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Kriegsende in Herleshausen 1945 mit der Befreiung sowjetischer Kriegsgefangener
Dorf in Osthessen bleibt dank eines jüdischen Herleshäusers in US-Uniform verschont
30. April 2020
  • Darum Frieden

Schon Anfang 1945 war erkennbar, dass dieser Krieg bereits verloren war und man durch Kapitulation die Anzahl der Kriegsopfer deutlich hätte verringern können. Die Lufthoheit über Deutschland hatten die Alliierten bereits übernommen, tagsüber waren immer häufiger US-Jagdflugzeuge über deutschem Boden in Einsatz. Sie verbreiteten durch ihr unverhofftes und plötzliches Auftauchen auch im Raum um Herleshausen im Werra-Meißner-Kreis Angst und Schrecken.

Am Montag, den 19. März 1945, wurde nachmittags westlich von Herleshausen ein Personenzug beschossen, wobei es viele Tote gab – darunter eine im neunten Monat schwangere Frau aus Obersuhl, deren Baby diesen Angriff ebenfalls nicht überlebt hat.

Schon am Karfreitag (30.3.1945) erreichten die Amerikaner abends Bad Hersfeld. Die deutsche Wehrmacht zog sich hastig in Richtung Osten zurück, um entlang der Werra eine neue „Hauptkampflinie“ aufzubauen. Dazu wurden – auch in unserer Region – alle Werrabrücken gesprengt.

Lager-Wachpersonal abgezogen
Am Ostersamstag (31.3.1945) rückten die Amerikaner dann bis Bosserode vor (heute: Gemeinde Wildeck). Es ist anzunehmen, dass spätestens an diesem Tag auch das deutsche Wachpersonal (einschließlich Lagerarzt) aus dem "Seuchenlager" für sowjetische Kriegsgefangene am Ortsrand vom Herleshausen abgezogen und vermutlich einer Einheit der neuen Hauptkampflinie unterstellt wurde. Auch einzelne versprengte und zurückweichende deutsche Soldaten wurden von der Feldgendarmerie hier im Ort „aufgefangen“ und in Richtung Creuzburg in Marsch gesetzt. 

In den frühen Morgenstunden des Ostersonntags (1.4.1945) setzten amerikanische Einheiten mit ihren Panzern den Vorstoß auf der damals noch nicht fertig gestellten Autobahn (A 4) in Richtung Herleshausen fort. Bei Sallmannshausen wurden sie in Kampfhandlungen mit einer dort verschanzten Waffen-SS-Einheit verwickelt. Sallmannshausen wurde dabei zu 85 Prozent zerstört. In Wommen kam es zu einzelnen kleineren Gefechten, wobei zwei deutsche Panzer zerstört wurden und vier deutsche Soldaten gefallen sind.

Panzer auf der Werra-Brücke
Auch in Herleshausen waren zu dieser Zeit noch vereinzelt Wehrmachtsangehörige anzutreffen, die mit drei Panzern aus geschützten Stellungen heraus die Amerikaner unter Feuer nahmen. Zwei weitere Panzer rückten über die Werrabrücke bei Lauchröden vor. Sollte Herleshausen das gleiche Schicksal erleiden wie Sallmannshausen oder später Hörschel, Spichra und Creuzburg?

Es ging dann alles sehr schnell: Die militärische Überlegenheit der Amerikaner setzte die wenigen deutschen Panzer und weitere Militärfahrzeuge außer Gefecht. „Nur“ drei Wirtschaftsgebäude im Ort brannten durch Beschuss ab, etwa zehn deutsche Soldaten, aber auch mindestens zwei US-Soldaten kamen bei diesen Kampfhandlungen ums Leben. 

Orgelklänge statt Ostergeläut
Warum wurde Herleshausen trotz des Widerstands der deutschen Wehrmacht nicht zerstört? Lag es am Ostersonntag? Die Glocken hatten allerdings nicht zum Gottesdienst geläutet. Nur Kantor Johannes Schwertzel, der einige Zeit als politischer Gefangener in Schutzhaft gewesen war, war bereits am frühen Morgen in die Kirche gegangen und hatte – so wurde erzählt – pausenlos die Orgel gespielt, bis die Gefahr vorüber war.

Herleshausen hatte wohl einen weiteren Schutzengel: Zu den ersten US-Einheiten, die unser Dorf erreichten, gehörte der Stabsoffizier Kurt Neuhaus, der 1913 in Herleshausen geboren worden war. Als es für ihn als Jude in der NS-Zeit hier unerträglich wurde, ist er 1937 in die USA geflohen. Er hatte sich bei seinem Vorgesetzten dafür eingesetzt, dass man doch sein „Heimatdorf“ verschonen möge, was dann wohl auch geschehen ist. Straße für Straße rückten nun die US-Soldaten vor und prüften, ob noch Gefahren durch zurückgebliebene deutsche Soldaten bestehen würden. Dennoch blieb Herleshausen auch am nächsten Tag im unmittelbaren Frontbereich der kämpfenden Truppen.

Befreiung der sowjetischen Kriegsgefangenen

Am Ostersonntag war auch für die im "Seuchenlager" Inhaftierten der Krieg zu Ende. Auffallend ist – dass im Gegensatz zu früheren Einträgen im Lazarettkrankenbuch – am 7. und 8. März 1945 insgesamt 45 Patienten zurück in die jeweiligen „Arbeitskommandos“ entlassen worden waren. Gleichzeitig waren aber im März auch 79 Neuzugänge registriert worden, die aus verschiedenen Bereichen des „Stalag IX“ (Stammlager) gekommen waren. Ein Zusammenhang mit dem Vormarsch der US-Armee lässt sich daraus nicht ableiten.

Im Lager wurden im Januar 45, im Februar 44 und im März 76 Todesfälle registriert. Addiert man die Anzahl der Einträge im Lazarettkrankenbuch, hinter denen kein Vermerk „entlassen am …“ oder „gestorben am …“ steht (einmal ist auch „geflohen“ vermerkt), müssten sich Ende März noch 257 erkrankte sowjetische Kriegsgefangene im Lager befunden haben. Ob das stimmt, wird man wohl nicht überprüfen können. Die Kapazität des Lagers war auf etwa 300 Patienten ausgelegt.

Befreite schleppten sich ins Dorf
Am Morgen des Ostersonntags wurde das Tor zum "Seuchenlager" geöffnet. Ob dies durch die US-Streitkräfte geschehen ist, belegen deren Kampfberichte nicht. Vielleicht haben die sowjetischen Kriegsgefangenen das Lagertor selbst geöffnet und sich – soweit sie gesundheitlich dazu in der Lage waren – auf den Weg ins Dorf begeben.

Als die Herleshäuser gegen Mittag und in den frühen Nachmittagsstunden aus ihren Verstecken im Wald und in Nachorten in ihre Häuser zurückkehrten, bemerkten etliche, dass „jemand“ im Haus gewesen war, nach Lebensmitteln gesucht und diese auch entwendet hatte.

Augenzeugin berichtet
Berta Schellenberg, die für ihre Verdienste um die hiesige Kriegsgräberstätte zu ihrem 80. Geburtstag vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge eine hohe Auszeichnung bekommen hat, erzählte:
„Als am 1. April 1945 der Krieg auch über unser Dorf rollte, wurden die sowjetischen Kriegsgefangenen von den Amerikanern befreit. Die deutschen Wachposten waren bereits ‚abgehauen‘. Nun ging es wie ein Lauffeuer durchs Dorf. ‚Die Russen sind frei!‘ Alle Leute verriegelten ihre Türen, denn wir dachten ja, die Russen bringen uns jetzt um. Mutter versteckte mich im Keller, aber als ich Mutter zum Großvater sagen hörte: ‚Sie kommen!‘, kam ich doch heraus.

Was wir da sahen, war ein Bild des Grauens. In ihren zerlumpten Uniformen schlurften sie langsam durch die Gassen, von Krankheit gezeichnet. Ich glaube, noch mehr vom Hunger. Sie konnten kaum laufen. Vom Stubenfenster aus sahen wir, wie einer unser Hoftor öffnete, zur Haustür kam und klopfte. Genau so laut klopfte auch mein Herz vor Angst. Aber Mutter sagte ruhig, ich solle zurückgehen, und machte auf.

Bettzeug zum Tausch fürs Überleben
Der Russe hielt sein Bettzeug hin, das war wohl alles, was er hatte, und zeigte auf seinen Mund. Er wollte sein Bettzeug gegen Essen tauschen. Mutter lief in den Keller, wo unser Vorratsschrank stand, holte Brot, Speck und Eier und gab es ihm. Sie wollte sein Bettzeug nicht nehmen, aber er drückte es ihr in die Hand, murmelte etwas und ging.“

Jeweils ein kleines Stück von diesem Bettbezug überreichte Berta Schellenberg gerne Angehörigen, die den Friedhof in den vergangenen Jahren besucht haben. Es könne ja sein, dass der Vater oder Großvater (inzwischen vermehrt schon der Urgroßvater) einmal unter diesem Bettbezug geschlafen habe. Tränen in den Augen der Beschenkten ließen die Bedeutung des Geschenks erahnen.

Hoffnung auf baldige Heimkehr war groß
Eine Zeitzeugin aus Willershausen berichtete, dass (vermutlich am Ostermontag) zwei in Willershausen verpflichtete polnische Zwangsarbeiterinnen (Anna und Maria) sich mit fünf bis sechs sowjetischen Gefangenen aus dem "Seuchenlager" eingehakt hatten und fröhlich singend durch Willershausen gezogen sind. Der Krieg war für die beiden Zwangsarbeiterinnen und für die sowjetischen Soldaten zu Ende und die Hoffnung auf eine baldige Heimkehr groß.

Für Oberleutnant Iwan Samsonew (28 Jahre) aus der Region Smolensk und dem Soldaten Stepan Bikow (41 Jahre) aus der Region Nowosibirsk kam die Öffnung des Lagers zu spät. Sie starben am Tag ihrer Befreiung. Es ist anzunehmen, dass vor der Befreiung die vom jeweiligen Lagerarzt unterschriebenen Totenscheine wöchentlich an Bürgermeister Karl Fehr übergeben worden waren, denn seit der letzten März-Woche fehlen diese Scheine im Archiv des hiesigen Standesamtes.

Lebensmittel-Lieferungen angeordnet
Durch Berichte von Zeitzeugen war man noch bis 2009 der Auffassung, dass kurze Zeit nach Befreiung des Lagers alle sowjetischen Gefangenen das Ersatzlazarett verlassen hatten. Es wurde sogar erzählt, dass einige von ihnen mit den Amerikanern in die Vereinigen Staaten gegangen wären. Belegt ist das nicht, aber auch nicht unwahrscheinlich.

Man konnte sich allerdings auch daran erinnern, dass auf Anordnung der örtlichen US-Militäradministration Landwirte und sicher auch Bäcker und Metzger aus dem Dorf dazu verpflichtet wurden, Lebensmittel (Kartoffeln, Gemüse, Eier, vielleicht auch Fleisch, usw.) in das Lager zu liefern. Wie lange das dauerte ist nicht bekannt.

Das Sterben ging weiter: Bis Juni 97 weitere Tote
Mit Auffinden des Herleshäuser Lazarettkrankenbuches 2009 wurde klar, dass das Leben – oder besser gesagt das Sterben – im hiesigen "Seuchenlager" noch bis Juni 1945 weiterging. Der sowjetische Lagerarzt blieb bei seinen kranken Kameraden und notierte akribisch, wann wer gestorben und wo er beerdigt war auf dem „Neuen Friedhof“, den es seit März 1945 hinter den Lagerbaracken gab.

Es waren noch 97 Soldaten, die vom 1. April bis 1. Juni 1945 trotz „Freiheit“ im Lager gestorben sind. Ihre sterblichen Überreste wurden im Herbst 1959 in die Grabreihen 59a und 59b sowie im oberen Bereich ab Reihe 61 bis 66 umgebettet. Anlass war die Neugestaltung der Sowjetischen Kriegsgräberstätte, die auf die Initiative des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge zurückging.

Zuletzt wurde am 1. Juni 1945 der Tod des 38jährigen Feldwebels Nurmachan Dscharlcharanow aus Tschetschenien eingetragen. Leider ist es kein Einzelfall, dass sich bei ihm durch die „Eindeutschung“ seines Namens Fehler „eingeschlichen“ und auf der Grabplatte fortgesetzt haben. Im Juni 1944 war bei Nurmachan D. (im Zivilberuf Kaufmann) in einem Arbeitskommando in Bad Orb Lungen-Tuberkulose diagnostiziert worden. Am 6. Sept. 1944 war er über das Lazarett „Wartburgblick“ (Eisenach) in das Lager nach Herleshausen gekommen. Seine Frau Mirkschit wartet vergebens auf seine Rückkehr.

26 von 31 Unbekannten identifiziert
Mit dem Lazarettkrankenbuch war es möglich, von den 31 Soldaten, die bis 2009 noch unbekannt waren, 26 zu identifizieren. Neue Grabplatten gaben auch ihnen so ihre Namen am Ort ihre Leidens und Sterbens zurück.

Helmut Schmidt

Die Geschichte des Lagers ist ausführlich dokumentiert in Beiträgen zur Gedenkstätte auf der Webseite der Gemeinde Herleshausen.