Bis zu diesem Punkt haben Michael Hokkeler (rechts) und Christian Muck schon 40 Kilometer hinter sich: der Stein, der in Pfetterhaus im Oberelsass den südlichsten Ankerpunkt der Westfront im Ersten Weltkrieg markiert. Hier geht es los. (© privat)
Extrem-Radtour durch den „Korridor des Schreckens“
Entlang der Westfront des Ersten Weltkrieges: gut 1.000 Kilometer in drei Tagen
Gerade sind Michael Hokkeler und Christian Muck gestartet – in Pfetterhaus im Oberelsass, dem südlichen Ankerpunkt der Westfront im Ersten Weltkrieg an der Grenze zwischen Frankreich und der Schweiz. Die erste Etappe ist die längste: 480 Kilometer liegen jetzt vor ihnen. Die Nacht durch – so ist der Plan. Der Volksbund begleitet die beiden auf seinem Instagram-Kanal.
Update 7. September: Sie sind beide wohlbehalten und im Zeitplan angekommen. Es war noch hell, als das Zielfoto gestern Abend in Nieuwpoort an der belgischen Küste entstand – um 19 Uhr war die Tour geschafft. Nur auf der letzten Etappe fehlte die Zeit, überall da anzuhalten, wo es geplant war. Und auch die Posts bei Instagram wurden seltener. Dafür gab es gegen Mitternacht noch eine beeindruckende Bilderstrecke mit fast 20 starken Motiven.
Länge und Ausmaß zeigen
„Vor über 100 Jahren – vor allem im Schicksalsjahr 1916 – existierte entlang der Frontlinie ein ununterbrochenes, tief verwobenes System aus Schützengräben, Stacheldrahtverhauen, Tunneln und Betonbunkern”, schreibt Initiator Michael Hokkeler während der Vorbereitung. „Auf einer Länge von rund 750 Kilometern Luftlinie standen sich Millionen von Soldaten gegenüber.
Ein Durchbrechen der Linien sei aufgrund der modernen Verteidigungswaffen wie Maschinengewehre und Massenartillerie nahezu unmöglich gewesen, sagt der Extremsportler. „Unsere Route zeichnet Länge und Ausmaß der Frontlinie bis an die belgische Küste nach und bewegt sich durchgehend in diesem Korridor des Schreckens.”
Friedhöfe, Gedenkorte, Museum
Hartmannswillerkopf, Verdun, die Somme, Ypern gehören zu den bekanntesten Namen und Stationen der Tour. Sie bezieht Friedhöfe der unterschiedlichen Nationen ebenso ein wie ehemalige Schlachtfelder, Gedenkorte und das „In Flanders Fields Museums” in Ypern. Dort werden die beiden am Samstag erwartet, denn das Museum hatte der Idee entscheidenden Auftrieb gegeben.
Der Erste Weltkrieg als Zäsur in der europäischen Geschichte sei in Deutschland zu wenig im Bewusstsein und stark vom Zweiten Weltkrieg überlagert, so Hokkeler. Ein Besuch in Verdun und das Gespräch mit den Vermietern der Unterkunft in Lothringen hätten ihm diese Lücke in der Erinnerungskultur schmerzhaft vor Augen geführt. Viel zu wenig sichtbar sei, was der Nationalismus damals angerichtet habe und wie er zum Nährboden für die spätere Entwicklung in Europa wurde.
Radrennen 1919 auf Schlachtfeldern
Dazu kam ein Buch über ein Radrennen 1919 über die Schlachtfelder der Westfront. Nach der Lektüre entstand die Idee, der Frontlinie auf ganzer Länge zu folgen. „Sie entflammte neu bei einem Besuch des wirklich sehenswerten ‚In Flanders Fields Museums’”, so Hokkeler. Mit der Tour will er das Bewusstsein für diesen Krieg und seine Folgen schärfen. Das extreme Format soll neugierig machen und Aufmerksamkeit wecken – und kommt seinem sportlichen Ehrgeiz entgegen: Er mag Touren, die für andere schlicht unvorstellbar sind.
„Wir werden die europäische Geschichte in einer physischen Dimension erfahren: vom Gebirgskrieg in den Vogesen über den Festungskrieg bei Verdun, den Minenkrieg von Arras und den Bewegungskrieg im Schlamm Flanderns bis hin zur künstlichen Wasserbarriere an der Nordsee”, schreibt der 56-Jährige.
Erinnern, nicht erahnen
„Die Spuren des Krieges werden uns auf jedem Abschnitt daran erinnern, was sich abgespielt hat, ohne dass wir jemals die Dimension des Grauens erahnen könnten. Egal wie steil, hügelig, nass oder anstrengend es wird – wir werden nicht von ‚Leiden’ sprechen, denn im Gegensatz zu Millionen von Soldaten und Zivilisten, die ihr Leben ließen, ist diese Tour unsere freie Entscheidung”, betont der Kölner.
Über die Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg ist er Volksbund-Mitglied geworden und wird in der FRIEDEN, die im April 2027 erscheint, von der Tour durch den „Korridor des Schreckens“ berichten. Schwerpunkt der Ausgabe 2-2026, die in Kürze in den Druck geht, ist der Erste Weltkrieg. Sie kommt Anfang Oktober heraus.
Wir drücken die Daumen, dass alles läuft, wie geplant, begleiten das Duo auf Instagram und sind gespannt aufs Resümee!
110 Jahre Schlacht an der Somme
Anfang Juli 2026 stand in Frankreich an der Somme alles im Zeichen internationalen Gedenkens an die Opfer des „Großen Krieges”:
Gedenken an der Somme: „Hier verstummt der Krieg nie ganz“
Hand in Hand 110 Jahre nach der Schlacht an der Somme
1. Juli 1916: Gommecourt und die Illusion des leichten Sieges
Mit der „Operation Levi” hält der Volksbund außerdem die Erinnerung an die gefallenen jüdischen Soldaten des Ersten Weltkrieges und ihre Familien wach.
Der Volksbund ist …
… ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote im Ausland sucht, birgt und würdig bestattet. Mehr als 5.500 waren es im vergangenen Jahr. Der Volksbund pflegt ihre Gräber in 45 Ländern und betreut Angehörige. Mit seinen Jugend- und Bildungsangeboten erreicht er jährlich knapp 50.000 Menschen. Für seine Arbeit ist er dringend auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen.
