Foto mit Symbolkraft: Kriegsgräber, vorn deutsche Granaten in Weidenkörben, zerstörte Gleise. Das Bild entstand im dritten Monat der Schlacht an der Somme, rund 20 Kilometer von Gommecourt entfernt. Orte des Gedenkens am 1. und 2. Juli 2026 sind Thiepval, Fricourt, Rancourt und Maissemy. (© John Warwick Brooke, Public domain, via Wikimedia Commons)
1. Juli 1916: Gommecourt und die Illusion des leichten Sieges
Internationale Gedenkveranstaltungen erinnern an den ersten Tag der Schlacht an der Somme
Der Erste Weltkrieg rückt in diesen Tagen in der Erinnerung nach vorn: Vor 110 Jahren begannen nicht nur die Kämpfe in Verdun am 21. Februar, sondern auch an der Somme – am 1. Juli 1916. Er gilt als einer der blutigsten Tage der Militärgeschichte. Der Volksbund und internationale Partner erinnern am 1. und 2. Juli daran. Dr. Christian Lübcke blickt nach Gommecourt, auf ein Dorf am nördlichen Ende der britischen Angriffsfront.
Als 13 britische und fünf französische Divisionen entlang der Somme zum Angriff auf sechs deutsche Divisionen antraten, verspürten viele deutsche Soldaten zunächst vor allem eines: Erleichterung.
„Mit einem Spazierstock bewaffnet“
Erleichterung deshalb, weil mit dem Beginn des Angriffs ein einwöchiges, bis dahin beispielloses alliiertes Trommelfeuer endete. Tag und Nacht hatten schwere und schwerste Geschütze die deutschen Stellungen systematisch zerschlagen. Hinzu kamen wiederholte Gasangriffe.
Auf britischer Seite war man überzeugt, dass unter einem solchen Feuer kaum ein Verteidiger überleben könne. Manche britischen Generäle äußerten gar, es genüge nach einer solchen Artillerievorbereitung, das Schlachtfeld „mit einem Spazierstock bewaffnet“ zu überqueren.
Unter dem Hashtag #volksbundhistory berichten wir in einem Blog von historischen Ereignissen und liefern Hintergrundinformationen.
Unser Autor heute: Dr. Christian Lübcke. Der Historiker ist Geschäftsführer des Volksbund-Landesverbandes Hamburg.
„Und dann die Anzahl der Batterien!“
Die Offensive war sorgfältig geplant worden. Britische Pioniere hatten Minen unter besonders stark befestigten deutschen Stellungen gelegt, Aufklärung und Truppenansammlungen ließen ein erdrückendes Übergewicht entstehen.
Auch deutsche Kriegsgefangene zeigten sich beeindruckt. Der 24-jährige Leutnant Hans Georg Enemark vom Reserve-Infanterie-Regiment 91 notierte nach seiner Gefangennahme: „Hinter den englischen Linien wird einem klar, daß unter den gegebenen Verhältnissen der englische Angriff gar nicht mißlingen konnte: immer neue Massen frische Truppen rücken nach vorn, erstklassig in ihrer Ausrüstung. […] Und dann die Anzahl der Batterien!“
Dichte Rauchwand über Niemandsland
Der nördliche Eckpunkt der britischen Angriffsfront war das Dorf Gommecourt. Hier verteidigten Reserveverbände aus Norddeutschland und Baden die zerschossenen Stellungen.
Am Morgen des 1. Juli 1916 griffen gegen 7.30 Uhr zwei britische Divisionen an: nördlich die 46th (North Midland) Division, südlich die 56th (London) Division. Langsam überschritten die britischen Truppen das rund 300 Meter breite Niemandsland, gedeckt von einer dichten Rauchwand. Beobachter sprachen später von einem Vormarsch „wie beim Manöver“ – geordnet, diszipliniert, scheinbar unbehelligt.
Der Sieg schien greifbar nah
Zunächst schien der Plan aufzugehen. Die 56th Division drang im Süden tief in die deutschen Linien ein und nahm über 300 Gefangene. Auch im Norden kamen die britischen Bataillone rasch voran. Die vorderen deutschen Gräben waren weitgehend eingeebnet, Widerstand gab es kaum. Der Sieg schien greifbar.
Überraschende Gegenwehr im Norden
Doch der Eindruck trog. Über Läufer und Signalpistolen forderten die bedrängten deutschen Regimenter ein präzises Artilleriesperrfeuer an. Dieses schnitt die eingedrungenen britischen Einheiten von jeder Verstärkung ab.
Im nördlichen Abschnitt der 46th Division erkannten die vordringenden Soldaten der 1/6th South und 1/6th North Staffordshire zu spät, dass die Verteidiger die noch intakten rückwärtigen Gräben besetzt hatten. Im konzentrierten deutschen Abwehrfeuer konnten die Briten kaum Deckung nehmen, denn die vorderen Gräben waren ja weitgehend eingeebnet worden.
Unterstände in hartem Gestein
Es kam noch schlimmer: Die folgenden 1/5th und 1/7th Sherwood Foresters stellten zu spät fest, dass sie sich in einem Gebiet befanden, in dem die Mehrzahl der deutschen Unterstände im harten Kalksteinboden intakt geblieben waren.
Dort gruben sich die Verteidiger in fieberhafter Eile aus und griffen die überraschten britischen Soldaten aus dem Rücken und aus den Flanken heraus an. Ein regelrechtes Gemetzel war die Folge. Beide Bataillone verloren rund 80 Prozent ihrer Männer.
Rückzug in Panik
Während die Verteidiger im Norden mit verhältnismäßig geringem Aufwand gleich zwei britische Brigaden ausschalteten, konnten im Süden vier deutsche Regimentskommandeure ihre volle Aufmerksamkeit auf die vorrückende Londoner Division richten. Auch diese Soldaten waren aufgrund schweren Artilleriefeuers von Verstärkung abgeschnitten.
Die deutschen Kommandeure stimmten einen koordinierten Angriff gegen die britischen Truppen ab, die sich wegen mehrheitlich eingeebneter Grabensysteme ebenfalls ohne Deckung befanden. Wo Briten in Granattrichtern dicht gedrängt Deckung suchten, setzen die deutschen Soldaten Handgranaten mit tödlicher Präzision ein. Schließlich verwandelte sich der britische Vormarsch in einen panikartigen Rückzug. Herangebrachte deutsche Maschinengewehre töteten und verwundeten dabei Hunderte Briten auf freiem Feld.
Ein Fehlschlag mit bitteren Folgen
Der Angriff auf Gommecourt endete in einem vollständigen Fehlschlag. Die britischen Verluste waren enorm: Die 56th Division verlor an einem Tag mehr als 4.200 Mann, die 46th Division mehr als 2.400 – allein an diesem Frontabschnitt. Die Briten hatten die Bodenbeschaffenheit und den Widerstandswillen der Verteidiger deutlich unterschätzt.
Leutnant Enemark bemerkte dazu später: „Im Divisions-Quartier versuchte man uns zu verhören. Immer wieder kam die Frage: ‘Wie machen Sie es nur, dass in den Gräben, die wir tagelang zerhämmert haben, beim Angriff noch kampffähige Männer vorhanden sind?’“
Folgen für den Kommandeur
Paradoxerweise verlor der Kommandeur der 46th Division sein Kommando – nicht wegen übermäßiger Verluste, sondern weil seine Division im Vergleich zu anderen am 1. Juli die geringsten Verluste aufwies. Man sprach ihm den notwendigen „offensive spirit“ ab.
Auch die deutschen Verteidiger zahlten einen hohen Preis: Rund 1.300 Soldaten fielen, wurden verwundet oder galten als vermisst. Allein das badische Infanterie-Regiment 170 verlor über 650 Mann. Auf der deutschen Kriegsgräberstätte bei Neuville-Saint-Vaast ruhen viele der Gefallenen aus dem Gefecht um Gommecourt. Es ist der größte deutsche Friedhof des Ersten Weltkrieges in Frankreich.
Ritterlichkeit im Inferno
Bemerkenswert ist, dass es trotz der erbitterten Kämpfe zu kurzfristigen Waffenstillständen kam. Unter dem Schutz der Rot-Kreuz-Flagge bargen beide Seiten Verwundete und bestatteten Tote. Selbst im industrialisierten Massenkrieg blieb Raum für Momente soldatischer Humanität – flüchtig, aber real.
Captain Henry Lewes, Adjutant der 1/5th Sherwood Forester, wurde bei Gommecourt schwer verwundet und starb noch am ersten Tag der Schlacht in einem deutschen Lazarett. Deutsche Soldaten bestatteten ihn mit allen Ehren. © Porträt: IWM Collections from London/Duxford/Manchester, United Kingdom; Grab: John Warwick Brooke; beide: Public domain, via Wikimedia Commons
Mikrokosmos im industrialisierten Krieg
110 Jahre nach Beginn der Schlacht an der Somme stehen die Zahlen noch immer im Raum – Hunderttausende Tote, Verwundete, Vermisste. Doch hinter jeder Zahl verbirgt sich ein Leben, eine Familie und eine Zukunft, die es nie gab.
Gommecourt war kein strategischer Wendepunkt. Es war ein Mikrokosmos des industrialisierten Krieges: minutiös geplant, technisch überwältigend – und doch von menschlicher Fehlkalkulation, Leidensfähigkeit und Opferbereitschaft geprägt.
Erinnerung verpflichtet
Das Gedenken an diesen 1. Juli 1916 mahnt nicht nur zur historischen Einordnung, sondern zur Verantwortung. Die Somme lehrt, wie dünn der Firnis militärischer Gewissheit ist – und wie hoch der Preis, wenn politische Konflikte in den Gräben entschieden werden sollen. Erinnerung bedeutet deshalb mehr als Rückschau. Sie ist Verpflichtung.
Text: Dr. Christian Lübcke, Geschäftsführer des Volksbund-Landesverbandes Hamburg
Kontakt
Die internationale Gedenkveranstaltung auf der deutschen Kriegsgräberstätte Maissemy am 2. Juli beginnt um 11 Uhr.
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Ob der Beginn einer Schlacht, ein Bombenangriff, ein Schiffsuntergang, ein Friedensschluss – mit dem Format #volksbundhistory möchte der Volksbund die Erinnerung an historische Ereignisse anschaulich vermitteln und für den Blog dabei fachliche Expertise nutzen. Der Bezug zu Kriegsgräberstätten und zur Volksbund-Arbeit spielt dabei eine wichtige Rolle.
Die Beiträge werden sowohl von Historikern aus den eigenen Reihen als auch von Gastautoren stammen. Neben Jahres- und Gedenktagen sollen auch historische Persönlichkeiten und Kriegsbiographien vorgestellt werden. Darüber hinaus können Briefe, Dokumente oder Gegenstände aus dem Archiv ebenfalls Thema sein – jeweils eingebettet in den historischen Kontext.
Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist ein gemeinnütziger Verein, der seine Arbeit überwiegend aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden finanziert.
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