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Zentrale Gedenkveranstaltung zum 08. Mai auf dem Ohlsdorfer Friedhof
12. Mai 2020
  • Hamburg

Am 8. Mai erinnerte auf dem Friedhof Ohlsdorf eine Gruppe ausgewählter Gäste stellvertretend für die Bürgerinnen und Bürger Hamburgs in einer kurzen Gedenkveranstaltung an das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa vor 75 Jahren. Zugleich gedachten die Teilnehmenden in einer Schweigeminute der 60 Millionen Opfer des Krieges.

Warum Gedenken am 08. Mai?

„Das Missverstehen der Gegenwart erwächst schicksalhaft aus der Unkenntnis der Vergangenheit“ – dieses Zitat lässt sich auf Mark Bloch zurückführen. Marc Bloch, ein französischer Historiker, wurde 1944 von den Nationalsozialisten hingerichtet. Die Botschaft, die sich hinter diesem Zitat verbirgt, ist klar verständlich und auch heute noch hochaktuell: Gerade in Zeiten, die von einem wachsenden Rechtspopulismus geprägt sind und die Demokratie international in Gefahr scheint, ist es wichtig, sich die Zeit zu nehmen, um innezuhalten und zu gedenken.

Der 08. Mai steht für das Ende eines Krieges, der durch eine Spirale der Gewalt und des Verbrechens ausgelöst wurde.

Gedenken unter schweren Bedingungen

Eine Gedenkveranstaltung in Zeiten des Kontaktverbots zu planen und durchzuführen, ist keine leichte Aufgabe. So suchte der Landesverband Hamburg in den vergangenen Monaten in enger Zusammenarbeit mit Mitarbeitern von Senats- und Bürgerschaftskanzlei sowie der Friedhofsverwaltung Ohlsdorf nach einer Kompromisslösung. Eine Gedenkveranstaltung mit zehn ausgewählten Vertretern aus Senat, Bürgerschaft, dem konsularischen Koprs und den Kirchen. Sie vertraten die Bürgerinnen und Bürger Hamburgs, die an dieser Veranstaltung teilgenommen hätten.

Hamburg vor 75 Jahren

In ihrer Begrüßungsrede sprach die Landesvorsitzende des Volksbund Hamburgs, Frau Karen Koop, über die außergewöhnlichen Umstände, unter denen diese Gedenkveranstaltung geplant wurde und dankte allen Gästen für ihr Erscheinen in schwierigen Zeiten. Zugleich rief sie zu einer neuen Form des Gedenkens und der Erinnerungskultur auf: „Die Zahl der Zeitzeugen wird immer geringer und wir müssen einsehen, dass sich die Gedenkkultur dadurch verändern wird und muss. Es ist unsere Aufgabe, der heute besonders von rechts außen geforderten ‚erinnerungspolitischen Wende‘ entgegenzutreten und einen gehaltvollen Diskurs neuer Gedenkformen zu initiieren.“

Anschließend sprach die Präsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft, Frau Carola Veit. Sie betonte die Wichtigkeit des Wachhaltens der Erinnerung an die damaligen Ereignisse und die daraus erwachsene Verpflichtung für heutige Generationen: „Auf dem Gelände des Friedhofs Ohlsdorf machen uns die vielen Kriegsgräberstätten bewusst, welch ein Wahnsinn vor 75 Jahren endete. Die damaligen Opfer und ihre Schicksale dürfen wir nicht vergessen. Dazu gehört, dass wir niemals einfach zusehen oder schweigen werden, wenn Freiheit und Demokratie in Gefahr sind.“

Auch die Zweite Bürgermeisterin, Frau Katharina Fegebank, schlug in ihrer Rede den Bogen zu den gegenwärtigen Herausforderungen unserer Zeit: „Die Erinnerung an die Schrecken des Krieges lebendig zu halten, ist mir ein persönliches Anliegen. Es gibt immer weniger Zeitzeugen, die aus eigenem Erleben ihre Kriegserlebnisse schildern können – deshalb ist es die Aufgabe von uns allen und der Politik insbesondere, eine lebhafte Erinnerungskultur zu bewahren. Aus dem Wissen um die Vergangenheit müssen wir entschieden eintreten gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus, gruppenbezogene Menschenfeindlichekti und Diskriminierung – und die universellen Menschenrechte in den Mittelpunkt unseres politischen Handelns stellen.“

Als Abgesandter der britischen Botschaft in Berlin erinnerte Lieutnantn Colonel Benjamin Davenport an die Befreiung Hambnurgs von der Naziherrschaft vor 75 Jahren durch die britische Truppen. In einer bewegenden Rede erinnerte er an die schwierigen Bedingungen, unter denen 30.000 britische Besatzungssoldaten, eine Millionen Hamburger Einwohner und rund eine halbe Million dazugekommene Flüchtlinge eine vom Kriegs fast vollständig zerstörte Stadt wiederaufbauten. Dabei betonte Davenport die einzigartige Freundschaft und Verbundenheit, die sich zwischen Briten und Deutschen bildete.

Unmittelbar vor der Schweigeminute sprach Bischöfin Kirsten Fehrs (Sprengel Hamburg und Lübeck der Nordkirche) ein Friedensgebet und betonte den Gedanken der Versöhnung:
„‘Vater vergib!‘ So stand es mit Kreide an den verkohlten Wänden der Kathedrale von Coventry, wenige Tage nach ihrer Zerstörung durch deutsche Bombenangriffe am 14. November 1940. Vater vergib! Der damalige Dompropst hatte das geschrieben, Richard Howard. Er wollte nicht, dass sich Hass und Feindschaft in den Herzen der Menschen seiner Stadt breit machen. ‚Father forgive.‘ Heute steht es eingemeißelt im Chorraum der Ruine von Coventry. Uns es prägt das Versöhnungsgebet, mit dem sich Woche für Woche Menschen in aller Welt für Friedne und Versöhnung verbinden. Aus Schrecklichem, das nie hätte geschehen dürfen, wird ein Friedenswerk, Zukunft für die Menschheit.

Vater vergib. Vergebung ist mehr als aufgehobene Schuld. Im Moment der Bitte beginnt die Zukunft, das Neue. Die Chance, etwas anders zu machen.“

Neben den Rednern nahmen unter anderem der Kommandeur des Lanedskommandos Hamburg, Herr Kapitän zur See Giss und die ukrainische Generalkonsulin, Frau Oksana Tarasyuk, in ihrer Eigenschaft als Doyenne des Konsularkoprs in Hamburg an der Gedenkverstanstaltung teil.