Eine Stele mit Davidstern für Isidor Katzenstein. Die Angehörigen David (rechts), Wendy und Jesse Hefter waren dabei, als Stabsfeldwebel Maik Föllmer im französischen St.-Quentin den Stein enthüllte. (© Uwe Zucchi)
„Seht Euch um: Ihr alle seid Hüter der Erinnerung“
Volksbund setzt Operation Levi zum Gedenken an jüdische Soldaten des Ersten Weltkrieges in St.-Quentin und Maissemy fort
„It’s a big miracle to be here” – ein großes Wunder war es für Jesse Hefter, an der neuen Stele mit Davidstern für seinen Großonkel Isidor Katzenstein zu stehen. Obwohl krebskrank, hatte er die Reise aus den USA auf sich genommen. In Maissemy und St.-Quentin in Frankreich tauschte der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. weitere Kreuze an Gräbern jüdischer Soldaten aus.
Am selben Tag erinnerte der Volksbund in Riga an den Holocaust, dem auch zwei Schwestern Isidor Katzensteins zum Opfer fielen. Mit der „Operation Levi” rückt er sowohl die Schicksale jüdischer Soldaten im Ersten Weltkrieg als auch die ihrer Familien in Zeiten der Verfolgung und Ermordung in den Fokus.
18 Tage später endete der Krieg
18 Jahre alt war Isidor, als er schwer verwundet am 24. Oktober 1918 in Kriegsgefangenschaft starb – 18 Tage später war der Erste Weltkrieg zu Ende. Seine Angehörigen wissen noch nicht allzulange von ihm und seinem Schicksal. Dass an diesem sonnigen Vormittag im französischen Departement Aisne noch viel mehr über den jungen Mann bekannt ist, ist Stefan Schweitzer zu verdanken.
Der Bonner Rechtsanwalt und Historiker recherchiert akribisch Soldatenschicksale des Ersten Weltkrieges in Frankreich – Jesse Hefter, sein Bruder David und dessen Frau Wendy dankten ihm von Herzen dafür und auch der Volksbund profitiert sehr von diesem ehrenamtlichen Engagement.
Nach sechs Tagen im Lazarett verstorben
Aus Wehrda bei Marburg war Isidor Katzenstein als Musketier des Reserve-Infanterie-Regiments Nr. 71 in der 22. Reserve-Division in den Krieg gezogen. Am 18. Oktober im Raum Cambrai / St.-Quentin schwer verwundet, behandelte man ihn im französischen Feldlazarett in Cugny.
„Das Haager Landkriegsabkommen von 1907 verpflichtete alle Kriegsparteien dazu, verwundete Gefangene ohne Unterschied der Nationalität medizinisch zu versorgen“, erklärt Schweitzer.
Zunächst bestatteten Franzosen den 18-Jährigen auf einem provisorischen Friedhof in Cugny. Nach Kriegsende betteten französische Militärbehörden die deutschen Toten aus 98 Gemeinden der Region auf den Friedhof St.-Quentin um. Mehr als 8.200 sind heute dort begraben.
Die drei Angehörigen hatten ein Familienfoto mitgebracht. Es zeigt die Eltern Jacob und Betty mit ihren drei Söhnen und den vier Töchtern. Isidor starb als Soldat. Julius, der ältere Bruder, trug ebenfalls Uniform, kehrte aber aus dem Ersten Weltkrieg zurück.
Isidor stehe für ein – für das Vaterland – geopfertes Leben, sagte Jesse Hefter, Julius dagegen für Kontinuität: Ihm gelang es 1939, Deutschland mit seiner Familie von Hamburg aus per Schiff zu verlassen. Mit an Bord: die neunjährige Betty, die Mutter von Jesse und David Hefter. Inzwischen ist die Familie enorm gewachsen, gehören schon Ur-Ur-Urenkel dazu.
Das Opfer allein reiche nicht aus, sagte Jesse Hefter am Grab des Großonkels. Kontinuität und Weitergabe seien entscheidend. „Das größte Vermächtnis ist das, was nach uns weiterbesteht.“
Versteckt, gerettet
Zu dem Vermächtnis gehört die Erinnerung an das Schicksal der anderen Katzenstein-Geschwister. Adolf starb noch als Kind. Regina wurde mit ihren beiden Kindern im niederländischen Westerbork interniert – unter falscher Identität. Sie hatte gefälschte Papiere angefertigt, sodass die drei das Lager wieder verlassen konnten.
Sie wurden in Rotterdam im Untergrund versteckt, überlebten und wanderten nach dem Krieg über Schweden in die USA aus. Ihre Geschichte sei in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem festgehalten, so Jesse Hefter.
Zwei Schwestern starben in Auschwitz
Die Schwestern Selma und Meta wurden in Auschwitz ermordet. Die Eltern starben in Wehrda, noch bevor der Holocaust begann.
„Niemand darf in Vergessenheit geraten“
Nicht jeder habe eine Familie, die die Erinnerung bewahrt, sagte Shalom Lamm zu den rund 30 Anwesenden. „Seht Euch um: Ihr alle seid Hüter der Erinnerung.“ Niemand dürfe in Vergessenheit geraten, bekräftigte der Historiker der Operation Benjamin. „Sorgt durch Euer Handeln dafür, dass jeder Mensch – der Wahrheit entsprechend – in Erinnerung bleibt.“
Ebenso wie die Volksbund-Initiative Operation Levi verfolgt die US-amerikanische Organisation das Ziel, jüdische Soldaten unter richtigen Grabzeichen zu bestatten.
Sieben Stelen, eine Rosette
Sieben neue Stelen mit Davidstern tragen in St.-Quentin jetzt die Namen von Bruno Jacob, Salo Krebs, Albert Neuberger, Leo Roos, Siegfried Simon, Alfred Haendler und Isidor Katzenstein. An Norbert Reiss erinnert jetzt eine Rosette mit Davidstern auf der Namentafel am Gemeinschaftsgrab.
Am Vortrag hatte der Volksbund mit US-amerikanischen Gästen auf dem deutschen Friedhof Maissemy zehn neue Stelen mit Davidstern enthüllt und am Gemeinschaftsgrab drei Namen mit Rosetten hervorgehoben.
Letzter Gruß
Neu war der „Letzte Gruß” an jedem Grab – nach Worten der Anerkennung und des Willkommens sowie dem Kaddish für jeden Toten. Drei Besucher bedankten sich für diese militärische Geste bei Hauptmann Jens Schrader, als sich am Ende die kleine Menge zerstreute: ein Mitglied der Operation Benjamin, ein Teenager der örtlichen jüdischen Gemeinde und Jesse Hefter.
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Der Volksbund ist …
… ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote im Ausland sucht, birgt und würdig bestattet. Mehr als 5.500 waren es im vergangenen Jahr. Der Volksbund pflegt ihre Gräber in 45 Ländern und betreut Angehörige. Mit seinen Jugend- und Bildungsangeboten erreicht er jährlich knapp 50.000 Menschen. Für seine Arbeit ist er dringend auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen.
