Von Bremen in die Picardie – Wilhelm Fricke, Karl Müller und Wilhelm Lübben, drei vergessene Namen und ihre Lebensgeschichten

29. Oktober 2018

„Bremen 1860 setzt sich mit seiner Geschichte auseinander“, so begann Larissa Drygala am 23. Oktober 2018 ihr Grußwort im Rathaus von Compiègne in Frankreich. Der Grund einer emotionalen Reise in die Vergangenheit war ein Recherche-Projekt mit dem hiesigen Landesverband des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfür-sorge und dem Sportverein ATSV Bremen 1860. Gemeinsam begab man sich auf Spurensuche nach Biografien von gefallenen Soldaten des 75. Bremer Hanseatischen Regiments, die zur Zeit des Ersten Weltkrieges Mitglied des Vereins waren und auf Kriegsgräberstätten rund um Compiègne bestattet sind. In dem vom Verein zur Verfügung gestellten, sehr aufwendigen Gedenkbuch stießen die Geschäftsführerin des Volksbundes Isa Nolle und ihr Praktikant Vincent Sextroh schon bald auf die Namen Wilhelm Fricke und Karl Müller. Die „lieben Turnfreunde“ des Vereins wurden 1914 bzw. 1915 in den Krieg nach Frankreich abkommandiert, wo sie bereits nach wenigen Monaten bei schweren Kämpfen ihrer Einheiten ihr Leben verloren.

Ihrer zu gedenken machte sich eine Delegation aus Bremen auf den Weg nach Frankreich. Larissa Drygala vertrat gemeinsam mit ihrem Vater ihre Mutter Gisela Drygala, Vizepräsidentin des Vereins ATSV Bremen 1860, die krankheitsbedingt leider nicht wie geplant teilnehmen konnte. Dietmar Werstler, Landesvorsitzender und Isa Nolle als Geschäftsführerin vertraten den Volksbund, Vincent war eingeladen, die Ergebnisse seiner Recherchen vor Ort zu erleben. Besonders beeindruckend waren für alle die Momente an den historisch verbürgten Orten wie dem ersten Bestattungsplatz von Wilhelm Fricke, dem nahe Compiègne gelegenen, stark umkämpften und damals zerstörten Schloss Cuts.

Die Beziehungen zwischen Bremen, dem Volksbund und Compiègne sind über Jahrzehnte freundschaftlich gewachsen, vom verstorbenen Ehrenpräsidenten des Vereins Bremen 1860, Siegfried Falke, 1960 initiiert. Auch Bremen 1860 konnte sich von dieser Freundschaft mehrfach durch sportlichen Austausch überzeugen, legendär sind beispielsweise die Treffen der jeweiligen Rugby-Mannschaften in Bremen und Compiègne 1966 bzw. 1972. Selbst eine deutsch-französische Ehe ist daraus entstanden.

Die deutsch-französische Familiengeschichte von Hildburg Stallmann begann wohl schon mit dem Tod des Großvaters Wilhelm Lübben am 16. September 1914 im Gefecht bei Ribécourt. Auch er hatte dem 75. Bremer Hanseatischen Regiment angehört, er starb bereits einen Monat nach Beginn des Ersten Weltkriegs. Niemand aus der Familie dachte je daran, das Grab besuchen zu können, schien Frankreich doch viel zu weit weg zu sein. 1961 ergab sich dann aber die Möglichkeit für die junge Hildburg, an einem Jugendlager des Volksbundes in Compiègne teilzunehmen. Begleitet von versöhnungswilligen Franzosen konnte sie den Friedhof Vignemont besuchen und ihrem Großvater so nahe sein. Zuhause in Bremen sorgten ihre Erzählungen für Trost und Dankbarkeit.

Weitere Aufenthalte folgten und dann 1966 die Betreuung der französischen Rugbyspieler in Bremen. Diese Aufgabe nahm sie sehr ernst. Michel Leblanc, einer der Rugbyspieler, und Hildburg Stallmann heirateten 1968, seitdem leben sie gemeinsam in Compiègne und feierten in diesem Jahr ihre Goldene Hochzeit.

Wilhelm Fricke, Karl Müller und Wilhelm Lübben - mehr als 100 Jahre später waren nun im Oktober 2018 viele französische Freunde des Volksbundes auf die Friedhöfe Nampcel, Moulin-sous-Touvent und Vignemont gekommen, um ein starkes Zeichen der deutsch-französischen Freundschaft zu setzen. Gemeinsam stand man an den Gräbern der früheren Feinde, Fahnen wurden gesenkt, Gedichte verlesen, Musik erklang, ihre kurzen Leben wurden geschildert, Blumen wurden niedergelegt, Gespräche verstummten in stillem Gedenken.

Beim anschließenden Empfang im Rathaus von Compiègne bedankte sich der Stadtrat Joël Dupuy de Méry in Vertretung des Bürgermeisters Philip Marini bei der angereisten Delegation für die guten Beziehungen. „Freundschaften müssen gepflegt und gelebt werden“, so sein Credo. Die Frage nach der Aktualität des Besuches beantwortete sich für die vielen Anwesenden und auch für Larissa Drygala sehr einfach: „Kriegsgräberstätten sind eine Mahnung an die Lebenden. Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten!“

Wilhelm Fricke, Karl Müller und Wilhelm Lübben, sie hätten sich sicher eine Zukunft in Frieden gewünscht.

Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.

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