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„Gedanken bei Kerzenlicht und Musik eines Grammophons“

Weihnachten in schwerer Zeit: Lang ersehnter Brief erhellt das Dunkel in Niederschlesien

Endlich ein Lebenszeichen: Am 23. Dezember 1944 kamen in Obernigk in Niederschlesien die „Träumereien” an. So hatte der 19-jährige Soldat Konstantin von Schaubert das genannt, was er in einer Amtsstube in Budapest zu Papier gebracht hatte – die zweite unserer Adventsgeschichten. 
 

Die Eltern freuten sich riesig, ebenso die kleine Schwester Christiane. Sie hat uns diesen Brief zur Verfügung gestellt und auch ein Kapitel zu unserem neuen Buch zum Weltkriegsende beigetragen (s.u.). 
 

Träumereien

„Ich sitze bei Kerzenlicht in einem nüchternen Büroraum, an dem vielleicht früher irgendein verstaubter Bürobeamter gesessen hat. Neben mir mein Grammophon. Ich lege die erste Platte auf. Eine Melodie der Puszta. Leise klagend klingt das Lied durch den Raum und hallt hohl von den kalten Wänden wieder.

Ich denke an die ersten Tage in Ungarn, an die Puszta. Ein Name steht wie ein Markstein in meinem Gedächtnis: „Kaba“ (Stadt im Osten) – zugleich ein Begriff von der nüchternen Furchtbarkeit des Krieges.
 

Dennoch! Die nächste Platte! 

Ich sehe die ersten Toten, brennende Panzer, höre die Einschläge der Stalin-Orgel, das bellende Bersten der Granatwerfer. Ich sehe das Heldentum des deutschen Soldaten, einen Straßengraben, kaum einen Meter tief, und doch ein Himmelreich, darin Offiziere, Mannschaften, Tote, Verwundete, graue fahle Gesichter, totenähnlich.

Dennoch! Die nächste Platte! Eine Jazz-Melodie belebt den Raum. Ich sehe Budapest. Menschen, die vom Kriege keine Ahnung haben. Festlich gekleidet, Cafés haben ihre Türen halb offen, heraus tönt leise beschwingte, leichte Musik. Offiziere in Gala-Uniformen an der Seite schöner Frauen. Ich komme mir vor wie ein Dorfjunge, der zum ersten Male in der Großstadt ist.
 

Der Duft des Theaters

Jetzt klingt eine Operette auf. Wann war ich das letzte Mal im Theater? Ich rieche förmlich den Duft, den jedes Theater füllt. Ein Gemisch von Parfüm, Puder und Schweiß – da, ein Einschlag, er kann nicht weit weg sein, hat es jemanden erwischt?

Nun klingt aus dem Nebenraum ein Lied, das Lied meiner Männer. Ein richtiges Seeräuberlied. Ich sehe ihre strahlenden Gesichter, ich sehe aber auch die Gesichter derer, die nicht mehr bei uns sind und doch einmal waren – Hannibal, wo bist du geblieben?
 

Lebst Du noch irgendwo?

Weißt du noch, als wir in der einen Nacht beide allein mit einer Panzerfaust und einer M.Pi. (Maschinenpistole) auf den T 34 (Panzer) losgingen? Du erzähltest mir noch von deinen Eltern und Geschwistern, von deinem lieben Hamburg. Bist du tot? Oder lebst du noch irgendwo?

Und du, Schiessl, weißt du noch, als wir zusammen den Bunker bauten? Wo steckst du jetzt?
 

Aber die Platte dreht sich weiter

Aber die Platte dreht sich weiter – man muss sie aber vorsichtig behandeln, sonst bekommt sie einen Sprung oder bricht ganz entzwei. Beinahe wie beim Menschen.

Draußen tobt der Krieg. In der Ferne fließt die Donau.

Gedanken bei Kerzenlicht und Musik eines Grammophons, aufgezeichnet am Abend des 20.12.44. Vielleicht ist es Blödsinn, vielleicht kann mancher doch einen Sinn darin entdecken.”

Konstantin
 

Nachtrag

Am 12. Januar erhielt die Familie einen weiteren Brief, geschrieben an Silvester 1944. Es war der letzte. „Habt also immer noch Hoffnung, selbst wenn Ihr lange nichts von mir hört”, stand darin und so gaben Mutter und Schwester die Hoffnung viele Jahre nicht auf. Sie mussten Obernigk am 20. Januar 1945 mit einem Treck verlassen und Abschied vom Vater nehmen. Auch ihn sahen sie nicht wieder. Der Name Konstantin von Schaubert ist auf der Kriegsgräberstätte Budaörs bei Budapest verzeichnet. Gefunden ist er bis heute nicht.
 

Neues Buch mit Erinnerungen

Die Schwester, Christiane Groscurth, schildert ihre Flucht in unserem neuen Buch „Erinnerungen – wie der Zweite Weltkrieg zu Ende ging”. Elf Zeitzeugen kommen darin zu Wort, der Älteste Jahrgang 1927, die Jüngste geboren 1941. Wir freuen uns, wenn Sie es über unsere Mediathek bestellen.

Außerdem bieten wir Ihnen weitere Geschichten zum Lesen und Hören zu Weihnachten an und freuen uns über eine Spende.

Lesen Sie außerdem: Erinnerungen zum 1. Advent

 

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