Darum Frieden
1945 - Ende des Zweiten Weltkrieges in Kirchhasel bei Rudolstadt/Thüringen
Ein Erlebnisbericht (2018)
17. Februar 2020 – von Jürgen Weyer
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Am 1. Januar 1945 fand auf dem Marktplatz der thüringischen Stadt Rudolstadt eine Großkundgebung der NSDAP statt, an der auch der Volkssturm geschlossen teilnehmen musste. 2 Während des 392. (!) Fliegeralarms am 14.1.45 waren in Rudolstadt und Umgebung unheimliche Überfluggeräusche zu hören. Es gab laufende Überflüge und Rückflüge von Kampfverbänden. Auch am 16.1. wurde wieder Fliegeralarm gemeldet, zwei Kampfverbände überflogen Thüringen und warfen ihre Bomben im Raum Halle/Merseburg ab.

Am 17.1. wurden die 15-/16-jährigen Jungen (Geburtsjahrgang 1929) für den Dienst im Volkssturm erfasst. 3 Derweilen drangen russische Truppen im Osten über die Oder ins deutsche Kernland vor und bewegten sich auf Berlin zu. Im März überquerten auch die alliierten Truppen im Westen den Rhein.

Von Februar bis April 1945 häuften sich in Kirchhasel die Luftalarme, weil Thüringen in die Haupt-Luftangriffszonen der Alliierten geriet. Am 09.02.1945 wurden anfliegende Bomberverbände gemeldet. Sie warfen ihre tödlichen Lasten über Weimar und Jena ab. Am 13.02. flogen nicht enden wollende Bomberstaffeln über Kirchhasel gegen Osten. Alle fragten sich, wen das Unheil diesmal treffen wird. Am nächsten Tag meldete das Radio, dass Dresden schwer bombardiert wurde. Die gesamte Innenstadt war im Feuersturm vernichtet. Da Dresden voll war mit Flüchtlingen aus dem Osten, waren die Menschenverluste besonders groß. In den folgenden Wochen wurden Erfurt, Weimar (31.3.), besonders Jena (8-mal bis 19.3.) und Gera (26.3. und 6.4.) wiederholt bombardiert. Es kam immer häufiger zu Stromabschaltungen. Die Kartoffelration wurde auf 2,5 kg pro Person und Woche herabgesetzt. Es sollten keine Salzkartoffeln mehr zubereitet werden, weil die Schälverluste nicht mehr zu verantworten seien. 4

Der als Kampfkommandant eingesetzte General des OKH-Abwicklungsstabes Rudolstadt, ein Österreicher, setzte sich in die Heimat ab und ernannte Oberstleutnant von Stubenrauch, einen altgedienten Offizier aus dem 1. Weltkrieg und Leiter des Wehrmeldeamtes Rudolstadt, kurzerhand zum Kommandanten der aufzustellenden Kampfdivision zur Verteidigung Rudolstadts und Saalfelds. Zusammen mit Oberleutnant Schauert und Hauptmann Göttert legte er die Verteidigungsstrategie am Saalebogen fest. Diese ignorierte den Führerbefehl, die Städte Saalfeld und Rudolstadt wie eine Festung zu verteidigen. Die Verteidigungslinie wurde auf die Berge jenseits der Saale gelegt. Dadurch wurden beide Städte und ihre Einwohner geschont, den Soldaten blieb auf den Bergen der Rückzug offen und die Volkssturmleute konnten sich notfalls in ihre Dörfer zurückziehen. Diese vernünftige Strategie wurde auch vom NSDAP-Kreisleiter W. Hattenbach, der kein fanatischer Nazi war, mitgetragen. 5

Am 03.04.1945 ging der Volkssturm, bestehend aus 16- und 17-jährigen Jungen sowie kriegsuntauglichen alten Männern, in Rudolstadt und Umgebung in Stellung. Die Saaletalsperre, die Maxhütte in Unterwellenborn, die Torpedowerft in Rudolstadt und alle Saalebrücken wurden mit Sprengladungen versehen.

Der NSDAP-Kreisleiter W. Hattenbach gab am 4. April das noch voll gefüllte Armeeversorgungslager im Osten Rudolstadts, nahe der Kirchhaseler Flurgrenze, angesichts des bevorstehenden Einmarsches der Amerikaner (sie standen ca. 60 km entfernt bei Zella-Mehlis) zur kostenlosen Verteilung frei. So zog ein Strom von Rudolstädter und Kirchhaseler Einwohnern mit Handwagen zu den Lagerhäusern; sie nahmen mit, was die Wagen trugen. Mein Großvater verbot aus Angst seinen Familienangehörigen, an der "Plünderung" teilzunehmen. Und tatsächlich reichte ein dienstbeflissener Zahlmeister eine Anzeige wegen "Plünderung von Heeresgut" bei der Heeresversorgungsgruppe in Jena ein. Diese wurde vom zuständigen Generaloberst Hoth abgeschmettert. Auch er hielt die Verteilung der Vorräte an die Zivilbevölkerung in der gegebenen Lage als vernünftig. Einmal Mut gefasst, verkündete Kreisleiter Hattenbach, dass für die noch vorhandenen Lebensmittelkarten die 10-fache Menge gekauft werden könne. Somit wurden die Vorräte in den Geschäften, d. h. nicht nur Lebensmittel, sondern auch Kleidung und Schuhe, gleichmäßig an die Bevölkerung verteilt. 6

Am 05. April 1945 gegen 11 Uhr griffen vier US-amerikanische Tiefflieger den D-Zug Nr. 237 Stuttgart-Berlin bei Kirchhasel oberhalb des Haltepunktes etwa am Bahndurchlass der Altsaale an. Der 14jährige Hans Westphalen beschrieb die Erlebnisse so: "Die Jagdflugzeuge vom Typ Thunderbold (siehe Bild oben) flogen anfangs zwei Scheinangriffe. Der Zug stoppte. Einige Reisende sprangen aus den Waggons und liefen vom Zug weg. Günther und ich liefen in die Wiesen, übersprangen ein Gewässer [Altsaale] und legten uns dann platt aufs freie Feld. Und dann ging der Höllenzauber los. Jeweils zwei Flugzeuge flogen ihre Runden und beharkten [beschossen] den Zug. Sie flogen so tief, dass man die Piloten sehen konnte. Leider waren viele Passagiere nicht in der Lage, sich vom Zug zu entfernen, da sie alt oder verwundete Soldaten waren. Sie hatten sich unter die Waggons gelegt oder waren im Zug verblieben. Später hieß es, dass es viele Verletzte und Tote gegeben habe. Auch der Lokführer war verletzt und die E-Lok nicht mehr einsatzfähig. Nach den Angriffen waren wir in Kirchhasel. Am Nachmittag kam eine Dampflok, mit der wir die Reise nach Leipzig fortsetzten." 7

Der Kirchhaseler Landwirt Alfred Bloß (der Großvater des Autors) pflügte zu der Zeit mit einem Kuhgespann sein Feld am Bahnübergang unterhalb des Bahnhaltepunktes und erlebte das Geschehen ebenfalls aus unmittelbarer Nähe. Durch den höllischen Lärm der angreifenden tieffliegenden Flugzeuge warf er sich aus Angst in die Pflugfurche und auch die Kühe knieten sich auf die Erde. Die Flieger wendeten immer wieder und machten regelrecht Jagd auf alles, was sich bewegte. Der Tieffliegerangriff kostete 23 Menschen das Leben, 39 wurden verletzt. Ein Teil der Toten wurde mit einem Fuhrwerk nach Kirchhasel gefahren und auf dem Friedhof in einem Massengrab beerdigt, die anderen fanden auf dem Nordfriedhof Rudolstadt ihre letzte Ruhestätte. 

Auch der Großvater von Klaus Schaubitzer aus Oberhasel erlitt Todesangst, als er mit seinem Pferdegespann auf dem Weg zur Weißener Mühle zwischen Etzelbach und Weißen von einem amerikanischen Jagdflugzeug angegriffen wurde. Alfred Schaubitzer sah die Bordkanone und das Gesicht des Piloten auf sich zukommen. Der Pilot schoss nicht. Er raste über ihn hinweg, flog eine Schleife und kam wieder zurück. Albin Schaubitzer dachte, jetzt erschießt er mich von hinten. Das Flugzeug jagte wieder im Tiefflug über ihn hinweg ohne zu schießen. Vielleicht machte sich der Pilot nur einen Spaß daraus, dem Kutscher Todesangst einzujagen. Der Bauer hatte Glück, kam mit dem Leben davon und dankte kreidebleich Gott und dem Piloten, der ihn verschont hatte. In Kleinkochberg wurden zwei Pferde auf dem Acker von einem amerikanischen Jagdflugzeug erschossen, der Bauer konnte sich retten. 8 

In der Nacht vom 5. zum 6. April hörten die Durchfahrten der deutschen Militärwagen durch Kirchhasel nicht auf. Am 7. April nahmen die amerikanischen Truppen Eisenach ein. Spitzen drangen bis Gräfentonna vor. Der Thüringer Ministerpräsiden Sauckel befahl durchzuhalten: "Wer vor dem Feind die weiße Fahne hisst, wird als Landesverräter und Deserteur behandelt!" Der Durchhaltebefehl wurde am 6.4. auch vom Kreisleiter Hattenbach und dem Standortältesten, Oberstleutnant Stubenrauch, in einen "Aufruf an die Bevölkerung des Kreises" veröffentlicht.

Am 09.04.1945 war 4 ½ Stunden Fliegeralarm. Dazwischen hörte man Hiobsbotschaften wie: Arnstadt liegt bereits unter Artilleriebeschuss, Oberhof sei völlig zusammengeschossen usw.. Um Mitternacht war ein großer Feuerschein in Richtung Saalfeld zu sehen. Der nächste Tag brachte Klarheit darüber, dass es sich nach Abwürfen über Pößneck, Kahla und Uhlstädt um den furchtbaren Bombenangriff auf Saalfeld (10 km entfernt) handelte. 9 Bei 52 Angriffen von je 6 bis 7 Flugzeugen wurden etwa 1300 Bomben hauptsächlich auf den als wichtigen Verkehrsknoten bekannten Saalfelder Bahnhof und dessen Umgebung abgeworfen. Außer dem Bahnhof wurden 22 Wohngebäude total zerstört und insgesamt 573 Wohnungen beschädigt. Der Bombenangriff forderte 205 Menschenleben. Die Lösch- und Aufräumungsarbeiten wurden in den folgenden Tagen durch wiederholte Tieffliegerangriffe ständig unterbrochen. Die Bombardierung machte dem Eisenbahnverkehr ein Ende. Vom 09.04. bis 19.05.1945 ruhte der Zugverkehr völlig. 10

Am 10. April um 15 Uhr erfolgte 6 km von Kirchhasel entfernt die Bombardierung von Volkstedt. Zur Bekämpfung der Brände wurden alle Feuerwehren der Nachbarorte; auch die aus 12 Mädchen und Frauen bestehende Feuerwehr Kirchhasel unter der Leitung des Feuerwehrhauptmanns Otto Straubel, der auf Grund seines hohen Alters wehruntauglich war, zum Katastropheneinsatz nach Volkstedt beordert. Durch die ungeheure Rauchentwicklung und den Mangel an Wasser waren die Löscharbeiten sehr erschwert. Die zum Volkssturm beordneten Männer, die hätten helfen können, mussten jenseits der Saale Dienst tun! 11 Neben 103 total und 62 teilweise zerstörten Häusern waren 5 Porzellanfabriken, die Kirche und das Pfarrhaus, in dem Schiller 1788/89 wohnte, ein Opfer der Bomben geworden. Es wurden 36 Menschen getötet, zahlreiche verletzt und 302 Familien obdachlos.

In den letzten Tagen des Krieges führte ein Todesmarsch von Häftlingen aus einem Außenlager des KZ Buchenwald durch Oberhasel und Kirchhasel. Der Oberhaseler Klaus Schaubitzer erinnert sich, dass ein "langer Trupp von ausgemergelten Menschen in Sträflingskleidung im Laufschritt unter Bewachung durch unser Dorf machte [getrieben wurde]. Das Klappern der Holzlatschen hörte man schon von weitem." 12

Am 11.04.1945 drangen die Amerikaner an Weimar vorbei über Bad Sulza zur Saale vor und überquerten den Fluss bei Bad Kösen, Kleinheringen und Camburg. Spitzen tauchten bei Jena-Göschwitz, Großbreitenbach, Gehren und Königsee auf. Einen Tag später (12.04.1945) wurde Apolda eingenommen sowie Erfurt und Weimar übergeben. Das 346. Infanterie-Regiment (TF Sundt von der 87. Division des VIII. Corps der 3. US-Armee) rückte über Ehrenstein und Altremda bis nach Rudolstadt (Klinghammerstraße) vor. Der erste Panzer wurde am 12.4. um 14.15 Uhr bei Schaala beobachtet. Von Neuhaus/Rw. drang das 347. Infanterie-Regiment bis Bad Blankenburg und Beulwitz vor. Am Nachmittag wurde bei einem Jagdbomberangriff der Marienturm getroffen, der danach völlig ausbrannte. Die Sprengung der Saaletalsperre und der Maxhütte konnte durch den Kampfkommandanten Oberleutnant von Stubenrauch verhindert werden, aber die Kirchhaseler und alle anderen Saalebrücken und das Torpedoarsenal Mitte im Rudolstädter Osten fielen sprengfreudigen Pionieren des OKH zum Opfer, die nicht dem Rudolstädter Kampfkommandanten unterstellt waren, sondern ihren Ausführungsbefehl direkt aus Berlin bekamen. 13, 14  Die Arbeitsmänner des RAD-Lagers Kirchhasel wurden zu Löscharbeiten eingesetzt.

In Kirchhasel ging Bürgermeister Schilling von Haus zu Haus und forderte die Einwohner auf, Wagen mit Steinen zu beladen, um sie beim Einmarsch der Amerikaner als Panzersperren auf die Dorfstraße quer zu stellen. Die meisten Leute hatten Angst und trauten sich nicht, gegen diese irrsinnige Anordnung zu widersprechen Sie beluden einen Pferdewagen mit Steinen, ließen ihn aber im Hof stehen. Der Wagen sollte laut Anordnung des Bürgermeisters beim Auftauchen der Amerikaner auf die Straße gerollt werden, um die Oberhaseler Straße an der Engstelle des Weidmannschen Hofes abzuriegeln. Diese Anordnung wurde Gott sei Dank nicht ausgeführt.

Am 13. April 1945 wurde Saalfeld, Rudolstadt, Kirchhasel und das untere Kreisgebiet durch amerikanische Truppen besetzt. Die Kampfdivision auf den Bergen jenseits der Saale brauchte sich der aussichtslosen Konfrontation nicht zu stellen, weil die Amerikaner die Saaleschleife umgingen und nicht angriffen. Die Stellungen konnten somit in aller Ruhe geräumt und die Volkssturmleute nach Hause geschickt werden. Die Soldaten zogen sich zunächst nach Pößneck, später ins Erzgebirge zurück und kamen am 9. Mai in amerikanische Gefangenschaft.

Den Einmarsch der amerikanischen Armee in Kirchhasel schildert Bärbel Probert. 15 Das damals siebenjährige Mädchen war mit ihrer neunzehnjährigen Schwester Eva auf der Suche nach ihrer Mutter zu Fuß vom Kinderlandverschickungsheim Tabarz über Rudolstadt und Halle nach Hamburg unterwegs. Am 13. April befanden sie sich auf der Straße zwischen Rudolstadt und Kirchhasel. Sie beschreibt die Begegnung folgendermaßen: "Die Stille war unheimlich. Weit und breit war kein Mensch unterwegs. [...] Die Straße war vollkommen verlassen. [...] Wir bekamen Angst. [...] Wir hatten gelernt, die Russen mehr als alles andere auf der Welt zu fürchten, doch man hatte uns ebenso eingeimpft, dass alle Alliierten unsere Feinde seien und es uns schlecht erginge, wenn wir ihnen in die Hände fielen. [...] Wir müssen ihnen zeigen, dass wir keinen Widerstand leisten. Wir müssen weiße Fahnen tragen, damit sie sehen, dass wir uns ergeben." [Sie brachen Zweige und befestigten daran ein weißes Handtuch und ein Taschentuch.] "Während wir mit unseren harmlosen weißen Fahnen zum Zeichen unserer Unterwerfung weiter marschierten, hörten wir in der Ferne hinter uns ein Rumpeln, das anders klang als das Donnern von schweren Geschützen. Es ließ nicht nach, kam immer näher, wurde immer lauter. [...] Der Gefechtslärm war verstummt, nur ein dumpfes Brummen eilte den Panzern und Lastwagen in der Stille voraus. Obwohl die Truppen mindestens einen halben Kilometer entfernt waren, schien der Boden plötzlich zu beben, und der Motorenlärm hallte durch das Tal. [...] Mit Herzklopfen hörte ich die Panzerfahrzeuge heranrollen. Um Platz zu machen für die fremden Fahrzeuge, die uns solche Angst einflößten, gingen wir jetzt auf den Grasstreifen am rechten Straßenrand unter den Obstbäumen, die ihre weißen Blüten schwenkten wie wir unsere weißen Fahnen. Als das Dröhnen zum ohrenbetäubenden Getöse anschwoll und die ganze Welt zu zittern schien, kam hinter uns ein Konvoi von Sherman-Panzern in Sicht, der unerbittlich auf uns zurollte. [...] Es waren zwanzig oder dreißig Panzer, endlos schienen sie an uns vorüber zu ziehen. Als der letzte Panzer vorbeigerollt war folgte ein Treck von Lastwagen und Jeeps, die verglichen mit den kriechenden Monstern, die ihre Vorhut bildeten, lächerlich klein und leise wirkten. Auf der Ladefläche des letzten Lastwagens drängten sich junge Männer in amerikanischen Uniformen. Jetzt war der Feind also da, der unser Land besetzte. Zu meiner Überraschung entsprachen die Männer gar nicht meinem Bild von schlimmen Bestien. Sie waren keine Ungeheuer mit zwei Köpfen und Hörnern. Sie sahen nicht furchterregend aus, schwangen keine Waffen und brüllten auch nicht. Ich konnte es kaum fassen: Sie unterschieden sich nur durch die Uniformen von unseren Soldaten! Sie grinsten, lächelten und winkten uns. Und zu meinem Erstaunen begannen sie, uns Geschenke zuzuwerfen, winzige Schokoladenstücke, kleine Packungen Kekse und Kaugummi. Die Feinde, so stellte sich heraus, waren freundliche junge Männer wie unsere Soldaten. Und anders als die Propaganda uns weisgemacht hatte, waren sie gewöhnliche Männer, die für Armeen rekrutiert und in den Kampf geschickt wurden, ohne selbst böse Absichten zu hegen. Das war die ganze Wahrheit des Krieges. [...] Wir marschierten weiter, rings um uns waren Amerikaner [Die Truppe hatte vor Kirchhasel angehalten, um die Gemeinde zur Kapitulation aufzufordern. Die Soldaten stellten am Straßenrand Klapptische und Bänke auf, um zu essen.] Sie luden uns ein, uns zu ihnen zu setzen und mit ihnen zu rasten. [...] Wir waren überglücklich und sangen laut und übermütig. Die ganze, entsetzliche Angst, die uns seit Tagen auf unserem Marsch begleitet hatte, war wie weggeblasen, und wir fühlten uns, als sei eine tonnenschwere Last von unseren Schultern genommen. [...] Meine Erleichterung war riesengroß. Man würde uns nicht töten oder gefangen nehmen. Wir würden leben. [...] Je näher wir Kirchhasel kamen, desto mehr Amerikaner sahen wir und desto größer wurde unser Essenvorrat, denn von den Leckereien, den sie anderen Flüchtlingen zugeworfen hatten, war einiges am Wegesrand liegen geblieben, das wir nun einsammeln konnten. Wir füllten unsere Taschen mit Keksen und Schokolade. Aus allen Fenstern im Dorf wehten weiße Fahnen. Wir meldeten uns im Gemeindehaus und bekamen eine Adresse, bei der wir übernachten konnten. Überall herrschte überwältigende Erleichterung. Die Erwachsenen schüttelten sich die Hände, viele tätschelten meinen Kopf oder kniffen mich in die Wange.Die Deutschen waren besiegt, aber sie waren erschöpft, kriegsmüde und froh, dass es vorbei war, und so jubelten sie vor Erleichterung." Im Großen und Ganzen versuchten die amerikanischen Truppen, bei ihrem Einmarsch in eine Stadt oder ein Dorf eine friedliche Übergabe zu erreichen. Wenn die Panzer- und Lastwagenkolonne sich der Gemeindegrenze näherte, stoppte sie und forderte die Bewohner über Lautsprecher in deutscher Sprache auf, sich zu ergeben. In der Regel kam ihnen der Bürgermeister mit weißer Fahne entgegen, und das Dorf ergab sich

Der Kirchhaseler Bürgermeister Schilling hatte als überzeugter Nationalsozialist große Schuld auf sich geladen, indem er zum Beispiel einige Leute bei der GESTAPO angezeigt und ins KZ Buchenwald gebracht hatte. Noch am Vortage hatte er versucht, die Kirchhaseler Bauern aufzuwiegeln, dass sie Panzersperren im Dorfe errichten. Obwohl die mit Steinen beladenen Fuhrwerke nicht vor dem Einmarsch der Amerikaner als Panzersperre quer auf die Straße gefahren wurden, befürchtete er, dass er verraten und den Amerikanern zur Bestrafung übergeben wird. Aus Angst versuchte er, bei der Familie Heimbürge Unterschlupf wenigstens für die Zeit des Einmarsches der Amerikaner zu finden. Von dort wurde er jedoch mit Gewalt aus dem Hof vertrieben, weil am Ende des Nationalsozialismus niemand mehr etwas mit einem Nationalsozialisten zu tun haben wollte. Ob er oder ein anderer das Dorf an die Amerikaner widerstandslos übergeben hat, ist nicht bekannt. Schilling wurde nicht verhaftet. Er folgte in den nächsten Tagen seiner Tochter, die sich schon vor dem Einmarsch der Amerikaner mit dem Pferdefuhrwerk nach Süddeutschland abgesetzt hatte.16 

Oberhasel wurde von einer aus Richtung Neusitz kommenden Einheit der USARMY eingenommen. Noch Tage zuvor lagerte eine versprengte deutsche Armeeeinheit in Oberhasel. Auf ihren Stahlhelmen war ein Totenkopf abgebildet. Ein Funkwagen und ein Werkstattwagen waren im Hof Kießling abgestellt. Ein Mercedes-PKW stand bei Schaubitzers, wo sich die Offiziere (Oberfeldwebel und Zahlmeister) mit ihrem Fahrer einquartiert hatten. In der Nacht vor dem Einmarsch der Amerikaner verschwanden sie geräuschlos. Die Familie Schaubitzer und wohl auch andere Oberhaseler Einwohner verbrachten diese Nacht in ihren Luftschutzkellern. Am nächsten Morgen war schon aus dem Hirschgrund das Getöse der amerikanischen Panzer zu hören. Die Bauernhäuser wurden mit weißen Betttücher als Zeichen der gewaltlosen Unterwerfung beflaggt. Einen Tag vorher wäre das mit der Todesstrafe geahndet worden, jetzt unmittelbar vor dem Einmarsch des Feindes hatten die Nazis und Scharfmacher nichts mehr zu sagen. Ein Großteil der Einwohner verkroch sich wieder in die Keller. Der achtjährige Klaus Schaubitzer versteckte sich mit seinem Freund Joachim aus Weimar hinter der mannshohen Hofmauer des Engelmannschen Gehöfts neben dem Gemeindesaal. Auf der Innenseite der Mauer stand eine efeubewachsene Laube, aus der sie das Geschehen auf der Straße über die Mauer hinweg beobachten wollten. Ihnen war die Gefahr nicht bewusst, dass sie als Widerständler hätten angesehen und erschossen werden können. Zuerst rollte ein Jeep ohne laufenden Motor geräuschlos am Oskar Hercherschen Gehöft um die Ecke und hielt vor dem Kießlingschen Gehöft. Zwei dunkelhäutige Soldaten ("Neger") sprangen herab und ins Kießlingsche Haus. Sie erkundigten sich bei den Bewohnern, ob deutsche Soldaten im Ort seien. Da die Totenkopftruppe den Ort in der Nacht vorher verlassen hatte, konnte Entwarnung gegeben werden. Keine Minute später sprangen die beiden Soldaten wieder in ihren Jeep und fuhren rückwärts zu ihrer wartenden Truppe. Kurze Zeit später setzte sich der Panzertross, der an den Linden am Zörzig gewartet hatte, lautstark in Bewegung. Die beiden Jungen beobachteten aus ihrem Versteck heraus die vorbeifahrenden Sherman-Panzer, auf denen Mot-Schützen mit Maschinenpistolen im Anschlag hockten. Unter den Ketten der 30-Tonnen-Kampfmaschinen erzitterte die Erde. Als die afroamerikanischen Soldaten die neugierigen Jungen sahen und erkannte, dass von ihnen keine Gefahr ausgeht, warfen sie im Vorbeifahren Bonbons, Kaugummis und Schokolade auf die Hofmauer. Die Jungs trauten sich nun aus ihrem Versteck heraus und liefen zu den Erwachsenen in die Keller und riefen: "Ihr könnt rauskommen!" 17

Wenn die amerikanischen Truppen bei ihrem Vormarsch auf Widerstand stießen, weil letzte SS-Einheiten oder für den Volkssturm rekrutierte Hitlerjungen Deutschland noch bis zum letzten Blutstropfen retten wollten, schlug die Siegerarmee unbarmherzig zurück. Das passierte zum Beispiel an der zerstörten Saalebrücke bei Unterhasel. Oberhalb der Saalebrücke auf der Catharinauer Seite hatten sich zwei Hitlerjungen in einem "Verteidigungsstand" verschanzt und eröffneten das Maschinengewehrfeuer auf einen amerikanischen Spähtrupp, als dieser an der gesprengten Brücke einen Übergang suchte. Von der NS-Propaganda wurde die Saalelinie groteskerweise als großes Hindernis herausgestellt, die unter allen Umständen zu verteidigen sei. Die beiden Hitlerjungen glaubten daran, den Feind mit ihren lächerlichen Waffen noch aufhalten zu können, wo längst alle anderen Verteidigungsposten von Rudolstadt bis Zeutsch geräumt waren. Die Amerikaner zogen sich an der Unterhaseler Brücke kurz zurück und beschossen von der Mötzelbacher Höhe aus den Ort Catharinau mit Geschützen. Mehrere Gebäude wurden dabei in Brand geschossen und zerstört bzw. beschädigt. Den verblendeten Jugendlichen, die sich als Retter Deutschlands sahen, war ihr eigenes Leben egal und sie nahmen in Kauf, dass andere am letzten Tag des Krieges noch Haus und Hof und vielleicht auch ihr Leben verloren.

In Oberhasel blieb den Leuten fast das Herz stehen, als sie erfuhren, dass in der Nacht nach dem Einmarsch der Amerikaner ein auf der Flucht befindliches SS-Kommando im Schutze der Dunkelheit in das Kießling'sche Gehöft eingedrungen war, um sich zu verstecken. Im Morgengrauen sind sie wieder geräuschlos verschwunden. Hätte einer der unverbesserlichen Fanatiker einen Schuss abgegeben, wäre es wahrscheinlich zu einem Blutbad gekommen, bei dem sicher nicht nur die SS-Leute ihr Leben verloren hätten. 18

In den folgenden Tagen rollte eine nicht enden wollende Fahrzeugkolonne amerikanischer Militärlastwagen durch Oberhasel [und Kirchhasel]. Jeeps patrouillierten. Amerikanische Soldaten suchten mit einem Hund im Markttal nach versprengten deutschen Soldaten. Einmal fiel ein Schuss, man fand aber keine Leiche. Im Markttal wurden zwei Maschinenpistolen und zwei Panzerfäuste gefunden. Sie waren nicht weggeworfen, sondern fein säuberlich in Ölpapier eingewickelt und mit Laub zugedeckt. Wer die Waffen versteckt hatte, ist nicht herausgekommen. 19

Im Waldgebiet "Auf den Rödern" zwischen Oberhasel und Teichweiden fiel der vom Volkssturm nach Hause geschickte, nach Teichweiden zurückkehrende, fünfzehnjährige Horst Duphorn in die Hände von marodierenden Polen, die aus dem Arbeitslager des TAM Rudolstadt freigelassen worden waren. Sie hätten ihn vor Hass fast gelycht. Ein Pole erkannte ihn aber wieder. Horst Duphorn hatte den bettelnden Polen Wochen vorher Essen zugesteckt. Man ließ ihn deshalb laufen. 20

Der Landwirt Hermann Bloß wurde von der amerikanischen Besatzungsmacht als kommissarischer Bürgermeister der Gemeinde Kirchhasel eingesetzt.

Am 21.4.1945 verfügte die Siegermacht, dass niemand von 20 Uhr bis 6 Uhr sein Haus verlassen und sich tagsüber keine Person ohne Erlaubnis weiter als 6 km von seinem Wohnort entfernen durfte. Ansammlungen von mehr als 5 Personen in der Öffentlichkeit (außer zu Gottesdiensten) oder in Privatwohnungen zu Diskussionszwecken oder jede politische Betätigung waren verboten. Sendeapparate, Schusswaffen und Kriegsmaterial, Munition und Sprengstoff, Fotoapparate und Feldstecher mussten bei der Militärbehörde abgegeben werden. Jeglicher Nachrichtenverkehr wie Post-, Fernsprech-, Fernschreib- und Funkverkehr wurde eingestellt. Sogar das Freilassen von Tauben wurde untersagt. Die Tauben mussten entweder getötet oder ihre Flügel gestutzt werden. 21

Am 8. Mai 1945 unterschrieben die Generäle Jodel in Reims und Keitel in Berlin die bedingungslose Kapitulation der Wehrmachtsführung. Das Ende der bisher größten Katastrophe der Menschheit war damit besiegelt. In diesem zweiten Weltkrieg starben über 19 Millionen Soldaten und etwa 15 Millionen Zivilisten. In Kirchhasel war in fast jedem zweiten Haus ein Familienmitglied im Krieg gefallen oder wurde vermisst, insgesamt kamen 33 junge Männer aus Kirch- und Unterhasel nicht mehr nach Hause, und zwar: 22

Gerhard Anders gefallen-Karl Jäcksch-Werner Andert vermisst 1944-Oskar Kellner gefallen in Frankreich-Otto Berlt gefallen 26.08.1943-Hermann Knopp gefallen 02.07.1942-Werner Billing vermisst-Rudolf Knopp vermisst-Arthur Bloß gefallen 04.03.1944- Otto Knopp gefallen 14.02.1945-Edmund Bloß vermisst 1945 -Kurt Kwizinski abgestürzt 1944-Gotthilf Bräutigam gefallen 30.06.1944-Alfred Oelzner gefallen Mai 1945-Horst Cazin-Walter Oestreich gefallen 26.03.1945-Wilhelm Dehn gefallen 29.07.1944-Erich Romer gestorben 16.12.1945-Hans Franke gefallen 21.04.1945 in Jugoslawien-Werner Fritz vermisst 1943-Walter Roth vermisst 1945-Paul Hercher gefallen 08.09.1939-Willy Sann vermisst 1945-Arthur Hercher gefallen 1943-Otto Schwimmer vermisst 30.01.1943-Hermann Hercher gefallen-Arthur Weidmann vermisst 1944-Otto Herre gefallen 14.10.1942-Otto Wöllner vermisst 1943-Willy Herre gefallen 24.12.1944-Werner Heunsch gestorben 1946 in Gefangenschaft-Rudi Herre vermisst 1945

Deutschland lag unter 400 Millionen Kubikmetern Trümmern begraben. Kaum eine größere Stadt war von den Bombenangriffen der Alliierten verschont geblieben. Im schroffen Gegensatz zu den Ruinenfeldern der Großstädte sahen die Saaledörfer in lieblicher Landschaft liegend aus, als hätte es nie Krieg gegeben. Ungewöhnlich war nur, dass so viele schwarz gekleidete Frauen auf den Feldern arbeiteten und so wenige Männer zu sehen waren. Dass die Felder ausgelaugt waren und die Tierbestände im Krieg gelitten hatten, konnte der äußere Betrachter nicht erkennen. Doch was zählte das schon in einer Zeit, wo die meisten Menschen entwurzelt waren, in der Millionen ihr Zuhause, ihre Heimat verloren hatten. Was zählte das in einer Zeit, in der Familien vom Krieg auseinandergerissen waren, in der sich täglich armselige Menschenkolonnen über die Landstraßen schleppten - Flüchtlingstrecks und Evakuierte, Gruppen von Kriegsgefangenen, rucksackschleppende Hamsterer, alte Leute, Frauen und Kinder, hier und da auch die ersten Heimkehrer. Jeder Dritte, nach anderen Schätzungen sogar jeder Zweite war im Frühjahr und Sommer 1945 auf irgendwelchen Landstraßen unterwegs - auf der Suche nach einer Bleibe, nach Verwandten und Freunden, auf der Suche nach Lebensmitteln. In diesem Moment des totalen Zusammenbruchs durften sich Bauernfamilien glücklich schätzen. Sie gehörten zu den wenigen, denen noch ein Dach über dem Kopf geblieben war. Und was noch wichtiger war: Auf den Höfen brauchte niemand zu hungern. Die Versorgung der übrigen Bevölkerung war hoffnungslos zusammengebrochen. 23

Die ausländischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, die in fast allen Dörfern während des Krieges eingesetzt waren, um den Arbeitskräftemangel durch den Kriegsdienst der wehrfähigen Männer zu mildern 24, und auch die ausländischen Zwangsarbeiter des Torpedo-Arsenals, die an der Rudolstadt-Kirchhaseler Gemeindegrenze in einem Arbeitslager untergebracht waren, waren mit Beendigung des Krieges frei und wurden in den folgenden Wochen in ihre Heimat per Eisenbahn, soweit diese noch funktionierte, zurückgefahren. 25 Einige ehemalige Zwangsarbeiter haben ihrem lange angestauten Hass gegen ihre Unterdrücker nach der Befreiung freien Lauf gelassen. Vor allem die am schlimmsten gepeinigten Russen und Polen sind teilweise in Gruppen über das Land gezogen, haben Bauernhöfe überfallen sowie Lebensmittel und Vieh geplündert. Klaus Schaubitzer berichtete z.B., dass polnische Zwangsarbeiter des Torpedo-Arsenals Rudolstadt über den Berg nach Oberhasel kamen und mit vorgehaltener Waffe ein Schwein beim Oberhaseler Bauern Pfotenhauer herauspressten und schlachteten. Dann kamen sie zu Schaubitzers und wollten eine Kuh aus dem Stall führen. Der alte Albin Schaubitzer widersetzte sich in der Stalltür stehend mit der Mistgabel. Die Polen bedrohten ihn mit einem Gewehr ohne Schaft und mit kurzem Lauf. Albins Enkel Klaus Schaubitzer lief zum ehemaligen Ortsbauernführer Franz Fischer. Als dieser bei Schaubitzers erschien, schossen die Polen mit ihrem Gewehr in die Luft und verschwanden. Der Überfall wurde von dem bei Schaubitzers wohnenden Evakuierten einer vorbeikommenden amerikanischen Militärkontrolle gemeldet, die die fliehenden Plünderer verfolgte. Die folgenden Tage wurde das Dorf von amerikanischen Soldaten bewacht. 26

Die Versorgung der Bevölkerung in den Städten mit Lebensmitteln drohte zusammenzubrechen, weil sich das Fehlen der nicht mehr vorhandenen ausländischen Arbeitskräfte in der Landwirtschaft enorm bemerkbar machte. Die zum Kriegsdienst eingezogenen Bauern und ihre Söhne waren noch nicht heimgekehrt, viele kamen erst Jahre später, die letzten 1955 aus russischer Kriegsgefangenschaft, viele kehrten gar nicht mehr zurück. In dieser Situation wandte sich der neue, von den Amerikanern eingesetzte Rudolstädter Landrat Hertel am 17. Mai mit einem Aufruf "An die Bevölkerung des Landkreises Rudolstadt". Er rechnete mit dem NS-System ab und forderte zum Wiederaufbau und Neubeginn auf. Besonders die Landwirte rief er auf, in ihren Anstrengungen nicht nachzulassen. Die Ernährung bezeichnete er als nächste und größte Sorge. Der Aufruf endet mit den Worten: "Die Heimat in Not! Helft alle mit, Ihr dient Euch dadurch am besten! Unser Gesicht sei der Zukunft zugewendet! Unser ständiger Gedanke sei: Arbeiten und nicht verzweifeln!" Der Aufruf beinhaltete auch ein längeres Zitat aus der Proklamation Nr. 1 des amerikanischen Präsidenten Eisenhower "Wir kommen als ein siegreiches Heer, jedoch nicht als Unterdrücker!" 27

Ende Juni/Anfang Juli 1945 rückten die amerikanischen Truppen nach Westen ab. Entsprechend der Vereinbarung der Jaltaer Konferenz vom 4.-11. Februar 1945 über die Aufteilung Deutschlands nach der Vernichtung des NS-Staates rückte die sowjetische Armee ab 1. Juli schrittweise in Thüringen nach. Kirchhasel wurde am 3. Juli durch die Sowjetarmee besetzt. Infolge vieler Gerüchte über Gräueltaten (z. B.Vergewaltigung von Frauen) herrschte eine allgemeine "Russenfurcht", deshalb flohen noch kurz vor Einmarsch der neuen Besatzer einige Umsiedler und Evakuierte in panischer Angst zu Fuß nach Bayern in den amerikanischen Sektor, so z. B. eine Frau Laxner mit ihrem Baby, die nach der Evakuierung aus Berlin bei der Familie Alfred Bloß in Kirchhasel Nr. 35 (jetzt Zum Hirschgrund 15) lebte, und noch andere Leute.

Welche Angst die Dorfbewohner vor den sowjetischen Besatzern hatten, verdeutlichen auch folgende zwei kurze Episoden: In Oberhasel kamen eines Tages zwei russische Soldaten mit Maschinenpistolen in der Küche des Schaubitzer'schen Bauerngehöfts und verlangten "Jeika" (Eier). Die Hausherrin gab ihnen alle Eier, die vorhanden waren. Die Russen gingen mit ihrer Beute fort und alle Hausbewohner waren froh, dass den Frauen nichts weiter passiert war, es kursierten schlimme Berichte. Es gab aber auch Frauen, die mit den russischen Soldaten kooperierten - alle wollten irgendwie überleben. 28

Herr Rogoll, ein Elektronikspezialist, der seit 1943 im TAM Rudolstadt arbeitete und mit seiner Familie im Gemeindesaal Oberhasel wohnte, wurde von den russischen Offizieren, die im Gemeindesaal Kirchhasel untergebracht waren, immer gerufen, wenn deren Radio nicht mehr spielte. Er wagte nicht, dem Ruf nicht nachzukommen, befürchtete aber immer, dass die Russen ihn erschießen, wenn die Reparatur des Radioapparates nicht gelingt. Gott sei dank ging immer alles gut. Für seine Reparaturleistung bekam er als Lohn immer Lebensmittel. 29

Am 9. Juni 1945 erfolgte die Bildung der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD). Sie bestimmte den politischen Kurs in der SBZ und kontrolliert die deutsche Verwaltung. Mit dem Befehl Nr. 2 der SMAD vom 10.06.1945 wurden antifaschistisch-demokratische Parteien und Gewerkschaften zugelassen. Es kam zur Gründung der KPD (11.06.), SPD (15.06.), CDU (26.06.) und LDPD (05.07.), diesich am 14.07.1945 zur "Einheitsfront antifaschistisch-demokratischer Parteien (Antifa-Block) in der SBZ zusammenschlossen. Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund wurde am 15.06. und der Kulturbund am 03.07. gegründet. Am 16.07. nahm die regionale Sowjetische Militäradministration in Thüringen (SMATh)ihre Tätigkeit in Weimar auf und berief ein neues Landespräsidium und den parteilosen Rudolf Paul (seit 1946 SED) als Landespräsidenten. Am 20.08. wurde ihm die Gesetzgebungsgewalt im Land Thüringen übertragen. Die Landesverwaltung Thüringen als defacto-Landesregierung gründete sich am 01.09.1945 30

Im Landkreis Rudolstadt wurde der von den Amerikanern eingesetzte Landrat Hertel durch Paul Roth (KPD) erstetzt. Durch eine öffentliche Bekanntmachung trat dieser den "unbegründeten Gerüchten über den Abzug der russischen Besatzungstruppen und die Rückgliederung des Thüringischen Gebietes an die amerikanische oder englische Besatzungszone" entgegen. Er wies die Polizei und alle Gemeindebehörden an, gegen alle Gerüchtemacher aufs schärfste einzuschreiten, diese Personen festzunehmen und den russischen Kommandanten vorzuführen. Er wies weiterhin darauf hin, dass Plünderungen mit den schärfsten Strafen geahntet würden. 31

Als erstes und künftig einziges Presseorgan erschien am 12. Juli 1945 die "Thüringer Volkszeitung", Organ der KPD des Bezirks Thüringen mit Rudolstädter Lokalteil. Sie wurde im April 1946 in "Thüringer Volk" umbenannt, hieß ab 01.04.1950 "Das Volk" und ab 15.08.1952 "Volkswacht", Organ der Bezirksleitung Gera der SED.

Bis 15. Juli 1945 mussten alle Waffen (auch Jagdwaffen), Fotoapparate, Ferngläser, Radios und alle nazistischen Bücher abgeliefert werden, sofern sie nicht schon die Amerikaner eingezogen hatten.

"Im Radio wird immerfort zur Erntearbeit aufgerufen. ... wo es Not tut, muss mit Sense und Sichel gearbeitet und mit Menschenkraft eingefahren werden ... immer der dunkle Ton auf den drohenden Hunger. Der Hunger droht nicht - er ist wirklich da. Seit Wochen ist uns, ist aller Welt keine Fett-, keine Fleisch-, kaum eine Nährmittelmarke eingelöst. .. es gebe immer wieder Plünderungen und Ausschreitungen der Russen. ... die Russen schlachten das ganze Vieh ab ... die deutsche Polizei darf nichts dagegen tun." 32  Auch der Rudolstädter Landrat Paul Roth (KPD) beklagte in einem Bericht an den Thüringer Landespräsidenten Dr. Paul laufende Übergriffe russischer Soldaten und die insgesamt chaotischen Zustände im Landkreis Rudolstadt. 33

Bau einer Behelfsbrücke über die Saale bei Unterhasel durch sowjetische Soldaten. Über die noch stehenden Pfeiler der abgebrannten Brücke wurden Baumstämme gelegt und darauf Bretter und alte Türen genagelt. Der Brückenbelag war krumm und schief und hatte viele Lücken, außerdem war kein Geländer vorhanden, so dass die Überquerung recht gefährlich war.

Nach den Beschlüssen der Potsdamer Konferenz der drei Siegermächte vom 17. Juli bis 2. August zur Umsiedelung der deutschen Bevölkerung aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn stieg der Zustrom von Flüchtlingen und Vertriebenen laut Landtagspräsident Paul am 20.08.1945 "ins Unermessliche". Bis August waren es ca. 200.000, bis 1948 wurden von den 4,3 Millionen in die SBZ Umgesiedelten etwa 700.000 in Thüringen aufgenommen, das entsprach fast einem Viertel der thüringischen Bevölkerung. 34 Im Landkreis Rudolstadt betrug die Zahl der Flüchtlinge, Evakuierten und Vertriebenen ca. 17.000 bei einer einheimischen Bevölkerungszahl von 71.500. 35 Auch in Kirchhasel wurden in jedem Haus Flüchtlinge einquartiert, zum Teil wohnten auch noch Evakuierte in den Bauernhäusern, die am Ende des Krieges vor den Bomben aus den Großstätten geflohen waren. Welche Zustände zum Teil vorhanden waren, können die,die es nicht erlebt haben, nur schwer ermessen. In dem Kirchhaseler Haus Nr. 26 (jetzt Zum Hirschgrund 6), welches Frau "Rieke" Dietrich, geb. Schaubitzer aus Cumbach gehörte, wohnten zum Beispiel das evakuierte Ehepaar Menzer, die vertriebene vierköpfige Familie Wolf und die zehnköpfige Großfamilie Hiersche, die aus Teplitz (Sudetenland) kam. In dem ca. 10 x 6 m großen Haus lebten somit 16 Personen auf 2 Etagen. Ähnliche Verhältnisse gab es auch in anderen Häusern. Überall, wo nur ein Zimmer frei war,  wurden Flüchtlinge eingewiesen. Zu den sehr beengten Wohnverhältnissen kam noch, dass die Flüchtlinge keine Arbeit und damit keinen Brotverdienst fanden, weil die Industriebetriebe zum Teil zerstört waren undauch die Züge nicht mehr fuhren. Wer bei einem Bauern als Hilfskraft für ein paar Lebensmittel arbeiten konnte, hatte ein gutes Los gezogen.

Ein Umsiedler berichtet über diese Zeit: " Nicht alle eingesessenen Hasler hatten für die Umsiedler, von denen einige Haus und Hof verlassen mussten, einen herzlichen Willkommensgruß bereit. Es gab auch die üblichen Ausnahmen. Aber Auffassungen wie Die haben ja alle in Erdlöchern gewohnt oder die Hungerleiter wollen sich alle nur bei uns durchfressen waren leider auch verbreitet. Einige Bauern sahen esnicht gerne, dass auf ihren Feldern gestoppelt wurde, d.h. dass nach der Ernte liegengebliebene Ähren oder Kartoffeln aufgesammelt wurden. Mitunter setzte man auch den Hund ein, um die unliebsamen Gäste von den bereits abgeernteten Feldern zu vertreiben. Dem gegenüber stand eine herausragende soziale Leistungdes Ortes. Kindern von Umsiedlern wurde einmal in der Woche die Möglichkeit gegeben, bei einem Bauern eine warme Mahlzeit zu erhalten. Die Bauern machten das ganz unterschiedlich: einige Kinder wurden nur sonntags eingeladen, damit die Kinder auch Fleisch und Klöße bekamen. Andere Bauern bestimmten einen anderen Tag - da gab es schon mal neidische Blicke auf die Kloßesser, so dass mitunter untereinander getauscht worden ist." 36

Auch Klaus Schaubitzer aus Oberhasel, der zu dieser Zeit ein neunjähriges Kind war, berichtet in seinem Lebenserinnerungen darüber, dass die „Alten“ kein Verständnis für die Wohnungs- und Hungersnot der Kriegsvertriebenen hatten. Sie stellte die Flüchtlinge mit den Zigeunern gleich und behandelten sie auch so. 37

Das Reichsarbeitsdienstlager Kirchhasel löste sich nach Kriegsende selbst auf. Die arbeitspflichtigen Jugendlichen kehrten zu ihren Familien zurück. Die amerikanischen Besatzer hatten kein Interesse am Lager gezeigt, erst die sowjetische Besatzungsmacht beschäftigte sich eingehend mit dem noch intaktemBarackenlager und verfügte die Nutzung als Quarantänelager für Kriegsvertriebene, das erst 1948 aufgelöst wurde. 38 Der ehemalige Lagerleiter Oberstfeldmeister Turtenwald musste sein Wohnhaus am Rande des Lagers verlassen und mit seiner Familie in leer stehende Räume der ehemaligen Flockenfabrik umziehen. Herr Turtenwald fand anfangs eine Arbeit als Beifahrer in einem Baubetrieb. Später arbeitete er als Buchhalter in einem Volkseigenen Betrieb in Rudolstadt-Volkstedt. Er verstarb 75-jährig im Jahre 1977 in Rudolstadt. 39

Am 16. August fand auf Landkreisebene eine Bürgermeisterkonferenz mit Major Eschow wegen der Einbringung der Ernte statt. Der Politoffizier Trapesnikow nannte die Ostvertriebenen eine privilegierte Kaste von Faschisten. 40

Das Potsdamer Abkommen verfügte weiterhin, dass alle NS-Führer, -Beamte und Kriegsverbrecher und alle den Alliierten gegenüber feindlichen Elemente verhaftet und interniert werden sollten. Während in den Westzonen umfangreiche Fragebögen zur Unterscheidung von Hauptschuldigen, Schuldigen und Minderbelasteten, Mitläufern und Unbelasteten ausgegeben wurden, erfolgt die Entnazifizierung in derSBZ mit rigoroseren Mitteln. Oft reicht schon eine Denunziation, um verhaftet und im reaktivierten ehemaligen KZ Buchenwald inhaftiert zu werden oder manchmal auch auf nimmer Wiedersehen zu verschwinden. Schon während der Getreideernte sahen Kirchhaseler Einwohner mehrmals sowjetische Armeeautos in die Krumsche fahren und hörten anschließend Schüsse. Zuerst wurden Jagden oder Übungsschießen vermutet, bald kamen jedoch Gerüchte von Exekutionen politischer Gegner auf. Um den Gerüchten ein Ende zu machen, öffneten der amtierende Bürgermeister Hermann Bloß und einige Männer aus Kirchhasel im November einen frischen Erdhügel in der Krumsche und entdecken 6 männliche Leichen, die erschossen waren. Sie wurden mit einem Pferdefuhrwerk zum Kirchhaseler Friedhof gebracht und in der Leichenhalle auf dem Fußboden aufgebahrt. Nach der Meldung des Fundes an das Kreisamt wurde der Bürgermeister Hermann Bloß sofort zur sowjetischen Militäradministration gebracht und dort mehrere Stunden verhört.Seine Angehörigen fürchteten das Schlimmste und baten den sowjetischen Offizier, der im Pfarrhaus einquartiert war und gut deutsch sprach, um Hilfe. Dieser telefoniert auch den ganzen Tag mit den Militärbehörden, bis der eingeschüchterte Bürgermeister am Abend wieder gebracht wurde. Er machte keine Angaben über die stattgefundenen Gespräche, sondern forderte die anderen Männer auf, die Toten am nächsten Tag in aller Frühe auf dem Friedhof zu beerdigen, keine Nachforschungen über die unbekannten Toten und den Grund ihrer Erschießung anzustellen und absolutes Stillschweigen zu wahren. Alle sechs Toten wurden dann am nächsten Tag in einem gemeinsamen Grab neben dem Massengrab der Opfer des Flugzeugangriffs vom 05.04.1945 bestattet. Das Grab wurde noch jahrelang von Frau Röhmhild, Inhaberin eines Rundfunkgeschäftes in Rudolstadt, mit Blumen geschmückt, weil sie einen spurlos verschwundenen Familienangehörigen unter den Toten vermutete. Später entdeckte der Kirchhaseler Einwohner Reinhold Fischer noch einen weiteren Erdhügel in der Krumsche, der aber nicht untersucht, sondern gegenüber den Behörden bis zum Ende der Besatzerzeit verschwiegen wurde. 41

Am 1. Oktober 1945 wurde der am Ende des Krieges eingestellte Schulunterricht in den 3 Ober- und 85 Unterschulen des Kreises Rudolstadt wieder aufgenommen. Davon waren 44 Grundschulen 1-Klassen- Schulen, wie die Schule in Kirchhasel. Hauptaufgabe nach dem verlorenen Krieg war, das faschistische Gedankengut aus den Schulen auszumerzen. Zu diesem Zwecke wurde bereits vom Schulbeginn an mit neuen antifaschistischen Lehrkräften der Unterricht aufgenommen. Der Leiter der Kirchhaseler Schule, Oberlehrer Jahn, blieb vorerst im Amt. Am 1. Dezember 1945 wurde er jedoch durch den aus dem Sudetenland umgesiedelten Lehrer Gustav Müller (geb. 23.12.1890) abgelöst. Der neue Lehrer erhielt für seine Familie die Lehrerwohnung in der Schule. Seine Aufgabe war nicht einfach: 78 Schüler und Schülerinnen der vierten bis achten Klasse unterrichtete er vormittags in dem einzigen Klassenzimmer der Schule, das für so viele Kinder viel zu klein war. Einer von ihnen war Klaus Schaubitzer aus Oberhasel. Er berichtete, dass er in der letzten Bankreihe vor der Tür saß. Wenn jemand ins Klassenzimmer hinein oder aus ihm hinaus wollte, mussten alle Schüler der letzten Bankreihe aufstehen, die Bank unter die vordere Bank schieben, damit die Klassenzimmertür geöffnet werden konnte. Der Unterricht erfolgte so, dass der Lehrer sich nacheinander mit jeweils einer Klasse mündlich beschäftigte, während die anderen Klassen schriftliche Aufgaben zu erledigen hatten. Eine Aushilfslehrerin aus Rudolstadt unterrichtete am Nachmittag 42 Kinder der Klassen eins bis drei nach dem gleichen Schema. Das Schulamt in Rudolstadt beauftragte Herrn Müller außerdem, dreimal in der Woche auch die Kinder in Kolkwitz zu unterrichten. 42 (Bild 38)

"Die Radiosender sind erfüllt von der Revolutionsfeier der Russen (7. Okt. 1917). Die Deutschen kriechen den Russen tief in den A..., bisweilen (Rede der Christlichen Union!) auf komisch gewundene Weise. Vieles, vielleicht das Meiste, was Gutes über die Russen gesagt wird, mag wahr sein: die Humanität, das Recht, der Erfolg der bolschewistischen Grundgesinnung. Aber uns hier wird doch durch Not, Verwaltungschaos, tägliche Ausschreitungen, Willkürakte einzelner Kommandanten, amtliche Plünderungen andauernd demonstriert, dass faktisch die Dinge ganz anders als im Radio beschaffen sind. Woraus große Bitterkeit und Gefahr für die Zukunft entsteht." 43

Am 10 September 1945 wurde das Gesetzes über die Bodenreform im Land Thüringen verabschiedet, das vorsah, den Grundbesitz von Betrieben mit mehr als 100 ha sowie den Boden aller Nazi- und Kriegsverbrecher entschädigungslos zu enteignen und an landarme und landlose Bauern, Landarbeiter und Umsiedler zu verteilen. Dieser von der SMATh erzwungenen Übernahme der provinzsächsischen Muster-Verordnung vom 3.9.1945 gingen heftige Auseinandersetzungen und der gescheiterte Versuch der Landesverwaltung voraus, ein eigenes Bodenreformgesetz nach rechtsstaatlichen Kriterien zu erlassen.44 Unmittelbar nach dem Beschluss des Gesetzes wurden in den Gemeinden und auf Kreisebene Bodenreform-Kommissionen gegründet, die am 30.09.1945 zu ihrer ersten gemeinsamen Sitzung in der Kreisstadt Rudolstadt zusammenkamen und die Durchführung der Reform berieten. Von Ende September 1945 bis Juni 1947 wurden im Kreis Rudolstadt insgesamt 3010,74 ha Land einschließlich des Waldes enteignet und aufgeteilt. Davon stammten 2356,81 ha aus der Enteignung von 11 Privatwirtschaften mit mehr als 100 ha (so z. B. von den Gütern in Großkochberg, Kuhfraß, Niederkrossen u. a.), 371,66 ha aus der Aufteilung von 5 staatlichen und städtischen Domänen (z. B. Weitersdorf) und 282,24 ha aus der Enteignung von 14 Bauernwirtschaften mit weniger als 100 ha, die aktiven Nationalsozialisten gehörten. In Kirchhasel wurden die Landwirtschaftsbetriebe des ehemaligen NS-Bürgermeisters Hildebert Schilling und des NS Ortsbauernführers Otto Eberhardt konfisziert und an Heimatvertriebene zur Bewirtschaftung übergeben.Insgesamt erhielten im Kreis Rudolstadt 284 landarme Bauern 741,04 ha, 99 Landarbeiter und landlose Bauern 676,10 ha, 53 Umsiedler 434,23 ha, 37 Landgemeinden 715,55 ha und sonstige Personen, Behörden und Schulen 443,82 ha Land. Die Struktur der Landwirtschaftsbetriebe verändert sich vor allem zu Gunsten der Kleinbetriebe unter 5 ha (1939: 4045 Betriebe, 1947/48: 4978 Betriebe). Bei der Bodenreform verschwanden im Kreis Rudolstadt nicht nur alle Wirtschaften mit mehr als 100 ha, es verringerte sich auch die Zahl der Wirtschaften zwischen 5 und 100 ha von 1695 (1939) auf 1254 (1947/48). 45

Die Bodenreform war nicht mit der Übergabe des Landes, der Tiere und der Immobilien beendet. Um die in der Betriebsführung unerfahrenen Neubauern und Kleinlandwirte zu unterstützen, erließ die Landesverwaltung Ende Oktober 1945 die Verordnung über die Bildung von Ausschüssen der gegenseitigen Bauernhilfe (ab Nov. 1947 Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe - VdgB). Wann ein solcher Ausschuss in Kirchhasel gegründet wurde, ist nicht bekannt, Anfang 1946 sollen aber in allen 105 Gemeinden des Kreises Rudolstadt diese Ausschüsse vorhanden gewesen sein und es wurden die ersten Maschinen- und Geräte-Ausleihstationen eingerichtet, z. B. in der ehemaligen Hartwig'schen- Traktorenfabrik in der Jenaischen Straße in Rudolstadt gegenüber der ehemaligen Glockengießerei, die nach dem Konkurs der Schlepperproduktion im Jahre 1938 von der Raiffeisengenossenschaft gepachtet wurde. 46 Die VdgB versorgte die Landwirte auch mit Saatgut und Düngemittel. In Kirchhasel wurde die ungenutzte Scheune des Gehöftes Nr. 26 (jetzt Zum Hirschgrund 6) als Düngerlager verwendet. Die KPD/SED-nahe VdgB hatte aber nicht nur die Aufgabe, den Bauern fachliche und materielle Hilfe zu geben, sondern sie auch zu organisieren und politisch zu schulen. Die VdgB stellte bei den Wahlen neben den Parteien eigene Kandidaten auf.

Am Jahresende 1945 wurde der Pennäler Leopold Turtenwald, Sohn des ehemaligen RAD-Lager- Kommandanten und selbst ehemaliger Führer der Kirchhaseler Ortsgruppe der Hitlerjugend von 1942-1945, unter der unbegründeten Anschuldigung der "Wehrwolfaktivität" in der Kirchhaseler Wohnung verhaftet,sechs Monate ohne Prozess im Gefängnis Saalfeld ("Hutschachtel") festgehalten, anschließend ins ehemalige KZ Buchenwald bei Weimar gebracht, das die sowjetische Geheimpolizei NKWD seit August 1945 als "Speziallager Nr.2" von insgesamt 11 Lagern in der SBZ zur Inhaftierung von ehemaligen NS Funktionären, Wehrmachtsangehörigen und willkürlich denunzierten Personen betrieb. Im Unterschied zu dem vormaligen KZ wurde hier zwar keine geplante systematische Vernichtung der Inhaftierten betrieben, allerdings waren die Lebensbedingungen so katastrophal, dass von den insgesamt 28.000 Inhaftierten dieses Lagers ca. 7.000 Menschen an den Folgen der Haftbedingungen (Seuchen, Kälte, Hunger) starben. 47 Das Lager war keine Arbeitslager wie das vormalige KZ, sondern diente als Reservoir für deutsche Zwangsarbeiter, die zu tausenden in die UdSSR deportiert wurden. Auch Leopold Turtenwald, jung, gesund und kräftig, wurde hier ausgewählt und in einer 43-tätigen Zugfahrt im Güterwaggon mit 1700 Mitgefangenen nach Karaganda bei Baikonur/Kasachstan in ein Zwangsarbeitslager gebracht. Erst im April 1949 wurde er wieder nach Kirchhasel entlassen. 48

Am 11. Dezember 1945 stellte der aus Teplitz vertriebene, ehemals selbstständige Kolonialwarenhändler Gustav Hiersche den Antrag zur Eröffnung eines Lebensmittelladens in Kirchhasel. Er richtete im darauf folgenden Jahr vorerst ohne Genehmigung, jedoch mit Duldung der Kreisbehörde in einem Lagerraum der Gaststätte "Zum Hirsch" eine kleine Verkaufsstelle ein und begann diese zu betreiben. 49 1947 zog die Familie Hiersche in die Räume über den Laden und blieb dort 30 Jahre wohnen. 50

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1 Der Bericht über das Kriegsende in Kirchhasel wurde vom Kirchhaseler Ortschronisten am 22.07.2018 nach telefonischem Kontakt für Herrn Hans Westphalen in Hamburg zusammengestellt und an ihn verschickt (siehe Bemerkung 7). Später wurde der Bericht noch noch bis zum Jahresende 1945 erweitert.
2 F.-E. Wilde: Rudolstadt und das Jahr 1945, herausgegeben von der Stadtverwaltung Rudolstadt in der Reihe „Rudolstadt & …“ Heft 17
3 E. Pätz: Zum Kriegsende 1945 in Rudolstadt (aus dem Tagebuch des J. Krüger 1945); RHH 45 (1999), S. 30
4 Thüringer Gauzeitung vom 8.3.1945
5 W. Müller: Frühjahr 1945 - Der Krieg im Raum Saalfeld-Rudolstadt nähert sich seinem Ende. RHH 43(1997) S. 5
6 W. Müller: Frühjahr 1945 - Der Krieg im Raum Saalfeld-Rudolstadt nähert sich seinem Ende. RHH 43(1997) S. 5
7 Brief von Hans Westphalen vom 31.08.2018 an den Autor Jürgen Weyer. Hans Westphalen war im Februar 1945 mit seinem Schulfreund Günther Keil (beide Jg. 1931) und anderen Klassenkameraden aus seiner Heimatstadt Hamburg aufgrund des zunehmenden Bombenterrors durch die sogenannte Kinderlandverschickung nach Gösssweinstein i. d.
Fränkischen Schweiz in vermeintliche Sicherheit gebracht worden. Als sich im März 1945 die Front näherte und schon Kanonendonner zu hören war, reisten beide Freunde mit Genehmigung ihrer Mütter und der Erzieher per Zug wieder nach Hamburg zurück. Dabei er- und überlebten sie den Tieffliegerangriff bei Kirchhasel.
8 Klaus Schaubitzer: Aus meinem Leben. Handgeschriebenes Manuskript in Familienbesitz, Oberhasel, 2016/17
9 E. Pätz: Zum Kriegsende 1945 in Rudolstadt (aus dem Tagebuch des J. Krüger 1945); RHH 45 (1999) S. 30
10 G. Werner: Geschichte der Stadt Saalfeld, Bd 4 1933-1990, Saalfeld 1998
11 E. Pätz: Zum Kriegsende 1945 in Rudolstadt (aus dem Tagebuch des J. Krüger 1945); RHH 45 (1999) S. 30
12 Klaus Schaubitzer: Aus meinem Leben. Handschriftliches Manuskript in Familienbesitz, Oberhasel 2016/17 Zur Erinnerung an diesen Todesmarsch ist in Zeutsch 1985 eine Gedenkstele aufgestellt worden.
13 P. Lange: Zum Ende des 2. Weltkrieges in Thüringen, RHH 43(1997) H.7/8, S. 174-176
14 W. Müller: Frühjahr 1945 - Der Krieg im Raum Saalfeld-Rudolstadt nähert sich seinem Ende
RHH 43(1997) H. ½, S. 5-10
15 Bärbel Probert-Wright: An der Hand meiner Schwester; Knauer Taschenbuchverlag, 2008
16 Nach einer mündlichen Information der Augenzeugin Helene Görl, geb. Kießling, Kirchhasel
17 Klaus Schaubitzer: Aus meinem Leben. Handschiftliches Manuskript in Familienbesitz, Oberhasel 2016/17
18 ebenda
19 ebenda
20 ebenda
21 Bekanntmachung der amerikanischen Militärregierung vom 21.4.1945 an die Zivilbevölkerung, Thür. Hauptstaatsarchiv Weimar, Ministerium für Volksbildung, vorl. Nr. 22, veröffentlicht in Beiträge zur Geschichte Thüringens – Dokumente und Materialien 1945-1950, herausgegeben von der SEDBezirksleitung Erfurt 1967
22 Die Liste der im 2. Weltkrieg gefallenen oder vermissten Kirch- und Unterhaseler wurde von Harry Bohne und Waltraud Weyer am 28.02.1990 für die Errichtung eines Gedenk- und Mahnmales erstellt
23 G. Strotdrees: Höfe, Bauern, Hungerjahre – Aus der Geschichte der westfälischen Landwirtschaft 1890-1950 Landwirtschaftsverlag Münster-Hiltrup 1998 (3.Auflage) S. 200-201
24 Im August 1943 sollen 53 % aller Arbeitskräfte der Thüringer Landwirtschaft Ausländer gewesen sein; ohne diese Arbeitskräfte wäre die deutsche Landwirtschaft zusammengebrochen. Obwohl es in der NS-Zeit verboten war, ein persönliches Verhältnis zu den Ausländern herzustellen - zusammen mit den Bauernfamilien durften sie z.B. nicht am selben Tisch essen - wurden sie doch in den meisten Betrieben anständig wie deutsche Knechte behandelt und ausreichend mit Lebensmitteln versorgt. Es gab aber auch Parteigenossen, wie den Kirchhaseler Nazi-Bürgermeister Hildbert Schilling, die ihre zugewiesenen ausländischen Arbeitskräfte unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten ließen und diese wie das Vieh behandelten und schlugen.
25 Nach der Einstellung des Eisenbahnverkehrs auf der Saalebahnstrecke infolge der Bombardierungen der Bahnhöfe Saalfeld und Jena sowie des Ortes Volkstedt im April 1945 konnte schon ab 22. Mai 1945 der Zugbetrieb mit einer Dampfspeicherlok der Thüringer Zellwolle AG vorerst zwischen Bad Blankenburg und Orlamünde wieder aufgenommen
werden. Nur unter großen Anstrengungen gelang es den Eisenbahnern, die Strecke zwischen Naumburg u. Saalfeld bis zum 15. Oktober 1945 wieder befahrbar zu machen. Ab 09.03.1946 war der durchgehende elektrische Zugbetrieb zwischen Weißenfels und Probstzella wieder möglich, allerdings nur zwanzig Tage, dann erfolgte die Demontage der Elektroleitungen
26  Klaus Schaubitzer: Aus meinem Leben. Handschiftliches Manuskript in Familienbesitz, Oberhasel 2016/17
27 Nachrichtenblatt vom 19. Mai 1945, Amtsblatt sämtlicher Behörden des Landkreises Rudolstadt
28 Klaus Schaubitzer: Aus meinem Leben. Handschiftliches Manuskript in Familienbesitz, Oberhasel 2016/17
29 Mündlicher Bericht seines Sohnes Achim Rogoll im Dezember 2017. Dr.-Ing. Achim Rogoll ist heute Rentner und wohnt in Cottbus.
30 Geschichte in Daten – Thüringen, Koehler & Amelang Verlagsgesellschaft München/Berlin 1995
31 Nachrichtenblatt vom 18. Juli 1945, Amtsblatt sämtlicher Behörden des Landkreises Rudolstadt
32 Victor Klemperer: Das Tagebuch 1945-1949 Eine Auswahl, Aufbau Taschenbuch Verlag Berlin 2003
33  F.-E. Wilde: Rudolstadt und ddas Jahr 1945, herausgegeben vom der Stadtverwaltung Rudolstadt in der Informationsreihe „Rudolstadt & …“ November 2005
34  Geschichte in Daten – Thüringen, Koehler & Amelang Verlagsgesellschaft München/Berlin 1995
35 F.-E. Wilde: Rudolstadt und ddas Jahr 1945, herausgegeben vom der Stadtverwaltung Rudolstadt in der Informationsreihe „Rudolstadt & …“ November 2005
36 Dr. D. Willenberg im Brief vom 19.8.2005 zum Buch „Geschichte der Haseldörfer“
37 Klaus Schaubitzer: Aus meinem Leben. Handschriftliches Manuskript im Familienbesitz, Oberhasel 2016/17
38 Das ehemalige RAD-Lager Kirchhasel wurde 1948 abgerissen, danach eroberte sich die Natur das Gelände zurück. Heute, ein halbes Jahrhundert später, sind im Gebüsch und unter Dornenhecken noch die zerbröckelten Betonbodenplatten der Baracken und Reste der Treppenanlagen zu entdecken.
39 Zeitzeugenbericht des Leopold Turtenwald über seinen Vater Oberstfeldmeister Leopold Turtenwald, erfasst von Wilfried Hiersche, Uhlstädt am 12.11.2002
40  F.-E. Wilde: Rudolstadt und ddas Jahr 1945, herausgegeben vom der Stadtverwaltung Rudolstadt in der Informationsreihe „Rudolstadt & …“ November 2005
41 nach einem Gespräch des Ortschronisten Jürgen Weyer mit den Augenzeuginnen Elfriede Breternitz (geb. Bloß, Tochter des damaligen Bürgermeisters Hermann Bloß), mit Waltraud Weyer (geb. Bloß) und Margot Tschada (geb. Schoß) im Jahre 1988
42 schriftliche Information von Frau Edith Hübner, Saalfeld (Tochter des Lehrers Gustav Müller) Aug. 2004
43 Viktor Klemperer: Das Tagebuch 1945-1949 – Eine Auswahl, Aufbau Taschenbuch Verlag Berlin 2003, S.59
44 Geschichte in Daten – Thüringen, Koehler & Amelang Verlagsgesellschaft München/Berlin 1995
45 G. Beer: Gedanken zum 20. Jahrestag der demokratischen Bodenreform, RHH 11. Jg. (1965) S. 189-197
46 G. Beer: Gedanken zum 20. Jahrestag der demokratischen Bodenreform, RHH 11. Jg. (1965) S. 189-197
47 Internetinformationen der Nationalen Gedenkstätte KZ Buchenwald, Weimar, Stand 24.02.2004
48 Zeitzeugenbericht des Leopold Turtenwald , erfasst von W. Hiersche, Uhlstädt am 12.11.2002. Eine ausführliche Beschreibung kann in R. Butters/H. Metzel: Jedem das Seine? Verlag G.Arzberger, Selb-Oberweißenbach 2004, nachgelesen werden
49 Das genaue Datum der Geschäftseröffnung konnte nicht ermittelt werden. Nach Auskunft des Sohnes, Herrn Wilfried Hiersche, war die erste Eintragung im Gesundheitspass vom 19.9.1946
50 Alle Angabe zur Familie Hiersche stammen von Herrn Wilfried Hiersche, dem Sohn des Ehepaares Gustav und Elfriede Hiersche, der im Jahre 1999 in Uhlstädt, Rudolstädter Straße 185 wohnte.