Mahnmal? Friedhof? Gedenkstätte?

Leistungskurs Geschichte des Wilhelmsgymnasiums Kassel erkundet die Kriegsgräberstätten im Stadtteil Niederzwehren

7. Februar 2017

Schülerinnen vor dem Grab des Kanadiers Normann Dobbs. Foto: Arne Jost.

Gedenkstein zur Erinnerung an die russischen Toten. Foto: LV Hessen.

Auf dem Keilsberg am „Langen Feld“ zwischen Äckern und der Autobahn A44 liegen in Kassel zwei Kriegsgräberstätten des Ersten Weltkrieges.
In unmittelbarer Nähe zu den heutigen Kriegsgräberstätten existierte während des Ersten Weltkrieges ein Kriegsgefangenenlager, in dem bis zu 20.000 Gefangene untergebracht waren. Zu diesem Lager gehörte ein Lagerfriedhof, dessen Belegung insbesondere aufgrund einer Typhus-Epidemie im Jahr 1915 deutlich anstieg.
Heute existiert dieser Lagerfriedhof in seiner ursprünglichen Form nicht mehr, da in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts an dieser Stelle zwei separate Kriegsgräberstätten ausgestaltet wurden. Insgesamt 1805 britische Tote sind heute getrennt von russischen Toten in jeweils eigenen Kriegsgräberanlagen bestattet. 105 britische Soldaten verstarben im Lager Niederzwehren. Weitere 1700 britische Soldaten wurden in den zwanziger Jahren aus ganz Deutschland hierher umgebettet.

Die Schülerinnen und Schüler des Leistungskurses des Wilhelmsgymnasiums nutzten den Projekttag mit dem Landesverband Hessen, um sich mit der Geschichte dieses Ortes auseinanderzusetzen. Dabei ging es zunächst um die Frage, warum diese Kriegsgräberstätten des Ersten Weltkriegs in Kassel-Niederzwehren existieren und wer hier konkret begraben wurde. Die Tatsache, dass auf der Kriegsgräberstätte für die britischen Toten auch Soldaten aus Australien, Südafrika oder Kanada bestattet sind, ermöglichte einen Exkurs zur Kolonialgeschichte des britischen Empires. Die Schülerinnen und Schüler zeigten sich höchst interessiert und erkundeten die Kriegsgräberstätten voller Neugierde.
Im Anschluss an die gemeinsame Spurensuche wurde bei heißem Tee diskutiert, welche Rolle die Auseinandersetzung mit Kriegsgräberstätten heute noch spielt. Schnell waren sich die Teilnehmenden darüber einig, dass Angehörige diese Friedhöfe wahrscheinlich nur selten als Trauerort aufsuchen. Aber, welche Funktion haben diese abgeschiedenen Orte heute? Manche der Schülerinnen und Schüler sahen in den Kriegsgräberstätten sehr eindrucksvolle Mahnmale für den Frieden, andere empfanden die Gestaltung der britischen Gräberstätte als militärische Inszenierung und Heroisierung des Krieges.

Während die britische Kriegsgräberstätte durch den opulent gestalteten Eingang und die in Reih und Glied gestellten 1805 Grabsteine sehr beeindruckt, ist die Wirkung der Gräberstätte der russischen Kriegstoten eine ganz andere.
Ein schlichtes Eingangstor mit einem vergleichsweise kleinen Stein, der auf die Kriegsgräberstätte hinweist, führt zu einer großen Rasenfläche. Lediglich einzelne niedrige Steinkreuze und ein russisch-orthodoxes Hochkreuz lassen erkennen, dass es sich hier nicht um einen Park handelt. Während auf der britischen Kriegsgräberstätte ein Mitarbeiter des Friedhofamtes die Grabreihen mit dem Laubbläser reinigte, wurde bei dem anschließenden Besuch der russischen Gräberstätte deutlich, dass diese nicht die gleiche Aufmerksamkeit erhält. Bei dem Vergleich beider Kriegsgräberstätten fiel den Schülerinnen und Schülern sofort der größte Unterschied zwischen diesen auf: Die Kriegsgräberstätte der russischen Kriegstoten hat keine Namenskennzeichnungen und eine Einzelgrablage ist dadurch nicht zu erkennen!

Trotz der eisigen Kälte diskutierten die Teilnehmenden engagiert die Frage, ob man diese Kriegsgräberstätte nicht nachträglich umgestalten sollte. Während einige der Teilnehmenden der Meinung waren, dass die derzeitige Gestaltung der Toten unwürdig sei und daher dringend geändert werden müsse, wiesen andere darauf hin, dass die Gestaltung der Kriegsgräberstätten erst im unmittelbaren Vergleich eine eindrucksvolle Quelle dafür sei, wie unterschiedlich mit den Kriegstoten verschiedener Nationen umgegangen wurde und wird.

Wenn Sie ebenfalls Interesse an diesem Projekttag haben, nehmen Sie per E-Mail oder telefonisch mit uns Kontakt auf.

Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.

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