Was Volksbund-Umbetter leisten, ähnelt oft der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Selbst kleinste Funde werden geprüft, hier Sascha Uschkoreit, Referent im Umbettungsdienst. (© Arne Piepke)
Exhumierung nach 81 Jahren: Die Spuren der letzten Kriegstage
Volksbund-Umbetter bergen in Märkisch-Oderland und in Koserow auf Usedom mehr als 50 Tote
Der große gelbe Bagger neben der Landstraße 167 zeigt an, dass hier gearbeitet wird. Doch wer mit dem Auto vorbeifährt, wird kaum vermuten, was an dieser Stelle geschieht: Hier suchen Spezialisten nach Toten des Zweiten Weltkrieges.
Das Gebiet um Lebus und Schönfließ im Landkreis Märkisch-Oderland war Mitte April 1945 hart umkämpft. Das Ziel der Roten Armee war es, die Reichshauptstadt Berlin einzunehmen. In den vier Tagen vom 16. bis zum 19. April starben 45.000 Menschen: 33.000 Soldaten der Roten Armee und 12.000 Soldaten der Wehrmacht.
Boden sorgfältig untersuchen
Der Hintergrund der Suche: Hier soll eine Umgehungsstraße gebaut werden. Doch bevor diese Arbeiten beginnen, muss Mario Hartmann aus der Abteilung Kampfmittelbeseitigung einer spezialisierten Firma mit seinem Team den Boden untersuchen. Die Männer finden noch immer Spuren des Krieges. Sprengstoff, Munition – und Gebeine. Ihre Tiefensonden zeigen Metall in bis zu sechs Metern Tiefe an.
Wenn sterbliche Überreste sichtbar werden und die Beifunde darauf schließen lassen, dass es sich um Kriegstote handelt, wird der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. verständigt. Joachim Kozlowski ist der Einzige beim Volksbund, der im Inland ausschließlich Tote exhumiert.
Farbe der Erdschichten gibt Auskunft
An diesem kalten und sonnigen Aprilmorgen steht Kozlowski gemeinsam mit seinem Kollegen Sascha Uschkoreit in einer Grube. Uschkoreit ist Referent im Umbettungsdienst. Seit heute früh sind die Männer an der Arbeit. Der Bagger hat die oberen Erdschichten bereits abgetragen.
Sobald die Farbe der Erdschichten sich verändert und klar wird, dass die Erde hier schon bewegt wurde – wenn auch vor Jahrzehnten –, gehen die Umbetter zur Handarbeit über. Sie nutzen Spachtel und kleine Handschaufeln. Sie wollen nichts übersehen. Aber sie haben auch Respekt vor den Toten, die hier seit 81 Jahren in der Erde liegen.
Zuerst wird mit dem Metallsuchgerät sondiert. Wenn der schrille Piepton Metall anzeigt, ist Vorsicht geboten. „Hier war taktischer Raum, es gab zahlreiche Verteidigungslinien“, erklärt Sascha Uschkoreit, „das heißt: Hier liegen auch Munition und Sprengstoff.“
Größtes Trommelfeuer der Geschichte
Die Kämpfe um den Oderbruch und die Schlacht um Berlin wurden erbittert geführt. Die zahlenmäßig völlig unterlegenen Wehrmachtssoldaten versuchten, die Durchbrüche der sowjetischen Truppen aufzuhalten. Rund eine Million Rotarmisten standen 190.000 Wehrmachtssoldaten gegenüber.
Die Schlacht in dieser Region begann am 16. April um 3 Uhr morgens Ortszeit. Die Rote Armee feuerte Berichten zufolge 1.236.000 Granaten mit einem Gewicht von 100.000 Tonnen auf die deutschen Stellungen – das größtes Trommelfeuer der Geschichte, wie es später hieß.
Zwei Tonnen Munition
Selbst die Funde heute zeugen noch davon. „Wir haben auf einer Länge von 1.800 Metern rund zwei Tonnen Munition gefunden“, erklärt Mario Hartmann, der Kampfmittelexperte. Haben die Männer anfangs vermutet, es könnte sich bei den Toten um gefallene Wehrmachtssoldaten handeln, so wird auch an den Beifunden deutlich, dass es sowjetische Soldaten waren.
Auch die Umbetter finden noch Munition, zwei sowjetische Maschinenpistolen mit Tellermagazin und 16 Handgranaten – teilweise noch mit Splint –, Pistolen und einen Trommelrevolver. Die Handgranaten werden vor Ort vernichtet, denn es ist zu gefährlich, sie auf der Straße zu transportieren.
Münzen, Spiegel, Kamm und Füller
Die Umbetter finden auch ein dünnes silbernes Kettchen, silberne Geldmünzen – Kopeken –, einen kleinen roten Stern, der vermutlich zu einer Mütze gehörte, und ein Etui mit einem zerbrochenen Spiegel, einem Kamm, einem abgebrochenen Rasiermesser. In einem kleinen, fast zerfallenen Etui steckt noch ein Papier mit kyrillischen Buchstaben. Auch ein dunkel angelaufener Füller mit der Aufschrift „Elsterbrook” wird ans Tageslicht befördert.
Die Firma Elsterbrook gibt es auch heute noch. Sie bewirbt ihre hochpreisigen Produkte, mit denen schon John F. Kennedy schrieb, mit 160 Jahre langer Tradition. „Vermutlich hat der Soldat den Füller erbeutet”, vermutet Kozlowski. „Wir haben auch schon Tote gefunden, die die ganze Geldbörse mit Eheringen gefüllt hatten.“
Zähne lassen auf Herkunft schließen
Auch der Zahnstatus der Toten gibt Aufschluss über ihre Herkunft. Nur zwei Schädel haben die 80 Jahre in der Erde fast unversehrt überstanden. In den Zähnen findet sich keine Amalgamfüllung. Teilweise sind die Kauflächen etwas abgeschliffen. Oft hinterließ die Art der Ernährung in Osteuropa typische Spuren am Gebiss.
Über das Alter der Toten geben die Gebeine Auskunft – wenn man sie so „lesen” kann wie Joachim Kozlowski. Er zeigt auf einen Hüftknochen. „Die Epiphysenfuge ist noch nicht verwachsen. Das passiert meist ab dem 20. oder 21. Lebensjahr. Dieser Tote war also jünger als 20 Jahre.“
Die beiden Umbetter fahren mit ihrer Arbeit fort. Die Beifunde werden in einer Kiste gesammelt, die Gebeine sorgfältig in graue Wannen gelegt. Viele Knochen sind zerstört.
Namenlos in den Tod geschickt
Wie können sowjetische Soldaten identifiziert werden? Das ist schwierig, vor allem bei denen, die nach 1943 starben. Ab diesem Zeitpunkt erhielten die Soldaten keine Bakelit-Röhrchen mit Namenszettel mehr – vergleichbar mit den Erkennungsmarken der Wehrmacht. Damit sollten die hohen Verluste an der Front verschleiert werden. Und: Damit konnte sich der Staat auch der Pflicht zur Versorgung der Kriegswitwen und Waisen entledigen.
Am Ende des Arbeitstages haben die Volksbund-Umbetter zehn sowjetische Soldaten geborgen. Ihre sterblichen Überreste werden in die Sammelstelle nach Lietzen gebracht, dort gereinigt, nochmal genau untersucht und dokumentiert. Im Herbst werden sie dann auf der sowjetischen Kriegsgräberstätte in Lebus ihr endgültiges Grab finden.
Am 7. Mai 2026 bettete der Volksbund sowjetische Soldaten auf einem Garnisonsfriedhof bei Potsdam ein: 80 Weltkriegssoldaten finden ihre letzte Ruhe.
„Alle, die nach Krieg schreien, sollten mich begleiten.“
Joachim Kozlowski, Umbetter beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V.
Koserow bundesweit im Fokus
In Schönfließ begleiteten Journalisten der „Berliner Zeitung“ die beiden Experten. „Spiegel“, „Focus“, der NDR, die Deutsche Presseagentur und die „Ostsee-Zeitung“ berichteten von einem weiteren Einsatzort: Auf dem Friedhof in Koserow auf Usedom entdeckte Joachim Kozlowski ein Massengrab mit 42 Kriegstoten – Jugendliche von zwölf bis vierzehn Jahren, Frauen, alte Männer von etwa 70 Jahren. Kopfverletzungen lassen vermuten, dass viele von ihnen erschlagen wurden.
Der Volksbund war von vielleicht sechs Toten ausgegangen. Ein Grabstein für die unbekannten Opfer des Zweiten Weltkrieges steht dort.
„Sämtliche Kriege verhindern”
„Kozslowski kommt dem Grauen des Krieges näher als die meisten Menschen in Deutschland“, heißt es beim „Spiegel“. Er zitiert den Volksbund-Umbetter so: „Wir müssen sämtliche Kriege einfach verhindern. Das ist unsere Aufgabe, unsere Pflicht. Ich dachte, wir wären schon lange über dieses Thema Krieg hinweg.“ Der „Ostsee-Zeitung“ gegenüber sagte er: „Alle, die nach Krieg schreien, sollten mich begleiten.”
Der Volksbund ist …
… ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote im Ausland sucht, birgt und würdig bestattet. Mehr als 5.500 waren es im vergangenen Jahr. Der Volksbund pflegt ihre Gräber in 45 Ländern und betreut Angehörige. Mit seinen Jugend- und Bildungsangeboten erreicht er jährlich knapp 50.000 Menschen. Für seine Arbeit ist er dringend auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen.
