Die deutsch-französische Freundschaft ist das A und O Europas

Interview mit Friedhelm Schmal, 6. Dezember 2018

19. Dezember 2018

Im Plenarsaal und in der Kuppel des Reichtagsgebäudes beim Besuch der Volkstrauertagsveranstaltung 2018 im Bundestag. (Fotos: F. Schmal)

Friedhelm Schmal war von 1978 bis 2018 als Lehrer für Französisch, Gesellschaftslehre und Religion an der Georg-August-Zinn-Europaschule tätig, einer integrierten Gesamtschule in Kassel. Nach langjähriger guter Zusammenarbeit mit Herrn Schmal hat der Landesverband Hessen ihn im Jahr seiner Pensionierung eingeladen zu einer Fahrt nach Berlin. Hier konnte er an der zentralen Gedenkstunde zum Volkstrauertag im Plenarsaal des Deutschen Bundestages teilnehmen. Jeder Landesverband im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. darf zu diesen Feierlichkeiten eine Einladung pro Jahr aussprechen.

 

Seit wann engagieren Sie sich für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. und wie kam es überhaupt dazu?

Also wenn ich mich richtig entsinne, dann bin ich schon mit meinem Vater immer zum Volkstrauertag und anderen Gedenktagen gegangen. Das war damals nach dem Krieg normal, zumal mein Vater bis 1947 in russischer Gefangenschaft war und dann als Zweitletzter meines Heimatortes Vöhl am Edersee nach Hause kam. An meinem Geburtstag, dem 30. September 1953, kehrte dann der letzte „heim“. Das habe ich zwar nur noch ganz dunkel in Erinnerung, aber vielleicht ist das irgendwo gespeichert. Ja, und dann gibt es da Gespräche über den Krieg und über den deutschen Schuldanteil, die man über die Schule, im Abitur und dann in der Gesellschaftslehre im Studium mitbekommen hat, und das prägt.

 

Wann haben Sie denn begonnen, aktiv mit dem Volksbund zusammenzuarbeiten?

Also das ist eigentlich ganz einfach gewesen, und zwar hatte ich 1983 erstmals eine 9. Klasse. Und der Kollege sagte – der hatte zwei oder dreimal die Straßensammlung des Volksbundes betreut – : Mach du das jetzt mal! Bis zu den Klassenfahrten hat es dann aber noch zehn Jahre gedauert. Dazu kam es, als die Georg-August-Zinn-Schule 1993 Europaschule geworden ist. Die Idee war, dass man mit diesen Fördergeldern den Gesamtschülern, deren Elternhäuser nicht alle mit dickem Portemonnaie ausgestattet sind, Fahrten ins Ausland ermöglichen kann. Ich bin dann zuerst nach Verdun gefahren. Zwei Gruppen unserer Schule waren auch schon in der Begegnungsstätte des Volksbunds auf Usedom. Seit den 2000er Jahren sind wir dann 12 Mal in die Albert-Schweitzer Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte nach Niederbronn-Les-Bains gefahren. „Begegnung mit der Geschichte“ ist das Motto dieser Fahrten. Nächstes Jahr möchte ich als " frischer" Pensionär noch einmal mitfahren, zumal ich es den Schülerinnen und Schülern, die ich bis im Sommer noch unterrichtet  habe, versprochen habe – wie auch den Kolleginnen und Kollegen.

 

Wie ist Ihr Eindruck: Hat sich der Volksbund im Laufe der Jahre verändert?

Ja, das erlebe ich schon so. Es ist jetzt eine jüngere Generation, die da das Sagen hat. Das ist ja auch natürlich. Und die nehmen Vieles natürlich ganz anders wahr. Mein Thema war ja immer, dass man genau hinsehen und nachfragen muss. Nehmen Sie mal die Gräberstätte in Niederbronn. Da steht ja wirklich immer noch außen dran: „Deutscher Soldatenfriedhof“. Daran ist eigentlich alles falsch. Es handelt sich nicht nur um Deutsche, zweitens liegen da nicht nur Soldaten. Dort liegen auch Kinder, Frauen und Tote verschiedener Religionszugehörigkeit. Mittlerweile ist man da sensibler.

 

Was waren für Sie persönliche Höhepunkte in der Zusammenarbeit mit dem Volksbund?

Also ganz persönlich natürlich, dass ich vor drei Wochen in Berlin im Bundestag war. Und, noch eine Stufe höher vielleicht, dass ich vor sechs Jahren bei Herrn Gauck im Bellevue war und sogar mit ihm sprechen konnte! Bei Macron war das jetzt nicht der Fall. Aber Herr Gauck hat damals im Gespräch erkennen lassen, wie sehr er davon angetan ist, dass Schülerinnen und  Schüler sich in der heutigen Zeit für ein Engagement in diesem Bereich gewinnen lassen. Ich habe ihm damals schon gesagt, wie wichtig ich die Gedenkkultur für Schüler finde. Auch das, was wir mit Schülern für den Volkstrauertag vorbereitet habe, das war mir immer sehr wichtig. Auch die Fahrten nach Niederbronn. Das Konzept dort ist einfach toll.

 

Sie sind erfahrener Pädagoge und haben in Ihrem Berufsleben sicherlich viele unterschiedliche Bildungskonzepte kennengelernt. Wie schätzen Sie die Bildungsarbeit des Volksbundes ein? Was ist gut, was können wir noch verbessern?

Also gut finde ich auf jeden Fall die Möglichkeiten in den Jugendbegegnungsstätten. Wir sind ja wie gesagt auch schon nach Usedom gefahren. Wobei mir als Französischlehrer die Örtlichkeit im Elsass natürlich näher liegt. Aber die deutsch-polnische Geschichte ist sicherlich genauso spannend und belastet, wie die deutsch-französische, das ist mir schon klar.

Was noch immer nicht geschafft ist – aber da kann ich auch nicht sagen, woran es liegt und auch wenig Tipps geben –, das ist, dass die Leute in der Schule nicht sagen: „Volksbund? Das ist altmodisch, kann weg!“ Aber da habe ich auch keine richtige Idee. Das hat natürlich auch mit dem Namen Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge zu tun, der wirkt unglaublich konservativ. Aber ich kann auch verstehen, dass man den nicht einfach ändern kann, schließlich geht es um Traditionen. Dann können die Leute nichts mehr damit anfangen. Den Volksbund gibt es ja jetzt schon seit 99 Jahren!

 

Wir haben schon darüber gesprochen: Sie waren dieses Jahr zum Volkstrauertag zur zentralen Gedenkstunde in den Berliner Bundestag eingeladen. Welche Eindrücke haben Sie von dort mitgenommen?

Ach, das war schon toll! Ich muss sagen, diese ganzen Abläufe allein. Du gehst dahin, wirst am Eingang kontrolliert, gehst vielleicht noch mal oben in die beeindruckende Kuppel und dann kommst Du unten in den Saal und sitzt da auf irgendwelchen Plätzen, auf denen sonst ganz andere Leute sitzen. Das ist sehr beeindruckend. Wenn ich jetzt die Tagesthemen sehe und der Raum gezeigt wird, dann denke ich natürlich sofort: Ah, da habe ich gesessen!

Die Stimmung war auffällig aufmerksam. Den Rednern wurde wirklich sehr genau zugehört. Es waren ja auch alles in irgendeiner Weise ausgewählte Leute, das war also ein besonderes Publikum. Darunter waren übrigens auch die Schüler des Kasseler Friedrichsgymnasiums, die an der Gestaltung der Veranstaltung in Berlin aktiv mitgewirkt haben. Sie glauben es nicht, aber einer genau dieser Schüler hatte bei einer Preisverleihung für einen deutsch-französischen Schülerwettbewerb  wirklich die Gelegenheit, mit Macron zu sprechen. Dem habe ich hinterher noch gesagt: Das ist ein besonderer Moment! Das wirst Du nie wieder vergessen!

Ich fand übrigens auch die Rede von Wolfgang Schneiderhahn, dem Präsidenten des Volksbundes gut, das muss ich schon sagen. Was mich natürlich ein bisschen befremdet hat: Er hat auch über Aktuelles gesprochen, wie zum Beispiel über das neuerliche Aufkommen von Rechtsextremismus in unsere Gesellschaft. Und dann sieht man direkt im Raum eine Alice Weidel, einen Alexander Gauland, die dazu so harmlos mitklatschten. Fürchterlich! Da habe ich gedacht: Am liebsten würde ich Euch rausschmeißen!

Ich glaube auch, dass das für die meisten Politiker mehr war, als nur ein Pflichttermin. Das war schon eine besondere Stimmung.

 

Kurz vor dem diesjährigen Volkstrauertag hat die Kasseler HNA über Sie berichtet. Dort haben Sie gesagt, dass Sie sich für Ihren Aufenthalt in Berlin wünschen würden, ein paar Minuten mit dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron reden zu können. Was wollten Sie ihm mitteilen?

Ich hätte ihm natürlich erzählt, dass ich 33 Jahre lang einen Schüleraustausch begleitet habe und hätte ihm meine Erfahrungen mitgeteilt. Die deutsch-französische Freundschaft ist das A und O Europas! Und dann auch, dass ich das, was er gesagt hat, genau richtig finde und dass ich manche Entwicklungen auch mit Sorge sehe. Auf beiden Seiten. Der Stellenwert der zweiten Fremdsprache sinkt bei uns leider. Die deutsch-französische Freundschaft ist so wichtig und wir haben es bitternötig, daran zu arbeiten. In unserer Geschichte war das Verhältnis zu Frankreich immer wichtig. Das fing mit dem Deutsch-Französischen Krieg an – der heißt ja genau deshalb auch so – und zieht sich über die Weltkriege bis in die aktuelle Zeit. Da hat sich ja zum Glück extrem viel geändert.

In seiner Rede in Berlin hat Macron gesagt, dass er den Kampf für eine einvernehmliche gemeinsame Zukunft der europäischen Länder noch nicht für gewonnen hält. „Zwischen unseren Völkern müssen alle Generationen einander immer wieder aufs Neue die Hand reichen“, heißt es in seinem Vortrag. Was können wir heute dafür tun? Was wäre aus Ihrer Sicht, Herr Schmal, ein wichtiger Beitrag für den Frieden, für ein einvernehmlich agierendes Europa?

Da würde ich auch den Fortbestand der deutsch-französischen Beziehung nennen. In der Erwachsenenwelt wie in der Jugendwelt. Klar würde ich jetzt als „verflossener“ Französischlehrer auch sagen, dass im Mittelpunkt steht, dass die Menschen Sprachen lernen. Deutschland und Frankreich habe ja auch noch die Besonderheit, dass sie direkt nebeneinander liegen. Zwei große Länder, die beieinanderliegen, die eine lange gemeinsame Grenze haben und die seit 1963 Hunderte von Schüleraustauschen und Städtepartnerschaften pflegen. Da kann man in der Schularbeit so viel machen! Wir müssen die Taktgeber dafür sein, dass Europa nicht auseinanderfällt.

 

In Deutschland gilt Macron als Garant für die europäische Idee, als Kämpfer gegen engstirnigen Nationalismus und als glühender Vertreter für die deutsch-französische Freundschaft. Als solcher wird er bei uns sehr geschätzt. In Frankreich dagegen sinken Macrons Umfragewerte zurzeit enorm. Hätten Sie als Frankreichkenner einen Rat für den französischen Präsidenten in Bezug auf die aktuellen Probleme in seinem Land?

Hm, also ich hätte meinen Rat auf den starken Zentralismus in Frankreich bezogen. Der ist ja nach wie vor extrem, egal, welche Reförmchen mal dagegen angestrebt worden sind. Die Hauptantreiber der sogenannten „Gilets jaunes“ kommen ja wohl aus der Bretagne. Es hängt schon einiges daran, dass die sogenannte Landbevölkerung sich wirklich abgehängt fühlt. Und ich will nicht behaupten, dass das nicht hier in Deutschland auch teilweise so ist. Gerade in Nordhessen haben wir Regionen, in denen jedes dritte Haus leer steht und wo die Sparkasse nur einmal in der Woche auf hat oder gar nicht mehr existiert. Das ist bei uns auch nicht so weit weg, aber in Frankreich ist das natürlich alles noch viel schlimmer, zumal Frankreich auch territorial größer ist und es eine viel stärkere Entfernung gibt zwischen den einzelnen Gemeinden.

„La République en marche“ war eine starke Vorgabe. Das gilt es jetzt einzuhalten.

Bei unserer Kanzlerin war es ja übrigens manchmal ähnlich, dass das Image außerhalb ein anderes war, als im eigenen Land. Während sie in Krisensituationen innenpolitisch an Boden verlor, wurde sie weltpolitisch immer noch gut gelitten und sogar verehrt. Aber egal wer jetzt ihre Nachfolge antritt: An Europa müssen wir weiterarbeiten, da hat Macron absolut recht.

 

Vielen Dank für das Interview, Herr Schmal. Vielleicht liest Monsieur Macron ja unsere Homepage, dann kommt Ihre persönliche Botschaft doch noch bei ihm an!

Das Interview führten Maike Bartsch und Andrea Berninger, Regionalstelle Hessen Nord im Landesverband Hessen

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