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Brauchen wir Helden?
Gedanken zum Karfreitagsgefecht der Bundeswehr vor zehn Jahren in Afghanistan
08. April 2020

Das "Karfreitagsgefecht"vor zehn Jahren in Afghanistan machte großen Teilen der deutschen Öffentlichkeit erst bewusst, dass sich die Bundeswehr und damit die Bundesrepublik im Krieg befinden. Dirk Backen, heute Abteilungsleiter des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, diente damals als Brigadegeneral noch in den Streitkräften. Nur wenig später ging er mit seiner eigenen Truppe an den Hindukusch. Hier erinnert er sich an das Gefecht und die Folgen.

Am 2. April 2010, dem Karfreitag jenes Jahres, geriet eine verstärkte Patrouille des Fallschirmjägerbataillons 373 im Norden Afghanistans in einen Hinterhalt. Die 34 Soldaten aus Seedorf in Niedersachsen hatten den Auftrag, die auch von der afghanischen Zivilbevölkerung gefürchteten Sprengfallen der Aufständischen entlang der Straßen aufzuspüren und unschädlich zu machen. Rasch nahm die Intensität des Kampfes zu. Der Gegner setzte den Seedorfern heftig zu.

Schnell war klar, dass man sich nicht aus eigener Kraft aus dieser Lage befreien konnte. Reserven und weitere Unterstützungskräfte, beispielsweise amerikanische Kampf- und Rettungshubschrauber, griffen in die Kampfhandlungen ein. Nach mehr als acht Stunden heftigster Gefechte war die Situation zwar bereinigt, aber der Preis hoch. Auf deutscher Seite fielen drei Soldaten an diesem Tag: der 35-jährige Hauptfeldwebel Nils Bruns, der 25-jährige Stabsgefreite Robert Hartert und der 28-jährige Hauptgefreite Martin Augustyniak. Hinzu kamen mehrere gefallene afghanische Kameraden, von denen auch einige Opfer eigenen Feuers wurden, eine große Tragik, die sich gerade in unübersichtlichen Situationen eines Feuergefechts jedoch nie ganz ausschließen lässt. Wieviel Opfer auf der Seite des Gegners zu beklagen waren, ist nicht bekannt. Etliche Einsatzkräfte trugen Verwundungen davon. Der Auftakt zum Osterfest 2010 war ein blutiger Tag.

Eine Zäsur für die Bundeswehr

Dieses so genannte Karfreitagsgefecht war eine Zäsur in der Geschichte der Bundeswehr. Sicher, wir hatten uns seit Beginn der Auslandseinsätze ab 1993 auch an Einsatztote gewöhnen müssen, obgleich mich schon diese Wortwahl innehalten lässt, denn an den Tod im Krieg will ich mich einfach nicht gewöhnen und zwar solange ich lebe. Unter den Einsatztoten vor 2010 waren immer wieder auch Soldaten, die durch gegnerische Waffengewalt ums Leben gekommen waren. Das waren jedoch Einzelfälle. Die Größenordnung der Kämpfe an diesem Karfreitag war bis dahin nahezu unvorstellbar gewesen. Der damalige Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg sprach erstmals von "Krieg in der Region". Auch wenn der Begriff völkerrechtlich nicht gerechtfertigt war, so drückte er doch aus, was damals die Truppe im Einsatz, aber auch die deutsche Bevölkerung empfinden musste. Deutsche Soldaten schossen aus ihren Gewehren und sie fielen im Kampf. Wie konnte das sein?

"Nichts ist gut in Afghanistan"

Nach den beiden großen Weltkriegen, die zweimal von deutschem Boden ausgingen ... hatten wir denn nicht genug davon? Stimmte es denn nicht, dass "nichts gut in Afghanistan" war, wie es die evanglische Landesbischöfin Margot Käßmann zugespitzt hatte? Was hatten wir dort verloren? So fragte sich mancher. Über die Zweckmäßigkeit des Einsatzes ist in unserem Land viel gestritten worden. Noch heute ringt man in der Politik hart um die Sache, wenn es um den Einsatz bewaffneter Kräfte im Ausland geht. Gottseidank, kann ich da nur sagen, trug ich doch 40 Jahre lang die Uniform und hatte geschworen, "das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen." Ich jedenfalls empfand es immer als beruhigend, dass man uns nicht mit großem Hurra in irgendwelche Kampfhandlungen schickte, dass unser Land es sich schwer machte mit der Entscheidung, dass man bei Abstimmungen im Parlament seinem Gewissen folgen durfte und nicht einer Weisung. Mehrere Auslandseinsätze und Gefallene in den eigenen Reihen haben mich stets Dankbarkeit gelehrt, dass ich in einer ehrlichen und guten Demokratie als Soldat dienen durfte und eben nicht in einem Obrigkeitsstaat oder einer Diktatur. Dieses Glück haben Millionen deutscher Soldaten in unserer Geschichte nicht gehabt.

Einsatz für den Frieden

Die Rahmenbedingungen des Soldatseins haben sich seit jener Zeit aber geändert und zwar fundamental. Deutsche Truppen ziehen heute nicht mehr in die Welt, um andere Völker zu unterwerfen oder deren Territorien zu stehlen. Über 430.000 deutsche Soldaten und Soldatinnen haben stattdessen seit 1993 ihren persönlichen Beitrag zur Wiederherstellung des Friedens geleistet, nämlich zur Trennung von Konfliktparteien in Bürgerkriegssituationen, zum Wiederaufbau aber auch zur Verhinderung von Genoziden und Verbrechen an der Menschlichkeit, wie auf dem Balkan. Das hat in vielen Fällen auch Gefahr, Härten und Entbehrungen und manchmal auch den Kampf mit der Waffe in der Hand bedeutet, wie eben an jenem Karfreitag des Jahres 2010.

Als ich selbst nur ein knappes Jahr später in Afghanistan im Einsatz war, bin ich dem Tod und der Verwundung oft begegnet, nicht nur bei unseren eigenen Soldaten, auch bei vielen befreundeten Streitkräften, mit denen wir heute Seite an Seite in diesen Einsätzen stehen. Oft hatte die den Sarg bedeckende Flagge, welchen wir stets im Ehrenspalier zum Flugzeug brachten, nicht die Farben Schwarz-Rot-Gold, sondern es waren die Farben Ungarns, der Niederlande, der Norweger oder eines der vielen anderen Verbündeten, die mit uns gemeinsam dort für etwas standen, was uns die Weltgemeinschaft aufgetragen hatte, nämlich den Frieden zu bringen.

Gott ist kein Mathematiker

Sicher, man kann unterschiedlicher Auffassung sein, ob wir dabei erfolgreich waren oder ob sich der Einsatz von Menschenleben am Ende überhaupt gelohnt hat. Diese Frage habe ich mir persönlich allerdings nie gestellt, denn der Einsatz von Menschenleben kann nicht "belohnt" werden. Ein solcher Vergleich ist zynisch und er verachtet die Tränen der Hinterbliebenen. Gott ist kein Mathematiker. Es gibt keinen Gegenwert für ein Leben und ich trauere um die Millionen Toten der Kriege, darunter Urgroßvater und Großvater von mir, so wie ich um die Toten des Karfreitagsgefechtes trauere. Die gebrochenen Herzen der Mütter und Ehefrauen, Kinder, die ohne Eltern aufwachsen, das ungeklärte Schicksal, wie jemand seine letzte Stunde verbracht hat. All das sind immer menschliche Tragödien, die uns daran erinnern, dass wir alles tun müssen, damit kein Mensch durch Gewalt sterben muss.

Wir brauchen Vorbilder

Insofern kann ich persönlich mit dem Begriff Held auch nicht allzu viel anfangen. Er hat verschiedene Interpretationen, ist oft missbraucht worden und die Betroffenen wollten zumeist nie Helden sein, schon gar nicht, wenn es am Ende den Tod bedeutete. Unser Altkanzler Helmut Schmidt wurde einmal in einem seiner letzten Interviews gefragt, ob die Gesellschaft Helden bräuchte. Er entgegnete: "Keine Helden, aber Vorbilder." Ich finde das überzeugend. Sind nun die Einsatzgefallenen des Karfreitagsgefechtes Vorbilder? Für mich ganz ohne Frage, wenngleich ich sofort einräumen will, dass nicht ihr Tod dieses Vorbild begründet, sondern das, was Sie bis zu jenem Tage taten. Sie haben versucht, einem geschundenen Land etwas Frieden zu bringen, sie wollten an diesem Tage Sprengfallen aus dem Weg räumen, so wie sie es schon viele Male vorher erfolgreich getan hatten. Sie fuhren dazu fast täglich mit ihren Fahrzeugen aus dem Tor des Lagers, immer wissend, dass es gefährlich werden konnte, dass man dabei sterben konnte. Dieses mulmige Gefühl, wenn sich die staubige Straße vor einem auftat und man dem Tod entlang des Weges begegnen konnte. Das tagtäglich zu tun, erfordert Mut. Wir wissen: Frieden braucht Mut, auch den Mut unserer Soldaten der Bundeswehr.

Daher erinnert auch der Volksbund in seinem Gedenken an die Einsatztoten der Bundesrepublik Deutschland. Sofern die Familien es wünschen, findet zu besonderen Erinnerungsanlässen (meist der Todestag) am Ehrengrab des Gefallenen in Anwesenheit von Vertretern des Volksbundes eine stille, aber würdige Gedenkzeremonie statt. Familienangehörige und Kameraden der Einheit werden in ihrem Gedenken durch uns unterstützt und in der Trauer nicht alleine gelassen. Das Leitbild des Volksbundes und das Totengedenken des Bundespräsidenten beinhalten daher auch die Erinnerung an die, die in den Auslandseinsätzen des heutigen Deutschlands ums Leben kamen. Das ist nur würdig und recht und das gilt auch für die Gefallenen des Karfreitagsgefechtes vor zehn Jahren.

Dirk Backen

Gedenken in Afghanistan

In Erinnerung an das "Karfreitagsgefecht" am 2. April 2010 gab es im deutschen Feldlager "Camp Marmal" in Masar-e-Sharif  in Nord-Afghanistan am Jahrestag 2020 eine Gedenkveranstaltung für die drei gefallenen Soldaten – für Hauptfeldwebel Nils Bruns, Stabsgefreiter Robert Hartert und Hauptgefreiter Martin Augustyniak. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge beteiligte sich mit einer per Post geschickten Kranzschleife, die der Militärseelsorger, der evangelische Pfarrer Martin Hüfken, an der Gedenkwand unterhalb des Friedenslichtes anbrachte.