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Auszubildende helfen auf Usedom: „Ausbettung geht an die Substanz“

Angehende Kauffrauen bei Exhumierung und Volksbund-Workshop dabei

Kauffrauen für Büromanagement wollen die vier jungen Frauen werden. Doch beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. gehören Stationen zur Ausbildung dazu, die nichts mit einem Bürojob zu tun haben: ein Workcamp zum Beispiel oder eine Exhumierung – wie in Koserow auf Usedom.
 

Damit lernen Jana, Trixie, Frederike und Finja das kennen, was man als Ausgangspunkt und Ziel des Volksbund-Auftrags betrachten kann: Noch immer suchen die Experten im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote, noch immer sind im Osten vermutlich mehr als zwei Millionen nicht geborgen. Der Zweite Weltkrieg als Ausgangspunkt – bei der Exhumierung auf Usedom ist er plötzlich ganz nah.
 

Zu Gast auf dem Golm

Doch die jungen Frauen lernen auch das kennen, was auf den Regierungsauftrag folgt: die Jugend- und Bildungsarbeit zum Beispiel in Workcamps. Junge Leute aus ganz Europa pflegen gemeinsam Kriegsgräber und bekommen dabei eine Ahnung, was Krieg und seine Folgen bedeuten.

Auf Usedom besuchen die vier darum auch die Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte, die der Volksbund auf der Ostsee-Insel, auf dem Golm, betreibt. Dort nehmen sie an einem Workshop teil.
 

Kinder, Jugendliche, alte Menschen

Doch zurück nach Koserow. Mit sechs oder sieben Toten hatte Joachim Kozlowski gerechnet, als das Projekt auf dem Friedhof des kleines Ortes begann. Doch bald wurde dem einzigen hauptamtlichen Umbetter in Deutschland klar, dass es viel mehr Tote sein müssen. 42 sind es am Ende.

Unter den Toten: Kinder, Jugendliche und alte Menschen. Etliche weisen Verletzungen auf, die vermuten lassen, dass sie in einem Lazarett behandelt worden waren. Geborgen werden die Gebeine etlicher Frauen, unter ihnen eine junge Marinehelferin. Viele weisen schwere Schädelverletzungen durch stumpfe Gewalt auf. Zehn Erkennungsmarken gehören zu den Funden. 

Die vier jungen Frauen, die in der Bundesgeschäftsstelle des Volksbundes in Niestetal ins Berufsleben starten, schauen nicht nur zu – sie packen mit an und unterstützen die Umbetter so weit wie möglich. Nach ihrer Rückkehr fragen wir sie: „Wie habt ihr diese ungewöhnlichen Stationen eurer Ausbildung erlebt?”

 

Frederike Schäfer (19), erstes Lehrjahr

„Die Reise war sehr informativ – und bei einer Exhumierung dabei zu sein, das war schon ein beeindruckendes Erlebnis. Der Workshop in der Jugendbildungsstätte auf dem Golm war echt interessant. Dabei haben wir uns gegenseitig zwei Berichte von Zeitzeugen vorgestellt, die zum Kriegsende in Swinemünde waren: ein Hitlerjunge, der dank des Geburtstages seiner Mutter früher abreisen durfte und nur deshalb überlebte. Und ein Zwangsarbeiter, der während des Krieges in Swinemünde arbeiten musste.

Durch die Exhumierung am Tag davor waren die Eindrücke noch intensiver. Bei einer Exhumierung dabei zu sein, das war schon ein beeindruckendes einmaliges Erlebnis, das ich sicher nicht vergessen werde. Schön war auch, dass wir uns untereinander besser kennengelernt haben.”

Trixie Meier (20), zweites Lehrjahr

„Besonders beeindruckend fand ich die Exhumierung. Ebenso eindrücklich war für mich der Besuch des Historisch-Technischen Museums in Peenemünde. Da ich bereits in der 8. Klasse einmal dort war, hatte der erneute Besuch – auch im Zusammenhang mit der Ausbettung – eine ganz andere, deutlich intensivere Wirkung auf mich. Das Museum hat mir daher dieses Mal besonders gut gefallen.

Genervt haben mich eigentlich nur das schlechte Wetter und die vielen Mücken. Es regnete und war so kalt, dass uns die Umbetter sogar ihre Jacken geliehen haben. Trotzdem war es ein einmaliges Erlebnis.”

Finja Pietz (21), erstes Lehrjahr

„Die Umbettung war sehr interessant und ich fand es gut, wie respektvoll die Umbetter mit den Toten umgegangen sind. Und dass wir helfen und die Gebeine auch anfassen durften. Ich wunderte mich, wie schwer so ein Schädel ist. 

Als ich meinen Freunden davon erzählt habe, konnten die das erstmal gar nicht nachvollziehen, weil ich ja Bürokauffrau lerne. Ich möchte im Sommer wieder nach Usedom fahren und diesmal meine Familie mitnehmen. Die fanden das aufregend, was ich ihnen darüber erzählt habe. Und meine Oma, Silke Carl, müsste mitfahren. Sie hat beim Volksbund in der Kommunikation gearbeitet und konnte mit Zeitzeugen sprechen.” 

Jana Braun (23), zweites Lehrjahr

„Mich hat bei der Exhumierung stark berührt, dass neben mir in der Grube ein Kind ausgebettet wurde. Da musste ich die ganze Zeit an mein kleines Kind zuhause denken. Das ist mir wirklich an die Substanz gegangen. Ich habe erstmal zuhause angerufen und gefragt, ob alles in Ordnung ist. Ich konnte danach nicht mehr in die Grube gehen und habe nur von oben zugeschaut.

Was mich erstaunt hat, war in welch unterschiedlichem Zustand die Gebeine waren. Einer hatte ein Gipsbein, aber wir haben keine Verletzung gefunden. Insgesamt wurden zehn Erkennungsmarken gefunden, darunter die einer Marinehelferin und eine Marke einer Kasseler Polizeiwache. Toll fand ich, wie hilfsbereit die Umbetter zu uns und wie engagiert sie bei der Sache waren.”
 

Identität klären

Der Volksbund wird gemeinsam mit dem Bundesarchiv versuchen, die Identität der Toten zu klären (mehr dazu: Exhumierung nach 81 Jahren: Die Spuren der letzten Kriegstage). Jährlich bettet das Team um Joachim Kozlowski im Inland zwischen 200 bis 300 Kriegstote aus. 

„Ausbettung von Kriegstoten und die Jugendarbeit in den internationalen Begegnungsstätten sind zwei ganz wichtige Schwerpunkte unserer Arbeit”, sagt Katrin Herwig. Sie ist in der Personalabteilung des Volksbundes für Auszubildende zuständig. „Das müssen die Azubis einmal live erlebt haben.“
 

Spenden-Verdoppelungsaktion

Aktuell sammelt der Volksbund Spenden, um junge Leute wie Frederike, Trixie, Jana und Finja auf eine Reise nach Riga-Bikernieki zu schicken – an den Ort, an den Jüdinnen und Juden aus vielen deutschen Städten deportiert wurden. Mehr als 25.000 wurden ermordet. Helfen Sie dem Volksbund, die NS-Geschichte und den Holocaust für junge Menschen begreifbar zu machen und ein Zeichen gegen das Vergessen zu setzen. Die Bethe-Stiftung verdoppelt jeden gespendeten Euro.
 

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