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75 Jahre Kriegsende: Volksbund-Mitglied aus Mutterstadt beschreibt seinen Lebensweg
Rückblick – Erinnerung – Gegenwart
02. April 2020
  • Rheinland-Pfalz

Mutterstadt: Volker Schläfer war ein Jahr alt, als sein Vater Hugo 1943 als Soldat an der Ostfront gefallen ist. Dieses Schicksal hat ihn in seiner Kindheit und Jugend, aber auch später in den Schul-, Berufs- und Lebensjahren geprägt; auch unter dem Gesichtspunkt: Was wäre gewesen, wenn?

Im Zusammenhang mit dem Volkstrauertag 2019 hat Volker Schläfer einen Text unter der Überschrift „Lebenslinien: Rückblick – Erinnerung – Gegenwart“ verfasst:

Ende Mai 1945, vor jetzt fast 75 Jahren: In dem kleinen nordpfälzischen Dorf Gerbach am Donnersberg sitzt eine Mutter mit ihren zwei Töchtern und ihren zwei Schwiegertöchtern in ihrem Haus und sie müssen für ihre Familien diese bittere, traurige Bilanz eines grauenvollen Krieges ziehen: Sie hat ihre zwei Söhne und ihre zwei Schwiegersöhne verloren; die vier Frauen ihre Männer und acht Kinder, damals zwischen 3 und elf Jahren, ihre Väter. Die Frauen, wie ihre Ehemänner zwischen 30 und 40 Jahren, eint nun ein Schicksal: Sie sind jetzt Kriegerwitwen, derzeit ohne eigenes Einkommen, ohne Lebensperspektive, ohne Lebensfreude und trotzdem müssen sie jetzt für ihre Familien sorgen; die Kinder sind jetzt Kriegs- Halbwaisen und werden ohne Vater oder Onkel aufwachsen.

Eine der Frauen ist die Mutter von Volker Schläfer, der im Oktober 1942 geboren ist. Fast genau ein Jahr später erhält die Familie in Kaiserslautern diesen Brief (vom Kompanieschreiber mit Bleistift handgeschrieben auf einem braunen Papier), den alle Ehefrauen und Mütter während des Krieges fürchten und vor dem sie alle zittern, der aber millionenfach verschickt wird mit den, Volker Schläfer nennt es so, üblichen Floskeln, wie „ ... die traurige und schmerzerfüllte Pflicht ... den Heldentod gestorben ... Leben geopfert für Deutschlands Größe ... starb für Führer, Volk und Vaterland ..." usw. Er endet mit „Heil Hitler". Darin heißt es auch „… Photoaufnahmen von dem Grab kann ich nicht zukommen lassen wg. des Vorrückens des Feindes …" Was das bedeutete, kann man nur erahnen, vielleicht ist dafür die Vermutung „schnell notdürftig irgendwo unter die Erde gelegt, zusammen mit anderen toten Kameraden", zutreffend.

Gefallen ist der Gefreite Hugo Schläfer im Alter von 35 Jahren bei der Schlacht um Krasnoye, in der Nähe von Smolensk, südlich der Rollbahn Minsk-Moskau, als die Rote Armee dieses Gebiet, es liegt heute an der Grenze zwischen Weißrussland und Russland, von der Deutschen Wehrmacht zurückeroberte.

Der Vater von Volker Schläfer gehört zu der „verlorenen“ Generation des frühen 20. Jahrhunderts, ohne richtige Jugend durch den 1. Weltkrieg und dessen Folgen, mit Ausbildung, aber zeitweise ohne Arbeit, ohne eine echte Demokratie erlebt zu haben. Er erhofft sich deshalb, wie viele Männer in dieser Zeit, durch die Versprechungen der Nazis eine bessere Zukunft für sich und seine Familie und unterstützt somit, gewollt oder ungewollt, diese Diktatur. Er zahlt dafür einen hohen Preis, nämlich mit seinem Leben, und stirbt, zirka 1.400 km weit entfernt von der Heimat, für den Kriegsverbrecher Hitler und dessen Größenwahn, denn ab 1939 legte der Krieg sozusagen ein „schwarzes Leichentuch“ über ganz Europa und „verbannte“ Hoffnung, Freude und Zukunft für die Menschen.

Als gelernter Schriftsetzer und Buchdrucker arbeitet er, bevor er 1942 zur Wehrmacht kommt, für eine Regionalzeitung in Kaiserslautern. Im Herbst 1944 zieht die Mutter mit den vier Kindern, auch wegen der Luftangriffe auf die Stadt, zurück aufs Land; mit dem Mobiliar auf einem Pferdefuhrwerk geht es zur Großmutter; der Großvater ist 1943 gestorben. Die von ihm betriebene kleine Schreinerei wird, da es jetzt keinen Nachfolger mehr gibt, verpachtet.

Die wirtschaftliche Lage ist auch in der Pfalz schlecht und prekär, aber zu hungern braucht die Familie nicht: Ein Bauerngarten und ein Grundstück mit Obst und Gemüse liefern das Notwendigste, im Herbst wird „eingemacht und eingekellert“ und geschlachtet; ein Schwein, zwei Ziegen und ein Dutzend Hühner werden gehalten. Die Mutter von Volker Schläfer macht sich als Schneiderin selbstständig, und so rattert bis tief in die Nacht ihre Nähmaschine. Sie fährt aber auch öfters mit dem Rad für einige Tage zum Nähen auf umliegende Bauernhöfe, so dass die Großmutter dann „alleinerziehend“ ist.

Was Volker Schläfer aus der Nachkriegszeit in Erinnerung ist: In dieser Zeit fehlt die Verarbeitung der Gedanken, Gefühle und Ängste. Probleme der „alleinerziehenden“ Mütter oder Diskussionen über Vereinbarkeit von Beruf und Familie sind kein Thema; all das was heute in solchen Fällen selbstverständlich ist, wie Trauerbegleitung, psychologische Betreuung, Beratungs- und Betreuungsangebote, Hilfe und Unterstützung in Alltagsfragen, frühkindliche Erziehung, Kindergarten, Schulsozialarbeit, Berufsberatung usw., all das gibt es damals auf dem Land nicht. Des Weiteren ist da die Tatsache, dass in der Familie, wie übrigens in vielen anderen Familien auch, über die Kriegsereignisse an sich, über die Gründe und Vorkommnisse die dazu führten, über die Verantwortung und die Folgen, so gut wie nie gesprochen wird; ein lähmendes Schweigen liegt über dieser Nachkriegszeit. Das gilt übrigens auch für die damaligen Verantwortlichen in Kirche, Schule und Behörden. Heute weiß man, dass viele der Männer entweder einfach nicht mehr an die NS- und Kriegszeit erinnert werden wollten, auch weil viele traumatisiert waren auf Grund des Erlebten, oder nicht darüber sprechen wollten, weil sie in irgend einer Form in dem untergegangenen System 4 eingebunden waren; also die Fragen scheuten, „wie war das, was hast du damals gemacht, wie hast du dich damals verhalten?"

Als die Amerikaner als Befreier und Besatzer durch den Ort fahren, sahen die Kinder erstmals schwarze Soldaten, die Süßigkeiten verteilten – die erste Schokolade. 1948 wird Volker Schläfer eingeschult, eine Zwergschule in einem drei km entfernten Nachbarort; dorthin geht es zu Fuß mit dem Ranzen sommers wie winters auf einem Feldweg, im Herbst und Winter morgens noch bei Dunkelheit. Anschließend dann noch weitere vier Jahre „nur“ die Volksschule im Ort, denn in der damaligen Zeit entscheiden die finanziellen und familiären Verhältnisse über die schulische Ausbildung (Schulgeld, Bücher, Fahrtkosten zu dem 15 km entfernten Gymnasium). Der Berufswunsch Journalist ist für den Jungen nicht realisierbar und so beginnt die Suche nach einer Lehrstelle, die Mitte der 1950er-Jahre rar sind. Sein Berufsleben startet Schläfer dann als Verwaltungslehrling mit mtl. 30 DM Lehrgeld bei einer kleinen Behörde in einem Nachbarort.

In allen Lebensbereichen und wichtigen Lebensstationen, wie z.B. Erziehung, Schul- und Berufswahl, Konfirmation, Familienfeiern, aber auch bei all den Freizeitaktivitäten eines Buben – überall fehlt natürlich der Vater. Die Familie konnte das bei allem anerkennendem Engagement nicht ersetzen. Wenn dann mal wieder die Frage gestellt wird, „gell, du vermisst deinen Vater?" kommt dann irgendwann nur noch die Antwort „was man nicht kennt, kann man nicht vermissen".

In seinem Familienarchiv hat Volker Schläfer u.a. noch folgende Unterlagen aus der Kriegszeit:

  • Feldpostbriefe des Vaters, in denen viel über Rückkehr, Wiedersehen und eine bessere Zukunft geschrieben steht; einer der Briefe an seine Eltern kam erst nach seinem Tode an;
  • eine Feldpostkarte, aus getrockneter Birkenrinde geschnitten, auf dem ein Holzhaus gezeichnet ist;
  • ein Feldpostbrief an seine Mutter mit Grüßen zum Muttertag 1943 mit getrockneten Birkenblättern und -blüten aus Russland;
  • die handschriftliche Originalmitteilung der Todesnachricht;
  • die zurückgeschickten „Nachlasssachen“: Wehrmachtpass, Trauring, Krawattennadel, Manschettenknöpfe, Taschenmesser, Rasiermesser, Geldbörse (Inhalt: nur Reichspfennige), Notizbuch, Abzeichen;
  • zwei Feldpost-Zahlscheine über noch zustehenden Wehrsold (Nachlassgeld) von 55 RM und 61,40 RM; für den 1. bis 6. Oktober (Todestag) gibt es 5,00 RM;
  • Bescheid über eine Hinterbliebenenversorgung (für fünf Personen) ab 1. Februar 1944 in Höhe von 245 RM monatlich.
  • KdF-Unterlagen für das Sparplansystem für einen „Kraft- durch-Freude-Wagen“, den deutschen Volkswagen und
  • ein Familienfoto von Pfingsten 1943, das einzige mit Vater, Mutter und den vier Kindern – aufgenommen anlässlich des einzigen Heimaturlaubs.

Zurück zu der Ausgangsfrage des Sohnes: Was wäre gewesen, wenn? Wenn es keinen 2. Weltkrieg gegeben hätte, wenn der Vater nicht gefallen wäre, wenn die Familie in Kaiserslautern wohnen geblieben wären, wenn für den Schüler eine andere Schul- und/oder Berufswahl getroffen worden wäre?

Der Krieg ist schlimm und traurig genug, besonders betroffen sind dabei die Angehörigen der Kriegstoten, von denen es, so wie bei dem Vater von Volker Schläfer, kein Grab für die Trauer gibt, weder in der Heimat noch in der Ferne. Auf den Ehrentafeln für die Kriegstoten auf dem Friedhof in Gerbach und in seinem Geburtsort Ruppertsecken (dort in Sichtweite zu seinem Elternhaus) ist der Name des Gefallenen aufgeführt.

Volker Schläfer unterstützt deshalb schon seit Jahren als Mitglied und Spender den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und somit dessen auch heute noch so wichtige Bergungs- und Friedensarbeit in den früheren Kriegsgebieten. Die jährliche Teilnahme an der Feierstunde zum Volkstrauertag ist für ihn deshalb mehr als nur ein „Pflichttermin“.

Seit er politisch „mitdenken“ kann, unterstützt er die Versöhnungspolitik mit West und Ost und die Ende der 1960er- Jahre angestoßenen gesellschaftlichen Reformen, u.a. mit „mehr Demokratie wagen“, ein „besseres Leben“ für alle in einer sozialen Marktwirtschaft mit einer gerechten Gesellschaftspolitik und für mehr Chancengleichheit durch „Bildung für Alle“. Mit Sorge sieht Volker Schläfer heute die jetzt wieder aufkommenden rechtsradikalen Gedanken in Parteien am Rande unserer Verfassungsordnung; und das 75 Jahre nach diesen fürchterlichen Jahren der Nazi-Diktatur mit den damals begangenen Verbrechen und bei über sechs Millionen Kriegstoten, allein in Deutschland.

Volker W. Schläfer

Volker Schläfer ist Mitglied im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.

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Handschriftliche Todesnachricht vom 9. Oktober 1943
Grußkarte von Hugo Schläfer aus Russland an seine Mutter zum Muttertag im Mai 1943
Familienbild: Hugo Schläfer, gefallen am 6. Oktober 1943 in Russland mit seiner Ehefrau Ottilie und den vier Kindern. Sohn Volker Schläfer ist auf dem Arm des Vaters.
Postkarte aus Birkenrinde des gefallenen Vaters an die Ehefrau