
unbedingt raus muss, der sieht zu, dass er in der Unterkunft
bleiben kann,
... Die Kälte kam hier sehr überraschend, vor drei Tagen war es
plötzlich
eisig kalt, einen Tag davor haben Mannschaften noch im
entblößten
Oberkörper gearbeitet. ...Vor einigen Tagen habe ich wieder ein
Päckchen
mit Tabak abgeschickt für den Papa, noch zum Geburtstag. Den
Brief von
Inge mit Rasierklingen habe ich auch bekommen. ...
Walter Mewes
Russland, den 11. Nov. 42
Lieber Otto!
... in kurzer Zeit bekommst Du von mir regelmäßig ein Päckchen
mit
Zigaretten, im Augenblick habe ich an einen Kameraden noch
Zigarettenschulden, und zwar für eine Uniformhose, welche er nur
mit Zig.
bezahlt haben wollte. ...
Fritz Schmelz
Im Osten, 28. 11. 42
...
Wenn Postverkehr jetzt nicht klappt, hat das seinen besonderen
Grund.
Näheres kann ich darüber nicht schreiben. Es geht uns allen aber
ausgezeichnet. Die Lage ist ernst, aber keineswegs hoffnungslos.
Wir sind
nach wie vor in unserer alten Stellung und halten sie, koste es
was es
wolle.
Mein Urlaub ist natürlich fraglich. Ist er wieder freigegeben,
bin ich
einer der ersten Anwärter. Ob nun mit meinem Erscheinen noch zu
Weihnachten gerechnet werden kann, ist mit dem besten Willen
nicht
vorauszusehen. Hängt alles von der Lage hier ab. ...
Fritz Schmelz
Im Osten 30. 11. 42
...
Eigentlich ist bei uns noch Postsperre. Aber es besteht eine
Möglichkeit,
dass diese Zeilen doch zu Euch gelangen werden. Uns geht es nach
wie vor
ausgezeichnet. Wir müssen halt durchhalten, dann wird alles
schon wieder
werden. Nur mit Weihnachts- und Neujahrsurlaub, das wird wohl
nichts mehr.
..., denn sicher gehen doch die dollsten Gerüchte um uns, nicht
wahr? Aber
alles ist halb so wild, besonders da sich der Führer selbst
unser
angenommen hat und uns auf jeden Fall wieder raushauen lässt.
...
Fritz Schmelz
Im Osten, 4. 12. 42
...
Wir haben gestern mal wieder einen ganzen Sack Post fürs ganze
Regiment
bekommen, aber leider war für mich nichts dabei. Na, auch der
Zustand wird
bald vorübergehen. ...
Fritz Dobberkau hält auch noch wacker mit aus, sollte gerade am
nächsten
Tag abreisen, da ging es nicht mehr. ...
Fritz Schmelz
Im Osten, 8. 12. 42
...
Post habe ich nun leider gut 16 Tage keine mehr bekommen. Es
soll aber nun
auf dem Luftwege wieder in geregelte Bahnen gelangen. Anbei mal
zwei
Marken für Dich, dass Du mir gleich per Luftfeldpost antworten
kannst. ...
Walter Mewes
Russland, den 10. 12. 42
Liebe Eltern und Geschwister!
Den Umständen bedingt musste ich Euch diesmal lange auf ein paar
Zeilen
warten lassen. Es war mir leider nicht möglich Euch früher Post
zukommen
zu lassen. Den Brief vom 22. November, welchen ich heute mit
beilege,
hatte ich schon einmal abgeschickt, habe ihn aber
zurückbekommen, da im
Augenblick wegen des hohen Schnees nur Luftpost geschrieben
werden darf.
Ebenso könnt Ihr nur mit Luftpost schreiben. Nun habe ich aber
leider nur
2 L.P. Marken bekommen, und kann Euch daher keine mit beilegen.
...
Päckchen dürfen jetzt auch nicht geschickt werden. ... Ihr
braucht Euch
keine Sorgen zu machen um mich, denn es geht mir wirklich sehr
gut, zwar
haben wir sehr viel und harten Dienst, aber das wird alles
geschafft. Wir sind jetzt mit beim Rgt. und haben dort unsere
Aufgaben, und zwar
liegen wir kurz vor der Wolga. Wir wohnen in Häusern mit
Zivilisten
zusammen, haben aber trotzdem noch Bunker. Obwohl die Leute den
Krieg hier
nun aus nächster Nähe spüren, verlassen sie ihre Häuser nicht,
sie sind
eben mächtig stur.
Nun ist bald Weihnachten, und diesen werden wir im kalten
Russland erleben
(Anm.: Zu Weihnachten 1941 lag die Division nach verlustreichen
Kämpfen
vor Kiew zur Auffrischung und als Lehrdivision in Belgien).
Meine Gedanken
sind in den Weihnachtstagen besonders zu Hause bei meiner
Familie und bei
Euch. Der Papa hat ja auch mehrere Weihnachten draußen verlebt,
da soll es
mir auch wieder nicht schwer fallen es auch zu schaffen. ... Im
Übrigen
wollen wir wieder genauso eisern sein wie bisher. ...
Leider kann ich den Brief welchen ich den 22. November
geschrieben habe
nicht mit beilegen, da sonst dieser Brief zu schwer wird.
Luftpostbriefe
dürfen nur zehn Gramm wiegen.
Fritz Schmelz
Im Osten, 11. 12. 42
... Seit einigen Tagen ist es auch bei uns richtig Winter
geworden. Es
liegen etwa fünf bis acht Zentimeter Schnee, leicht bewölkt und
mit dem
Frost ist es sehr unterschiedlich. Gestern hatten wir
beispielsweise minus
16°Celsius, vorgestern fast kaum Kältegrade, heute etwa minus
5°Celsius.
Manchmal ändert sich das Wetter sogar an einem Tag. ... So
halten wir auch
weiter wacker die Wacht am Schicksalsstrom.
Die große militärische Lage in unserem Raum hier wird von Tag zu
Tag
besser. Mehr kann und darf ich aus begreiflichen Gründen nicht
schreiben.
Das einzige was wir am meisten vermissen ist natürlich die Post
von den
Lieben daheim. Es sind nun fast drei Wochen, aber auch das wird
nun bald
wieder in geordnete Verhältnisse gelenkt werden. ..,wenn es für
uns nicht
schlechter kommt, halten wir es schon aus. ...
Fritz Schmelz
Im Osten, 13. 12. 42
...
... Ringsum Geschützdonner, damit ja immer an den Krieg erinnert
wird.
Alles in allem lässt es sich aber noch aushalten, zumal wir
jetzt jeden
Tag damit rechnen, dass sich die Lage hier günstig gestalten wird
und eines
Tages von unserem Kampfabschnitt ein großer Sieg durch den
Rundfunk
gemeldet werden kann. Der Russe scheint ja auf der ganzen Linie
zu großen
Aktionen angetreten zu sein. Sogar im Abschnitt Mitte (Rshew),
wo den
ganzen Sommer über Ruhe war, sind wieder die heftigsten Kämpfe
im Gange.
Man kann es bald nicht mehr fassen, wo der Bursche das Material
herbekommt, verliert er doch fast täglich 100 und mehr Panzer.
Aber
letzten Endes muss ja auch das mal ein Ende nehmen und man hat
weiß Gott
manchmal das Gefühl, dass das nicht mehr fern sein könnte. ...
Ja, ja, meine Lieben, das kostet Nerven und macht einen hart wie
man es
sich kaum vorstellen kann. Dafür kann einen aber auch im
späteren Leben
nichts mehr erschüttern. ...
Walter Mewes
Russland, den 20. Dezember 42
Liebe Mama!
Zu Deinem Geburtstag die herzlichsten Glückwünsche und alles
Gute. Ich
wünsche, dass Du diesen Tag noch recht oft und bei bester
Gesundheit
erlebst. Am 11. Januar werde ich ganz besonders an Dich, liebe
Mama,
denken. ... Heute ist Goldener Sonntag, wir haben uns gerade
einen
Adventskranz gemacht, gleichzeitig auch als Weihnachtsbaum. Ein
kleiner
grüner Adventskranz, Zigarettenpapier als Lametta usw., nun ist
die
Weihnachtsstimmung da. Die Gedanken sind zu Hause bei der
Familie, bei den
Eltern und Geschwistern. Die rauhe Wirklichkeit sieht natürlich
bedeutend
anders aus, man braucht nur wenige Schritte tun, dann spürt man
den Krieg.
...
Fritz Schmelz
Im Osten, 22. 12. 42
...
... es soll wieder uneingeschränkt Postverkehr geben. ... Wie
Ihr aus dem
Wehrmachtsbericht entnommen habt, tobt ja hier eine gewaltige
Schlacht mit
Operationen größeren Ausmaßes. ...
Hier geht es zur Zeit um kriegsentscheidende Dinge, hier wird
Kriegsgeschichte gemacht. Der Russe nimmt auf die Weihnachtstage
keine
Rücksicht, im Gegenteil, er wird versuchen an den Tagen
besonders zu
stören. Und da heißt es wachsam sein, aufpassen und
unerbittlich
zuschlagen, wo sich was tut. ... Und wir werden wachsam sein,
darauf könnt
Ihr Euch verlassen, damit Ihr wenigstens in Ruhe im Licht der
Kerzen
sitzen könnt, jetzt und für alle Zeiten. ...
Am Heiligen Abend werde ich von 15 bis 23 Uhr zusammen mit
meinem
Zahlmeister von Unterstand zu Unterstand pilgern und werden
versuchen mit
den letzten zusammengekratzten Zigaretten, Spirituosen, einem
Stollen u.
sonstigen Kleinigkeiten den Männern Freude zu spenden. Statt
Weihnachtsbäume haben wir ein paar kümmerliche Fichten
zusammengefahren,
woraus sich jeder Unterstand einen Kranz gebastelt hat. Ein paar
Kerzen
haben wir auch noch aufgetrieben. Sonstiger Schmuck wird durch
Silberpapier aus leeren Zigarettenschachteln hergestellt. Wo ein
Wille
ist, ist auch ein Weg. ... Zum 1. Festtag gibt es sogar pro zehn
Mann eine
Gans. Die haben wir schon vor langer Zeit im Hinterland
aufgekauft, als es
noch möglich war und noch bessere Zeiten hier herrschten. Wohl
gehütet
geben sie uns jetzt das festliche Gepräge zu Weihnachten
überhaupt. Zu
Sylvester können wir auch noch einen Punsch brauen. Wie Ihr
seht, es geht
uns gut, trotz allen Ernstes. ...
Heinrich Pröpper
Den 22. 12. 42
Meine liebe Ilse und Bub, mit dieser Post will ich Dir
noch einen Kartengruß schreiben. Ich hoffe, dass es
Bub und Dir recht gut geht. In zwei Tagen ist Heilige Abend,
ich denke an Euch beiden, heute Nacht träumte ich
von Euch. Uns geht's sehr gut. Bleibt mir gesund
und froh wie ich Euch auch. Viele Weihnachtswünsche.
In Liebe Küsse und Grüße, Dein Heinz,
Euer Papa.
Walter Mewes
Russland, den 24. 12. 42
Liebe Schwester!
... Weihnachten ist ja bei Empfang dieses Briefes längst vorbei,
aber die
besten Wünsche für das neue Jahr möchte ich nicht versäumen Euch
zu
senden. Hoffentlich habt Ihr das Glück gehabt, dass Euer Papi
zum Fest bei
Euch war, das wäre dann sicher die schönste Freude gewesen. Ich
bin in
diesem Jahr weit weg von der Familie, aber meine Gedanken sind
doch ganz
zu Haus.
Heute Abend werden wir unsere Instrumente nehmen, wo nach acht
Monaten die
ersten Töne raus kommen, und dann spielen wir ein paar
Weihnachtslieder,
und zwar kurz vor der Wolga. (Das habe ich mir auch nicht
träumen lassen,
dass ich mal die Wolga sehen würde). Im Übrigen werden wir hier
eine
Weihnachten erleben, wie unsere Väter es auch getan haben.
Wollen wir
hoffen, dass das Jahr 1943 uns den ersehnten Sieg und Frieden
bringt, und
wir wieder bei unseren Familien sein können. ...
Walter Mewes
Russland den 24. 12. 42
Lieber Otto!
... Wir trinken heute Abend im Bunker an der Wolga einen Grog,
das ist
dann unsere Weihnachtsfeier. Nach acht Monaten holen wir heute
zum
ersten Mal wieder unsere Instrumente hervor und spielen für die
Kameraden
Weihnachtslieder. Zum Schluss spielen wir dann das Wolgalied,
dabei stehen
wir aber wirklich an der Wolga. ...
Christian Pfannkuchen
Sonnabend, den 26. 12. 42
Meine liebe Ruth u. mein liebes Mäusel!
... Ich muss Dir die Mitteilung machen, dass ich ohne auch nur einen
Weihnachtsgruß war. Es ging mir aber nicht allein so. Am Heiligabend, bei
Eintritt der Dunkelheit, also um 3 Uhr (Anmerkung: an allen Fronten galt
die mitteleuropäische Zeit) begann die Feier innerhalb des Musikkorps,
dazu der Komp.-Chef und noch einige Offiziere. Jeder hatte seine
Weihnachtsgaben vor sich liegen welche aus einer Tafel Schokolade, 30
Zigaretten und noch Kleinigkeiten bestand. Außerdem hatten wir Tee mit Rum
zum trinken. Es wurden auch einige Weihnachtslieder gesungen. Liebe Ruth,
ich glaube ich brauche mich nicht zu schämen wenn ich Dir sage, dass ich
weich dabei geworden bin. Während dieser Stunde waren meine Gedanken nur
bei Euch meine Lieben. ... Ich hatte wirklich eine eigenartige Stimmung.
Wir sind nun einmal in einer so komischen Lage, so dass wir auf vieles
verzichten müssen. In normalen Verhältnissen wären wir sicher überflutet
mit Post von unseren Lieben und Verwandten, aber unter diesen Umständen
hatte ich keinen Brief oder Päckchen zu Weihnachten. ... Aber wie gesagt,
unsere augenblickliche Lage hat Schuld daran das wir keine Post bekommen
haben. ... Nach unserer Feierstunde wurde die Musik verteilt um bei
verschiedenen Einheiten im Bunker etwas Musik zu machen. Um Mitternacht
kam dann der Knalleffekt. Das gesamte Musikkorps, soweit überhaupt
anwesend, versammelte sich an einer Ecke. Dann gingen wir auf einen
ziemlich freien Platz (Erhöhung) einige 100 Meter vor der Wolga und
spielten einige Weihnachtslieder. Wir waren auf das Schlimmste gefasst,
denn der Russe konnte doch schon mithören, wussten aber nicht wie er
darauf reagierte. Aber es blieb außer der Musik in dieser stillen heiligen
Nacht wirklich alles still.
.. und zogen uns dann in unsere Unterkunft zurück ohne das ein Schuss auf
uns fiel. Es war ein einmaliges Erlebnis.
Es war alles mit größter Schwierigkeit verbunden da es ja viel zu kalt
war, so dass verschiedene Instrumente einfroren. Aber wie gesagt es war
unter diesen Umständen alles gut genug. Wir wollten ja nicht den Russen
mit unserer Musik erfreuen, sondern unsere Kameraden, die vorn in Stellung
lagen. Der Russe hat sich sicher auch gefreut jenseits der Wolga über die
schöne Musik, denn sonst hätte er sicher geschossen. Euch wird das alles
unglaublich klingen, aber es sind Tatsachen. ...
Walter Mewes
Russland, den 27. Dezember 42
Liebe Eltern und Geschwister!
Weihnachten ist nun vorbei, es ist zwar heute Sonntag, aber das ist ja für
uns ein Tag wie jeder andere. In unserem Abschnitt ist der Russe über
Weihnachten verhältnismäßig ruhig gewesen, was wir nicht gedacht haben. Es war
für uns ein unvergesslicher Weihnachten, (natürlich
nicht an Gaben usw.) aber in seiner Eigenart wird er uns
immer in Erinnerung bleiben. Heiligabend haben wir un- mittelbar an der Wolga
gespielt, so dass uns sogar der
Russe gehört haben müsste. Am ersten Feiertag haben
wir unserem ehem. Spieß aus Quedlinburg, welcher hier
im Regiment Bataillons-Kommandeur, ist ein Ständchen gebracht.
Bei einer Flasche Likör haben wir alte Erinnerungen
ausgetauscht, wo auch der Zahlmeister Kaufhold aus
Oschersleben zugegen war. Es waren ein paar nette Stunden.
Leider habe ich zu Weihnachten keine Post bekommen, von
Annemarie nicht und von Euch auch nicht. Ihr könnt jetzt
wieder regelmäßig nach hier schreiben, nur keine Päckchen schicken, wenn
welche unterwegs sind, so kann es möglich sein, dass sie wieder
zurückgehen.
Nun will ich für heute schließen, in der Hoffnung, dass Ihr alle noch
gesund und munter seid, verbleibe ich mit den besten Wünschen für das neue
Jahr und für alle Zeit Euer aller Walter.
Fritz Schmelz
Im Osten, 27. 12. 42
...
Leider ist über die Weihnachtstage keine Post herangekommen. Nun solltest
Du, ... aber nachfolgend einen Bericht erhalten, wie ich die
Weihnachtstage verbracht habe. Vorweg kann ich nur sagen, einzigartig und
wenn mich für die Zukunft der Herrgott gesund erhält wird es für später
mal ein großes Erlebnis bleiben. Die Stimmung, die Natur mit Schnee, Eis
und Kälte und eine frostklare Mondscheinnacht mit etwa 15 bis 20°C Kälte.
So startete ich mit Dunkelwerden zusammen mit meinem Zahlmeister Kaufhold
um 14.30 Uhr ab hier zu meinem linken Kampfabschnitt. Dort erwartete mich
der linke Kompanieführer und kurz vor 15 Uhr betraten wir den ersten
Bunker. Immer waren etwa 7 bis 10 Mann zusammen, der Rest auf Posten. Im
wahrsten Sinne des Wortes: " Es steht ein Soldat ..." Ausgegeben war schon
eine kleine einfache Weihnachtsstolle und Bohnenkaffee. Jeder Bunker hat
ein festliches Gepräge durch Fichtengrün, teilweise Bäumchen, meist aber
Adventskränze und überall Kerzenlicht.
Das wichtigste aber die strahlenden Augen meiner Männer, die jetzt alle
wissen, worauf es ankommt und sich des Ernstes der Lage bewusst sind.
Überall habe ich mich 10 bis 15 Minuten persönlich mit ihnen unterhalten,
nach der Landsmannschaft gefragt, auf unsere augenblickliche Lage zu
sprechen gekommen, mit ihnen zusammen einen Schluck Kaffee getrunken und
Stückchen Stolle probiert. Alle waren zufrieden und glaubten auch gar
nicht daran, dass aufgrund unserer Lage mehr geboten werden könnte. Als
wir dann doch mit einem Paket zu Vorschein kamen, worin für jeden: 1 Paket
Tabak mit Blättchen zum Drehen, 30 Zigaretten, eine Zigarre, ein
Zigarillo, eine Tafel Schokolade, etwas Briefpapier oder etwas Zahnpasta,
Hautcreme, Einlegesohlen, Rasierklingen, eine Flasche Likör usw. waren,
na, da hättet Ihr die Augen sehen sollen. Für später wird es wirklich mal
ein bleibendes Erlebnis sein.
Manchmal wurde auch gerade ein Weihnachtslied gesungen. Alles die rauen
Landserstimmen. Dann verhielt ich erst draußen und mich sowie meinen
Begleitern überkam doch ein eigenartiges Gefühl und sofort waren die
Gedanken bei Euch daheim. Man kann es wirklich mit Worten gar nicht
schildern. So ging es von Unterstand zu, Unterstand. Der Gefechtslärm war
in der "Heiligen Nacht" nicht stärker als sonst, ab und an ein Schuss,
über uns die gewohnten nächtlichen Flieger, sonst ein prächtiges
Stimmungsbild, alles glitzerte im Mondschein, eine einzigartige "Heilige
Nacht" am W....strand, viele, viele Kilometer fern der Heimat. So ging es von
Unterstand zu Unterstand gegen 20 Uhr dann zu meinem
Bataillons-Stab, der ja zusammen feiern konnte, von meinem Adjutanten
(Anm.: Leutnant Richard Krey) sehr nett aufgezogen. ...
Überall habe ich zu meinen Männern Worte gesprochen und etwas gegessen und
getrunken. Wenn ich nicht überall so beeindruckt gewesen wäre und die
strahlenden Augen gesehen hätte, hätte ich wohl kaum durchgehalten. Es war
war weiß Gott ein Kraftakt. Wohl 30 bis 35 Unterstände habe ich aufsuchen
müssen. Um 1 Uhr nachts wollte ich eigentlich abbrechen, aber auch die
Kompanie am weitesten rechts wollte mich noch am "Heiligen Abend" sehen
und so auch noch dort hin. Den letzten Unterstand verließ ich um 3.10 Uhr
morgens und war damit genau zwölf Stunden ununterbrochen auf den Beinen.
Bis 5 Uhr früh dann noch bei einer guten Tasse Kaffee im Unterstand des
Zahlmeisters zusammengesessen und innerlich zufrieden, den Männern ein
Weihnachten geschenkt zu haben, wie es nur möglich war.
Mich bis 9 Uhr hinlegend habe ich dann kein Auge zugemacht. Die Nerven
waren doch zu sehr in Wallung. Auch war die Tasse Bohnenkaffee
abschließend ? und auch in jedem Unterstand fast ein Schluck ? nicht
schuldlos daran.
Um 11 Uhr dann zum Oberst, wo ich persönlich ein frohes Fest gewünscht
habe und dann noch zu meinen Trossen, die ich ja in der "Heiligen Nacht"
nicht auch noch besuchen konnte. Gegen 15 Uhr war ich zurück, dann
hundemüde mich bis 18 Uhr hingelegt,
als mit Erwachen ein Weihnachtsständchen von Angehörigen des
Musikkorps ertönte. Alte Kameraden wie Strangfeld, Pröpper,
Mewes usw. hatten es sich nicht nehmen lassen, ihrem alten
Spieß persönlich eine Freude zu machen. Und das berührte
mich sehr. Anschließend waren sie fast
1 Stunde meine Gäste. Alle lassen Dich grüßen. ...
Nun hoffe ich, Dir mit diesem Bericht eine kleine Freude gemacht
zu haben. ...
Fritz Schmelz
Im Osten, 30. 12. 42
...
Im alten Musikkorps geht es jetzt ziemlich durcheinander,
nachdem Hermann Wismer fort ist. Sehr schade, war doch
ein Pfunds Musikkorps. Strangfeld ist seit gestern Zugführer
in meiner 6. Kompanie. Lothar Münchow wird wohl der nächste
sein, der an die Front will. Jetzt leitet Baumgarten den Laden
hier, denn Richard Schieck sitzt noch in Charkow und bewacht
dort Sachen des Regiments. Na, ich werde wohl bei ruhigen
Zeiten mich des Musikkorps mal annehmen müssen. ...
Der letzte Brief, den Irmgard Schmelz von Ihrem Mann erhielt,
trug das Datum 7. 1. 1943.
,
Erläuterungen
Ich hatte schon darauf hingewiesen, dass die Division in gut
ausgebauten und sicheren Stellungen direkt an der Wolga lag. Dort
gab es in der Zeit von November 1942 bis Januar 1943 verhältnismäßig
geringe Kampfhandlungen. Die Stellungen wurden erst am 24. 1. 43 geräumt.
Warum sollte der Russe auch frontal und über die Wolga hinweg
verlustreiche Angriffe vortragen? An der rechten Flanke sah das allerdings
ein wenig anders aus.
Das ist auch der Grund, warum die 71. Infanterie-Division. auch als eine
"reiche" Division galt, denn sie hatte ihre gesamten Trosse und
Nachschublager behalten. Im Gegensatz zu den Divisionen, die durch die
russischen Zangenoperationen in den sich bildenden Kessel gedrückt worden
waren. Diese wurden als "arme" Divisionen bezeichnet, weil sie ihre
Nachschublager und auch größtenteils ihre Trosse verloren hatten.
Dies erklärt auch, warum die in den Briefen von Fritz Schmelz beschriebene
Bescherung zu Weihnachten 1942 so reichhaltig anmutet und nahezu
unwirklich erscheinen muss, fast wie aus einer anderen Welt. Teilnehmern
der Schlacht um Stalingrad, Zeitzeugen oder Historikern mag das nahezu
unglaubwürdig klingen. Aber es war so! Und das Seltsame war, dass die
Soldaten sich darum nicht vorstellen konnten, dass es am Heiligen Abend
bei anderen Einheiten in der eisigen Steppe des Kessels nicht einmal einen
Becher heißen Kaffe oder etwas Marmelade zum zu Eis gefrorenen Kanten Brot
gab.
Einen Hinweis auf einen verhältnismäßig ruhigen Frontabschnitt gibt auch
der Brief von Schmelz. Er schreibt, dass sich in einem Bunker 7 bis 10 Mann
befanden (der Rest auf Posten) und dass er 30 bis 35 Unterstände aufgesucht
habe. Demnach hatte sein Bataillon noch eine Gefechtsstärke von etwa 350
bis 400 Mann. Infanterie-Bataillone mit einer solchen Stärke gab es zu
Weihnachten 1942 in Stalingrad sicher nicht mehr als eine Hand voll.
Die Stimmung
Es ist darum auch verständlich, dass in den meisten Briefen nicht näher
auf die Kämpfe und auf die allgemeine Lage in Stalingrad eingegangen wird.
An dieser Ecke des Kessels ereignete sich bis dahin eben verhältnismäßig
wenig. Die große Lage kannte man nur vom Hörensagen. Aus den mehr
verschleiernden als informierenden Wehrmachtsberichten waren keine
sicheren Erkenntnisse zu gewinnen. Darum spielten auch so genannte
Latrinenparolen eine große Rolle. Man glaubte, was man glauben wollte, was
positiv klang und was die Hoffnung beflügelte.
Aus manchen Briefen kann man sogar den Eindruck gewinnen, als wenn die
Briefeschreiber ihrerseits meinten, den Angehörigen in der Heimat den
Glauben an einen günstigen und siegreichen Ausgang der Schlacht und des
Krieges suggerieren zu müssen.
Die Feldpost als die einzige Verbindung zur Heimat spielte natürlich eine
lebenswichtige Rolle. Viele Briefe geben darum wichtige Hinweise auf die
aufgrund der sich verschlechternden Lage häufig wechselnden Bestimmungen
für Feldpost und Päckchen. Diese änderten sich in rascher Folge und es ist
daher in den Briefen nicht immer erkennbar, ob es individuelle
Beschwichtigung ist oder Unkenntnis über diese Bestimmungen oder auch
Unkenntnis über die allgemeine militärische Lage. Das wird deutlich in den
Briefen meines Vaters vom 10. 12. und von Schmelz vom 11. 12.. Während
mein Vater schreibt,
dass "im Augenblick wegen des hohen Schnees nur Luftpost
geschrieben werden darf", berichtet Schmelz nur einen Tag
später, dass nur 6 bis 8 Zentimeter Schnee liegen.
Das nebenstehende Foto zeigt einen Teil der zurückgehaltenen
Feldpost bei der Feldpostleitstelle der 6. Armee in Awdejewka
im Januar 1943. Es hatte sich dabei ein Stau von über 100 000
Postsäcken angesammelt. Man muss sich das vorstellen: pro
zwei bis drei Soldaten im Kessel ein Postsack! Und die Soldaten
in Stalingrad haben sehnsüchtig auf jeden Brief, jeden Gruß und auf jedes
Päckchen gewartet.
Seltsamerweise spielt der Feind in den Briefen fast gar keine
Rolle. Er wird darum auch kaum als ein persönlicher Feind
empfunden, der einen bedroht und mit dem man sich
auseinandersetzen muss. Bis auf die allgemeinen Hinweise von
Fritz Schmelz "Ringsum Geschützdonner" und bei einem Rund-
gang in die etwas rückwärtigen Teile "wo man vom Russen
nicht zu sehen ist", sowie von meinem Vater "ist der Russe über
Weihnachten verhältnismäßig ruhig gewesen" und "so dass uns sogar der
Russe gehört haben müsste" und Christian Pfannkuchen "Der Russe hat sich
sicher auch gefreut jenseits der Wolga über die schöne Musik" .... ,
findet er kaum Erwähnung.
Aus fast allen Briefen sprechen dagegen aber Ruhe und Zuversicht und es
ist bemerkenswert, dass es fast keine pathetischen Worte im Sinne der
Nazi-Propaganda gibt. Aber es spricht eine eindeutig erkennbare Hoffnung
auf eine sich in naher Zukunft günstiger entwickelnde militärische Lage
aus ihnen. "Wollen wir hoffen, dass das Jahr 1943 uns den ersehnten Sieg
und Frieden bringt, und wir wieder bei unseren Familien sein können" (mein
Vater). "Na, ich werde wohl bei ruhigen Zeiten mich des Musikkorps mal
annehmen müssen" (Schmelz). " Uns geht's sehr gut" (Pröpper).
Alle diese Hoffnungen waren vollkommen unbegründet und haben sich nicht
erfüllt
Ihre Schicksale
Mein Vater, Feldwebel Walter Mewes, geboren am 7. 1. 1914 in Oschersleben,
gilt seit dem 7. 1. 1943, seinem 29. Geburtstag, als vermisst. Sein
letztes Lebenszeichen war ein Brief vom gleichen Tag. Wir haben danach nie
wieder etwas von ihm gehört. Die Vermisstennachricht erhielt meine Mutter
am Hochzeitstag.
Hauptmann Fritz Schmelz, geboren am 30. 6. 1911 in Wuppertal-Barmen,
geriet nach einem Ausbruchsversuch aus dem Kessel gemeinsam mit Krey, Dr.
Rox und Kaufhold am 2. oder 3.Februar 1943 in russische Gefangenschaft. Er
ist am 29. 3. 1943 im Kriegsgefangenenlager Frolowo gestorben.
Feldwebel Gerhard Strangfeld, geboren am 2. 4. 1914 in Wernigerode, wird
seit 1. 1. 1943 in Stalingrad vermisst.
Feldwebel Heinrich Pröpper, geboren am 25. 7. 1914 in Neheim-Hüsten, gilt
als vermisst seit dem 1. 1. 1943.
Zahlmeister Herbert Kaufhold geboren am 24. 4. 1910 in Oschersleben, war
nach einer Erkrankung mit Lazarett-Aufenthalt noch Anfang Dezember in den
Kessel eingeflogen worden. Er geriet ebenfalls in russische
Gefangenschaft. Seine Spur verliert sich im Mai 1943. Er ist in russischer
Kriegsgefangenschaft verstorben.
Auch Leutnant Richard Krey, geboren am 27. 6. 1921 in Rheine, geriet in
russische Gefangenschaft und starb am 13. 3. 1943 im Kriegsgefangenenlager
Frolowo.
Oberarzt Dr.Josef Rox, geboren am 20. 9. 1911 in Daseburg, im damaligen
Kreis Warburg, ist ebenfalls in russische Gefangenschaft geraten, kehrte
aber im Januar 1950 daraus zurück. Er war der einzige Überlebende und
konnte über die Schicksale von Schmelz, Kaufhold und Krey berichten.
Musikmeister (Leutnant) Hermann Wismer erkrankte vor Stalingrad und kam in
ein Lazarett. Er ist aus dem Krieg zurückgekehrt.
Oberfeldwebel Hermann Baumgarten, geboren am 15. 1. 1916 in Kassel, ist
seit dem 1. 1. 1943 vermisst.
Feldwebel Lothar Münchow, geboren am 21. 7. 1916 in Schierke/Harz, gilt
seit dem 2. 1. 1943 ebenfalls als vermisst.
Oberfeldwebel Richard Schieck, der in Charkow verblieben war, kehrte aus
dem Krieg zurück.
Von den Angehörigen des Musikkorps, die in der Namensliste vom 27. 6. 1940
aufgeführt waren, sind, wie erwähnt, einige vorher kommandiert worden.
Andere, wie
Ernst Pfannkuchen,
Gilbert Haney und
Fritz Tischer
erkrankten an Gelbsucht und sind in Heimatlazarette gekommen. Sie haben
den Krieg überlebt. Alle übrigen, die nicht in den Briefen erwähnt worden
sind, werden nach Auskunft der Deutschen Dienststelle in Berlin in
Stalingrad vermisst (z.T. ohne Angaben des Vermisstendatums). Das sind:
Feldwebel Gustav Klinder, geboren am 25. 11. 1912 in Pabsdorf, vermisst
seit 27. 12. 1942.
Von Feldwebel Wilhelm Kober, geboren am 16. 4. 1908 in Quedlinburg, gibt
es kein genaues Vermisstendatum.
Peter Kober, ohne weiteren Angaben.
Unterfeldwebel Otto Neumann, geboren am 12. 12. 1913 in Stendal, wird
vermisst seit dem 1. 1. 1943.
Walter Winzer, ohne Dienstgradangabe, geboren am 30. 12. 1916 in
Hohenroda, Kr. Delitzsch, wird vermisst seit 7. 1. 1943.
Christian Pfannkuchen, Unterfeldwebel, geboren am 18. 4. 1913 in
Veckenstedt/Harz, wird vermisst seit dem 1. 1. 1943. Er soll später in
russischer Gefangenschaft in Sibirien noch gesehen worden sein.
Unterfeldwebel Bruno Jähne, geboren am 26. 4. 1919 in Bad Suderode, Kr.
Quedlinburg, wird vermisst seit 1. 1.1943.
Unteroffizier Otto Hermann, geboren am 3. 3. 1919 in Oschersleben,
vermisst seit 28. 12. 1942.
Hellmut Sauerbrey, ohne Dienstgradangabe, geboren am 30. 10. 1914 in
Werder/Havel, ohne genaues Vermisstendatum.
Unteroffizier Heinrich Segner, geboren am 2. 11. 1919 in Wertheim/Main,
wird vermisst seit 2. 1. 1943.
Unteroffizier Theodor Seemann, geboren am 10. 6. 1918 in
Oberrosenthal/Sudetenland, vermisst seit 29. 12. 1942.
Von Unteroffizier Werner Donisch, geboren am 19. 4. 1915 in Berlin, ist
bekannt, dass er am 9. 4. 1943 im Kriegsgefangenenlager Wolsk/Wolga
verstorben ist.
Feldwebel Oskar Greuel, geboren am 1. 1. 1914 in Roman/Pommern. Von ihm
ist kein genaues Vermisstendatum bekannt.
Unteroffizier Emil Bürger, geboren am 15. 5. 1907 in Slawianowo/Westpr.,
vermisst seit 1. 1. 1943.
Obergefreiter Karl Brumby, geboren am 24. 4. 1913 in Gerlebogk, Kr.
Köthen, vermisst seit 31. 12. 1943.
Obergefreiter Günter Hering, geboren am 21. 8. 1914 in Rogasen/Posen, gilt
seit dem 1. 12. 1942 als vermisst.
Unteroffizier Kurt Reppin, geboren am 22. 1. 1920 in Biederitz, vermisst
seit 3. 1. 1943.
Um sie alle sind in den langen Jahren der Ungewissheit viele Tränen
geweint worden von ihren Frauen, Kindern, Bräuten, Müttern, Vätern,
Brüdern, Schwestern, Angehörigen, Freunden und Kameraden. Und auch nach 60
Jahren hat noch nicht jeder von ihnen ein würdiges Grab gefunden, einen
Platz, an dem man seiner gedenken kann. Von einigen von ihnen stehen die
Namen auf den Tafeln an der Gedenkstätte in Rossoschka im ehemaligen
Kessel von Stalingrad. Aber als Trost steht da auch: VIELE BLEIBEN
UNBEKANNT. GOTT KENNT IHRE NAMEN.
Hans Mewes
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