Fotos als stumme Zeitzeugen im Museum Auschwitz-Birkenau – eine Station des Workshops in Polen zum Holocaust (© Vinzenz Kratzer)
Deutsche, polnische und französische Offiziere in Auschwitz
Begegnungen mit Überlebenden bei mehrtägiger Reise mit Volksbund und Bundeswehr
Grzegorz Tomaszewski wurde als Fünfjähriger nach Auschwitz deportiert. Offiziere aus Deutschland, Polen und Frankreich hörten ihm zu, als er von dem Grauen erzählte, das er überlebte. Sie waren einer Einladung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V., des Zentrums für ethische Bildung in den Streitkräften (ZEBIS) und des Zentrums Innere Führung der Bundeswehr gefolgt.
Jährlich findet dieser mehrtägige Workshop für Offiziere statt. Er verbindet die Auseinandersetzung mit dem Holocaust und der Geschichte des Ortes mit Zeitzeugengesprächen und einem intensiven Besuch der Gedenkstätte.
Die Vorträge und Diskussionen bewegen sich auf sehr hohem Niveau – geprägt von wissenschaftlicher Expertise, persönlicher Reflexion und Austausch innerhalb der Gruppe.
Intensiv und erschütternd
Neben Führungen und Workshops gehören gemeinsames Gedenken sowie die Begegnung mit Überlebenden des Lagers dazu – beides ganz besondere Punkte eines intensiven und erschütternden, aber auch lehrreichen und spannenden Seminarprogramms.
Zeitzeugen des Holocausts waren über Jahrzehnte eine der wichtigsten Stimmen gegen das Vergessen. Ihre Berichte, ihr Erleben, ihr Zeugnis prägten die öffentliche Erinnerung. In Polen fand sich in praktisch jedem Dorf ein Holocaust-Überlebender, wie man auf dem Rundgang durch die Gedenkstätte erfährt.
Von Lagerhäftlingen mitgegründet
Das staatliche Museum Auschwitz-Birkenau wurde 1947 auch von ehemaligen Lagerhäftlingen gegründet, die jahrzehntelang einen Gutteil des Personals stellten. Heute, mehr als 80 Jahre nach der Befreiung, gibt es immer weniger Überlebende: Alle sind hochbetagt, für sie sind Treffen mit Gruppen immer eine Strapaze, körperlich wie psychisch.
Zdzislawa Wlodarczyk wurde als 11-Jährige zusammen mit ihrer Familie inhaftiert – eine willkürliche Massenverhaftung als Repressionsmaßnahme gegen den Warschauer Aufstand. Präzise schildert die Zeitzeugin ihre schrecklichen Erlebnisse. Trotz ihres hohen Alters hat sie eine unglaubliche Präsenz, die Offiziere hängen geradezu an ihren Lippen.
Für immer eingebrannt
Grzegorz Tomaszewskis Erlebnisse spiegeln Auschwitz mit dem Blick eines Kindes: Bestimmte Begegnungen, Erfahrungen, Gerüche, Eindrücke haben sich geradezu eingebrannt, anderes verschwimmt im Trauma der Erinnerungen. Er war 1943 aus Belarus nach Polen deportiert worden. Genauso wie Zdzislawa Wlodarczyk wurde er am 27. Januar 1945 von der Roten Armee aus den Ruinen des Lagers befreit.
Im Hof
Wie in den vergangenen Jahren ging der Workshop mit einer Gedenkstunde im Hof des berüchtigten Gefängnisblocks 11 im Stammlager Auschwitz zu Ende. Hier stand einst die Erschießungswand, an der Todesurteile vollstreckt wurden. Im Keller waren Hungerzellen, in denen unter vielen anderen der polnische Priester Maksymilian Kolbe verstarb.
Kolbe hatte sich 1941 freiwillig anstelle eines Mithäftlings gemeldet, der zum Hungertod verurteilt worden war – ein Akt selbstloser Nächstenliebe, der ihn weit über die Grenzen Polens hinaus zu einer Symbolfigur des Mitgefühls machte.
Multireligiöses Gedenken
Auch in diesem Jahr waren ein jüdischer und ein muslimischer Militärgeistlicher dabei. Während die hektischen Besucherströme des Tages verschwanden, legte sich eine beinahe friedliche, zugleich schwer zu fassende Stimmung über den Hof.
Der muslimische und der hebräische Gebetsgesang erfüllten ihn in der zunehmenden Dämmerung. Tonfall und Worte für viele fremd, doch tief berührend – getragen von einer melancholischen Würde, die den Ort, die Gedenkstunde, die Erlebnisse und Gedanken der vergangenen Tage noch eindringlicher wirken ließ.
In Stille und Schweigen
Viele der Anwesenden blieben nach dem offiziellen Abschluss noch eine Zeit lang an diesem Ort. Niemand schien Eile zu haben, ihn zu verlassen. Allein oder in kleinen Gruppen standen sie vor der „Todeswand“ in Stille und Schweigen, in Gedanken versunken – als würde der Ort selbst ein letztes Wort einfordern, bevor man ihn wieder hinter sich lassen konnte. Ein ruhiger, nachdenklicher und würdevoller Abschluss einer intensiven Woche.
Text: Dr. Vinzenz Kratzer, Bildungsreferent im Referat Internationale Jugendbegegnungen
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