Darum Frieden
Ein Weihnachtswunder 1945
Ein Erlebnisbericht
04. Dezember 2020 – von Peter Manzke

Der Zweite Weltkrieg hat vielen Menschen unsägliches Leid zugefügt. Seit meiner Kindheit (Jahrgang 1948) bin ich geprägt durch das Leid, das meinen Eltern widerfahren ist. Ich will die Erfahrungen meiner Mutter herausgreifen. Sie (Jahrgang 1928) lebte in Breslau und hatte dort eine sehr schöne Kindheit erlebt, wie sie uns immer wieder erzählt hat.

Der Zweite Weltkrieg beendete jäh die schöne Zeit und all die Erinnerungen. Sie musste ihre Heimat verlassen, ihre beiden Brüder fielen im Krieg. Bei allem Schmerz, den meine Mutter erleiden musste, hat sie mir von einem Wunder berichtet, das ich hier erzählen will.

Dezember 1945, kurz vor Weihnachten.- Der Krieg mit all seinen Schrecken war bereits seit Mai zu Ende, doch für die Heimatvertriebenen aus den deutschen Ostgebieten begann das große Suchen nach den Angehörigen und einem neuen Zuhause. Die Grenzen an der Oder-Neiße-Linie waren geschlossen und Schlesien unter polnische Verwaltung gestellt.

Ich war als Säuglings-Schwesternschülerin mit dem Säuglingsheim, ungefähr 150 Kindern im Alter von 8 Wochen bis zu 3 Jahren, evakuiert worden. Es waren Kinder berufstätiger Mütter. Die Frauen waren verpflichtet, in Breslauer Rüstungsbetrieben zu arbeiten. Ihre Kinder wurden wegen der vielen Fliegeralarme rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Erst ins Riesengebirge, ein halbes Jahr später, als die Rote Armee beängstigend näher rückte, weiter ins Sudetenland. Einen Tag vor dem  Zusammenbruch waren wir wieder unterwegs, mit fünf Bussen in Richtung Marienbad, wo angeblich schon die Amerikaner sein sollten. Doch bis dahin kamen wir nicht mehr.

Im Hof einer Brauerei, mit zehn Mann tschechischer Bewachung zu unserem Schutz, verbrachten wir die Nacht im Bus. Morgens wurden wir, falls überhaupt jemand ein Auge zugemacht hatte, vor Angst hellwach durch den Lärm herannahender Panzer. Die Russen hatten uns überrascht. Wir bekamen Anweisung, die Busse ohne unser Gepäck zu verlassen. Die Kinder wurden in ein Hilfskrankenhaus gebracht, wir, das Personal, wurden nicht übernommen. Wir durften uns, mittellos, nur mit dem was wir auf dem Körper trugen, in Richtung Heimat, was für uns Breslau hieß, in Bewegung setzen.

Durch Mundpropaganda erfuhren wir von den geschlossenen Grenzen. Wie sollte ich da meine Familie finden? Wir gingen nach Cottbus. Alle Verwandten waren im Osten ansässig, im Westen kannten wir niemand. Mein Vater war 1939 an einem Herzinfarkt gestorben, meine beiden Brüder sind 1943 und 1944 gefallen. Meine Mutter war Postangestellte und durfte die Stadt Breslau, die von den Nationalsozialisten zur Festung erklärt war, nicht verlassen. Zum Glück war meine Schwester bei mir.

Eines Tages erinnerten wir uns an den Besuch einer Cousine. Wir waren noch Kinder, als sie uns aus Brasilien kommend, besuchte. Sie wohnte in der Nähe Hamburgs, auch das Wort „Luhe“ war mir irgendwie im Gedächtnis geblieben. Zur Weihnachtszeit, wenn man besonders lieben Menschen gedenkt, adressierte ich einfach eine Karte mit dem Namen meiner Cousine und der Ortsbezeichnung „Hamburg Luhe“. Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass diese Karte ihr Ziel erreichen würde. Fassungslos war ich als der Postbote ein paar Wochen später einen Brief unserer Verwandten aus Winsen an der Luhe überbrachten. Sie beschwor uns, so schnell wie möglich zu ihr zu kommen. Die Behörden hatten Verständnis für unsere Situation und ließen uns von Cottbus in der sowjetisch besetzten Zone, nach Winsen/Luhe, in die britisch besetzte Zone ausreisen.

Wenn man bedenkt, dass Hamburg und Winsen an der Luhe fast 50 km voneinander entfernt sind, grenzt das an ein Wunder. Diese Weihnacht 1945 blieb mir unvergesslich und ich bin dem unbekannten Postler dankbar, der die Weihnachtskarte in die richtige Richtung sortierte.

Nachtrag des Autors:

Die zwei Brüder meiner Mutter fielen im Krieg. Ein Bruder starb mit 22 Jahren in Tunesien, der andere mit 19 Jahren in Frankreich. Bei einem Frankreich-Urlaub im Jahre 2018 besuchte ich sein Grab auf dem Soldatenfriedhof Saint-André-de-l’Eure (Normandie). Er starb einen Tag nach seinem 19. Geburtstag. Die Friedhofsanlage ist eindrucksvoll und sehr gut gepflegt, mit Hilfe der Kriegsgräberfürsorge.

Was hätte mein Onkel alles noch erleben können? Mir kam bei dem Anblick seines Steinkreuzes viele Gedanken hoch und ich schrieb in das ausgelegte Gästebuch spontan „Nie wieder Krieg“.