Zum Inhalt springen

„Gedenken ist nie abgeschlossen – Erinnern ist Praxis, kein Zustand.“

Interview mit dem scheidenden deutschen Botschafter in Russland Alexander Graf Lambsdorff

Drei Jahre lang vertrat Alexander Graf Lambsdorff Deutschland als Botschafter in Moskau. In dieser Zeit setzte er sich auch für die Arbeit des Volksbundes in Russland ein und besuchte mehrere deutsche Kriegsgräberstätten. Im Gespräch erläutert er die bleibende Bedeutung des deutsch-russischen Kriegsgräberabkommens, würdigt das Engagement des Volksbundes und schildert, welche Perspektiven er trotz der derzeit schwierigen politischen Lage für die weitere Kriegsgräberfürsorge sieht.

 

Sehr geehrter Herr Botschafter, Sie haben sich in den Jahren seit 2023 für die Arbeit des Volksbundes in Russland eingesetzt. Warum ist das Ihnen persönlich so wichtig?

Als ich 1982 zum ersten Mal in Russland war, damals noch als Teenager in der Sowjetunion, nahm mein Vater mich auf einen kleinen, fast versteckt liegenden deutschen Soldatenfriedhof mit. Daran erinnere ich mich bis heute. Auch jetzt in Russland habe ich ganz praktisch erfahren, was persönliches Gedenken bedeutet. Familienangehörige unserer russischen und deutschen Botschaftsangehörigen sind im Zweiten Weltkrieg gefallen und ruhen zum Teil auf den vom Volksbund errichteten und gepflegten Friedhöfen. Hinter den Millionen Gefallenen standen junge Menschen, stehen auch heute immer noch Familiengeschichten. 

In den letzten drei Jahren als deutscher Botschafter in Russland gehörte es zu meinen wichtigsten Aufgaben, der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken und unsere historische Verantwortung für die von Deutschen begangenen Verbrechen wahrzunehmen. Wir bekennen uns zu dieser Verantwortung und die Veranstaltungen, die die Botschaft zum Kriegsgedenken abhält – unter anderem den jährlichen Volkstrauertag – sind Ausdruck dessen. 
 

Welche historische wie auch aktuelle Bedeutung messen Sie dem deutsch-russischen Regierungsabkommen über Kriegsgräberfürsorge vom 16. Dezember 1992 bei? 

Das Abkommen ist in seiner Bedeutung kaum zu überschätzen. Es ist das erste Kriegsgräberabkommen mit einem Nachfolgestaat der Sowjetunion, es diente als Vorlage für viele weitere Abkommen dieser Art. Es ist auch heute noch die Grundlage für die Arbeit des Volksbundes in Russland, die unzähligen Exhumierungen und Einbettungen, die Anlage und Pflege zahlreicher Kriegsgräberstätten. Die Kriegsgräberfürsorge und das oftmals gemeinsame Gedenken an den Gräbern hat die deutsch-russischen Beziehungen, hat unzählige Menschen aus Deutschland und Russland ganz fundamental geprägt. Ohne das Kriegsgräberabkommen wäre das alles nicht möglich gewesen. Deutschland bekennt sich trotz der aktuell großen politischen Differenzen zu Russland auch weiterhin ausdrücklich zum Kriegsgräberabkommen und nimmt dankbar zur Kenntnis, dass auch die russische Seite dies tut. 

Seit 1992 ist es dem Volksbund gelungen, in Russland 22 große deutsche Soldatenfriedhöfe einzurichten, bis Anfang 2026 konnten ca. 490.000 gefallene deutsche Soldaten geborgen und auf deutschen Soldatenfriedhöfen würdevoll eingebettet werden, 125 Kriegsgefangenenfriedhöfe wurden wiederhergestellt. Viele Menschen in Deutschland fragen, ob es überhaupt noch Sinn ergibt, Gebeine deutscher Soldaten zu bergen.

Aber natürlich! Gedenken ist nie abgeschlossen, Erinnern ist eine Praxis und kein Zustand. Dank der Arbeit des Volksbundes haben viele Familien erfahren, wo ihre Brüder, Väter oder Großväter gefallen und beerdigt sind. Nachfahren und Veteranen bekamen einen Ort für ihre Trauer und Erinnerung. Junge Freiwillige bekamen die Gelegenheit, das Leitbild des Volksbundes – „Versöhnung über den Gräbern“ – ganz praktisch zu erleben.

Die Arbeit des Volksbunds Deutscher Kriegsgräberfürsorge e.V. und seiner unzähligen Partner, engagierter Menschen in Russland und in Deutschland hat all dies ermöglicht. Dieses Engagement zollt mir höchsten Respekt ab. Denn unsere Erinnerungskultur ist kein Selbstzweck. Eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und eine Aufarbeitung der von den Nazis begangenen Gräueltaten bleiben auch in Zukunft unsere Aufgabe. 

Sie hatten drei sehr intensive und arbeitsreiche Jahre in Russland. Dennoch haben Sie sich Zeit genommen, mehrere deutsche Kriegsgräberstätten zu besuchen. Was hat Sie dabei bewegt, was hat Sie beeindruckt? 

Den Kriegsgefangenenfriedhof in Ljublino sprachen wir bereits an, dort begeht die Deutsche Botschaft gemeinsam mit dem Volksbund und im Beisein des diplomatischen Corps jährlich den Volkstrauertag. Es ist ein kleiner Friedhof in den Moskauer Außenbezirken. Viele der dort Begrabenen sind nach Kriegsende, in Kriegsgefangenschaft gestorben – das finde ich besonders bedrückend. 

Im September 2025 habe ich den großen deutschen Soldatenfriedhof in Sologubowka, nahe Sankt Petersburg besucht. Über 60.000 Gefallene liegen dort, die Anlage wird von einem Pfarrer der russisch-orthodoxen Kirche betreut, der die Würde des Ortes wahrt, ja mehrt: Er hat sogar ein kleines Museum eingerichtet. Dafür sind wir ihm sehr dankbar.

Meine letzte Dienstreise hat mich im Juni nach Rschew geführt. Dort liegen ein deutscher und ein sowjetischer Friedhof direkt nebeneinander. Ich habe auf beiden Friedhöfen Blumen niedergelegt, denn uns ist wichtig, die Opfer der roten Armee und ihrer Alliierten in der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus anzuerkennen. Besonders berührt hat mich in Rschew die Replik von Käthe Kollwitz Statue „trauernde Eltern“. Das Original steht in Belgien, wo ihr Sohn im Ersten Weltkrieg gefallen ist. Im Zweiten Weltkrieg starb dann ihr Enkel, in Russland. Die „trauernden Eltern“ schauen auf beide – den deutschen und den sowjetischen – Teil des Friedhofs, das ist wirklich sehr bewegend. Bedauerlich ist, dass der deutsche Friedhof in Rschew in eine Art lokalen Wahlkampf geraten ist, die nicht zur Würde des Ortes passt. Wir hoffen, dass sich das bald korrigieren lässt.

„Unsere Erinnerungskultur ist kein Selbstzweck. Eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und eine Aufarbeitung der von den Nazis begangenen Gräueltaten bleiben auch in Zukunft unsere Aufgabe.“

Alexander Graf Lambsdorff

Wie sehen Sie die Zukunft der Arbeit des Volksbundes in Russland angesichts der aktuellen Entwicklung der deutsch-russischen Beziehungen und des Ukraine-Krieges? Gibt es noch Möglichkeiten zur Weiterführung der militär-memorialen und humanitären Zusammenarbeit? Welche Probleme und Hürden müssten dabei überwunden werden?

Die Arbeit des Volksbundes hat unter dem am 24. Februar2022 entfesselten russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine erheblich gelitten. Da gibt es gar keinen Zweifel. Deutschland gilt hier regierungsseitig, als „unfreundliches Land“, was die Arbeit von deutschen Organisationen natürlich sehr erschwert. Gemeinsame Projekte und die Arbeit im Bereich der Jugendbegegnung mussten ausgesetzt werden. Nicht zuletzt die aktuelle russische Geschichtspolitik behindert ein gemeinsames Erinnern. 

Gerade wenn man die Kriegsgräberstätten besucht, wird einem deutlich, wie tragisch es ist, dass nun wieder eine Generation heranwächst, die Krieg, Zerstörung und Verlust persönlich erlebt. Solange Russland seinen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine weiterführt, ist eine Zusammenarbeit auf demselben Niveau wie in den Jahren davor nicht vorstellbar. 

Dennoch bleibt es unser Ziel, dass der Volksbund seine wichtige Arbeit – gerade im Bereich Exhumierungen – auch in Russland fortführen kann. Die russische Regierung hat vor kurzem eine neue Partnerorganisation mit der Zusammenarbeit mit dem Volksbund beauftragt, erste Gespräche laufen. Das sind positive Schritte. Wir hoffen auf eine konstruktive Zusammenarbeit in Interesse aller Opfer des Krieges und ihrer Hinterbliebenen. Die deutsche Seite ist dazu bereit – wir nehmen den Auftrag unserer Geschichte und die Verpflichtungen des Kriegsgräberabkommens ernst. 

Interview: Hermann Krause

Der Volksbund ist …

… ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote im Ausland sucht, birgt und würdig bestattet. Mehr als 5.500 waren es im vergangenen Jahr. Der Volksbund pflegt ihre Gräber in 45 Ländern und betreut Angehörige. Mit seinen Jugend- und Bildungsangeboten erreicht er jährlich knapp 50.000 Menschen. Für seine Arbeit ist er dringend auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen.
 

jetzt unterstützen

zur Startseite