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Niemand wird vergessen
Gedenkzeremonie und Einbettung in Kuressaare
19. August 2019

„Kein Mensch kann leben ohne Vergangenheit. Ein Mensch ist geprägt von Eltern, Großeltern und Urgroßeltern und den jeweiligen Geschichten. Wer vergangene Geschichten vergessen oder verdrängen will, der lebt am Leben vorbei.“ Diese eindrucksvollen Worte sprach der Angehörige Karlfried Evers anlässlich der Gedenkzeremonie zur Einbettung von weiteren 32 Soldaten am 15. August 2019 in Kuressaare auf der Insel Saaremaa/Estland. Das Schicksal seines eigenen Vaters konnte er dagegen nicht aufklären. So wird er wie viele andere ein Teil der ebenfalls in Kuressaare aufgestellten Gedenkstelen mit 78 weiteren Namen von in Estland vermissten Kriegstoten des Zweiten Weltkrieges.

 

In seiner bewegenden Ansprache an den noch offenen Gräbern erklärte Karlfried Evers (Foto oben) auch die Motivation, die ihn und viele andere im Volksbund engagierte Angehörige antreibt: „Seit zehn Jahren habe ich mit meiner Frau und Begleitern der Interessengemeinschaft Ösel die Insel Saaremaa aufgesucht. Wir versuchen das Schicksal meines vermissten Vaters Karl Evers aufzuklären, der hier im Oktober 1944 in den Kriegseinsatz geschickt wurde. Ich war vier Jahre alt, als meine Mutter die schreckliche Nachricht erhielt, dass ihr Ehemann Karl Evers auf der Ostseeinsel Ösel als vermisst gemeldet wurde.
(...) Alle Nachforschungen waren leider ohne Ergebnis. Somit gehört mein Vater, der Soldat Karl Evers, zu den Menschen die verschollen sind und deren Schicksal bis heute ungeklärt ist.“

Solche oder ähnliche Geschichten können viele der Besucher dieser Gedenkzeremonie berichten. Unter ihnen waren etwa 25 Mitglieder der oben erwähnten Interessengemeinschaft Ösel 1941-44 sowie eine Volksbund-Reisegruppe mit 27 Teilnehmern. Zudem waren der deutsche Militärattaché Harald Krempchen aus Helsinki, Volksbund-Vorstandsmitglied Tore May (Foto unten, Kranzniederlegung an der russischen Gedenkstätte), der ebenso eine besondere Affinität zu diesem Gedenkort hat, sowie Saaremaas Bürgermeister Madis Kallas ein elementarer Bestandteil dieser von Volksbund-Referentin Stefanie Nebel moderierten Gedenkzeremonie.

Zudem war auch ein Este mit seinen Kindern erschienen, der einen der zu bestattenden Weltkriegssoldaten zuvor zufällig in seinem Garten gefunden hatte. Er wusste nichts von der durch den Volksbund geplanten Einbettungszeremonie und wollte daher sicherstellen, dass jemand da wäre, wenn der in seinem Garten gefundene Kriegstote nun endlich würdig eingebettet würde. So aber fand er sich in einer großartigen Gemeinschaft wieder, was ihn und seine Kinder (Foto unten mit Blumen in der Hand) überraschte – und vor allem sehr freute.

Zuvor hatte es auch eine Kranzniederlegung am estnischen Denkmal in der Ortsmitte von Kuressaare sowie am russischen Denkmal neben der deutschen Kriegsgräberstätte gegeben. Es war eine absolut gelungene Zeremonie in einem besonderen Kreis von Menschen, die sich hier im Gedenken an die Kriegstoten zusammengefunden haben.

Stefanie Nebel und Maurice Bonkat

Maurice Bonkat
Redakteur
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