Mit rund 200 Gästen erinnerte der Volksbund an die Toten des Ersten Weltkrieges. Allein hier in Maissemy sind mehr als 30.000 Gefallene bestattet. Es ist der zweitgrößte deutsche Friedhof der Jahre 1914 bis 1918 in Frankreich. (© Uwe Zucchi)
Gedenken an der Somme: „Hier verstummt der Krieg nie ganz“
Jugendliche als Hauptakteure bei internationaler Volksbund-Veranstaltung in Maissemy
Die Choreographie sagt schon fast alles: Erst probten sie ihren Auftritt vor französischen Grabkreuzen in Rancourt, dann einen Steinwurf entfernt an britischen Gräbern. Auf dem deutschen Soldatenfriedhof Maissemy schließlich gaben 24 Jugendliche heute dem internationalen Gedenken des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. ein besonderes Gesicht.
Zum ersten Mal hatten die drei Gräberdienste Volksbund, ONACVG und die Commonwealth War Graves Commission (CWGC) gemeinsam Jugendliche eingeladen, sich eine Woche lang mit einer der größten und fürchterlichsten Schlachten des Ersten Weltkrieges auseinanderzusetzen: mit den Kämpfen an der Somme vom 1. Juli bis zum 18. November 1916.
Nicht Erben, sondern Akteure
Die Bilanz: etwa eine Million Tote und Verwundete, ein „unfassbares Massensterben auf allen Seiten“, wie Volksbund-Generalsekretär Dirk Backen unterstrich. Den Staffelstab weitergeben, hatte er als Ziel genannt. Dass die 15- bis 17-Jährigen aus Frankreich, Großbritannien und Deutschland in Maissemy als erste nach der Begrüßung ans Rednerpult traten, war darum nur folgerichtig.
Sie seien „nicht nur die Erben der Geschichte. Sie sind ihre Akteure. Indem sie sich austauschen und gemeinsam gedenken, beweisen sie, dass Versöhnung kein leeres Wort ist“, sagte Präfektin Fanny Anor. Versöhnung sei „lebendige Realität, getragen von denen, die sich weigern, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen“.
Erinnern verbindet, anstatt zu trennen
Gemeinsam hatte die Gruppe eine Rede erarbeitet und blickte zurück: „Besonders beeindruckt hat uns, wie unterschiedlich die Erinnerungskultur in unseren drei Ländern ist. Jede Nation erinnert auf ihre eigene Weise an die Gefallenen und an die Folgen des Krieges.” Verständigung trotz Sprachbarriere sei mit Offenheit und gegenseitigem Respekt immer wieder gelungen.
Die wichtigste Erfahrung: dass Erinnerung verbindet, anstatt zu trennen. „An den Gräbern und Gedenkorten wurde uns bewusst, wie wertvoll Frieden ist und welche Verantwortung wir heute tragen. Die gemeinsamen Erlebnisse und Begegnungen werden uns noch lange begleiten und uns daran erinnern, wie wichtig Verständigung, Respekt und ein friedliches Miteinander in Europa sind”, hieß es in allen drei Sprachen.
„Hass ist niemals unvermeidlich“
„Hier verstummt der Krieg nie ganz“, sagte Marie-Christine Verdier-Jouclas, Direktorin der ONACVG. 28 nationale Friedhöfe und mehr als hundert Soldatenfriedhöfe mit Toten vieler Nationalitäten allein im Departement Chemin des Dames zeugten noch heute vom Ausmaß des erbrachten Opfers.
Die deutsch-französische Aussöhnung – „einer der größten politischen, menschlichen und moralischen Erfolge unseres Kontinents“ – erinnere daran, dass Hass niemals unvermeidlich sei. Und auch daran: „dass einst verfeindete Völker durch beharrliche Diplomatie, durch Dialog, durch Kultur und durch die Weitergabe der Erinnerung eine unerschütterliche Freundschaft aufbauen können“.
Denker, Wissenschaftler, Künstler
Dirk Backen stellte drei Männer vor: den britischen Dichter William Noel Hodgson, den französischen Literaturwissenschaftler Pierre-Maurice Masson und den deutschen Dramatiker und Expressionisten Reinhard Johannes Sorge.
„Sie repräsentierten die intellektuelle und akademische Zukunft unserer Nationen. Nicht nur unserer Vaterländer, sondern auch die Zukunft des damaligen Europas und der Welt“, so der Generalsekretär. Ihr Tod im Sommer 1916 erinnere auch an den Verlust einer ganzen Generation von Denkern, Wissenschaftlern und Künstlern auf europäischem Boden.
Ein Ort des Dialogs
„Dieser Friedhof ist ein Ort des Dialogs. Er spricht leise, aber eindringlich über Generationen hinweg. Er fragt uns, was wir gelernt haben – und was wir mit diesem Wissen zu tun gedenken“, sagte Peter Hudson, stellvertretender Vorsitzender der CWGC.
Sein Appell: „Verlassen wir diesen Ort mit der Verpflichtung zur Verantwortung: zur Wahl des Dialogs statt der Spaltung, der Zusammenarbeit statt des Konflikts und der Menschlichkeit statt des Hasses. Möge dieser gemeinsame Akt des Gedenkens unsere Entschlossenheit stärken, eine bessere, friedlichere Welt zu schaffen – eine Welt, die derer würdig ist, die keine Chance hatten, sie zu erleben.“
Sie haben verstanden
Die Saat ist auf fruchtbaren Boden gefallen – die Jugendbegegnung war ein echter Erfolg. Das Programm: voll gepackt. Friedhöfe, Museen, Gedenkorten, ehemalige Schlachtfelder haben die Jugendlichen gesehen. Und trotzdem sagt Cedric am Ende: „Es hätte auch noch länger gehen können.“
Aufgaben haben sie mehrfach zu dritt gelöst – trinational. Sie haben zusammen gelernt, Fußball geguckt und Spaß gehabt. „Je mehr wir uns kennengelernt haben, umso besser haben wir verstanden, dass das nicht wieder passieren darf“, sagt Cedric. Es sei unvorstellbar, ergänzt Darja, dass ein neuer Krieg sie – die gerade Freunde geworden sind – zwingen könnte, einander gegenüberzustehen.
„Je mehr wir uns kennengelernt haben, umso besser haben wir verstanden, dass das nicht wieder passieren darf.“
Cedric
Ruhrgebietsstädte als Paten
Der Erste Weltkrieg, die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts”, hinterließ eine nie gekannte Zahl an Toten, viele nicht mehr zu identifizieren. Überall wurden während des Krieges kleine Friedhöfe angelegt, die die französischen Behörden nach 1918 möglichst bald auflösen wollten. Sammelfriedhöfe entstanden – so auch 1924 Maissemy. Mehr als 30.000 Tote wurden aus über 120 kleinen Anlagen hierher umgebettet.
Der Volksbund entwickelte 1926 das Konzept der Patenfriedhöfe, um die Gestaltung dieser Anlagen zu finanzieren. Auf eine Initiative aus Recklinghausen hin wurde Maissemy als zweitgrößte deutsche Anlage in Frankreich ein Musterbeispiel. 26 Städte und zwei Landkreise aus dem Ruhrgebiet beteiligten sich mit 100.000 Reichsmark, weil ein Großteil der Toten aus dem Ruhrgebiet stammte.
Ehrenkreuz für Thomas Trede
Mit dem Silbernen Volksbund-Ehrenkreuz zeichnete Dirk Backen Oberstleutnant i.G. Thomas Trede beim anschließenden Empfang aus. Der stellvertretende Verteidigungsattaché der Deutschen Botschaft in Paris habe sich besonders um die Gedenkarbeit in Frankreich verdient gemacht.
Früh am Morgen hatte Backen zusammen mit Maissemys Bürgermeister Hubert Delalieu und Thomas Trede am Monument aux Morts Kränze niedergelegt.
Stelen für jüdische Soldaten
Nachmittags rückte die „Operation Levi” in den Mittelpunkt: Gemeinsam mit Vertreten der US-amerikanischen Organisation „Operation Benjamin” weiht der Volksbund weitere Stelen mit Davidstern an Gräbern ein, an denen vorher fälschlicherweise Kreuze gestanden hatten (Bericht folgt).
Zu den internationalen Gästen am Vormittag zählten auch Verteter aus Politik, Verwaltung und Gesellschaft sowie der Volksbund-Partnerorganisationen. Begrüßt hatte sie alle Maissemys Bürgermeister Hubert Delalieu.
Mehr zu den historischen Hintergründen lesen Sie in diesen Artikeln der Reihe #volksbundhistory:
1. Juli 1916: Gommecourt und die Illusion des leichten Sieges
Von Verdun bis zur Brussilow-Offensive: 1916 – die Welt in Flammen
Die Vielfalt des Gedenkens alljährlich am 1. Juli ist hier Thema: Hand in Hand 110 Jahre nach der Schlacht an der Somme
Der Volksbund ist …
… ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote im Ausland sucht, birgt und würdig bestattet. Mehr als 5.500 waren es im vergangenen Jahr. Der Volksbund pflegt ihre Gräber in 45 Ländern und betreut Angehörige. Mit seinen Jugend- und Bildungsangeboten erreicht er jährlich knapp 50.000 Menschen. Für seine Arbeit ist er dringend auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen.
