Nicht nur kleine Gastgeschenke bringen Volksbund-Gruppen mit, wenn sie die Vertretungen der Bundesrepublik im Ausland besuchen (wie hier in Tallinn). Ihre Meinungen und Perspektiven sind oft ein Gewinn für die Gastgeber. (© Volksbund)
Jugend-Botschafter im Gespräch mit der großen Diplomatie
Volksbund öffnet Jugendlichen und jungen Erwachsenen die Türen zu Deutschen Botschaften im Ausland
Riga, Tallinn, Prag … Wenn junge Menschen Deutsche Botschaften im Ausland besuchen, treffen ihre Erfahrungen im „Kleinen“ auf die Herausforderungen internationaler Politik im „Großen“. Denn was sie gerade gemeinsam lernen, gehört auch zum Kern diplomatischer Arbeit: zuhören, Verständnis für unterschiedliche Interessen entwickeln und trotz verschiedener Perspektiven gemeinsame Wege finden. Diesen Brückenschlag macht der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. bei internationalen Jugendbegegnungen möglich.
Riga, Tallinn und Prag sind drei Beispiele aus den aktuellen Sommerangeboten. Dabei macht der Volksbund mit Botschaftsbesuchen erfahrbar, wie Verständigung und Zusammenarbeit auf staatlicher Ebene gestaltet werden.
Austausch auf Augenhöhe
In Riga wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines internationalen Workcamps nicht nur vom Leiter der Kultur- und Presseabteilung, Christopher Gronau, empfangen, sondern auch vom Militärattaché, Fregattenkapitän Christoph Karich. Viele kennen ihn schon von einer Gedenkstunde auf einem Friedhof des Ersten Weltkrieges: von der Kriegsgräberstätte Kalnzem.
Im Mittelpunkt stand zunächst ein Austausch auf Augenhöhe über die lettischen Unabhängigkeitskriege von 1918 bis 1920. Die Gäste präsentierten eine im Camp erarbeitete Zeitleiste zur europäischen Geschichte von 1870 bis 1923, bevor Christoph Karich die historischen Zusammenhänge und Akteure der Unabhängigkeitskämpfe erläuterte.
Drängende Fragen der Gegenwart
Die Diskussion schlug anschließend den Bogen zur Gegenwart: Themen waren unter anderem der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, die Sicherheitslage im Baltikum und die Rolle Deutschlands in der Region. Dabei brachte die internationale Gruppe unterschiedliche Perspektiven und persönliche Erfahrungen ein.
Im zweiten Teil beantwortete Christopher Gronau Fragen zum Arbeitsalltag in einer deutschen Auslandsvertretung. Dabei interessierten sich die jungen Menschen für die Aufgaben einer Botschaft, aber auch für Karrierewege im Auswärtigen Dienst und das Leben im Ausland. Der Besuch bot damit sowohl Einblicke in aktuelle politische Herausforderungen als auch in die praktische Arbeit der deutschen Diplomatie.
Deutsch-estnische Beziehungen
Ähnliche Einblicke erhielt die Gruppe der Jugendbegegnung „Conversations on Conflict – International Youth Collaboration in Estonia“ in Tallinn. Jugendliche und junge Erwachsene aus Deutschland, Estland, Polen und Ungarn trafen dort Vertreterinnen der Botschaft.
Sie diskutierten über die deutsch-estnischen Beziehungen, die Rolle der Diplomatie sowie Herausforderungen internationaler Zusammenarbeit. Der Besuch knüpfte an ihre Auseinandersetzung mit der Geschichte Estlands nach dem Zweiten Weltkrieg und der Kriegsgräberstätte Narva an.
Prag und der Fall der Berliner Mauer
Auch beim Jugendformat PEACE LINE gehörte ein Botschaftsbesuch dazu. Unterwegs auf der „Grünen Route”, wurde die Gruppe mit 26 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus 19 Ländern in Prag von Dr. Martin Schmidt empfangen. Er leitet das Wirtschafts-, Klima- und Wissenschaftsreferat.
Bei einer Führung durch die Botschaft und ihren Garten überraschte Schmidt die Gäste mit der Rolle, die die Botschaft beim Fall der Berliner Mauer gespielt hat, und ihrer komplexen Geschichte. Im Gespräch ging es anschließend vor allem um deutsch-tschechische Geschichte und die Beziehungen der beiden Staaten heute. Thema war auch die Frage, warum es noch immer kein Kriegsgräberabkommen zwischen Deutschland und Tschechien gibt.
Perfekte Brücke
Da die Gruppe am selben Tag noch auf der „Grünen Route” nach Weimar weiterreiste und in den folgenden Tagen mehrere Kriegsgräberstätten des Volksbundes besuchte, war der Besuch in der Botschaft ein perfektes Bindeglied im Programm zwischen beiden Staaten.
Projekte vorstellen
Für die jungen Menschen bieten diese Begegnungen wertvolle Einblicke in die Aufgaben deutscher Auslandsvertretungen: in die Arbeit von Diplomatinnen und Diplomaten, die Rolle Deutschlands im internationalen Gefüge, aktuelle internationale Herausforderungen, die Bedeutung von Dialog und Kooperation sowie persönliche Erfahrungen aus dem Berufsalltag im Ausland.
Gleichzeitig erhalten die Diplomatinnen und Diplomaten die Möglichkeit, mit engagierten jungen Menschen aus verschiedenen Ländern ins Gespräch zu kommen und ihre Perspektiven kennenzulernen. Damit werden die Gäste zu Botschafterinnen und Botschaftern der Jugend. Oft stellen sie auch ihre Projekte und Arbeitsergebnisse vor, sodass ein fruchtbarer Austausch in beide Richtungen entsteht.
Gemeinsam gedenken
Die Zusammenarbeit des Volksbundes mit diplomatischen Vertretungen reicht über klassische Botschaftsbesuche hinaus. Einen wichtigen Bestandteil bilden auch gemeinsame Gedenkveranstaltungen und Erinnerungsprojekte im Ausland.
So wurde die Gruppe des internationalen Jugendcamps in Oksbøl in der deutschen Botschaft in Kopenhagen empfangen. Beim internationalen Camp in Monte Cassino nahm ein Vertreter der polnischen Botschaft an einer deutsch-polnischen Gedenkveranstaltung teil.
Solche Begegnungen zeigen, wie eng internationale Jugendarbeit, Erinnerungskultur und diplomatischer Dialog miteinander verbunden sind und zur Verständigung in Europa beitragen.
Wer Interesse an einem der Workcamps oder einen internationalen Jugendbegegnung im Sommer 2027 hat, kann hier einen Newsletter abonnieren: Info-Mail Jugend
Text:
Pawel Prokop (Referatsleiter Internationale Jugendbegegnungen)
Verena Bartsch (Koordinatorin PEACE LINE)
Kontakt
Der Volksbund ist …
… ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote im Ausland sucht, birgt und würdig bestattet. Mehr als 5.500 waren es im vergangenen Jahr. Der Volksbund pflegt ihre Gräber in 45 Ländern und betreut Angehörige. Mit seinen Jugend- und Bildungsangeboten erreicht er jährlich knapp 50.000 Menschen. Für seine Arbeit ist er dringend auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen.