Alljährlich fängt das internationale Gedenken zum Beginn der Schlacht an der Somme am Lochnagar-Krater bei La Boisselle in Frankreich an. Nach mehreren Jahren erstmals wieder diese Geste: „Hands around the crater“. Die Explosion an diesem Ort 1916 gilt als eine der größten Sprengungen in der Geschichte der Kriege. (© Uwe Zucchi)
Hand in Hand 110 Jahre nach der Schlacht an der Somme
Internationales Gedenken stärkt Frieden und Versöhnung erstmals auch mit trinationaler Jugendbegegnung
1. Juli, 7.28 Uhr. Das Donnern, das die Menge am Kraterrand zusammenzucken lässt, ist harmlos. Das Donnern, das genau vor 110 Jahren den gewaltigen Lochnagar-Krater riss, steht für den Beginn der Schlacht an der Somme und für einen Tag, der als einer der blutigsten in die Militärgeschichte einging. Deutsche, Franzosen und Briten gedenken der Toten am 1. und 2. Juli an mehreren Orten und haben zum ersten Mal gemeinsam Jugendliche für eine Woche eingeladen.
In Thiepval, am größten britischen Kriegsmonument weltweit, wird dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. an diesem für Briten und Franzosen so wichtigen Tag eine besondere Ehre zuteil: Nachdem Prinzessin Anne die Gedenkrede gehalten und den ersten Kranz niedergelegt hatte, steht es traditionell dem Präsidenten der Royal British Legion zu, den letzten nach vorn zu tragen.
„Als Geste sehr bemerkenswert”
Doch Paul Bennett bat überraschend Volksbund-Generalsekretär Dirk Backen, gemeinsam beide Kränze zu platzieren. „Das ist als Geste uns Deutschen gegenüber sehr bemerkenswert”, sagt Backen anschließend. Rund 2.000 Gäste sind dabei – unter ihnen die 24 Jugendlichen.
Kreis der Liebe und Zuneigung
Doch zurück zum Morgen, an den Krater: Jedes Jahr exakt ab 7.28 Uhr dieselbe Zeremonie – mit Dudelsackspielern, kurzen Reden, einer Vielzahl von Kränzen am Hochkreuz, wo Pfähle mit drei Stahlhelmen der drei Heere aufgestellt sind.
Letzte Worte von John Scollen an seine Frau und seine sieben Kinder in England, geschrieben am 1. Juli 1916, treiben vielen Tränen in die Augen. Dann verteilt sich die Menge um den Krater, 21 Meter tief, 91 Meter im Durchmesser. Kinder, Erwachsene, junge und alte Menschen fassen sich an den Händen, bilden einen „Kreis der Liebe und der Zuneigung”.
„Mehr Mitgefühl und Güte”
Mehrmals fliegt ein Doppeldecker über den Krater, wirft Blumensamen ab. Die Menge lässt blaue und rote Blüten aus Papier in die Tiefe segeln. Vergissmeinnicht, Mohn- und Kornblumen, die Symbolblumen der drei Nationen, sind in diesen Tagen allgegenwärtig.
Ein Versprechen wird in drei Sprachen vorgelesen und mitgesprochen: „Unser Leben zu leben mit mehr Mitgefühl und Güte, Verständnis und Vergebung, Versöhnung und Einheit.”
Eintauchen in die Vergangenheit
Zu der Jugendbegegnung haben die Gräberdienste der an der Schlacht beteiligten Nationen eingeladen: der Volksbund, die französische ONACVG und die Commonwealth War Graves Commission (CWGC).
Je acht Jugendliche verbringen eine Woche zusammen. Sie setzen sich mit der gewaltvollen Geschichte ihrer Heimatländer auseinander, besuchen ehemalige Schlachtfelder, Museen und Friedhöfe, sprechen über unterschiedliche Perspektiven mit Blick auf den Ersten Weltkrieg.
Virtuelle Pinnwand
Die 15- bis 17-Jährigen gestalten auch die Gedenkstunde des Volksbundes am 2. Juli auf der deutschen Kriegsgräberstätte Maissemy mit, die dort um 11 Uhr beginnt. Was diese Generation mit dem Ersten Weltkrieg zu tun hat? Eine virtuelle Pinnwand zeigte das schon im Vorfeld eindrucksvoll.
Joseph an Marie, 14. Dezember 1915. Er dankt seiner Frau für ein Paket aus der Heimat: „ist mir ganz gut gekommen zum Schützengraben morgen“. Émile hat diese kolorierte Postkarte seines Großvaters aus Verdun angepinnt. Außerdem: das Foto einer gerahmten Auszeichnung und ein Dokument zweier Ur-Ur-Großväter.
„Nutzt die Chance!
Im Museum „Historial de la Grande Guerre” in Péronne treffen die Jugendlichen Generalsekretär Dirk Backen. Da, wo das Leid des Krieges so präsent ist, erklärt er: „Darum ist es so wichtig, dass wir den Staffelstab weitergeben: dass sich das niemals wiederholt. Darum seid Ihr so wichtig! Nutzt diese Chance!”
Gedenken: Von monumental bis familiär
Geschichte auf Schritt und Tritt: „Nach unserem ersten Tag hatten wir gefühlt alles gesehen: Friedhöfe, Museen, Gedenkorte,” sagt Cedric (16). „Dabei war es nicht mehr als ein Hundertstel.”
Unfassbar allein die Zahl der Friedhöfe, die kleinste Landstraßen säumen oder mitten in einem Getreidefeld liegen. In kaum einer Gegend sonst sind die Spuren des Ersten Weltkrieges so allgegenwärtig wie hier.
Zum Beispiel Fricourt
Am 1. Juli kommen selbst in kleinen Dörfern Menschen zum Gedenken zusammen, liegen am Abend vor unzähligen Mahnmalen Kränze und Gestecke. Auf den Morgen am Krater und das monumentale Gedenken in Thiepval folgt für eine Volksbund-Delegation schließlich das kommunale Erinnern auf dem deutschen Friedhof des Dörfchens Fricourt.
Mehr zu den historischen Hintergründen lesen Sie in diesen Artikeln der Reihe #volksbundhistory:
1. Juli 1916: Gommecourt und die Illusion des leichten Sieges
Von Verdun bis zur Brussilow-Offensive: 1916 – die Welt in Flammen
Der Volksbund ist …
… ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote im Ausland sucht, birgt und würdig bestattet. Mehr als 5.500 waren es im vergangenen Jahr. Der Volksbund pflegt ihre Gräber in 45 Ländern und betreut Angehörige. Mit seinen Jugend- und Bildungsangeboten erreicht er jährlich knapp 50.000 Menschen. Für seine Arbeit ist er dringend auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen.
