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Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.
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Weihnachten 1942 in Stalingrad.
Letzte Briefe.

Vorbemerkung

Mein Vater und meine Mutter hatten während des Krieges einen engen und regelmäßigen Briefwechsel per Feldpost. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass meine Mutter öfter sagte: "So, jetzt wollen wir an den Papi schreiben". Und dann führte sie mir die Hand und der 4-Jährige war unendlich stolz darauf, dass er schon schreiben konnte.

Durch mehrfache Umzüge und insbesondere durch den Umzug nach Westdeutschland waren uns aber leider nur vier Briefe meines Vaters erhalten geblieben. Erst nach der Wende bekam ich von meinem Onkel Otto aus Oschersleben und von meiner Cousine Anneliese aus Wernigerode noch weitere Briefe meines Vaters, die er an seine Eltern und Geschwister geschrieben hatte.

Alle diese Briefe sind aus dem Zeitraum November und Dezember 1942.

Im August 1993 habe ich an einer Reise des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge nach Wolgograd, dem früheren Stalingrad, teilgenommen und konnte mir endlich einen persönlichen Eindruck von den Plätzen und den Umständen des seinerzeitigen Geschehens verschaffen. Wir sind auf dem Flugplatz Wolgograd gelandet, der seinerzeit der Flugplatz Gumrak war. Ich war an der Zariza, die längst kein Wasser mehr führt, an den Bahnhöfen Stalingrad-Mitte und Stalingrad-Süd, auf dem Mamajew-Hügel, am Theater-Platz, am Getreitreide-Silo und in Rossoschka, als gerade die Ausbettungen begonnen hatten. Ich habe auch die Stelle gefunden, an der der letzte Regiments-Gefechtsstand war. Unser Hotel "Intourist" lag am Roten Platz unmittelbar neben dem früheren Kaufhaus "Univermag", in dem sich das letzte Hauptquartier der 6. Armee und auch das der 71. Infanterie-Division befanden und an dem heute die Tafel mit dem Hinweis auf die Kapitulation der 6. Armee angebracht ist. Aber ich habe auch russische Zeitzeugen getroffen. Und alles Gesehene, Gehörte und Erfahrene hat mich damals überwältigt und tief beeindruckt.

Personensuche

Richard SchieckAls ich in den Briefen meines Vaters den Hinweis auf den früheren Spieß aus Quedlinburg fand, erinnerte ich mich an den Namen Schmelz. Und durch einen glücklichen Zufall fand ich Frau Irmgard Schmelz in Quedlinburg und erfuhr, dass Sie noch alle Feldpostbriefe ihres Mannes aufbewahrt hatte. Diese waren eine außerordentlich wertvolle Ergänzung der Briefe meines Vaters und ich bin ihr sehr dankbar dafür. Frau Schmelz konnte glücklicherweise auch noch eine Namensliste des Musikkorps vom 27. 6. 1940 von Herrn Horst Schieck, dem Sohn von Richard Schieck, besorgen. Diese war die Grundlage der Recherche bei der Deutschen Dienststelle in Berlin.

Ich konnte auch den Bruder des erwähnten Zahlmeisters Herbert Kaufhold ausfindig machen. Es ist Herr Rudolf Kaufhold und er wohnt in Oschersleben. Durch die Hilfe von Frau Schmelz konnte ich auch die Tochter von Dr. Josef Rox finden. Es ist Frau Dr. Gabriele Rox in Gronau.

Heinrich PröpperVon Frau Grete Strangfeld wusste ich, dass sie in Westerhausen Kreis Quedlinburg wohnt, wir hatten vorher schon Kontakt gehabt. Die Anschrift von Herrn Heinrich Pröpper jun. habe ich Dank der Hilfe von Frau Schmelz und Herrn Hans Herzberg erhalten. Herzberg war Angehöriger des Musikkorps, war aber vor Stalingrad kommandiert worden und ist aus dem Krieg zurückgekehrt. Durch einen außerordentlichen Zufall kam ich auch in Kontakt mit Frau Ingrid Hartmetz, der Tochter von Christian Pfannkuchen.

Alle übrigen Auskünfte habe ich von der Deutschen Dienststelle (WASt) in Berlin erhalten.

Das Musikkorps

Bei den meisten der genannten Soldaten handelt sich also um Angehörige des Musikkorps des Infanterie-Regiments 211 der 71. Infanterie-Division. Die Feldpostnummer von Stab/Infanterie-Regiments 211 war 25 546.

Herbert KaufholdHauptmann Fritz Schmelz war Kommandeur des II. Battaillon dieses Regiments und Herbert Kaufhold war sein Zahlmeister. Zu seinem Stab gehörten auch sein Adjutant Leutnant Richard Krey und der Oberarzt Dr. Josef Rox.

Bis zum August 1939 gehörte das II. Bataillon zum Infanterie-Regiment 12 der 31. Infanterie-Division und war in Quedlinburg stationiert. Es kam dann Ende August 1939 im Zuge von Heeresvermehrungen zum Infanterie-Regiment 211 der neu aufgestellten 71. Infanterie-Division. Sie galt als eine Niedersächsische Division und wurde später "Die glückhafte Division" genannt, weil sie im Frankreich-Feldzug die Festung Verdun eingenommen hatte. Ihr taktisches Zeichen war das vierblättrige Kleeblatt mit den gekreuzten Pferdeköpfen.

Die 71. Infanterie-Division hatte als einzige der 6. Armee in der gesamten Divisionsbreite bereits Ende September 1942 die Wolga im Süden von Stalingrad erreicht. Das Infanterie-Regiment 211 war an der rechten Flanke der Div. zwischen den Flüssen bzw. Bächen Zariza und Minina eingesetzt. Die Einheiten befanden sich darum in gut ausgebauten und sicheren Stellungen.

MusikkorpsDie Angehörigen des Musikkorps taten im allgemeinen Stabsdienst, insbesondere im Nachrichtenwesen, verrichteten Sonderaufträge und wurden hauptsächlich, als ausgebildete Sanitäter, zur Bergung von Verwundeten und zum Transport von Verwundeten, Kranken und Kommandierten zu den Flugplätzen Pitomnik und Gumrak innerhalb des Kessels eingesetzt. Um die Jahreswende 1942/43 kamen sie dann vermutlich zur kämpfenden Truppe.

Alle in Stalingrad eingesetzten Angehörigen des Musikkorps sind vermisst oder sicherlich später in Gefangenschaft geraten und darin verstorben. Von keinem ist bekannt, dass er während der Kampfhandlungen gefallen ist und es ist auch kein Fall bekannt, dass einer von ihnen aus dem Kessel ausgeflogen wurde oder aus der Gefangenschaft zurückkehrte.

Die Briefe

Walter Mewes Im Osten, den 28. 7. 42 Lieber Otto! ... Wir sind jetzt ungefähr 600 Kilometer von Charkow marschiert, im Augenblick befinden wir uns in der Steppe, und es wird wohl nicht mehr lange dauern und wir stehen am Ufer der Wolga. Hier hat der Russe schon wieder gewaltige Schläge bekommen, hoffentlich hat er bald für immer genug. ... Christian Pfannkuchen 14. 8. 42

... Man munkelt aber auch davon dass wir im Winter hier bleiben würden. Ich kann Dir sagen liebe Ruth, für mich wäre das furchtbar, einfach nicht auszudenken. Verdient hätte es unsere Division nicht. Wie stark bei uns eine Kompanie ist, trotzdem wir schon öfter Ersatz bekommen haben, möchte ich Euch nicht mitteilen. ...

Walter Mewes Russland den 23. 8. 42 Lieber Otto! ... Wir liegen noch im großen Donbogen, unsere Aufgabe ist im Augenblick sehr ruhig, aber das haben unsere Kompanien auch verdient. Die Kompanien sind bei 50 °Celsius Hitze bis zu 50 Kilometer am Tage marschiert und dazu kämpfend. Hier an dieser Stelle ereignet sich jetzt was, es wird auch sicher bald von hier etwas bekannt gegeben. Wir von der Musik sind in diesem Jahr nicht als Krankenträger eingesetzt, sondern als Trossbewachung. ...

Christian Pfannkuchen Sonntag, den 23. 8. 42 Meine liebe Ruth und liebes Mäusel! ... Wie Du schreibst wird in Königsbrück erzählt, dass wir rausgezogen werden. Wenn es nach den Verlusten ginge, hätte man uns schon Ende Mai rausgezogen. Wir haben aber schon öfter Ersatz bekommen. Aber trotzdem wollen wir hoffen das wir bald rausgezogen werden, denn wir haben wirklich die Schnauze voll von diesem Russland. Wenn man auch oft gar nichts auszustehen hat, dann macht einen das Wetter so fertig, dass einem jeder Schritt zu viel wird. ...

Christian Pfannkuchen Dienstag, den 1. 9. 42 Meine liebe Ruth und liebes Mäusel! ... Ernst (Anmerkung: Bruder von Christian Pf.; beide waren in der gleichen Einheit.) ist heute früh auf einen Luftwaffenverbandsplatz zu einem Arzt, er hat die Gelbsucht. Was mit ihm nun werden soll wird der Arzt dort feststellen. Am wichtigsten wäre es wenn er ins Lazarett kommt. Wie es dazu gekommen ist, kann ich mir nicht denken, denn zu Fett gelebt haben wir bestimmt nicht. ... Wenn man hier nicht auf dem Damm ist, ist es eine Qual hier umher zu laufen. In unserer Einheit befindet sich kein Arzt kein Sanitäter, man ist auf sich selbst angewiesen. ...

Walter MewesWalter Mewes Russland den 6. 10. 42 Lieber Otto! ... Wenn wir erst einmal alle nicht mehr schreiben brauchen und diese Jahre vergessen haben, dann sieht es anders aus und wir sind bedeutend glücklicher. Aber jetzt wollen wir eisern sein, und alles ertragen. Wir liegen vor Stalingrad und unser Rgt. liegt schon lange drin, bis auf einen Vorort ist Stalin-grad in unserer Hand. Sewastopol war eine starke Naturfestung und war schwer einnehmbar, aber wie Stalingrad ausgebaut ist macht sich niemand ein Bild. Fast in jedem Haus stehen ein oder mehrere Geschütze, und darum muss jedes Haus durch Volltreffer vernichtet werden, und dazu muss man bedenken, dass die Stadt 30 Kilometer lang ist. Für den Winter richten wir uns auch schon langsam ein, Bunker bauen, Holz heranschaffen usw. Hier in der Steppe wird es nicht viel Schnee geben, aber dafür ist der Wind desto eisiger. ...

Christian Pfannkuchen Freitag, 10. 10. 42 ... ... Der Sohn von meiner Cousine, Hermann Landau, ist gefallen wie mir von zu Haus mitgeteilt wurde. Über diese Nachricht war ich tief erschüttert. Er ist auch jung verheiratet und hat auch eine kleine Tochter, wohnt in Wasserleben. Hermann schrieb an seine Frau er sei verwundet, aber nicht gefährlich, nur Fleischwunde am Bein. Einige Tage später wurde ihm das Bein abgenommen, paar Tage darauf starb er u. wurde in Lemberg beerdigt. ...

Walter Mewes Russland den 1. Nov. 42 Lieber Otto! ... Bin in den letzten drei Tagen in Stalingrad gewesen um Holz zu holen für den Bau von Bunkern. In St. sieht es doll aus, in der Mitte wo ich war, steht kaum noch ein ganzes Haus. Ich bin mit elf Fahrzeugen dort gewesen, eine Fahrt dauert fast den ganzen Tag, einen Tag zur Hinfahrt einen Tag Holz abgemacht (von zerschossenen Häusern) und einen Tag zur Rückfahrt, es sind über 50 Kilometer (Anmerkung: Der Tross lag zu der Zeit im Raum Gumrak und wurde später in die Nähe des Regiments-Gefechtsstandes nach Stalingrad verlegt). Auf der Rückfahrt hatte ich noch Pech, da ist mir ein Vorderrad über den Fuß gefahren, ich habe noch Glück gehabt, nur eine kleine Schwellung, in zwei Tagen ist alles wieder in Ordnung. Unsere Flugzeuge sind den ganzen Tag über Stalingrad, ich habe z.B. ganz deutlich Stuka-Angriffe gesehen. Der Stuka-Flugplatz ist hier ganz in der Nähe, wir sehen sie jedesmal landen und wieder starten. Um Stalingrad wird sehr hart gekämpft, aber früher oder später kriegen wir es doch, der Russe ist ja gezwungen, es bis zum letzten Mann zu verteidigen. ...

Fritz Schmelz Im Osten, 9. 11. 42 ... Sonst geht es mir gut. Draußen ist herrliches Wetter aber sehr kalt. ... So vergeht nun ein Tag wie der andere. Morgens wird schon um 6 Uhr, spätestens aber um 6 Uhr aufgestanden. Vorher heizen unsere Burschen schön an, dann Frühstück mit Morgenmusik bis 7 manchmal 8 Uhr. Anschließend schriftliche Arbeiten bis 9 oder 10 Uhr. Bis 12, 1 Uhr einen Rundgang in die etwas rückwärtigen Teile, wo man vom Russen nicht zu sehen ist. Nach dem Mittagessen mit Radiomusik ein Lesestündchen bis zu den Nachrichten um 14 Uhr, anschl. nochmals Unterschriften bis 16, 17 Uhr. Abends dann 1 bis 2 Stunden in die Stellung und nach Rückkehr langsam ins Körbchen. So gestaltet sich ungefähr ein Tagesprogramm. Die Hauptsache ist, der Russe lässt uns einigermaßen in Ruhe, und es wird nicht so furchtbar kalt. Letzteres befürchte ich allerdings, denn in dieser Ecke soll weniger Schnee fallen, dafür aber scharfe Ostwinde mit strenger Kälte. ...

Walter Mewes Russland, den 10. November 42 Liebe Eltern und Geschwister! ... Ein eisiger Ostwind fegt über die Steppe, für diesen scharfen Wind gibt es kein Hindernis, der geht bis auf die Haut durch. Wer nicht unbedingt raus muss, der sieht zu, dass er in der Unterkunft bleiben kann, ... Die Kälte kam hier sehr überraschend, vor drei Tagen war es plötzlich eisig kalt, einen Tag davor haben Mannschaften noch im entblößten Oberkörper gearbeitet. ...Vor einigen Tagen habe ich wieder ein Päckchen mit Tabak abgeschickt für den Papa, noch zum Geburtstag. Den Brief von Inge mit Rasierklingen habe ich auch bekommen. ...

Walter Mewes Russland, den 11. Nov. 42 Lieber Otto! ... in kurzer Zeit bekommst Du von mir regelmäßig ein Päckchen mit Zigaretten, im Augenblick habe ich an einen Kameraden noch Zigarettenschulden, und zwar für eine Uniformhose, welche er nur mit Zig. bezahlt haben wollte. ...

Fritz Schmelz Im Osten, 28. 11. 42 ... Wenn Postverkehr jetzt nicht klappt, hat das seinen besonderen Grund. Näheres kann ich darüber nicht schreiben. Es geht uns allen aber ausgezeichnet. Die Lage ist ernst, aber keineswegs hoffnungslos. Wir sind nach wie vor in unserer alten Stellung und halten sie, koste es was es wolle. Mein Urlaub ist natürlich fraglich. Ist er wieder freigegeben, bin ich einer der ersten Anwärter. Ob nun mit meinem Erscheinen noch zu Weihnachten gerechnet werden kann, ist mit dem besten Willen nicht vorauszusehen. Hängt alles von der Lage hier ab. ...

Fritz Schmelz Im Osten 30. 11. 42 ... Eigentlich ist bei uns noch Postsperre. Aber es besteht eine Möglichkeit, dass diese Zeilen doch zu Euch gelangen werden. Uns geht es nach wie vor ausgezeichnet. Wir müssen halt durchhalten, dann wird alles schon wieder werden. Nur mit Weihnachts- und Neujahrsurlaub, das wird wohl nichts mehr.

..., denn sicher gehen doch die dollsten Gerüchte um uns, nicht wahr? Aber alles ist halb so wild, besonders da sich der Führer selbst unser angenommen hat und uns auf jeden Fall wieder raushauen lässt. ...

Fritz Schmelz Im Osten, 4. 12. 42 ... Wir haben gestern mal wieder einen ganzen Sack Post fürs ganze Regiment bekommen, aber leider war für mich nichts dabei. Na, auch der Zustand wird bald vorübergehen. ... Fritz Dobberkau hält auch noch wacker mit aus, sollte gerade am nächsten Tag abreisen, da ging es nicht mehr. ...

Fritz Schmelz Im Osten, 8. 12. 42 ... Post habe ich nun leider gut 16 Tage keine mehr bekommen. Es soll aber nun auf dem Luftwege wieder in geregelte Bahnen gelangen. Anbei mal zwei Marken für Dich, dass Du mir gleich per Luftfeldpost antworten kannst. ...

Walter Mewes Russland, den 10. 12. 42 Liebe Eltern und Geschwister! Den Umständen bedingt musste ich Euch diesmal lange auf ein paar Zeilen warten lassen. Es war mir leider nicht möglich Euch früher Post zukommen zu lassen. Den Brief vom 22. November, welchen ich heute mit beilege, hatte ich schon einmal abgeschickt, habe ihn aber zurückbekommen, da im Augenblick wegen des hohen Schnees nur Luftpost geschrieben werden darf. Ebenso könnt Ihr nur mit Luftpost schreiben. Nun habe ich aber leider nur 2 L.P. Marken bekommen, und kann Euch daher keine mit beilegen. ... Päckchen dürfen jetzt auch nicht geschickt werden. ... Ihr braucht Euch keine Sorgen zu machen um mich, denn es geht mir wirklich sehr gut, zwar haben wir sehr viel und harten Dienst, aber das wird alles geschafft. Wir sind jetzt mit beim Rgt. und haben dort unsere Aufgaben, und zwar liegen wir kurz vor der Wolga. Wir wohnen in Häusern mit Zivilisten zusammen, haben aber trotzdem noch Bunker. Obwohl die Leute den Krieg hier nun aus nächster Nähe spüren, verlassen sie ihre Häuser nicht, sie sind eben mächtig stur. Nun ist bald Weihnachten, und diesen werden wir im kalten Russland erleben (Anm.: Zu Weihnachten 1941 lag die Division nach verlustreichen Kämpfen vor Kiew zur Auffrischung und als Lehrdivision in Belgien). Meine Gedanken sind in den Weihnachtstagen besonders zu Hause bei meiner Familie und bei Euch. Der Papa hat ja auch mehrere Weihnachten draußen verlebt, da soll es mir auch wieder nicht schwer fallen es auch zu schaffen. ... Im Übrigen wollen wir wieder genauso eisern sein wie bisher. ... Leider kann ich den Brief welchen ich den 22. November geschrieben habe nicht mit beilegen, da sonst dieser Brief zu schwer wird. Luftpostbriefe dürfen nur zehn Gramm wiegen.

Fritz Schmelz Im Osten, 11. 12. 42 ... Seit einigen Tagen ist es auch bei uns richtig Winter geworden. Es liegen etwa fünf bis acht Zentimeter Schnee, leicht bewölkt und mit dem Frost ist es sehr unterschiedlich. Gestern hatten wir beispielsweise minus 16°Celsius, vorgestern fast kaum Kältegrade, heute etwa minus 5°Celsius. Manchmal ändert sich das Wetter sogar an einem Tag. ... So halten wir auch weiter wacker die Wacht am Schicksalsstrom. Die große militärische Lage in unserem Raum hier wird von Tag zu Tag besser. Mehr kann und darf ich aus begreiflichen Gründen nicht schreiben. Das einzige was wir am meisten vermissen ist natürlich die Post von den Lieben daheim. Es sind nun fast drei Wochen, aber auch das wird nun bald wieder in geordnete Verhältnisse gelenkt werden. ..,wenn es für uns nicht schlechter kommt, halten wir es schon aus. ...

Fritz Schmelz Im Osten, 13. 12. 42 ... ... Ringsum Geschützdonner, damit ja immer an den Krieg erinnert wird. Alles in allem lässt es sich aber noch aushalten, zumal wir jetzt jeden Tag damit rechnen, dass sich die Lage hier günstig gestalten wird und eines Tages von unserem Kampfabschnitt ein großer Sieg durch den Rundfunk gemeldet werden kann. Der Russe scheint ja auf der ganzen Linie zu großen Aktionen angetreten zu sein. Sogar im Abschnitt Mitte (Rshew), wo den ganzen Sommer über Ruhe war, sind wieder die heftigsten Kämpfe im Gange. Man kann es bald nicht mehr fassen, wo der Bursche das Material herbekommt, verliert er doch fast täglich 100 und mehr Panzer. Aber letzten Endes muss ja auch das mal ein Ende nehmen und man hat weiß Gott manchmal das Gefühl, dass das nicht mehr fern sein könnte. ... Ja, ja, meine Lieben, das kostet Nerven und macht einen hart wie man es sich kaum vorstellen kann. Dafür kann einen aber auch im späteren Leben nichts mehr erschüttern. ...

Walter Mewes Russland, den 20. Dezember 42 Liebe Mama! Zu Deinem Geburtstag die herzlichsten Glückwünsche und alles Gute. Ich wünsche, dass Du diesen Tag noch recht oft und bei bester Gesundheit erlebst. Am 11. Januar werde ich ganz besonders an Dich, liebe Mama, denken. ... Heute ist Goldener Sonntag, wir haben uns gerade einen Adventskranz gemacht, gleichzeitig auch als Weihnachtsbaum. Ein kleiner grüner Adventskranz, Zigarettenpapier als Lametta usw., nun ist die Weihnachtsstimmung da. Die Gedanken sind zu Hause bei der Familie, bei den Eltern und Geschwistern. Die rauhe Wirklichkeit sieht natürlich bedeutend anders aus, man braucht nur wenige Schritte tun, dann spürt man den Krieg. ...

Fritz Schmelz Im Osten, 22. 12. 42 ... ... es soll wieder uneingeschränkt Postverkehr geben. ... Wie Ihr aus dem Wehrmachtsbericht entnommen habt, tobt ja hier eine gewaltige Schlacht mit Operationen größeren Ausmaßes. ... Hier geht es zur Zeit um kriegsentscheidende Dinge, hier wird Kriegsgeschichte gemacht. Der Russe nimmt auf die Weihnachtstage keine Rücksicht, im Gegenteil, er wird versuchen an den Tagen besonders zu stören. Und da heißt es wachsam sein, aufpassen und unerbittlich zuschlagen, wo sich was tut. ... Und wir werden wachsam sein, darauf könnt Ihr Euch verlassen, damit Ihr wenigstens in Ruhe im Licht der Kerzen sitzen könnt, jetzt und für alle Zeiten. ... Am Heiligen Abend werde ich von 15 bis 23 Uhr zusammen mit meinem Zahlmeister von Unterstand zu Unterstand pilgern und werden versuchen mit den letzten zusammengekratzten Zigaretten, Spirituosen, einem Stollen u. sonstigen Kleinigkeiten den Männern Freude zu spenden. Statt Weihnachtsbäume haben wir ein paar kümmerliche Fichten zusammengefahren, woraus sich jeder Unterstand einen Kranz gebastelt hat. Ein paar Kerzen haben wir auch noch aufgetrieben. Sonstiger Schmuck wird durch Silberpapier aus leeren Zigarettenschachteln hergestellt. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. ... Zum 1. Festtag gibt es sogar pro zehn Mann eine Gans. Die haben wir schon vor langer Zeit im Hinterland aufgekauft, als es noch möglich war und noch bessere Zeiten hier herrschten. Wohl gehütet geben sie uns jetzt das festliche Gepräge zu Weihnachten überhaupt. Zu Sylvester können wir auch noch einen Punsch brauen. Wie Ihr seht, es geht uns gut, trotz allen Ernstes. ...

Heinrich Pröpper Den 22. 12. 42 Meine liebe Ilse und Bub, mit dieser Post will ich Dir noch einen Kartengruß schreiben. Ich hoffe, dass es Bub und Dir recht gut geht. In zwei Tagen ist Heilige Abend, ich denke an Euch beiden, heute Nacht träumte ich von Euch. Uns geht's sehr gut. Bleibt mir gesund und froh wie ich Euch auch. Viele Weihnachtswünsche. In Liebe Küsse und Grüße, Dein Heinz, Euer Papa.

Walter Mewes Russland, den 24. 12. 42 Liebe Schwester! ... Weihnachten ist ja bei Empfang dieses Briefes längst vorbei, aber die besten Wünsche für das neue Jahr möchte ich nicht versäumen Euch zu senden. Hoffentlich habt Ihr das Glück gehabt, dass Euer Papi zum Fest bei Euch war, das wäre dann sicher die schönste Freude gewesen. Ich bin in diesem Jahr weit weg von der Familie, aber meine Gedanken sind doch ganz zu Haus. Heute Abend werden wir unsere Instrumente nehmen, wo nach acht Monaten die ersten Töne raus kommen, und dann spielen wir ein paar Weihnachtslieder, und zwar kurz vor der Wolga. (Das habe ich mir auch nicht träumen lassen, dass ich mal die Wolga sehen würde). Im Übrigen werden wir hier eine Weihnachten erleben, wie unsere Väter es auch getan haben. Wollen wir hoffen, dass das Jahr 1943 uns den ersehnten Sieg und Frieden bringt, und wir wieder bei unseren Familien sein können. ...

Walter Mewes Russland den 24. 12. 42 Lieber Otto! ... Wir trinken heute Abend im Bunker an der Wolga einen Grog, das ist dann unsere Weihnachtsfeier. Nach acht Monaten holen wir heute zum ersten Mal wieder unsere Instrumente hervor und spielen für die Kameraden Weihnachtslieder. Zum Schluss spielen wir dann das Wolgalied, dabei stehen wir aber wirklich an der Wolga. ...

Christian PfannkuchenChristian Pfannkuchen Sonnabend, den 26. 12. 42 Meine liebe Ruth u. mein liebes Mäusel! ... Ich muss Dir die Mitteilung machen, dass ich ohne auch nur einen Weihnachtsgruß war. Es ging mir aber nicht allein so. Am Heiligabend, bei Eintritt der Dunkelheit, also um 3 Uhr (Anmerkung: an allen Fronten galt die mitteleuropäische Zeit) begann die Feier innerhalb des Musikkorps, dazu der Komp.-Chef und noch einige Offiziere. Jeder hatte seine Weihnachtsgaben vor sich liegen welche aus einer Tafel Schokolade, 30 Zigaretten und noch Kleinigkeiten bestand. Außerdem hatten wir Tee mit Rum zum trinken. Es wurden auch einige Weihnachtslieder gesungen. Liebe Ruth, ich glaube ich brauche mich nicht zu schämen wenn ich Dir sage, dass ich weich dabei geworden bin. Während dieser Stunde waren meine Gedanken nur bei Euch meine Lieben. ... Ich hatte wirklich eine eigenartige Stimmung. Wir sind nun einmal in einer so komischen Lage, so dass wir auf vieles verzichten müssen. In normalen Verhältnissen wären wir sicher überflutet mit Post von unseren Lieben und Verwandten, aber unter diesen Umständen hatte ich keinen Brief oder Päckchen zu Weihnachten. ... Aber wie gesagt, unsere augenblickliche Lage hat Schuld daran das wir keine Post bekommen haben. ... Nach unserer Feierstunde wurde die Musik verteilt um bei verschiedenen Einheiten im Bunker etwas Musik zu machen. Um Mitternacht kam dann der Knalleffekt. Das gesamte Musikkorps, soweit überhaupt anwesend, versammelte sich an einer Ecke. Dann gingen wir auf einen ziemlich freien Platz (Erhöhung) einige 100 Meter vor der Wolga und spielten einige Weihnachtslieder. Wir waren auf das Schlimmste gefasst, denn der Russe konnte doch schon mithören, wussten aber nicht wie er darauf reagierte. Aber es blieb außer der Musik in dieser stillen heiligen Nacht wirklich alles still. .. und zogen uns dann in unsere Unterkunft zurück ohne das ein Schuss auf uns fiel. Es war ein einmaliges Erlebnis. Es war alles mit größter Schwierigkeit verbunden da es ja viel zu kalt war, so dass verschiedene Instrumente einfroren. Aber wie gesagt es war unter diesen Umständen alles gut genug. Wir wollten ja nicht den Russen mit unserer Musik erfreuen, sondern unsere Kameraden, die vorn in Stellung lagen. Der Russe hat sich sicher auch gefreut jenseits der Wolga über die schöne Musik, denn sonst hätte er sicher geschossen. Euch wird das alles unglaublich klingen, aber es sind Tatsachen. ...

Walter Mewes Russland, den 27. Dezember 42 Liebe Eltern und Geschwister! Weihnachten ist nun vorbei, es ist zwar heute Sonntag, aber das ist ja für uns ein Tag wie jeder andere. In unserem Abschnitt ist der Russe über Weihnachten verhältnismäßig ruhig gewesen, was wir nicht gedacht haben. Es war für uns ein unvergesslicher Weihnachten, (natürlich nicht an Gaben usw.) aber in seiner Eigenart wird er uns immer in Erinnerung bleiben. Heiligabend haben wir un- mittelbar an der Wolga gespielt, so dass uns sogar der Russe gehört haben müsste. Am ersten Feiertag haben wir unserem ehem. Spieß aus Quedlinburg, welcher hier im Regiment Bataillons-Kommandeur, ist ein Ständchen gebracht. Bei einer Flasche Likör haben wir alte Erinnerungen ausgetauscht, wo auch der Zahlmeister Kaufhold aus Oschersleben zugegen war. Es waren ein paar nette Stunden. Leider habe ich zu Weihnachten keine Post bekommen, von Annemarie nicht und von Euch auch nicht. Ihr könnt jetzt wieder regelmäßig nach hier schreiben, nur keine Päckchen schicken, wenn welche unterwegs sind, so kann es möglich sein, dass sie wieder zurückgehen. Nun will ich für heute schließen, in der Hoffnung, dass Ihr alle noch gesund und munter seid, verbleibe ich mit den besten Wünschen für das neue Jahr und für alle Zeit Euer aller Walter.

Fritz SchmelzFritz Schmelz Im Osten, 27. 12. 42 ... Leider ist über die Weihnachtstage keine Post herangekommen. Nun solltest Du, ... aber nachfolgend einen Bericht erhalten, wie ich die Weihnachtstage verbracht habe. Vorweg kann ich nur sagen, einzigartig und wenn mich für die Zukunft der Herrgott gesund erhält wird es für später mal ein großes Erlebnis bleiben. Die Stimmung, die Natur mit Schnee, Eis und Kälte und eine frostklare Mondscheinnacht mit etwa 15 bis 20°C Kälte. So startete ich mit Dunkelwerden zusammen mit meinem Zahlmeister Kaufhold um 14.30 Uhr ab hier zu meinem linken Kampfabschnitt. Dort erwartete mich der linke Kompanieführer und kurz vor 15 Uhr betraten wir den ersten Bunker. Immer waren etwa 7 bis 10 Mann zusammen, der Rest auf Posten. Im wahrsten Sinne des Wortes: " Es steht ein Soldat ..." Ausgegeben war schon eine kleine einfache Weihnachtsstolle und Bohnenkaffee. Jeder Bunker hat ein festliches Gepräge durch Fichtengrün, teilweise Bäumchen, meist aber Adventskränze und überall Kerzenlicht.

Das wichtigste aber die strahlenden Augen meiner Männer, die jetzt alle wissen, worauf es ankommt und sich des Ernstes der Lage bewusst sind. Überall habe ich mich 10 bis 15 Minuten persönlich mit ihnen unterhalten, nach der Landsmannschaft gefragt, auf unsere augenblickliche Lage zu sprechen gekommen, mit ihnen zusammen einen Schluck Kaffee getrunken und Stückchen Stolle probiert. Alle waren zufrieden und glaubten auch gar nicht daran, dass aufgrund unserer Lage mehr geboten werden könnte. Als wir dann doch mit einem Paket zu Vorschein kamen, worin für jeden: 1 Paket Tabak mit Blättchen zum Drehen, 30 Zigaretten, eine Zigarre, ein Zigarillo, eine Tafel Schokolade, etwas Briefpapier oder etwas Zahnpasta, Hautcreme, Einlegesohlen, Rasierklingen, eine Flasche Likör usw. waren, na, da hättet Ihr die Augen sehen sollen. Für später wird es wirklich mal ein bleibendes Erlebnis sein.

Manchmal wurde auch gerade ein Weihnachtslied gesungen. Alles die rauen Landserstimmen. Dann verhielt ich erst draußen und mich sowie meinen Begleitern überkam doch ein eigenartiges Gefühl und sofort waren die Gedanken bei Euch daheim. Man kann es wirklich mit Worten gar nicht schildern. So ging es von Unterstand zu, Unterstand. Der Gefechtslärm war in der "Heiligen Nacht" nicht stärker als sonst, ab und an ein Schuss, über uns die gewohnten nächtlichen Flieger, sonst ein prächtiges Stimmungsbild, alles glitzerte im Mondschein, eine einzigartige "Heilige Nacht" am W....strand, viele, viele Kilometer fern der Heimat. So ging es von Unterstand zu Unterstand gegen 20 Uhr dann zu meinem Bataillons-Stab, der ja zusammen feiern konnte, von meinem Adjutanten (Anm.: Leutnant Richard Krey) sehr nett aufgezogen. ...

Überall habe ich zu meinen Männern Worte gesprochen und etwas gegessen und getrunken. Wenn ich nicht überall so beeindruckt gewesen wäre und die strahlenden Augen gesehen hätte, hätte ich wohl kaum durchgehalten. Es war war weiß Gott ein Kraftakt. Wohl 30 bis 35 Unterstände habe ich aufsuchen müssen. Um 1 Uhr nachts wollte ich eigentlich abbrechen, aber auch die Kompanie am weitesten rechts wollte mich noch am "Heiligen Abend" sehen und so auch noch dort hin. Den letzten Unterstand verließ ich um 3.10 Uhr morgens und war damit genau zwölf Stunden ununterbrochen auf den Beinen. Bis 5 Uhr früh dann noch bei einer guten Tasse Kaffee im Unterstand des Zahlmeisters zusammengesessen und innerlich zufrieden, den Männern ein Weihnachten geschenkt zu haben, wie es nur möglich war.

Mich bis 9 Uhr hinlegend habe ich dann kein Auge zugemacht. Die Nerven waren doch zu sehr in Wallung. Auch war die Tasse Bohnenkaffee abschließend ? und auch in jedem Unterstand fast ein Schluck ? nicht schuldlos daran.

Gerhard StrangfeldUm 11 Uhr dann zum Oberst, wo ich persönlich ein frohes Fest gewünscht habe und dann noch zu meinen Trossen, die ich ja in der "Heiligen Nacht" nicht auch noch besuchen konnte. Gegen 15 Uhr war ich zurück, dann hundemüde mich bis 18 Uhr hingelegt, als mit Erwachen ein Weihnachtsständchen von Angehörigen des Musikkorps ertönte. Alte Kameraden wie Strangfeld, Pröpper, Mewes usw. hatten es sich nicht nehmen lassen, ihrem alten Spieß persönlich eine Freude zu machen. Und das berührte mich sehr. Anschließend waren sie fast 1 Stunde meine Gäste. Alle lassen Dich grüßen. ... Nun hoffe ich, Dir mit diesem Bericht eine kleine Freude gemacht zu haben. ...

Fritz Schmelz Im Osten, 30. 12. 42 ... Im alten Musikkorps geht es jetzt ziemlich durcheinander, nachdem Hermann Wismer fort ist. Sehr schade, war doch ein Pfunds Musikkorps. Strangfeld ist seit gestern Zugführer in meiner 6. Kompanie. Lothar Münchow wird wohl der nächste sein, der an die Front will. Jetzt leitet Baumgarten den Laden hier, denn Richard Schieck sitzt noch in Charkow und bewacht dort Sachen des Regiments. Na, ich werde wohl bei ruhigen Zeiten mich des Musikkorps mal annehmen müssen. ...

Der letzte Brief, den Irmgard Schmelz von Ihrem Mann erhielt, trug das Datum 7. 1. 1943. ,

Erläuterungen

Ich hatte schon darauf hingewiesen, dass die Division in gut ausgebauten und sicheren Stellungen direkt an der Wolga lag. Dort gab es in der Zeit von November 1942 bis Januar 1943 verhältnismäßig geringe Kampfhandlungen. Die Stellungen wurden erst am 24. 1. 43 geräumt. Warum sollte der Russe auch frontal und über die Wolga hinweg verlustreiche Angriffe vortragen? An der rechten Flanke sah das allerdings ein wenig anders aus.

Das ist auch der Grund, warum die 71. Infanterie-Division. auch als eine "reiche" Division galt, denn sie hatte ihre gesamten Trosse und Nachschublager behalten. Im Gegensatz zu den Divisionen, die durch die russischen Zangenoperationen in den sich bildenden Kessel gedrückt worden waren. Diese wurden als "arme" Divisionen bezeichnet, weil sie ihre Nachschublager und auch größtenteils ihre Trosse verloren hatten.

Dies erklärt auch, warum die in den Briefen von Fritz Schmelz beschriebene Bescherung zu Weihnachten 1942 so reichhaltig anmutet und nahezu unwirklich erscheinen muss, fast wie aus einer anderen Welt. Teilnehmern der Schlacht um Stalingrad, Zeitzeugen oder Historikern mag das nahezu unglaubwürdig klingen. Aber es war so! Und das Seltsame war, dass die Soldaten sich darum nicht vorstellen konnten, dass es am Heiligen Abend bei anderen Einheiten in der eisigen Steppe des Kessels nicht einmal einen Becher heißen Kaffe oder etwas Marmelade zum zu Eis gefrorenen Kanten Brot gab.

Einen Hinweis auf einen verhältnismäßig ruhigen Frontabschnitt gibt auch der Brief von Schmelz. Er schreibt, dass sich in einem Bunker 7 bis 10 Mann befanden (der Rest auf Posten) und dass er 30 bis 35 Unterstände aufgesucht habe. Demnach hatte sein Bataillon noch eine Gefechtsstärke von etwa 350 bis 400 Mann. Infanterie-Bataillone mit einer solchen Stärke gab es zu Weihnachten 1942 in Stalingrad sicher nicht mehr als eine Hand voll.

Die Stimmung

Es ist darum auch verständlich, dass in den meisten Briefen nicht näher auf die Kämpfe und auf die allgemeine Lage in Stalingrad eingegangen wird. An dieser Ecke des Kessels ereignete sich bis dahin eben verhältnismäßig wenig. Die große Lage kannte man nur vom Hörensagen. Aus den mehr verschleiernden als informierenden Wehrmachtsberichten waren keine sicheren Erkenntnisse zu gewinnen. Darum spielten auch so genannte Latrinenparolen eine große Rolle. Man glaubte, was man glauben wollte, was positiv klang und was die Hoffnung beflügelte.

Aus manchen Briefen kann man sogar den Eindruck gewinnen, als wenn die Briefeschreiber ihrerseits meinten, den Angehörigen in der Heimat den Glauben an einen günstigen und siegreichen Ausgang der Schlacht und des Krieges suggerieren zu müssen.

Die Feldpost als die einzige Verbindung zur Heimat spielte natürlich eine lebenswichtige Rolle. Viele Briefe geben darum wichtige Hinweise auf die aufgrund der sich verschlechternden Lage häufig wechselnden Bestimmungen für Feldpost und Päckchen. Diese änderten sich in rascher Folge und es ist daher in den Briefen nicht immer erkennbar, ob es individuelle Beschwichtigung ist oder Unkenntnis über diese Bestimmungen oder auch Unkenntnis über die allgemeine militärische Lage. Das wird deutlich in den Briefen meines Vaters vom 10. 12. und von Schmelz vom 11. 12.. Während mein Vater schreibt, dass "im Augenblick wegen des hohen Schnees nur Luftpost geschrieben werden darf", berichtet Schmelz nur einen Tag später, dass nur 6 bis 8 Zentimeter Schnee liegen.

zurückgehaltene FeldpostDas nebenstehende Foto zeigt einen Teil der zurückgehaltenen Feldpost bei der Feldpostleitstelle der 6. Armee in Awdejewka im Januar 1943. Es hatte sich dabei ein Stau von über 100 000 Postsäcken angesammelt. Man muss sich das vorstellen: pro zwei bis drei Soldaten im Kessel ein Postsack! Und die Soldaten in Stalingrad haben sehnsüchtig auf jeden Brief, jeden Gruß und auf jedes Päckchen gewartet.

Seltsamerweise spielt der Feind in den Briefen fast gar keine Rolle. Er wird darum auch kaum als ein persönlicher Feind empfunden, der einen bedroht und mit dem man sich auseinandersetzen muss. Bis auf die allgemeinen Hinweise von Fritz Schmelz "Ringsum Geschützdonner" und bei einem Rund- gang in die etwas rückwärtigen Teile "wo man vom Russen nicht zu sehen ist", sowie von meinem Vater "ist der Russe über Weihnachten verhältnismäßig ruhig gewesen" und "so dass uns sogar der Russe gehört haben müsste" und Christian Pfannkuchen "Der Russe hat sich sicher auch gefreut jenseits der Wolga über die schöne Musik" .... , findet er kaum Erwähnung.

Aus fast allen Briefen sprechen dagegen aber Ruhe und Zuversicht und es ist bemerkenswert, dass es fast keine pathetischen Worte im Sinne der Nazi-Propaganda gibt. Aber es spricht eine eindeutig erkennbare Hoffnung auf eine sich in naher Zukunft günstiger entwickelnde militärische Lage aus ihnen. "Wollen wir hoffen, dass das Jahr 1943 uns den ersehnten Sieg und Frieden bringt, und wir wieder bei unseren Familien sein können" (mein Vater). "Na, ich werde wohl bei ruhigen Zeiten mich des Musikkorps mal annehmen müssen" (Schmelz). " Uns geht's sehr gut" (Pröpper).

Alle diese Hoffnungen waren vollkommen unbegründet und haben sich nicht erfüllt

Ihre Schicksale

Mein Vater, Feldwebel Walter Mewes, geboren am 7. 1. 1914 in Oschersleben, gilt seit dem 7. 1. 1943, seinem 29. Geburtstag, als vermisst. Sein letztes Lebenszeichen war ein Brief vom gleichen Tag. Wir haben danach nie wieder etwas von ihm gehört. Die Vermisstennachricht erhielt meine Mutter am Hochzeitstag.

Hauptmann Fritz Schmelz, geboren am 30. 6. 1911 in Wuppertal-Barmen, geriet nach einem Ausbruchsversuch aus dem Kessel gemeinsam mit Krey, Dr. Rox und Kaufhold am 2. oder 3.Februar 1943 in russische Gefangenschaft. Er ist am 29. 3. 1943 im Kriegsgefangenenlager Frolowo gestorben.

Feldwebel Gerhard Strangfeld, geboren am 2. 4. 1914 in Wernigerode, wird seit 1. 1. 1943 in Stalingrad vermisst.

Feldwebel Heinrich Pröpper, geboren am 25. 7. 1914 in Neheim-Hüsten, gilt als vermisst seit dem 1. 1. 1943.

Zahlmeister Herbert Kaufhold geboren am 24. 4. 1910 in Oschersleben, war nach einer Erkrankung mit Lazarett-Aufenthalt noch Anfang Dezember in den Kessel eingeflogen worden. Er geriet ebenfalls in russische Gefangenschaft. Seine Spur verliert sich im Mai 1943. Er ist in russischer Kriegsgefangenschaft verstorben.

Auch Leutnant Richard Krey, geboren am 27. 6. 1921 in Rheine, geriet in russische Gefangenschaft und starb am 13. 3. 1943 im Kriegsgefangenenlager Frolowo.

Oberarzt Dr.Josef Rox, geboren am 20. 9. 1911 in Daseburg, im damaligen Kreis Warburg, ist ebenfalls in russische Gefangenschaft geraten, kehrte aber im Januar 1950 daraus zurück. Er war der einzige Überlebende und konnte über die Schicksale von Schmelz, Kaufhold und Krey berichten.

Musikmeister (Leutnant) Hermann Wismer erkrankte vor Stalingrad und kam in ein Lazarett. Er ist aus dem Krieg zurückgekehrt.

Oberfeldwebel Hermann Baumgarten, geboren am 15. 1. 1916 in Kassel, ist seit dem 1. 1. 1943 vermisst.

Feldwebel Lothar Münchow, geboren am 21. 7. 1916 in Schierke/Harz, gilt seit dem 2. 1. 1943 ebenfalls als vermisst.

Oberfeldwebel Richard Schieck, der in Charkow verblieben war, kehrte aus dem Krieg zurück.

Von den Angehörigen des Musikkorps, die in der Namensliste vom 27. 6. 1940 aufgeführt waren, sind, wie erwähnt, einige vorher kommandiert worden. Andere, wie

Ernst Pfannkuchen, Gilbert Haney und Fritz Tischer

erkrankten an Gelbsucht und sind in Heimatlazarette gekommen. Sie haben den Krieg überlebt. Alle übrigen, die nicht in den Briefen erwähnt worden sind, werden nach Auskunft der Deutschen Dienststelle in Berlin in Stalingrad vermisst (z.T. ohne Angaben des Vermisstendatums). Das sind:

Feldwebel Gustav Klinder, geboren am 25. 11. 1912 in Pabsdorf, vermisst seit 27. 12. 1942.

Von Feldwebel Wilhelm Kober, geboren am 16. 4. 1908 in Quedlinburg, gibt es kein genaues Vermisstendatum.

Peter Kober, ohne weiteren Angaben.

Unterfeldwebel Otto Neumann, geboren am 12. 12. 1913 in Stendal, wird vermisst seit dem 1. 1. 1943.

Walter Winzer, ohne Dienstgradangabe, geboren am 30. 12. 1916 in Hohenroda, Kr. Delitzsch, wird vermisst seit 7. 1. 1943.

Christian Pfannkuchen, Unterfeldwebel, geboren am 18. 4. 1913 in Veckenstedt/Harz, wird vermisst seit dem 1. 1. 1943. Er soll später in russischer Gefangenschaft in Sibirien noch gesehen worden sein.

Unterfeldwebel Bruno Jähne, geboren am 26. 4. 1919 in Bad Suderode, Kr. Quedlinburg, wird vermisst seit 1. 1.1943.

Unteroffizier Otto Hermann, geboren am 3. 3. 1919 in Oschersleben, vermisst seit 28. 12. 1942.

Hellmut Sauerbrey, ohne Dienstgradangabe, geboren am 30. 10. 1914 in Werder/Havel, ohne genaues Vermisstendatum.

Unteroffizier Heinrich Segner, geboren am 2. 11. 1919 in Wertheim/Main, wird vermisst seit 2. 1. 1943.

Unteroffizier Theodor Seemann, geboren am 10. 6. 1918 in Oberrosenthal/Sudetenland, vermisst seit 29. 12. 1942.

Von Unteroffizier Werner Donisch, geboren am 19. 4. 1915 in Berlin, ist bekannt, dass er am 9. 4. 1943 im Kriegsgefangenenlager Wolsk/Wolga verstorben ist.

Feldwebel Oskar Greuel, geboren am 1. 1. 1914 in Roman/Pommern. Von ihm ist kein genaues Vermisstendatum bekannt.

Unteroffizier Emil Bürger, geboren am 15. 5. 1907 in Slawianowo/Westpr., vermisst seit 1. 1. 1943.

Obergefreiter Karl Brumby, geboren am 24. 4. 1913 in Gerlebogk, Kr. Köthen, vermisst seit 31. 12. 1943.

Obergefreiter Günter Hering, geboren am 21. 8. 1914 in Rogasen/Posen, gilt seit dem 1. 12. 1942 als vermisst.

Unteroffizier Kurt Reppin, geboren am 22. 1. 1920 in Biederitz, vermisst seit 3. 1. 1943.

Um sie alle sind in den langen Jahren der Ungewissheit viele Tränen geweint worden von ihren Frauen, Kindern, Bräuten, Müttern, Vätern, Brüdern, Schwestern, Angehörigen, Freunden und Kameraden. Und auch nach 60 Jahren hat noch nicht jeder von ihnen ein würdiges Grab gefunden, einen Platz, an dem man seiner gedenken kann. Von einigen von ihnen stehen die Namen auf den Tafeln an der Gedenkstätte in Rossoschka im ehemaligen Kessel von Stalingrad. Aber als Trost steht da auch: VIELE BLEIBEN UNBEKANNT. GOTT KENNT IHRE NAMEN.

Hans Mewes  

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Weihnachten
1942 in Stalingrad.

Letzte Briefe.


Den Bericht können Sie sich hier als PDF-Datei herunterladen.


Karl Betting gelingt die Flucht aus Stalingrad


Licht - Leben - Liebe.
Die Erinnerung an Stalingrad


Fakten


Die Steppe als Ausgangspunkt der Gestaltung
Die Kriegsgräberstätte in Rossoschka ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert


Stalingrad-Madonna schmückt die Kriegsgräberstätte
Eine Kirche baut Brücken
Über 1 000 Gäste waren dabei, als am 20.09.03 die Kirche "Mariä Himmelfahrt" in Sologubowka an die Gemeinde übergeben wurde.


Stalingrad – Erinnerung
an ein Inferno

Für viele tausend Menschen bedeutete Stalingrad Untergang und Tod. Vor diesem tragischen Hintergrund gedenkt der Volksbund der Opfer.



Arbeitsbilanz 2008



Die Zeit drängt

Informationen zu unserer Arbeit in Ost-, Mittel- und Südosteuropa


Deutsches Riga-Komitee
Opfer der Deportation in das Rigaer Ghetto erhalten würdige Grabstätte


Feldpost aus Stalingrad
Briefe in russischem Archiv wieder aufgetaucht



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