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Weltkriegsfunde am Donau-Ufer: die historischen Hintergründe

#volksbundhistory über die Schlacht um Budapest 1944/45 und Erkenntnisse zum geborgenen Wehrmachtsmotorrad DKW NZ 350-1

Ein Motorrad und zwei Kriegstote am Donau-Ufer, geborgen bei historisch niedrigem Pegelstand Anfang August. Was geschah in der ungarischen Hauptstadt in der letzten Phase des Zweiten Weltkrieges? Franziska Haarhaus beleuchtet die Hintergründe.
 

Die Schlacht um Budapest galt als eine der blutigsten und längsten Belagerungsschlachten im Zweiten Weltkrieg. Die Kämpfe um die ungarische Hauptstadt dauerten 102 Tage. Auf beiden Seiten forderten sie enorme Verluste: Rund 30.000 deutsche und 17.000 ungarische Soldaten sowie knapp 80.000 sowjetische und rumänische Soldaten starben. Zudem verloren rund 38.000 ungarische Zivilisten während der Belagerung ihr Leben.

Unter dem Hashtag #volksbundhistory berichten wir in einem Blog von historischen Ereignissen und liefern Hintergrundinformationen. Unser Autorin heute: Franziska Haarhaus. Die frühere Leiterin des Volksbund-Archivs arbeitet bei der Kriegsgräberfürsorge als Leitende Historikerin. 

Strategische Lage sehr verschlechtert

Mit mehr als 1,2 Millionen Soldaten durchbrachen im Spätsommer 1944 zwei sowjetische „Fronten” im Zuge der „Jassy-Kischinew”-Offensive die Abwehrstellungen der deutschen Heeresgruppe Südukraine (ab September 1944 Heeresgruppe Süd) zwischen dem Ostrand der Karpaten und dem unteren Dnjestr. Die bisherigen Verbündeten Rumänien und Bulgarien wechselten unter dem militärischen Druck der Roten Armee die Seiten.

Die Offensive traf die deutschen Truppen zu einem Zeitpunkt, als sie mit dem Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte infolge der sowjetischen „Operation Bagration” eine der bis dahin schwersten Niederlagen zu verkraften hatte. Die strategische Lage des Deutschen Reiches an der Ostfront hatte sich nachhaltig verschlechtert.

Unternehmen „Panzerfaust“

Im September 1944 drang die Rote Armee auch in Ungarn ein. Reichsverweser Admiral Miklós Horthy verhandelte mit der Sowjetunion am 15. Oktober 1944 über einen Waffenstillstand, um den Krieg in seinem Land zu beenden. Am selben Tag begann unter der Leitung des SS-Sturmbannführers Otto Skorzeny das Unternehmen „Panzerfaust“, um den Waffenstillstand zu verhindern und das Land im deutschen Machtbereich zu halten.

Horthys Sohn Miklós wurde entführt, um den Vater unter Druck zu setzen. Dazu kam die militärische Erpressung des Reichsverwesers: Deutsche Truppen drohten mit der Erstürmung des Budapester Burgbergs und der strategisch wichtigen Budaer Burg (Königlicher Burgpalast). Trotz der Entführung seines Sohnes verkündete Horthy den Waffenstillstand im Radio, woraufhin deutsche Truppen und Panzerverbände umgehend die Budaer Burg einnahmen und den Reichsverweser zur Abdankung zwangen.
 

102 Tage dauern die Kämpfe

Die Schlacht um Budapest gilt als eine der blutigsten und längsten Belagerungsschlachten im Zweiten Weltkrieg. Die Kämpfe dauerten 102 Tage mit enormen Verlusten auf beiden Seiten: 30.000 deutsche und 17.000 ungarische Soldaten sowie fast 80.000 sowjetische und rumänische Soldaten starben. Rund 38.000 ungarische Zivilisten verloren während der Belagerung ihr Leben.

Brutale Terrorherrschaft beginnt

Nach dem erzwungenen Rücktritt Horthys übernahm Ferenc Szálasi, Führer der faschistischen „Pfeilkreuzler”-Bewegung, die Macht und errichtete in Ungarn eine brutale Terrorherrschaft. Während die Juden aus den Provinzen bereits seit dem Frühjahr 1944 unter maßgeblicher Beteiligung des „Sondereinsatzkommandos Eichmann“ deportiert worden waren, wurden nach dem Putsch der „Pfeilkreuzler” auch die noch in Budapest lebenden Juden verfolgt, deportiert und ermordet.

Zwischen Oktober 1944 und Februar 1945 verringerte sich der Anteil der jüdischen Bevölkerung der Hauptstadt um mehr als 100.000 Menschen. Viele wurden zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Auf den Fußmärschen zur österreichischen Grenze starben Tausende. Am Donau-Ufer wurden weitere Tausende von „Pfeilkreuzlern“ erschossen und in den Fluss geworfen – an diese Opfer erinnert heute dort das Mahnmal „Schuhe am Donauufer“.

Budapest als Festungsstadt

Am 29. Oktober 1944 begann der Angriff der 2. Ukrainischen Front der Roten Armee auf Budapest. Am 5. November wurde dieser Vorstoß jedoch südöstlich von Budapest von deutschen Panzerkorps gestoppt. Adolf Hitler bestand auf der Verteidigung der ganzen Stadt. Dabei ging es ihm um drei Ziele:

1. Sicherung der Erdölvorkommen: In Westungarn, insbesondere in der Region Plattensee-Zala, lagen die letzten bedeutenden Erdölvorkommen, die für die deutsche Wehrmacht von strategischer Bedeutung waren – vor allem für die Luftwaffe und die Panzertruppe. Angesichts der zunehmend kritischen Treibstofflage besaßen sie einen hohen militärischen Stellenwert.

2. Sperrung der Vormarschwege Richtung Wien: Budapest sollte als Bollwerk dienen, um den sowjetischen Vormarsch nach Österreich und in das südliche Reichsgebiet möglichst lange hinauszuzögern und starke sowjetische Kräfte zu binden.

3. Politisches Signal senden: Ungarn war der letzte europäische Verbündete des Deutschen Reiches. Das faschistische „Pfeilkreuzler”-Bewegung sollte den weiteren, uneingeschränkten Kriegseinsatz Ungarns sicherstellen und nach den Seitenwechseln Rumäniens und Bulgariens den Zerfall des deutschen Bündnissystems aufhalten. Neutralen Staaten wollte Hitler demonstrieren, dass Deutschland weiterhin handlungsfähig war.

Brücken im Visier beider Seiten

Am 1. Dezember 1944 erklärte Hitler die Stadt offiziell zur „Festung Budapest“. Er befahl, sie im Häuserkampf und ohne Rücksicht auf Schäden und den Verlust von Menschenleben zu verteidigen. Auf lange Sicht bedeutete dies auch die Sprengung der Brücken – die Donau fließt zwischen den Stadtteilen Buda und Pest.

Beide Seiten hatten ein Interesse daran, die Brücken zu zerstören – allerdings zu verschiedenen Zeitpunkten: Die deutsche Führung wollte sie erst nach Aufgabe von Pest zerstören, während die Roten Armee sie am liebsten während der andauernden Kämpfe gesprengt hätte. Dadurch hätte sie den Verteidigern den Rückzugsweg und Nachschublinien abgeschnitten. So bereiteten deutsche Pioniere ab November 1944 die Sprengung vor, während sowjetische Artillerie und Luftstreitkräfte die Brücken unter Beschuss nahmen und bombardierten.
 

An Weihnachten schließt sich der Ring 

Vom 24. bis zum 26. Dezember 1944 schlossen die 2. und 3. Ukrainische Front endgültig den Belagerungsring um die Stadt. Damit waren rund 800.000 Zivilisten und etwa 70.000 bis 80.000 Verteidiger eingeschlossen. Zu ihnen gehörten knapp 33.000 deutsche Soldaten unter dem Kommando des SS- und Polizeigenerals Karl Pfeffer-Wildenbruch sowie rund 37.000 ungarische Soldaten unter dem Kommando von General Iván Hindy von Kishindy. Damit begann die eigentliche, verlustreiche Kesselschlacht im Stadtgebiet von Budapest etwa 50 Tage nach dem ersten sowjetischen Angriff Ende Oktober.

Nachdem die deutschen und ungarischen Truppen Mitte Januar 1945 das Ostufer der Donau räumen mussten, sprengten Wehrmachtspioniere schrittweise nahezu alle Brücken der Stadt. Am 18. Januar 1945 fielen mit der Elisabethbrücke und der Kettenbrücke die letzten Straßenverbindungen zwischen Buda und Pest.

Die Truppen sollten weiterhin die Donaumetropole „bis zum letzten Haus“ verteidigen.

„Stalingrad an der Donau“

Zum Jahreswechsel 1944/45 versteckten die Soldaten beispielsweise eine deutsche Panzerabwehrkanone zwischen Gerümpel auf einem Gehöft am Rande Budapests. Auch damit versuchten sie, die sowjetischen Angriffe abzuwehren.

Aufgrund der verlustreichen und wochenlang andauernden Häuser-, Keller- und Stellungskämpfe, bei denen um Straßenzüge, einzelne Gebäude und teilweise sogar in der Kanalisation gekämpft wurde, erhielt die Schlacht schon früh den Beinamen „Stalingrad an der Donau“.

Waffen-SS und Kriegsverbrechen

Die historische Forschung, vor allem die des ungarischen Militärhistorikers Krisztián Ungváry, zeigt eines deutlich: Nicht nur militärische Erwägungen trieben die deutschen Truppen – insbesondere die Waffen-SS – an, sondern auch ideologische Faktoren. Jörg Ganzenmüller betonte außerdem die Bedeutung der nationalsozialistischen Weltanschauung als Orientierungs- und Legitimationsmuster dafür, wie Angehörige der Waffen-SS handelten.

Vor diesem Hintergrund ist es unerlässlich, Biographien und Quellen zu untersuchen, um die Handlungsspielräume, Motive und Verantwortlichkeiten einzelner Akteure möglichst differenziert zu beleuchten. Das leistet der Volksbund auch in seiner Dauerausstellung auf der deutschen Kriegsgräberstätte Budaörs bei Budapest.

SS-Divisionen „Totenkopf“ und „Wiking“

Auf ungarischer Seite kämpften viele Soldaten aus Angst vor sowjetischer Gefangenschaft und Vergeltungsmaßnahmen weiter oder auch aus Überzeugung, während reguläre Verbände und die „Pfeilkreuzler”-Bewegung zugleich an der Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung in der belagerten Stadt beteiligt waren.

Zur Entlastung der eingeschlossenen Garnison wurden im Januar 1945 im Rahmen der drei deutschen Entsatzoffensiven „Konrad I“, „Konrad II“ und „Konrad III“ das IV. SS-Panzerkorps mit den SS-Panzerdivisionen „Totenkopf“ und „Wiking“ aus dem Raum Warschau nach Ungarn verlegt.
 

Hitlers Misstrauen wächst

Zusammen mit weiteren Verbänden stießen zeitweise mehr als 60.000 Soldaten und mehrere hundert Panzer auf den sowjetischen Belagerungsring vor. Das Korps führte SS-Obergruppenführer Herbert Gille, der bereits mit dem Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes mit Eichenlaub, Schwertern und Brillanten ausgezeichnet worden war.

Die starke Konzentration von Verbänden der Waffen-SS in Ungarn hing mit der hohen strategischen Bedeutung des Kriegsschauplatzes zusammen. Eine Rolle spielte auch Hitlers wachsendes Misstrauen gegenüber Teilen der Wehrmachtsführung nach dem Attentat vom 20. Juli 1944.
 

Das bittere Ende und der Ausbruch

Nach dem Scheitern der deutschen Entsatzversuche und der vollständigen Eroberung des Stadtteils Pest am östlichen Donauufer durch sowjetische Truppen setzte sich das Drama im Januar und Februar 1945 im hügeligen Buda fort. Am 11. Februar 1945 brach die Verteidigung endgültig zusammen. Etwa 25.000 bis 34.000 Menschen – darunter Soldaten beider Nationen und zahlreiche Zivilisten – versuchten daraufhin aus der Stadt auszubrechen. Doch sie wurden von sowjetischem Dauerfeuer empfangen, das die meisten von ihnen tötete.

Von den Soldaten erreichten nur etwa 700 bis 800 die deutschen Linien. Alle anderen wurden getötet oder gingen in Gefangenschaft. Die Schlacht endete offiziell am 13. Februar 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation der letzten Verteidiger in Buda. Die kommunistische Führung Ungarns erklärte den Krieg auf ungarischem Staatsgebiet später offiziell mit dem 4. April 1945 für beendet.

Zum Beispiel Wilhelm Riehl

Auch das Schicksal des deutschen Soldaten Wilhelm Riehl war eng mit der Entwicklung in und um Budapest verbunden.

Wilhelm Riehl, 1924 in Essen geboren, meldete sich im Alter von 19 Jahren freiwillig zur Wehrmacht. Aufgrund unerlaubten Entfernens von der Truppe wurde der Offiziersanwärter zum Panzergrenadier degradiert und mit der 5. SS-Panzerdivision „Wiking“ Mitte Dezember 1944 auf Hitlers Befehl nach Ungarn verlegt, wo er ab dem 1. Januar 1945 im Raum Tata einer sowjetischen Übermacht gegenüberstand.

Am 7. Januar 1945 kam Riehl dort ums Leben. Zunächst wurde er auf dem damals so genannten „SS-Heldenfriedhof“ in Tata bestattet, rund 60 Kilometer nordwestlich von Budapest. 2013 wurden seine sterblichen Überreste auf die Kriegsgräberstätte Budaörs umgebettet. Sein Lebensweg ist unter den Biographien online und in der Dauerausstellung in Budaörs nachgezeichnet und eingeordnet. 

„Kämpfen oder sterben, aber nie seinen Platz freigeben.“

Wilhelm Riehl, SS-Panzergrenadier, am 26. Juni 1944 in einem Feldpostbrief

Kriegsgräberstätte Budaörs

Die Anlage am westlichen Stadtrand Budapests ist letzte Ruhestätte von mehr als 16.600 deutschen und ungarischen Kriegstoten. Bis heute werden im Großraum Budapest bei Bauarbeiten und archäologischen Untersuchungen Gebeine, Wracks und Ausrüstungsgegenstände gefunden.

Im August 2026 führten die Folgen des Klimawandels zu einem historisch niedrigen Wasserstand der Donau. Sie gab die Gebeine zweier Kriegstoter und ein sensationell gut erhaltenes Wehrmachtsmotorrad frei.
 

Die DKW NZ 350-1

Dieser Motorradtyp wurde im Zweiten Weltkrieg vor allem für Meldegänge oder Kurierdienste eingesetzt. Das Fundstück wird jetzt im Museum für Militärgeschichte in Budapest aufgearbeitet und soll später dort ausgestellt werden. 

Mehr zu den Funden ...

… am Donau-Ufer lesen Sie hier:

Budapest: Niedrigwasser der Donau gibt Kriegstote frei
Wehrmachtsmotorrad und die Toten aus der Donau: Wer waren sie?

Die Kriegsgräberstätte Budaörs

Unterstützen Sie den Volksbund bei Einsätzen wie dem in Budapest. Unsere Experten rechnen mit mehr als zwei Millionen Toten des Zweiten Weltkrieges, die noch nicht geborgen sind.
 

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Text: Franziska Haarhaus
Leitende Historikerin des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V.
Kontakt

Lesetipps

1. Ungváry, Krisztián: Die Belagerung Budapests 1944/45. Ein zweites Stalingrad, München 2002.

2. Ungváry, Krisztián: Die Zerstörung der Budapester Brücken: Dem einen gelang sie, dem anderen nicht, in: Budapester Zeitung ,14. Februar 2019,  Zugriff 11.08.2026.

3. Aly, Götz, Gerlach, Christian: Das letzte Kapitel. Der Mord an den ungarischen Juden 1944/1945. München 2002.

4. Frieser, Karl-Heinz, Hrsg.: Die Ostfront 1943/44 : der Krieg im Osten und an den Nebenfronten. Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg / hrsg. vom Militärgeschichtl. Forschungsamt, München 2007.

5. Bundgård Christensen, Claus, Niels Bo Poulsen, Peter Scharff Smith: War, Genocide and Cultural Memory: the Waffen-SS, 1933 to today, London 2023.

6. Hein, Bastian: Die SS: Geschichte und Verbrechen, München 2015. 
 

#volksbundhistory

Ob der Beginn einer Schlacht, ein Bombenangriff, ein Schiffsuntergang, ein Friedensschluss – mit dem Format #volksbundhistory möchte der Volksbund die Erinnerung an historische Ereignisse anschaulich vermitteln und für den Blog dabei fachliche Expertise nutzen. Der Bezug zu Kriegsgräberstätten und zur Volksbund-Arbeit spielt dabei eine wichtige Rolle.

Die Beiträge werden sowohl von Historikern aus den eigenen Reihen als auch von Gastautoren stammen. Neben Jahres- und Gedenktagen sollen auch historische Persönlichkeiten und Kriegsbiographien vorgestellt werden. Darüber hinaus können Briefe, Dokumente oder Gegenstände aus dem Archiv ebenfalls Thema sein – jeweils eingebettet in den historischen Kontext.

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