25 Särge nahm Joachim Kozlowski, Umbetter des Volksbundes, bei der stillen Einbettung auf dem sowjetischen Garnisonsfriedhof bei Potsdam entgegen. Viele der Toten konnten nicht mehr einzeln bestattet werden. (© Christiane Deuse)
80 Weltkriegssoldaten finden ihre letzte Ruhe
Volksbund bettet Rotarmisten bei Potsdam mit stiller Zeremonie ein
Ein vergessener Friedhof in Krampnitz bei Potsdam. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. exhumierte hier 80 sowjetische Soldaten, die 1945 in den letzten Tagen im Kampf um Berlin in Potsdam gestorben waren. Bei einer stillen Einbettung auf dem Garnisonsfriedhof Michendorfer Chaussee gab der Volksbund-Landesverband Brandenburg ihnen ein würdiges Grab.
Eine stille Zeremonie, keine geladenen Gäste – und doch waren mehr als 60 Menschen gekommen, um der Toten von Potsdam am Vorabend des 81. Jahrestages des Kriegsendes zu gedenken. Unter ihnen: der russische Botschafter Sergej Netschajew.
Kaum fassbarer Blutzoll
Oliver Breithaupt, Geschäftsführer des Landesverbandes Brandenburg, erinnerte an den kaum in Zahlen zu fassenden Blutzoll, den die Sowjetunion nach dem deutschen Angriff und bei der Befreiung Europas vom Nationalsozialismus gezahlt habe – an Leid, Schmerz, Tod und Verderben der sowjetischen Völker. Die Toten, die jetzt geborgen wurden, hätten einen langen Weg aus ihrer Heimat bis nach Potsdam zurückgelegt. „Sie bezahlten ihn mit ihrem Leben.“
Bei der Volksbund-Arbeit stehe die Würde des Menschen über den Tod hinaus im Mittelpunkt. „Möge uns die von diesem Friedhof ausgehende historische Wahrheit vor drohender Nachahmung bewahren, möge die Vernunft zwischen unseren Kulturvölkern siegen“, sagte Breithaupt.
Friedhof bei Bauarbeiten entdeckt
Die Stadt Potsdam war beim Wohnungsbau auf dem früheren Kasernengelände im kleinen Stadtteil Krampnitz auf sterbliche Überreste gestoßen, hatte den Volksbund informiert und seine Experten mit Exhumierung und Einbettung beauftragt.
Nun wurden die Gebeine auf dem sowjetischen Garnisonsfriedhof an der Michendorfer Chaussee beigesetzt. Hier ruhen mehr als 5.000 Kriegstote – Soldaten des Zweiten Weltkrieges, aber auch Zivilangestellte und deren Angehörige, die bis Mitte der 1980er Jahre hier jenseits der Stadtgrenzen bestattet wurden.
76 Namen verlesen
Zwölf Jugendliche der Schule der Russischen Botschaft in Berlin verlasen die Namen von 76 Soldaten und reichten Särge an. Erzpriester Anatolij Koljada von der russisch-orthodoxen Gemeinde in Potsdam segnete die Toten. Auch er dankte dem Volksbund für seinen Beitrag zum „ewigen Gedenken“ an die Rotarmisten, zu denen nicht nur Russen, sondern auch Weißrussen, Ukrainer und Soldaten vieler anderer Sowjetstaaten gehört hätten.
Von „historischer Aussöhnung“
Von Oliver Breithaupt um einige wenige Worte gebeten, dankte der russische Botschafter Sergej Netschajew dem Volksbund ausdrücklich für die Umbettung und würdige Bestattung. „Wir wissen, dass das Andenken an die gefallen Soldaten weiterhin lebt. Das ist eine sehr wichtige Errungenschaft, die wir in den Nachkriegsjahren mit den deutschen Kollegen, mit den deutschen Freunden erreicht haben: diese historische Aussöhnung.“
Der Botschafter sprach mit Blick auf die deutsche Kriegsgräberfürsorge und die gemeinsamen Erinnerungen von einer „Schiene der bilateralen Zusammenarbeit" zwischen der Russischen Föderation und der Bundesrepublik Deutschland. Objektive Erinnerungskultur sei vielleicht heute eine der wichtigsten Schienen, die in diesem bilateralen Verhältnis weiter existierten. „Wir müssen alles tun, damit mindestens dieser Bereich weiterhin erhalten bleibt.“
Dank für Grabpflege in Deutschland
Netschajew dankte auch für die Pflege der mehr als 4.000 sowjetischen Kriegsgräberstätten in Deutschland mit mehr als 700.000 sowjetischen Toten. „Sie sind in der Regel in bestem Zustand. Das wissen wir zu schätzen“, sagte er.
„Ich bin sicher, dass unsere Beziehungen für die Zukunft einmal wieder auf gutem Wege sein werden. Dafür gibt es ein riesiges gemeinsames historisches Erbe, was wir versuchen, nicht erodieren zu lassen", betonte der Botschafter.
Humanitärer Anspruch bleibt
Die Volksbund-Arbeit beruht auf dem deutsch-russischen Kriegsgräberabkommen von 1992. Noch immer birgt der Volksbund in Russland jährlich mehrere Tausend deutsche Kriegstote – weit über eine Million dürfte noch nicht gefunden sein.
„Einbettungen wie die heutige sind als Geste sehr wichtig”, so Breithaupt am Rande der Veranstaltung. „Damit zeigen wir, dass wir in schwierigster politischer Lage an unserem humanitären Anspruch festhalten.” Die Kriegsgräberfürsorge habe mehr denn je auch eine diplomatisch-politische Dimension und sichere mit solchen Gesten auch ihre Arbeit in Russland.
Einen Artikel über die Volksbund-Arbeit in Russland finden Sie im Jahresbericht 2025 (ab S. 16).
Der Volksbund ist ...
… ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote im Ausland sucht, birgt und würdig bestattet. Mehr als 5.500 waren es im vergangenen Jahr. Der Volksbund pflegt ihre Gräber in 45 Ländern und betreut Angehörige. Mit seinen Jugend- und Bildungsangeboten erreicht er jährlich knapp 50.000 Menschen. Für seine Arbeit ist er dringend auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen.
